Ich stand an einer Theke aus dunklem, glänzenden Teak, in der Hand ein Weinglas und auf einmal wusste ich, warum manche Menschen ihr hart verdientes Geld nicht in ein Tagesgeld einzahlten oder in ihre Altersvorsorge, sondern dafür Wein wie diesen kauften: einen, der weich wegrollt, nach Pfirsich duftet und tatsächlich ein wenig nach Holz. Die Frau, die mir den Weißburgunder mit einem Profi-Dreh im Handgelenk eingeschenkt hatte, lächelte wissend. Sie war Sommelière in einem Restaurant, das ich mir niemals leisten würde. Aber ich interviewte sie für einen Artikel und trank mich deshalb durch ihr Weinregal.
Bis etwa 30 Minuten nach dem Gespräch schmiedete ich begeistert Pläne für meine eigene Weinsammlung. Dann machte der Weißburgunder eine Vollbremsung und behandelte mich wie jeder billige Fusel aus dem Supermarkt: Mein Denken wurde schwammig, meine Lider schwer und meine Laune stürzte ab. Grimmig musste ich einsehen: Ich vertrug weiterhin keinen Alkohol. Auch keinen, der aus einer edlen Flasche floss.
Nicht mehr der Weirdo mit dem Mineralwasser⬆ nach oben
Das war immer schon so. Bei vielen sozialen Events fühlte ich mich dadurch als Außenseiterin: Kolleg:innen stießen nach der Arbeit die Bierflaschen aneinander, Geburtstagskinder verteilten Sekt, ich trank unbeschwingt mein Mineralwasser und wirkte vermutlich wie eine, die Spaß hasst. Deshalb kam es mir entgegen, als die ganze Gesellschaft vor ein paar Jahren auf einmal anfing, sich in meine Richtung zu bewegen. Plötzlich berichteten Medien überall davon, dass Alkohol viel ungesünder war, als bis dahin angenommen.
Jahrzehntelang schienen Studien etwas ganz anderes zu belegen. Nämlich, dass moderat Trinkende gesünder waren als Abstinente. Wer ein bisschen trank, hatte demnach ein geringeres Sterberisiko als jemand, der gar nichts trank. Erst danach stieg das Risiko mit dem Konsum. Die Menschen schenkten sich abends Rotwein ein und dachten: „Das ist gut für mein Herz.“
Ab 2018 kippte die Stimmung: Eine vielzitierte Studie im Fachmagazin „Lancet“ kam zu dem Schluss, dass es keine unbedenkliche Menge Alkohol gibt. Selbst wer nur gelegentlich trinkt, schadete demnach seiner Gesundheit. Abstinenz wird seither zunehmend salonfähig. Kolleg:innen, die ich mir ohne Bierflasche am Abend kaum vorstellen konnte, trinken jetzt auf einmal Coke Zero. Überhaupt greifen immer weniger Menschen in Deutschland zu Alkohol, wie Daten des Meinungsforschungsinstituts Yougov zeigen. Dafür geben sie häufig gesundheitliche Gründe an. Besonders junge Menschen trinken seltener. Wir sind noch weit weg von einer alkoholfreien Gesellschaft, aber die Richtung ist klar. Ich bin nicht mehr der Weirdo mit dem Mineralwasser. Ich liege voll im Trend.
Vielleicht können wir uns jetzt endlich wirklich begegnen⬆ nach oben
Denn duftiger Weißburgunder hin oder her, etwas ist doch merkwürdig an einer Kultur, die bei jeder Gelegenheit Alkohol ausschenkt, als müssten Menschen immer leicht betäubt werden, um miteinander sein zu können. Keine Konferenz, Hochzeit, Ausstellungseröffnung, Clubnacht, Beerdigung oder einfach nur Feierabend, ohne dass ein paar Flaschen geöffnet oder Fässer angezapft werden. Ein Mädelsabend ohne Drinks ist einfach nur ein Abend. Ein Stammtisch, bei dem Limo getrunken wird, hat eine Identitätskrise. Als vor Jahren das hartnäckige Gerücht rumging, dass der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber bei seinen Bierzeltreden Salbeitee in seine Maßkrüge füllen ließ, galt das als Beleg für seinen spaßbefreiten, volksfernen Charakter.
