Collage: Einem Vater wachsen Blumen aus dem Kopf.

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Geschlecht und Gerechtigkeit

Interview: So verändert sich das Gehirn von Männern, wenn sie Väter werden

Väterhirne schrumpfen und der Testosteronspiegel sinkt – trotzdem leben sie gesünder als vorher, sagt die Psychologin Darby Saxbe.

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Frau Saxbe, mit „Dad Brain“ haben Sie ein ganzes Buch darüber geschrieben, wie Vaterschaft Männer verändert. Auf Ihrer Webseite bezeichnen Sie sich selbst als „Fatherhood Enthusiast“. Woher kommt diese Begeisterung?

Mein Vater war ein super Vater, ebenso mein Stiefvater, der neue Partner meiner Mutter. Mein eigener Mann ist ein wirklich guter Vater, mein Bruder ist Hausmann. Ich habe viele Freunde, die sehr engagierte Väter sind. Ich bin also umgeben von tollen Vätern und wollte ihnen ein Buch widmen, das auch andere Väter inspiriert. 

Gleichzeitig schreiben Sie aber auch: Väter sind „fakultativ“, was in der Biologie so viel heißt wie: optional, nice-to-have. Brauchen wir Väter also gar nicht wirklich?

Wir sind deshalb so eine erfolgreiche Spezies, weil unsere Babys mehrere Bezugspersonen haben können. Wenn der Mutter etwas zustößt, kann der Vater oder eine andere Person einspringen. Bei vielen Säugetieren ist das anders und die Babys haben dann kaum Überlebenschancen. Diese evolutionsbiologische Sicht erklärt, warum es so viele verschiedene Arten von Vaterschaft gibt. 

Wie genau?

Man kann es sich so vorstellen: Elterliches Engagement ist wie ein Regler, den man je nach den Umständen und je nach Kultur hoch- oder herunterdrehen kann. Bei Frauen ist dieser Regler in den meisten Fällen von Beginn an voll aufgedreht. Schließlich haben sie das Kind ausgetragen und zur Welt gebracht und  bereits eine Menge Ressourcen investiert. Bei Männern liegt dieser Regler erst einmal in der Mitte. Wenn der Mann in einer liebevollen Beziehung lebt, in einer Kultur, die die Vaterrolle hochhält, und er mit dem Kind zusammenlebt, dann wird dieser Regler höher gedreht. Und wenn die Mutter nicht in der Lage ist, sich um das Kind zu kümmern, wird der Regler nochmal höher gedreht. Wenn es dagegen eine Kultur ist, in der Männer davon abgehalten werden, sich an der Kindererziehung zu beteiligen, wird sich der Vater eher weniger engagieren. 

Haben Sie ein Beispiel?

Bei den Kipsigis in Ostafrika gilt es  als unmännlich, Babys außerhalb des Hauses zu tragen. Sie dürfen ihre Neugeboren die ersten Wochen nicht sehen, weil sie ihnen mit der „Stärke“ ihres Blickes schaden könnten; die Babys dürfen nicht auf dem Bett des Vaters schlafen.

Brauchen Kinder männliche Vorbilder?

Sowohl Jungen als auch Mädchen brauchen positive männliche Vorbilder, zu denen sie aufschauen können. Denn das gibt ihnen eine Vorstellung davon, wem sie vielleicht nacheifern möchten oder wie ein potenzieller zukünftiger Partner aussehen könnte. Aber das können auch Lehrer oder andere Bezugspersonen wie etwa der Großvater sein. 

Wenn sich heute mehr Väter engagieren, bringt uns das als Gesellschaft einen evolutionsbiologischen Vorteil?

Es gibt jede Menge Forschung dazu, dass Kinder davon profitieren, wenn ihre Väter sich stärker einbringen. Das ist wenig überraschend: Natürlich ist es gut, wenn ein weiterer Elternteil Ressourcen und Zeit aufwendet, damit es ihnen gut geht. Der evolutionäre Vorteil ergibt sich aber nicht durch die Väter, sondern durch die Flexibilität. In Kulturen, in denen Väter traditionell wenig übernehmen, sind es dann eben Großeltern, Tanten oder Onkel, die sich mitkümmern. 

Väter machen heute sehr viel mehr als früher, wie sie auch in Ihrem Buch hervorheben. Trotzdem sind die meisten Paare von einer 50-50-Aufteilung noch weit entfernt. Väter übernehmen weniger Care-Arbeit und Mental-Load, wie Studien zeigen.

