Sie ist eine alte Bekannte aus den Bilderbüchern, die ich meiner kleinen Tochter vorlese, seit einiger Zeit treffe ich sie aber auch immer häufiger auf Instagram: die perfekte Hausfrau im Einfamilienhaus, die zuhause ist, sich um die Kinder kümmert, und, wenn Papa abends nach Hause kommt, das Abendessen für alle auf den Tisch stellt.
Manche sprechen bei dieser Nostalgie auch von einer „Retropie“, einer Retro-Nostalgie sozusagen, also der Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit. Denn natürlich spiegeln weder Bücher wie Bobo Siebenschläfer noch Instagram-Accounts wie Ballerina Farm die Realität wider. Daher habe ich drei Frauen gefragt, die in den sechziger, siebziger und achtziger Jahren Hausfrau und Mutter waren, und wollte von ihnen wissen: Wie war es wirklich?
Ich habe sie gefragt: Wie fühlt es sich an, finanziell abhängig von seinem Partner zu sein? Wie, mit seinem Mann in zwei komplett verschiedenen Welten zu leben? Aber auch: Wie war es, mehr Zeit mit den Kindern zu haben, Nachmittage lang mit den Nachbarinnen quatschend und Kaffee trinkend im Garten zu sitzen?
Theresia, Gisa und Elli haben mich mitgenommen in eine Zeit, als es (zumindest für Frauen des Bürgertums) nur den einen vorgegeben Lebensweg zu geben schien: Hausfrau und Mutter zu sein. Sie berichten davon, dass sie ohne die Zustimmung ihres Mannes nicht einmal etwas im Otto-Katalog bestellen konnten, davon, dass ihre Beziehung darunter litt, dass sie und ihr Partner komplett unterschiedliche Lebenswelten und Bedürfnisse hatten, und dass es schon damals keine Anerkennung von Care-Arbeit gab.
Sie erzählten mir aber auch von der Solidarität zwischen Frauen, von den Welten, die sich ihnen durch Literatur eröffnet haben – und von mehr als 500 Seiten Liebesbriefen.
„Am Anfang habe ich noch an die Beziehung geglaubt“⬆ nach oben
Elli, 70 Jahre alt
Von dem Tag an, an dem ich geheiratet habe, war ich alleine. Mein Mann hat sein Leben weitergelebt, hat seine Freunde getroffen, war Schlittschuhlaufen – und ich saß alleine zuhause, in einer Kleinstadt im Ruhrgebiet, erst mit dickem Bauch und dann mit Baby. Das war im Winter 76/77. Ich war zwanzig Jahre alt, als im Januar 1977 mein Sohn auf die Welt kam.
Mein Mann und ich haben uns kennengelernt, da war ich sechzehn oder siebzehn. Er hatte einen Hund und ich durfte keinen haben – es war ein knuddeliger kleiner Mischling mit einem Kopf wie ein Teddybär. Ich glaube, nur deswegen sind wir zusammengekommen. Der Hund machte ihn interessant, aber auch, dass er aus einer ganz anderen sozialen Schicht kam: Sein Vater war Arbeiter, meiner Arzt. Das hat mich fasziniert. Eigentlich haben wir nie zusammengepasst. Aber ich wurde schwanger und daher haben wir geheiratet. So war das damals.
Am Anfang habe ich auch noch an die Beziehung geglaubt. Das war schließlich der Lebensentwurf, den ich im Kopf hatte, seit ich ein kleines Mädchen war. Es war immer klar: Ich würde einmal heiraten und Kinder kriegen. Dass ich mal einen Job haben und selbst arbeiten würde, das konnte ich mir nicht vorstellen. Ich kannte auch keine Frauen, die arbeiteten. Klar, es gab die Frau vom Metzger oder die Bäckerin. Aber Ärztinnen, Rechtsanwältinnen oder Apothekerinnen kannte ich keine. Daher kam es mir auch nicht seltsam vor, dass ich Ernährungswissenschaften studiert habe, ohne je einen Karriereweg dafür im Sinn zu haben. Gute Bildung war in bürgerlichen Kreisen wichtig.