Würden Aliens unsere Gesellschaft betrachten, kämen sie zu dem Schluss, dass Menschen einander nur ertragen können, wenn sie einen gewissen Pegel haben. Wenn dieser Pegel aber zunehmend wegfällt und das
Hochprozentigste, das wir in Zukunft trinken, Trinkschokolade mit hohem Kakaoanteil sein wird, könnten wir einander dann auch auf eine neue Weise begegnen? Authentischer womöglich? Ich träumte von einer besseren Welt, in der Politiker:innen aufhörten, mit Saufspielen Härte zu testen, wie Russlands Außenminister Sergej Lawrow einst bei Annalena Baerbock, und unter Einfluss von Rooibostee bessere Entscheidungen trafen. Und vielleicht würden wir auf Partys und Konferenzen, wenn wir uns weniger betäubten, irgendwann aufhören, so zu tun, als wäre alles top. Und einander tief in die Augen sehen und über echte Probleme reden?
Bettlaken dampfbügeln und alleine einschlafen⬆ nach oben
Die Sache ist nur: Ausgerechnet mir ist diese nüchterne Gesellschaft neuerdings sehr unheimlich. Denn ich sehe bisher keinerlei Belege dafür, dass weniger Alkohol die Gesellschaft verbessert. Was ich stattdessen sehe: Abstinente Menschen, die immer mehr Zeit damit verbringen, an sich selbst zu arbeiten. Mit Gym, Schlaf-Tracking, Proteinshakes und Meditation-Apps. Sie ziehen die T-Shirts hoch, damit man ihre harten Sixpacks sieht, und sie blicken in Spiegel.
Sicher, betrunkene Männer sind kein schöner Anblick. Aber wie gruselig sind Typen wie der Influencer MacKenzie William, der auf Social Media seine Bettlaken superakkurat auf Kante dampfbügelt und danach mit totem Blick etwa 17 Hautpflege-Seren in seinem Gesicht verteilt? Mir wäre wirklich wohler, er würde ab und zu ein Selfie mit seinen Kumpels in einem Biergarten posten.
Mehr noch, möglicherweise geht uns mit der Kultur des gemeinsamen Trinkens ein seit Jahrtausenden etabliertes soziales Schmiermittel abhanden, und zwar ersatzlos. Ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland fühlt sich laut Statistischem Bundesamt zumindest teilweise einsam, knapp 20 Prozent sogar sehr. Die Entwicklung, dass Menschen in westlichen Gesellschaften mehr Zeit allein verbringen, begann schon vor der Pandemie. Die Forscherin und Autorin Sarah Stein Lubrano unterscheidet hier zwei Phänomene, die oft verwechselt werden: Einsamkeit als Gefühl, und auf der anderen Seite wie wir verlernen, Zeit mit anderen Menschen zu verbringen. Sie nennt das Soziale Atrophie. Wer soziale Fähigkeiten nicht benutzt, verliert sie, wie Muskeln, die man nicht trainiert.
Einsamkeit, so erklärte Stein Lubrano neulich in einem Vortrag, ist das subjektive Gefühl, dass soziale Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Soziale Atrophie ist etwas anderes: Sie beschreibt den messbaren Rückgang von Neuronen und synaptischen Verbindungen in den Hirnarealen, die für soziale Interaktion zuständig sind. Das zeigt sich in MRT-Aufnahmen von Menschen, die über längere Zeit sozial isoliert leben. Das hat konkrete Konsequenzen. Man wird schlechter darin, Gesichtsausdrücke zu lesen, erkennt seltener, wenn man in ein Gespräch eingeladen wird. Und man bemerkt seltener, wenn man jemanden verletzt hat.
