Ein altes Hochzeitsfoto hängt an einer Blümchentapete, der Mann trägt einen Anzug aus Geldscheinen.

gaiamoments/Getty Images/MR1313/ClickerHappy/Pixabay

Geschlecht und Gerechtigkeit

Macht es Sinn, das Ehegattensplitting abzuschaffen?

Für manche ist es ein überfälliger Schritt für mehr Gleichberechtigung von Frauen. Doch für bestimmte Familien würde es vor allem eines bedeuten: eine Steuererhöhung.

Lena fragt: „Ist eine Abschaffung des Ehegattensplittings sinnvoll?“

Die Frage ist: für wen? Für verheiratete Paare mit ähnlichem Einkommen beider Partner:innen? Eher nicht, auf sie hätte eine Reform kaum Auswirkungen. Für Paare, bei denen eine Person Alleinverdiener:in ist? Auf keinen Fall. Im Gegenteil, für sie entstünde eine Mehrbelastung. Am meisten würde vor allem eine Bevölkerungsgruppe von der Abschaffung des Ehegattensplittings profitieren: Frauen.

Um den Grund dafür zu verstehen, muss man wissen, wen das Ehegattensplitting eigentlich begünstigt. Und wem es das Geld aus der Tasche zieht, wie meine Kollegin Nina Roßmann beim Durchrechnen ihres eigenen Geldbeutels festgestellt hat.

Das Ehegattensplitting bringt Frauen oft in finanzielle Abhängigkeit zu ihrem Partner und hält sie in Fürsorgearbeit und Teilzeitjobs fest. Das zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Grund dafür ist, dass der Steuervorteil des Ehegattensplittings vor allem dann greift, wenn eine Person sehr viel und eine sehr wenig verdient. Von dem Steuervorteil profitiert die Person mit dem höheren Gehalt, meistens der Mann. 

Hinzu kommt: Weitet die Frau ihre Erwerbsarbeit aus, schrumpft der Splittingvorteil. Vom Mehrverdienst bleibt dann wenig übrig. Ein Befund, den die Studie der Bertelsmann-Stiftung bestätigt. Bliebe vom Zusatzverdienst mehr Netto übrig, gäbe es für Frauen den Anreiz, mehr zu arbeiten. Laut der Studie könnten so 175.000 zusätzliche Vollzeitstellen besetzt werden.

Genau deshalb möchte Bundesfinanzminister Klingbeil (SPD) nun das Ehegattensplitting reformieren, er plant ein sogenanntes Realsplitting. Paare könnten dann einen bestimmten Freibetrag so untereinander aufteilen, dass es sich optimal auf ihre Steuerlast auswirkt.

Eine Abschaffung des Ehegattensplittings würde für bestimmte Familien eine Steuererhöhung bedeuten⬆ nach oben

Kritik kommt vom Deutschen Familienverband. Geschäftsführer Sebastian Heimann erklärt in der Frankfurter Rundschau, geplante Änderungen gingen vor allem zu Lasten von Familien: Verdient eine Person 100.000 Euro und die andere nichts, läge die Mehrbelastung laut dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) bei über 4.500 Euro im Jahr. Deshalb bedeutet für Heimann die Einführung eines Realsplittings „de facto eine massive Steuererhöhung für Familien mit klassischer Arbeitsteilung.“

Dem halten Ökonom:innen entgegen, dass das Ehegattensplitting Frauen auf dem Arbeitsmarkt bremst. Katharina Wrohlich vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sagte der Taz, dass „verschiedene Studien mit sehr unterschiedlichen methodischen Herangehensweisen immer wieder gezeigt haben, dass vom Ehegattensplitting negative Arbeitsanreize für Frauen ausgehen.“ Aus gleichstellungspolitischer Sicht steht das Modell damit im Widerspruch zu einer Gesellschaft, in der beide Partner:innen eigenständig erwerbstätig sind.

Mehr zum Thema

Eine Abschaffung des Ehegattensplittings allein reicht aber nicht. Tobias Hentze vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) schätzt den Effekt als begrenzt ein: „Ohne ausreichende Kinderbetreuung können viele Familien ihr Arbeitsvolumen nicht erhöhen. Eine Reform des Ehegattensplittings kann daher allenfalls eine Stellschraube sein. Sie ersetzt keine umfassende Familien- und Arbeitsmarktpolitik.“ Möglich wären zusätzliche Maßnahmen, wie eine Erhöhung der vom Kindergeld entkoppelten Kinderfreibeträge, die die Entlastung auf beide Partner:innen verteilen.

Um auf die Anfangsfrage zurückzukommen, wer von einer Abschaffung des Ehegattensplittings profitieren würde: Für Frauen, die mehr arbeiten und finanziell unabhängiger werden wollen, ist eine Reform sinnvoll. Für Familien mit klassischer Arbeitsteilung bedeutet sie ohne Ausgleich schlicht eine Steuererhöhung. Das lässt sich nur lösen, wenn die Reform nicht allein steht.


Dieser Text ist Teil unserer Communitywoche „All You Can Ask“. In dieser Woche antworten wir auf wirklich alle Fragen, die unsere Leser:innen uns stellen. Hast du eine Frage? Stell sie uns direkt hier:


Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger

Macht es Sinn, das Ehegattensplitting abzuschaffen?

0:00 0:00

Einfach unterwegs hören mit der KR-Audio-App