Mein Sohn hatte eine Behinderung, mein Mann erwartete polierte Herdplatten⬆ nach oben
Mein Sohn hatte eine schwere körperliche Behinderung, als er geboren wurde. Er hatte eine angeborene Störung des Hüftgelenks. Das konnte behandelt werden, aber bis er etwa sieben war, war unser Alltag geprägt von Klinikaufenthalten und Therapien. Wir waren jedes Jahr wochen-, teils monatelang im Krankenhaus, er wurde mehrfach operiert und lag monatelang in einem Apparat, der beide Hüftgelenke gebeugt und abgespreizt hielt. Dadurch wurde erreicht, dass die Hüftgelenkpfannen sich ausbilden. Durch die vielen Behandlungen hatte er Folgeerkrankungen, etwa Nierensteine.
Mein Mann hat das überhaupt nicht verkraftet und sich in seine Arbeit geflüchtet. Er war Tontechniker und viel auf Tour. Und wenn er zuhause war, wollte er nach seinen langen Arbeitstagen seine Ruhe haben. Ich sehnte mich danach, mich endlich mit einem Erwachsenen auszutauschen, aber er wollte nur auf dem Sofa sitzen und Musik hören. Heute sehe ich, dass wir total verschiedene Bedürfnisse hatten.
Außerdem gab es dauernd Krach, weil meinem Mann meine Haushaltsführung nicht gut genug war. Kein Wunder, sein Standard war meine Schwiegermutter, eine hingebungsvolle Hausfrau. Sie polierte die Herdringe der Elektrokochplatten mit Stahlwolle auf Hochglanz und schwärzte die Kochplatten jeden Tag. Der Herd sah auch nach jahrelangem Gebrauch noch aus wie neu.
Mütter, die nicht mehr können und trotzdem weitermachen⬆ nach oben
Als mein Sohn drei Jahre alt war, sind wir nach Köln gezogen. Dort kannte ich niemanden – und mit einem Kind, das nicht laufen konnte und lange noch Windeln brauchte, hat man auch keine Leute kennengelernt. Elternkreise gab es damals kaum. Ich habe dann über die Kirche selber einen gegründet, weil ich so alleine war. Aber das war leider ein Reinfall. Die Frauen dort unterhielten sich nur darüber, wie man am besten Hemden bügelt oder was man morgen kocht. Ihre Kinder waren immer rausgeputzt und durften sich nicht schmutzig machen. Mein Sohn hat damals gern mit Fingerfarben gemalt. Einmal haben wir die Fingerfarbe mitgebracht. Das war das Ende dieses Mütterkreises – denn natürlich sahen die anderen Kinder danach nicht mehr so aus dem Ei gepellt aus wie es ihre Mütter wollten.
Mein Sohn hatte häufig Atemwegsinfekte. Ich erinnere mich an einen Sommer, als ich wochenlang mit ihm bei schönstem Wetter in der Wohnung war. Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Ich war damals depressiv oder hatte einen Burnout. Letztens habe ich einen Artikel über Mütter gelesen, die nicht mehr können und trotzdem weitermachen, weil ihnen nichts anderes übrig bleibt. Darin habe ich mich total wiedererkannt. Trotzdem war die Zeit natürlich nicht nur schlecht. Ich erinnere mich auch an sehr innige Momente mit meinem Sohn. Ich hätte ihn ständig knuddeln können!
Mein Mann konnte nicht gut mit Geld umgehen. Manchmal war am Ende des Monats einfach keines mehr übrig und ich musste meine Schwiegermutter um welches bitten. Er drängte daher, dass ich wieder arbeiten ging. Als mein Sohn etwa fünf war, habe ich ein Referendariat gemacht und als Berufsschullehrerin gearbeitet. Der Job war eine Qual. Ich wollte nie Lehrerin werden. Ich musste um fünf Uhr morgens aufstehen, nachmittags habe mich um meinen Sohn gekümmert, und als er schlief, bis nachts bis um elf den Unterricht vorbereitet.