Das stimmt, aber wir sollten Männer dafür nicht abwerten. Gesellschaftlicher Wandel vollzieht sich langsam. Wenn man Menschen auf seine Seite bringen und sie für die feministische Sache gewinnen will, muss man inklusiv sein und ihnen die Möglichkeit geben, sich weiterzuentwickeln. 

Außerdem neigt unsere Kultur dazu, sehr wertend darüber zu urteilen, was maskulin ist. Viele Männer fühlen sich unter Druck gesetzt, einem Idealbild von Männlichkeit gerecht zu werden – und dieses Ideal ist nicht immer vereinbar mit Fürsorge, die als weiblich gilt und in der Gesellschaft abgewertet wird. Daher ist eine Lösung, den Wert von Fürsorge gesellschaftlich aufzuwerten.

Eine Stelle Ihres Buches, die sich mir beim Lesen eingeprägt hat: Sie beschreiben, wie manche Väter damit ringen, dass sich das Erlebnis ihrer Elternschaft nicht so intensiv anfühlt wie das ihrer Partnerinnen. Einer beschreibt, dass seine Frau sagt: „Oh schau doch, das Baby ist so süß, dass ich gar nicht schlafen kann, ich muss es die ganze Zeit ansehen“ – er selbst fühlt das nicht. 

Ja, dieses Beispiel habe ich von dem Sozialwissenschaftler Richard Reeves übernommen, aber auch mir persönlich haben das viele Väter berichtet: Sie fühlten sich wie eine Art minderwertige Mütter, weil sie nicht sofort diese starke Bindung zum Kind hatten. Dabei ist das ganz normal. Es ist wichtig, dass Väter sich da nicht unter Druck setzen. Diese Intensität nicht sofort zu spüren, bedeutet nicht, dass man als Vater versagt hat oder nicht das Zeug dazu hat. Es ist einfach so, dass Mütter einen großen biologischen Vorsprung haben. Sie haben das Kind schon in der Schwangerschaft im eigenen Körper gespürt. Auch das Stillen bringt einen großen Vorteil.

Viele Babys und Kleinkinder bevorzugen ihre Mütter. 

Väter sollten sich davon nicht entmutigen lassen, im Sinne von: Sie ist die natürliche Bezugsperson und ich als Vater bin gar nicht so wichtig. Kinder durchlaufen viele Phasen. Meine Tochter bevorzugte als Kleinkind lange Zeit ihren Vater. Mal kann der eine, mal die andere sich stärker im Leben des Kindes einbringen. 

Gibt es denn etwas, womit speziell Väter das Leben ihrer Kinder prägen?

Es gibt das Modell der Activation Relationship (Aktivierungsbeziehung), das der Entwicklungsforscher Daniel Paquette geprägt hat. Es geht davon aus, dass Kinder analog zum Konzept der Bindung auch diese Art der Beziehung brauchen, um emotionale Stabilität zu erlernen. Bindung heißt, dass sie ihren sicheren Hafen haben. Doch daneben brauchen sie auch jemanden, der sie aktiviert, zum Beispiel beim Fangenspielen. Wenn sie durch die Wohnung gejagt werden, haben die Kinder zuerst ein bisschen Angst. Doch wenn man sie dann fängt, kitzelt und umarmt, merken sie, dass sich diese angsteinflößende Situation wieder auflöst. Sie lernen, ihre Emotionen zu regulieren. Bei uns ist das traditionell eine Rolle, die Väter übernehmen. In Gesellschaften, die ihre Kinder sehr gleichberechtigt großziehen wie die Aka, eine Jäger-Sammler-Volksgruppe in Zentralafrika, ließ sich diese Rollenaufteilung „bei der Mutter kuscheln, mit dem Vater spielen“ aber nicht beobachten. 

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Lassen Sie uns zum Titel Ihres Buches, „Dad Brain“, kommen: Was passiert denn genau im Gehirn von Vätern?

Es schrumpft. Genauer gesagt verlieren Väter graue Substanz, die die Großhirnrinde bildet. Das ist die äußerste Schicht des Gehirns, die für den Großteil unserer höheren kognitiven Funktionen, etwa das Verarbeiten von Informationen, zuständig ist. Besonders stark nimmt das Volumen in den Regionen ab, die wir als „Mentalisierungsnetzwerk“ bezeichnen. Das sind Bereiche des Gehirns, die aktiviert werden, wenn wir über die Gedanken und Absichten anderer Menschen nachdenken – also genau die Bereiche, die wir als Eltern brauchen. 

Und genau diese Bereiche  schrumpfen?

Schrumpfen ist nicht unbedingt etwas Schlechtes, ganz im Gegenteil: Es kann auch bedeuten, dass das Gehirn effizienter wird – so wie bei einem gut geschnittenen Film. Wenn schwächere Szenen herausgeschnitten werden, ist es leichter der Handlung zu folgen. 

