Kind am Strand

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Kinder und Bildung

Wie wichtig ist ein Vater wirklich für ein Kind?

So schwierig kann die Antwort nicht sein, dachte ich mir. Dann habe ich mir die wichtigsten Studien angeschaut.

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Milena fragt: „Wie wichtig ist eine präsente, involvierte Vaterfigur für ein Kind (auch im Vergleich zu anderen Bezugspersonen)?“

Ich erinnere mich noch gut an ein Gespräch mit einem Freund vor ein paar Jahren, in dem er argumentierte, dass für ein gutes Aufwachsen ein Elternpaar notwendig sei. Er meinte damit ein Elternpaar, das sich liebt. Ich war der Meinung, dass zwei gute Freund:innen genauso gute Eltern sein können. Studien dazu kannten wir beide nicht. Die Basis für unsere Argumente waren eher unsere Gefühle.

Deine Frage, Milena, ist also ein sehr guter Anlass, sich genauer anzuschauen, wie wichtig der Vater beim Aufwachsen eines Kindes wirklich ist.

Die Frage, ob eine präsente, involvierte Vaterfigur wichtig für ein Kind ist, ist gar nicht so leicht zu beantworten. Es gibt viele Studien, die die Wichtigkeit eines Vaters untersuchen, die aber zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen kommen, je nachdem, wie einerseits die Involviertheit des Vaters gemessen wird (ob bloße Anwesenheit, Stil der Erziehung etc.) und wie andererseits die Auswirkungen gemessen werden (ob Schulleistungen, Emotionen, körperliche Entwicklung etc.).

Anwesender vs. abwesender Vater⬆ nach oben

Viele Studien vergleichen dabei einen anwesenden mit einem abwesenden Vater, also Familien, in denen Kinder mit oder ohne Vater aufwachsen. Zum Beispiel hier oder hier. Das Ergebnis ist erwartbar: Ja, ein Vater im selben Haushalt tut dem Kind gut. Kinder, die mit nur einem Elternteil aufwachsen, sind im Mittel häufiger krank, zeigen vermehrt Verhaltensauffälligkeiten und haben mehr Probleme in der Schule.

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Mittlerweile werden solche Analysen aber methodisch als problematisch angesehen. Man nimmt an, dass die Probleme weniger daher kommen, dass der Vater fehlt, sondern vielmehr an anderen Faktoren hängen, wie zum Beispiel einem niedrigen Einkommen oder Scheidungsstress. Die Armutsgefährdungsquote bei Alleinerziehenden liegt bei 26 Prozent (bei einem Zwei-Personen-Haushalt mit Kind bei elf Prozent) und Armut hat erwiesenermaßen einen großen Effekt auf das Wohlergehen von Kindern. Es ist also schwer zu sagen, ob die Probleme durch den fehlenden Vater entstehen oder die anderen Faktoren.

Ein Vater besser als keiner?⬆ nach oben

Es gibt sogar Studien, die hinterfragen, ob zwei Eltern wirklich immer besser als eine Person sind. Dafür wurden in dieser Studie in Deutschland und in dieser Studie in den USA verschiedene Familienkonstellationen untersucht.

Die deutsche Studie hat Kernfamilienkinder mit Kindern in verschiedenen Stieffamilienkonstellationen und Kinder mit alleinerziehenden Müttern verglichen. Das Ergebnis dieser Studie: Am besten geht es Kindern in Kernfamilien und in sogenannten einfachen Stieffamilien. Als einfache Stieffamilie wird eine Familie bezeichnet, in denen alle Kinder mit einem gemeinsamen leiblichen und einem sozialen Elternteil in einem Haushalt leben. Schlechter geht es Kindern mit alleinerziehenden Müttern. Hier sagen die Wissenschaftler:innen aber: Wenn das Familienklima gut ist – es also zum Beispiel keine Konflikte mit dem Vater gibt– dann sind keine Nachteile messbar. Am schlechtesten schneidet das Wohlbefinden von Kindern in sogenannten komplexen Stieffamilien ab. Das sind Familien mit mindestens einem gemeinsamen Kind plus Kinder aus vorherigen Beziehungen.

Das Ergebnis der Studie aus den USA: Kinder, deren Eltern sich häufig streiten, schneiden bei Schulleistungen schlechter ab, zeigen häufiger Verhaltensprobleme und führen später auch selbst schlechtere Beziehungen als Kinder mit Eltern, die sich wenig streiten. Den Kindern in Ein-Eltern-Haushalten geht es ähnlich wie den Kindern in konfliktreichen Haushalten. Das heißt, ein konfliktreicher Zwei-Eltern-Haushalt ist laut dieser Studie für das Kind nicht besser als ein Ein-Eltern-Haushalt.

Das Level an Involviertheit⬆ nach oben

Neuere Studien schauen eher, wie es sich auswirkt, wenn der Vater wenig oder sehr involviert ist. Darauf zielt deine Frage ja auch ab, wenn ich sie richtig lese. Die Ergebnisse sind eindeutig: Ist der Vater viel da, an der Erziehung beteiligt und spielt mit dem Kind, hat das positive Effekte. Das zeigt zum Beispiel diese Meta-Studie aus Schweden.

Eine Studie aus Großbritannien hat untersucht, wie sich das Engagement von Vätern im frühen Kindheitsalter auf das spätere Verhalten des Kindes auswirkt. Ihr Befund: Die Qualität der Beziehung ist wichtiger als die Quantität. Es geht also auch darum, dass die Väter gerne Väter sind, und nicht nur darum, wie viel Zeit sie mit ihrem Kind verbringen. Wie du merkst: Es ist kompliziert.

Muss es ein Vater sein?⬆ nach oben

Jetzt ist die Frage auch, ob die involvierte Person ein Vater sein muss oder ob es einfach wichtig ist, dass es involvierte Personen im Leben des Kindes gibt.

Es gibt verschiedene Studien, die untersuchen, ob es einen Unterschied macht, wenn ein gleichgeschlechtliches Paar oder ein Mann und eine Frau ein Kind großziehen. Wissenschaftlerinnen der University of Miami haben 19 Studien miteinander verglichen. Ihnen zufolge macht es für das Wohlergehen des Kindes keinen Unterschied, ob die Eltern gleichgeschlechtlich sind oder nicht.

Die meisten dieser Studien basieren auf Freiwilligkeit, das heißt, Familien haben sich gemeldet, weil sie Lust hatten, mitzumachen. Aus den Niederlanden gibt es zwei Studien, die nicht auf Freiwilligkeit basieren. Dafür wurden zufällige Stichproben aus niederländischen Bevölkerungsregistern genommen. Eine der beiden Studien untersucht die schulischen Leistungen, bei denen Kinder mit gleichgeschlechtlichen Eltern sogar besser abschneiden als der Rest. Die andere untersuchte das Verhalten von Kindern und stellte keine Unterschiede fest.

Fazit⬆ nach oben

Also ja: Ein liebevoller und involvierter Vater schadet nicht. Bisherige Studien zeigen nicht, dass es einen Unterschied machen würde, ob es zum Beispiel zwei Mütter oder eine Mutter und ein Vater sind. Und ein alleinerziehendes Elternteil kann besser für das Kind sein, als eine Beziehung, die von Konflikten geprägt ist.


Dieser Text ist Teil unserer Communitywoche „All You Can Ask“. In dieser Woche antworten wir auf wirklich alle Fragen, die unsere Leser:innen uns stellen. Hast du eine Frage? Stell sie uns direkt hier:


Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Isolde Ruhdorfer, Fotoredaktion: Sören Frey

Wie wichtig ist ein Vater wirklich für ein Kind?

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