Trotzdem war es gut, eigenes Geld zu haben. Dadurch konnte ich auch nach der Trennung Anfang der achtziger Jahre jedes Jahr mit meinem Sohn in den Urlaub fahren. Das hat uns gut getan. Ich freue mich, dass ich ihm das mitgeben konnte. Er reist heute noch gerne.
Auch von meiner Rente kann ich heute gut leben. Was erstaunlich ist, da ich ja eigentlich mal dachte, dass ich nie arbeiten würde. Eine Zeit lang hatte ich sogar meinen absoluten Traumjob: 17 Jahre lang habe ich als freie Journalistin gearbeitet. Das war die absolute Erfüllung. Als ich wegen der Medienkrise keine Aufträge mehr bekam, bin ich schweren Herzens in meinen alten Job als Berufsschullehrerin zurückgekehrt. Dafür bin ich aufs Land umgezogen. Das habe ich bis zu meiner Rente durchgezogen. Dann war ich zum ersten Mal völlig frei: Kein Mann, kein Kind, kein Job.
„Ich hatte nicht viel Zeit, um mit den Kindern zu spielen“⬆ nach oben
Theresia, 84 Jahre alt
Als Mädchen habe ich mir immer vorgestellt, einmal in der Stadt zu wohnen. Ich bin auf einem Bauernhof auf dem Land aufgewachsen – ohne Vater, der ist im Krieg geblieben. Mein Wunsch ist in Erfüllung gegangen: Zwar zog ich nur in eine Kleinstadt, Wertheim, aber das finde ich genau richtig. Dort lebe ich, seit ich 20 bin, zusammen mit meinem Mann.
Wir haben uns mit 18 Jahren kennengelernt. Damals arbeiteten wir in derselben Fabrik, die Laborgeräte herstellte. Das habe ich ein paar Winter lang gemacht, um dazuzuverdienen. Im Sommer musste ich auf dem Hof mitarbeiten. 1962 haben wir geheiratet. 1963 kam unser erster Sohn auf die Welt. Seitdem bin ich zuhause geblieben.
Wir lebten in einem Mietshaus mit etwa 20 Parteien. Das war völlig fremd für mich. Ein Jahr nach der Geburt unseres Sohnes war ich wieder schwanger, aber das Kind starb direkt nach der Geburt. Es war eine schwierige Zeit. Ich war noch so jung und die Umgebung mir so fremd. Ich fühlte mich sehr hineingeworfen in dieses neue Leben. Ich hatte plötzlich viel Verantwortung. Und man erlernt diesen Beruf der Hausfrau und Mutter ja nicht.
Heute wird viel mehr gekuschelt⬆ nach oben
1966 kam unsere Tochter und 1969 unser jüngerer Sohn auf die Welt. 1971 hatten wir ein eigenes Haus am Stadtrand gekauft – inklusive Garten, auch Haustiere. Das musste alles gepflegt werden. Dann brauchten natürlich die Kinder Essen. Mein Mann kam mittags zum Essen nach Hause. Nachmittags mussten die Kinder häufig zum Sport, zur Musikschule oder auch mal zum Arzt. Da war es eine große Hilfe, dass ich in der Zwischenzeit meinen Führerschein gemacht hatte.
Viel gespielt habe ich nicht mit den Kindern, sie haben sich meistens selbst beschäftigt. Ich hatte viele Aufgaben zu erledigen. Ich glaube, heute bekommen Kinder mehr Zuwendung von ihren Eltern.
Wenn ich heute Mütter und Väter mit ihren Kindern beobachte, muss ich schon sagen, dass das bei uns anders war. Heute wird viel mehr gekuschelt. Und Kinder werden viel mehr mit wertschätzenden Worten begleitet. Ich würde auch sagen, dass meine Tochter unter ganz anderen Voraussetzungen und Bedingungen mit mehr Zuwendung für ihre Kinder ihre Mutterrolle gelebt hat. Aber man handelt eben immer seiner Zeit entsprechend. Wie soll man weitergeben, was man selbst nie erfahren hat? Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Mutter mich mal in den Arm genommen hat. Meinem Mann ergeht es da ähnlich. Wir sind viel geschlagen worden.
