Mythos 1: „Häusliche Gewalt trifft beide Geschlechter“⬆ nach oben
Eigentlich müsste es heißen: Partnerschaftliche Gewalt trifft alle Geschlechter. Denn ja, es gibt Gewalt von Frauen gegenüber Männern – ebenso wie es auch Gewalt in queeren Beziehungen gibt.
Carmen Maria Machado hat über Gewalt in einer queeren Beziehung ein geniales autofiktionales Buch geschrieben. Ihre Suche nach den richtigen Worten für diese Gewalterfahrung zeigt, wie schwer es ist, eine Sprache für diese Gewalt zu finden. Ein Mann, der Gewalt ausübt, ist ein gesellschaftlich verbreitetes Bild. Eine Frau oder eine queere Person, die das tut, nicht. Es muss möglich sein, darüber zu sprechen.
Gleichzeitig ist es wichtig festzuhalten, dass partnerschaftliche Gewalt Männer nicht in der gleichen Quantität und Qualität wie Frauen trifft. 80 Prozent der Opfer von partnerschaftlicher Gewalt sind weiblich. Und Männer sind in 77,7 Prozent der Fälle partnerschaftlicher Gewalt die Tatverdächtigen. Auch was die Schwere der Gewalt angeht, gibt es einen Unterschied. Im vergangenen Jahr wurden 132 Frauen und 24 Männer durch Partnerschaftsgewalt getötet. Dies zeigen die Zahlen des Bundeskriminalamts für das Jahr 2024.
Männer und Frauen erleben ähnlich häufig Gewalt in Beziehungen
Eine großangelegte Dunkelfeldstudie des Bundeskriminalamts, des Bundesministeriums des Innern und des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, hat gezeigt: Die Männer und Frauen, die in der Studie befragt wurden, waren in den vergangenen fünf Jahren ähnlich häufig von psychischer oder körperlicher Gewalt betroffen. Nur erlitten Frauen im Vergleich zu Männern in Gewaltsituationen mehr Verletzungen, schätzten die Lebensgefahr größer ein und empfanden stärkere Angst. Für die Studie wurden 15.000 Personen zwischen 16 und 85 Jahren zu ihren Erfahrungen, Einstellungen und Verhaltensweisen über anderthalb Jahre befragt.
Mythos 2: „Als Mann ist man viel öfter Opfer von Gewalt als als Frau.“⬆ nach oben
Es stimmt, dass Männer deutlich häufiger Opfer von Gewalttaten werden. 2024 wurden mehr als doppelt so viele Männer wie Frauen Opfer einer polizeilich erfassten Gewalttat. Hier lohnt es sich aber, die Zahlen noch differenzierter anzuschauen, um ein korrektes Bild zu bekommen. Denn die Gewalt, die Männer und Frauen erfahren, ist sehr unterschiedlich.
„Frauen erleben am häufigsten Gewalt in heterosexuellen Beziehungen, während Männer häufiger Opfer von Gewalt durch andere Männer im öffentlichen Raum oder Bekanntenkreis werden“, schreibt die Sozialwissenschaftlerin Monika Schröttle bei der Bundesstiftung Gleichstellung. „Wenn Männer schwere Gewalt erleben, findet diese häufiger durch andere Männer und im öffentlichen Raum statt.“
Eine Pilotstudie des Familienministeriums bestätigt das. Die Studie ist zwar von 2004 und nicht repräsentativ, liefert jedoch ein paar interessante Erkenntnisse, wann und wo Männer mit Gewalt konfrontiert sind. Etwa zwei Drittel der körperlichen Gewalt, von der die Männer berichteten, fanden in der Öffentlichkeit statt. Etwa jeder zehnte Mann gab an, dass ihm zumindest einmal innerhalb der letzten fünf Jahre angedroht wurde, ihn anzugreifen, genauso viele wurden in der Öffentlichkeit „wütend weggeschubst“.
Im Bereich der Partnerschaftsgewalt sind Frauen häufiger betroffen, die Täter überwiegend männlich. Es kommt also auf die Perspektive an: Aus Sicht einer Frau ist der eigene Partner oder Ex-Partner statistisch gesehen am gefährlichsten. Aus Sicht eines Mannes geht eher weniger körperliche Gefahr von der eigenen Partnerin aus, dafür umso mehr von männlichen Partnern oder Männern in der Öffentlichkeit.
Mythos 3: „Frauen lügen oder übertreiben sexuelle Gewalt, um Männern zu schaden.“⬆ nach oben
Eine Frage taucht in der Debatte über Gewalt gegen Frauen immer wieder auf: Wie oft werden sexuelle Übergriffe erfunden? Die Debatte über die Glaubwürdigkeit von Opfern wird dabei oft mit einer Hitze geführt, die in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Datenlage steht.