Verändern sich die Gehirne von Vätern genauso stark wie die von Müttern?

Nein, bei Müttern sind die Änderungen ausgeprägter und bei ihnen ändern sich auch Bereiche des Subkortex, der so etwas wie unser Bauchgefühl darstellt; hier entstehen viele unserer Emotionen. Was aber erstaunlich ist: Bei Vätern korrelierten die Änderungen im Gehirn mit der Zeit, die sie mit ihren Kindern verbrachten. Je engagierter sie waren, desto mehr schrumpfte ihr Hirn. Unser Gehirn passt sich unseren Aufgaben an. Je mehr Väter sich kümmern, desto effizienter muss ihr Hirn in den Bereichen werden, die dafür zuständig sind. 

Entscheidet also die Rolle darüber, wie sich das Gehirn verändert – und nicht das Geschlecht?

Elternschaft verändert das Gehirn – bei Männern und Frauen unterschiedlich, aber wie genau hängt nicht nur vom Geschlecht ab, sondern auch davon, welche Rolle man einnimmt. Das zeigt die Forschung der israelischen Psychologin Ruth Feldman, die sich das Gehirn schwuler Väter angeschaut hat. Diejenigen, die die traditionelle Vaterrolle einnahmen, also die der zweiten Bezugsperson, glichen in ihren Gehirnreaktionen heterosexuellen Vätern. Das Gehirn derjenigen, die die Primärbetreuung, also die traditionelle Mutterrolle übernahmen, war eine Mischung: Manche Teile ihres Gehirns änderten sich wie bei den heterosexuellen Müttern, manche wie die der Väter.

Der gleiche Zusammenhang zeigt sich bei den Hormonen: Je mehr ein Vater übernimmt, desto stärker sinkt sein Testosteronspiegel, richtig?

Genau, man kann am Testosteronspiegel tatsächlich ablesen, wie sehr sich ein Vater einbringt. 

Niedrigere Testosteronspiegel können aber auch das Risiko für postpartale Depressionen erhöhen, schreiben Sie.

Sehr niedrige Testosteronwerte sind ein Problem. Dass sie sinken, ist erst einmal eine gute Sache, weil es Männern dabei hilft, sich auf ihre Vaterschaft einzustellen. Gleichzeitig können aber auch sehr hohe Testosteronwerte das Risiko für postpartale Depression erhöhen. Das Verhältnis ähnelt einer U-Kurve. Und natürlich entsteht eine Depression nicht allein durch zu niedrige Testosteronwerte.

Wie ich seit der Lektüre Ihres Buches weiß, hat auch der „Dad Bod“, also der oft dicker werdende Vater-Körper, teilweise biologische Ursachen.

Der niedrigere Testosteronspiegel kann das Gewicht negativ beeinflussen, ebenso wahrscheinlich aber auch die Prolaktinausschüttung. Prolaktin ist das „Stillhormon“, aber auch Männer produzieren es nach der Geburt ihres Kindes. Außerdem spielen mangelnder Schlaf und Stress auch eine Rolle. Das Leben ändert sich: Eltern haben weniger Zeit und damit auch weniger Zeit für Sport.  

Nun könnte man meinen: Engagierte Väter werden dick und depressiv. Sie sagen aber: Väter profitieren von ihrer neuen Rolle. Warum?

Es gibt Hinweise darauf, dass gerade Männer gesünder leben, wenn sie Väter sind. Sie gehen dann häufiger zum Arzt oder fahren seltener unter Alkoholeinfluss Auto. Eltern entwickeln Routinen, auch das kann gesundheitsförderlich sein. Dazu kommt: Elternschaft ist eine gute Möglichkeit, Empathie zu lernen. Dafür muss man natürlich nicht erst Eltern werden, aber für diejenigen, die sich bewusst für Elternschaft entscheiden, bieten sich viele Gelegenheiten, um zu lernen, sich in die Gefühle anderer hineinzuversetzen, geduldiger und reifer zu werden. Das sind Fähigkeiten, die einem in den unterschiedlichsten sozialen Situationen zugutekommen – gerade für Männer, von denen wir wissen, dass sie oft weniger enge soziale Kontakte haben. Gute, liebevolle Beziehungen zu haben, gehört zu den gesündesten Dingen, die man tun kann.


Redaktion: Hannah Mara Schmidt, Schlussredaktion: Isolde Ruhdorfer, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

So verändert sich das Gehirn von Männern, wenn sie Väter werden

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