Ich weiß heute nicht mehr, wie wir das damals geschafft haben⬆ nach oben
Anerkennung für meine Arbeit als Hausfrau und Mutter habe ich wenig bekommen – dafür aber dumme Bemerkungen von kinderlosen Frauen: „Du hast doch das ganze Jahr Urlaub“ oder „Du kannst leicht von deinem Mann das Geld ausgeben“. Der Hausfrauenberuf wird eben nicht als Beruf gesehen. Vor allem die psychologische Arbeit, die man leistet, wird oft übersehen: All die Liebe, die man gibt, aber auch all die Sorgen, die man sich macht.
Zeit für mich persönlich, für meine Interessen gab es nicht. Für mich ist das heute manchmal unbegreiflich, wie man das alles bewältigen kann. Wahrscheinlich, weil man jung ist und nicht so viel darüber nachdenkt. Heute stellt man viel mehr in Frage und überlegt: „Ja, ist das richtig?“ Damals hat man das nicht gemacht.
Mein Lichtblick war die Zeitschrift „Eltern“. Die habe ich verschlungen. Ich weiß gar nicht, was ich daran so mochte. Vielleicht ein bisschen das Gefühl, nicht allein zu sein in meiner Elternschaft.
Kontakt mit anderen Müttern hatte ich wenig. Unter der Woche war ich mit den Kindern tagsüber allein. Am Wochenende haben wir manchmal was mit anderen Paaren mit Kindern unternommen.
Um 1980 herum habe ich angefangen, Tennis zu spielen. Dort habe ich so viele Leute aus den unterschiedlichsten Schichten und Berufen kennengelernt. Das war die soziale Kommunikation, die ich so lange vermisst habe – eine pure Freude!
Das war der Anker, an dem ich mich festgehalten habe. Später habe ich noch VHS-Kurse besucht. Eine Frau, die ich dort kennengelernt habe, hat einen Literaturkreis gegründet. Nur Frauen! Männer reißen das Wort meistens an sich. Das waren so tolle Kontakte, so tolle Romane und Gedichte. Wir treffen uns immer noch alle 14 Tage. Das ist für mich und mein Leben extrem wichtig. Mein Lieblingsgedicht? „Die Leistung der Frauen“ von Mascha Kaléko. Notieren Sie sich das! Darin heißt es: Meine Herren, wir sind im Bilde. Nun, Wagner hatte seine Cosima und Heine seine Mathilde. Nicht nur im Alltag, auch in der Kultur ist die Leistung der Frauen unsichtbar.
„Verheirateten Frauen konnte man damals wohl nicht trauen“⬆ nach oben
Gisa, 82 Jahre alt
Ich habe noch erlebt, wie es ist, als Frau rechtlich schlechter gestellt zu sein. Aber ich war aufsässig, ich hab mich nicht bei allem gefügt. 1972 wollten wir ein Auto kaufen. Das war in Stuttgart. Zuvor lebten wir ein paar Jahre in München, ab 1975 dann in unserem jetzigen Wohnort bei Heidelberg. Das Auto sollte auf mich zugelassen werden, aber der Verkäufer weigerte sich – er wollte dafür die Unterschrift meines Mannes haben. Ich fand das ungerecht und habe geschimpft, gepoltert und getobt. Aber es war aussichtslos, der Verkäufer hatte das Recht auf seiner Seite: Bis 1977 durfte ein Ehemann Verträge kündigen, die seine Frau geschlossen hatte – da war eine Ehefrau natürlich keine gute Vertragspartnerin.