Internationale Analysen beziffern den Anteil absichtlich erfundener Anzeigen bei Sexualdelikten auf zwei bis acht Prozent – je nach Studie, Land und Methode. Die gemeinnützige Organisation EVAWI, die Strafverfolgungsbehörden, Staatsanwaltschaften und andere Fachleute im Umgang mit sexueller Gewalt schult, hat hier einen Überblick zur Forschung zusammengestellt. Es geht dabei nur um Fälle, bei denen eine bewusste Lüge eindeutig nachweisbar war.
Die Forschungslage dazu ist allgemein dünn: Die Zahlen basieren meist auf polizeilichen Ermittlungsakten, und Opferbefragungen liefern kaum belastbare Daten. Was wir wissen: Falschanzeigen bei Sexualdelikten sind nach aktuellem Forschungsstand die Ausnahme – auch wenn niemand die genaue Rate kennt.
In der polizeilichen Kriminalstatistik des BKA gibt es dafür eine eigene Kategorie: „Vortäuschen einer Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung“. Denn jemanden wegen sexueller Übergriffe anzuzeigen, obwohl nichts passiert ist, gilt als Straftat. Diese wird laut Strafgesetzbuch mit einer Geldstrafe oder mit bis zu fünf Jahren Gefängnis geahndet. 2019 gab es in Deutschland 394 solcher Fälle, 2023 waren es 338 – und 2024 nur noch 321. Zur Einordnung: Insgesamt wurden 2024 laut BKA 7.148 Straftaten vorgetäuscht.
Der Trend ist eindeutig. Seit 2015 verzeichnet das BKA jedes Jahr weniger vorgetäuschte Straftaten – sowohl allgemein als auch in Fällen, bei denen jemand sexuelle Übergriffe erlogen hat. Und: 321 vorgetäuschte Übergriffe im Jahr 2024 sind verschwindend wenig im Verhältnis zu den rund 128.000 Sexualstraftaten, die im selben Jahr in Deutschland erfasst wurden.
Gleichzeitig hat das Misstrauen, das Betroffenen entgegenschlägt, wenn sie Übergriffe melden, einen Preis: Es erhöht das Risiko der sogenannten sekundären Viktimisierung. So nennen Expert:innen es, wenn Betroffene ein zweites Mal zum Opfer werden, weil man ihnen nicht glaubt oder ihnen die Schuld gibt.
Mythos 4: „Gewalt gegen Frauen ist ein Migrationsproblem“⬆ nach oben
Migrantische Personen sind in bestimmten Bereichen der Gewaltkriminalität überrepräsentiert. Laut Bundeskriminalamt lag der Anteil nicht-deutscher Tatverdächtiger bei Sexualstraftaten zuletzt bei 35,6 Prozent, bei einem Bevölkerungsanteil von rund 14,5 Prozent.
Diese Zahlen scheinen eindeutig, brauchen jedoch die richtige Einordnung. Das BKA stellt fest: Unabhängig von der Herkunft sind junge Männer überproportional häufig tatverdächtig. Das bedeutet: Eine Bevölkerungsgruppe mit einem höheren Anteil an Männern und an jüngeren Menschen, wie es bei der nicht-deutschen Bevölkerung der Fall ist, weist alleine dadurch eine höhere Kriminalitätsrate auf. Auch sozioökonomische Faktoren, wie Armut, Arbeitslosigkeit oder psychische Krankheiten erhöhen das Gewaltrisiko. All diese Faktoren betreffen die nicht-deutsche Gruppe überdurchschnittlich häufig. Die Herkunft allein ist also nicht die Ursache für mehr Gewalttaten dieser Bevölkerungsgruppe.
Die Autor:innen der Studie „Femizide in Deutschland“ weisen darauf hin, dass die Gruppe der ausländischen Täter sehr heterogen sei, weshalb sich die Taten „nicht einseitig kulturell“ erklären ließen. Vielmehr seien sie „Ausdruck patriarchaler Strukturen, die in allen Gesellschaften existieren.“ Die Studie kam auch zu dem Ergebnis, dass die Taten in allen Gesellschaftsschichten vorkommen, unter den Tätern waren beispielsweise ein Unternehmensberater und ein Erzieher.
Übrigens kommt die Studie noch zu einem weiteren Ergebnis: Der Anteil der Opfer mit Migrationshintergrund oder ohne deutschen Pass ist ebenfalls überdurchschnittlich hoch.
Mythos 5: „Wenn sie bleibt, kann es nicht so schlimm sein.“⬆ nach oben
Wer schon einmal über häusliche Gewalt diskutiert hat, hat dieses Argument sicherlich schon mal gehört: „Wenn sie bleibt, kann es nicht so schlimm sein.“
Die Aussage ist problematisch, weil sie die Schuld vom Täter zum Opfer verschiebt. Es gibt einen englischen Begriff dafür: Victim-Blaming, auf Deutsch Täter-Opfer-Umkehr. Betroffene von partnerschaftlicher Gewalt schaffen es häufig schon selbst sehr gut, die Schuld bei sich zu suchen. Das hat unter anderem diese Meta-Studie herausgearbeitet, die die Ergebnisse von zwölf verschiedenen Studien analysiert hat. Die Wissenschaftler:innen haben nämlich die kognitiven Verzerrungen herausgearbeitet, die Frauen, die partnerschaftlicher Gewalt ausgesetzt sind, häufig vorweisen. Und auch inwiefern diese Verzerrungen die Entscheidung, den Partner zu verlassen, erschweren.
Zu den häufigen kognitiven Verzerrungen gehört, dass Betroffene:
- sich selbst die Schuld geben
- dem Täter nur wenig Verantwortung zuschreiben
- Gewalt oder deren Folgen verharmlosen
- die Gewalt als normal ansehen
- sich selbst verleugnen oder ihr Selbstgefühl verlieren
- glauben, Kontrolle zu haben
- auf Veränderung hoffen
- sich als „Retterinnen“ verstehen
- sich auf positive Aspekte der Beziehung konzentrieren
Diese unvollständige Liste zeigt sehr eindrücklich, welche großen inneren Hürden Frauen nehmen müssen, um sich von einem gewalttätigen Partner zu trennen.
Und dann gibt es noch eine reale Gefahr: Die meisten Femizide – wenn Frauen oder Mädchen gezielt wegen ihres Geschlechts getötet werden – werden verübt, nachdem sich eine Frau von ihrem Partner getrennt hat oder wenn der Partner eine Trennung befürchtet. Das zeigt zum Beispiel diese Studie der Uni Tübingen. Auch strukturelle Hürden spielen eine Rolle: Frauen bleiben etwa, weil sie finanziell abhängig sind oder sich für gemeinsame Kinder verantwortlich fühlen.
Liest man all dies, kann man eher beeindruckt sein, dass es Frauen gibt, die es schaffen, zu gehen.
Bonus-Mythos: „Wenn Frauen sich wegen jeder Kleinigkeit aufregen, radikalisieren sich die Männer“⬆ nach oben
Eine Befürchtung hört man immer wieder: Wenn Frauen Männer beim Thema Gewalt zu stark unter Druck setzen, treiben sie Männer erst recht in die Arme der Manosphere, eines losen Netzwerks aus frauenfeindlichen Online-Communities. Dieses wachsende Netzwerk bietet Männern einfache Antworten auf schwierige Gefühle. Wer sich einsam, abgelehnt oder machtlos fühlt, bekommt dort nicht nur Bestätigung, sondern auch ein klares Feindbild: Frauen und Feminismus.
„Es fällt schwer in diesen Tagen, aber wer sich empathischere Männer wünscht, muss vielleicht mehr Empathie mit ihnen haben“, schreibt Tobias Becker im Spiegel. Rechte Populisten von Trump bis zur AfD würden sich die Verunsicherung heutiger Männer zunutze machen. Deswegen bräuchte es mehr Männerversteher, findet Becker.
Müssen Frauen also ihre Wut zügeln, weil enttäuschte Männer sonst die Demokratie gefährden? Die Forschung zeigt etwas anderes: Laut eines Berichts von UN Women stolpern junge Männer oft über Manosphere-Influencer, während sie nach Tipps zu Fitness, Dating oder Kryptowährung suchen. Der Bericht basiert teils auf Männerbefragungen, etwa vom Forschungsinstitut Equimundo, teils aus NGO-Umfragen der Movember Foundation. Ein Forschungsartikel von 2023 schreibt: „Junge Männer fühlen sich nicht unbedingt aus ideologischen Gründen zum Extremismus hingezogen, sondern weil sie sich nach Identität und Gemeinschaft sehnen.“
Aber auch Plattformen wie Tiktok oder Youtube tragen dazu bei, dass Männer in der Manosphere landen. Ihre Algorithmen sind darauf ausgelegt, Nutzern provokatives Material zuzuspielen, das Engagement maximiert, also die Aufmerksamkeit auf den sozialen Plattformen maximiert. „Junge Männer werden nicht aus eigener Entscheidung, sondern aufgrund von Algorithmen mit Inhalten konfrontiert, die gegen Gleichberechtigung und Feminismus gerichtet sind“, so ein Bericht der kanadischen Dalhousie University. Selbst wenn Frauen aufhören würden, sich zu wehren, gäbe es die Manosphere weiterhin.
Übrigens geht die Aufforderung, Frauen sollten leiser über ihre Probleme reden, nur in eine Richtung. Männern sagt keiner, sie sollten sich vorsichtiger oder moderater über Frauen äußern, damit Frauen sich nicht radikalisieren – oder die Demokratie gefährden.
Das „Hilfetelefon Gewalt gegen Frauen“ berät bundesweit Frauen, die Gewalt erlebt haben oder noch erleben. Die Nummer 08000 116 016 ist rund um die Uhr erreichbar. Männer können sich per Chat oder Telefon (innerhalb der Sprechzeiten) an das „Hilfetelefon Gewalt an Männern“ wenden: 0800 1239900.
Das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch berät Betroffene aller Geschlechter unter 0800 22 55 530. Anzeige gegen den Täter oder die Täterin erstattest du bei der Polizei in deiner Nähe.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer Schlussredaktion: Rico Grimm