Ebenfalls in den siebziger Jahren wollte ich mal ein kleines Röckchen für unsere Tochter beim Otto-Versand bestellen, füllte den Bestellzettel aus und schickte ihn ab. Ganz schnell kam mein Zettel wieder zurück mit dem Hinweis, dass die Unterschrift meines Mannes fehlte. Auf die Frage nach dem Familienstand hatte ich „verheiratet“ angekreuzt. Das war ein fataler Fehler. Hätte ich mein Kreuzchen bei „alleinstehend“, „geschieden“ oder „verwitwet“ gemacht, wäre alles in Ordnung gewesen, aber verheirateten Frauen konnte man damals wohl nicht trauen.
Mein Leben als Hausfrau begann 1967, als meine Tochter auf die Welt kam, zuvor habe ich als Reiseverkehrskauffrau gearbeitet. So war das damals – es gab ja keine Kindergartenplätze, und wenn dann nur bis 12.00 mittags – wie soll man da arbeiten? Teilzeit war weitgehend unbekannt.
Über 500 Seiten Liebesbriefe⬆ nach oben
Mein Mann und ich haben uns 1965 in Hamburg kennengelernt, da war ich 21. Mein Mann kommt aus München und war damals vier Wochen beruflich in Hamburg, er arbeitete für die Bundeswehr. Seine Tante und meine Mutter waren befreundet. Die Tante schlug vor, dass wir mal was zusammen unternehmen. So kamen wir zusammen.
Nach den vier Wochen Hamburg führten wir rund eineinhalb Jahre lang eine Fernbeziehung. Telefonieren war teuer, das ging nur zwei Mal die Woche. Daher haben wir uns Briefe geschrieben. Ich habe sie vor ein paar Jahren alle abgetippt: Es wurden über 500 Seiten! Wir haben sie auch unseren Kindern gegeben. Da stand nichts drin, was die nicht hätten lesen sollen. Das meiste sind tatsächlich völlig unwichtige Alltags-Schilderungen.
Nach sechs Monaten haben wir uns verlobt, nochmal ein Jahr später haben wir geheiratet und ich bin zu ihm nach München gezogen. Das war richtig schön, Zwei-Zimmer-Neubau. In Hamburg hatte ich mit meinen Eltern, meinem Bruder und meiner Großmutter in einer Zwei-Zimmer-Wohnung gelebt – nach dem Krieg bis etwa 1950 sogar zu zehnt in 2,5 Zimmern, weil eine ausgebombte Familie bei uns einquartiert wurde.
Es war fast unmöglich, einen Arzttermin einzuhalten⬆ nach oben
Über einen längeren Zeitraum hatte ich zwei Windelkinder. Mein Sohn ist zwei Jahre jünger als meine Tochter. Glücklicherweise hatten wir da schon eine Waschmaschine. Einmal-Windeln aus Zellstoff gab es zwar schon, aber die waren nicht billig. Wenn wir mal mit den Kindern längere Zeit unterwegs waren, leisteten wir uns diese Neuheit. Aber grundsätzlich wurden die Windeln gekocht und später dann sehr sorgfältig gebügelt, damit der kleine Kinderpopo keine Schrammen oder Verletzungen bekam.
Überhaupt war vieles mühsam. Einen Arzttermin einzuhalten mit zwei kleinen Kindern, für die es keine Betreuung gab, war fast unmöglich, und natürlich hatte ich auch beim täglichen Einkauf immer beide Kinder dabei. Einen Tiefkühlschrank oder eine Geschirrspülmaschine hatten wir nicht. Um auch mal Zeit für mich zu haben, oder einen Arzttermin wahrnehmen zu können, habe ich mich damals in München in den ersten Jahren mit den Kindern mit einigen anderen Frauen aus der Nachbarschaft zusammengetan: Wir passten reihum auf die Kinder der anderen auf, damit jede einen Vormittag pro Woche zur freien Verfügung hatte.
Wir unternahmen auch viel, die anderen Frauen und ich. Stundenlang hingen wir auf Spielplätzen rum oder gingen im Sommer auch mal zusammen ins Schwimmbad. Es hat sich da auch eine Art Freundschaft entwickelt, obwohl die alle ganz anders gestrickt waren als ich. Einerseits war ich froh und glücklich, dass ich mich ganz um meine Kinder kümmern konnte, andererseits waren diese Tage auf dem Spielplatz auch ermüdend und ich vermisste meinen Beruf sehr.
Reisekauffrau war damals eine ganze andere Tätigkeit als heute. Ich musste mehrere Fremdsprachen sprechen, um per Brief oder am Telefon mit Reedereien, Fluggesellschaften und Hotels in aller Welt zu korrespondieren, um die Reisen zusammenzustellen. Reisen war damals ja noch totaler Luxus. Ich erinnere mich an einen Mann, einen Hafenarbeiter, der jede Woche fünf Mark bei uns deponierte, um für eine Schiffsreise zu sparen.
Alt genug zum Heiraten – aber nicht für einen Beruf⬆ nach oben
Ursprünglich wollte ich Stewardess werden. Aber das haben meine Eltern nicht erlaubt. Und weil man damals erst mit 21 volljährig war, brauchte ich ihre Zustimmung. Sie meinten, ich sei noch nicht reif dafür. Das war typisch für die Doppelmoral dieser Zeit. Frauen wurden damals auch mit 18 oder 19 schon auf dem Heiratsmarkt gehandelt, aber dass ich für die Stewardess-Ausbildung allein nach Frankfurt ging, war undenkbar.
Dass ich überhaupt eine höhere Schule besuchen durfte, habe ich nur meinem Opa zu verdanken. Bis zur zehnten Klasse finanzierte er mir das Mädchengymnasium. Aber meine Eltern wollten nicht, dass ich Abitur mache. Sie dachten, ich solle eine ordentliche Hausfrau abgeben. Was mein Opa leider nicht mehr erlebt hat: Ich habe doch noch Abitur gemacht. Mit 40! Das war ursprünglich die Idee meines Mannes. Ich war aber sofort begeistert. Das war, als die Kinder schon auf dem Gymnasium waren. Zusammen absolvierten wir ein „Telekolleg“, das heißt, jeden Abend gab es eine halbe Stunde Unterricht über den Fernseher. Einmal die Woche hatten wir einen Abendkurs in einem Gymnasium. Und dann studierten wir. Mein Mann BWL und VWL im Abendstudium, ich entschied mich für Germanistik und Politik. Obwohl ich doppelt so alt war wie meine Mitstudierenden, schloss ich schnell Freundschaften im Studium. Für mich war diese Zeit ein Riesengeschenk, die absolute Freiheit, einfach dem nachgehen zu können, was mich interessierte.
Nach dem Abschluss fing ich als Redakteurin in einem kleinen medizinischen Verlag an – ich hatte meinen Traumjob gefunden! Rückblickend muss ich sagen, ich hab in meinem Leben auch ganz viel Glück gehabt.
Ich danke allen Frauen, die an meiner Umfrage teilgenommen haben, mir geschrieben oder mit mir gesprochen haben, insbesondere Margarete, Regina und Helke.
Und zum Schluss ein Tipp für alle, die mehr zum Thema Hausfrauen lesen wollen: In „Die Erfindung der Hausfrau“ (Harper Collins, 2021) erklärt Evke Rulffes, warum es die „Hausfrau“, von der so viele annehmen, dass sie in der natürlichen Bestimmung der Frau begründet ist, gefühlt nur etwa zehn Minuten in der neueren Geschichte überhaupt gab. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit war das Ehepaar ein Arbeitspaar, das sich sämtliche Aufgaben auf dem Hof oder im Handwerk teilte. Später gab es dann das Bild der „Hausmutter“, das aber eher einer Managerin glich, die ihr Gesinde anleitete. Die bürgerliche Hausfrau und Mutter, die allein die Verantwortung für ihre Kinder tragen soll, ist ein Konstrukt aus dem 20. Jahrhundert – das ja abseits der Tradwives schon seit Längerem wieder bröckelt.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Rico Grimm