Beunruhigend daran ist, dass viele Menschen diese Entwicklung bei sich selbst gar nicht bemerken. Wer sozial atrophiert ist, will oft gar nicht mehr raus zu anderen Menschen. Nicht weil er mit dem Alleinsein so zufrieden ist, sondern weil das Gehirn aufgehört hat, Verbindung einzufordern. Einsamkeit und soziale Atrophie können also gleichzeitig existieren und sich gegenseitig verstärken. Oder paradoxerweise auseinanderdriften: Man ist allein, fühlt sich aber nicht einsam, weil man verlernt hat, was man vermisst.
Die Wissenschaft ist unsicherer als die Schlagzeilen⬆ nach oben
Ich will nicht behaupten, dass Alkohol das Problem sozialer Entfremdung lösen kann. Es wäre dumm, Alkohol zu verharmlosen: Laut dem aktuellen DHS Jahrbuch Sucht starben 2021 in Deutschland rund 47.500 Menschen an alkoholbedingten Ursachen, von Leberzirrhose über Krebs bis hin zu Unfällen und Suizid unter Alkoholeinfluss.
Gleichzeitig ist die Studienlage zu mäßigem Alkoholkonsum nicht so eindeutig, wie viele denken. Eine Review-Studie von 2016, die aus über 2.600 identifizierten Untersuchungen die 87 qualitativ besten Studien analysiert hat, konnte zeigen: Die Studien, aus denen Schlagzeilen wie „Beim Alkohol gibt es keine unbedenklichen Mengen“ entstanden sind, haben häufig ein Problem: Sie vergleichen Menschen, die trinken, mit Menschen, die nicht trinken. Klingt simpel, ist es aber nicht. Denn wer nicht trinkt, tut das aus sehr unterschiedlichen Gründen. Manche haben nie angefangen. Andere haben aufgehört, weil sie bereits krank waren. Wenn man diese beiden Gruppen in einen Topf wirft und als gesunde Vergleichsbasis behandelt, verzerrt das das Ergebnis.
Für einen Artikel im amerikanischen Magazin „Atlantic“ sprach der Journalist Derek Thompson mit dem Suchtforscher Tim Stockwell, einem der Hauptautor:innen der oben genannten Review-Studie. Stockwell untersucht seit Jahrzehnten, wie schädlich Alkohol wirklich ist. Gefragt, wie er seine Schlussfolgerungen auf eine einprägsame Formel bringen könnte, sagte Stockwell: Jedes Glas Alkohol verkürzt die Lebenserwartung um durchschnittlich fünf Minuten. Thompson hält diese Zahl für möglicherweise zu pessimistisch, aber er findet sie trotzdem nützlich. Und stellt ihr eine andere gegenüber: Jede Minute Sport verlängert das Leben um fünf Minuten. Das zumindest sagte Euan Ashley, Kardiologe und Genetiker von der Stanford University, ihm in einem Interview.
Wer also trinkt und dann ein bisschen joggt, ist wieder quitt? Mich erinnert das an einen Brunch, zu dem ich einmal eingeladen war und bei dem die Leute Drinks aus Wodka mit frisch gepresstem Weizengrassaft tranken. Sie nannten das „Detox-Retox“, als würde sich beides ausgleichen.
Was solls, ich bestellte einen Spritz⬆ nach oben
Ich wünschte, es gäbe etwas, das dasselbe leistet wie Alkohol. Etwas, das die Schwellen zwischen Menschen senkt, Gespräche leichter macht und aus Fremden solche werden lässt, die gemeinsam auf Tischen tanzen und große Ideen schmieden. Etwas, das auch mal Rausch ermöglicht, legal erhältlich ist und überall verfügbar, ohne die Schäden von Alkohol mitzubringen. Aber dieses Mittel existiert bisher nicht, auch wenn Cannabis-Fans vielleicht widersprechen würden. Ich sehe in naher Zukunft keine bayerischen Politiker mit großen Joints statt Maßkrügen auf Podien sitzen.
Solange es kein besseres Mittel gibt, bin ich nicht mehr so sicher, dass wir gut beraten sind, das einzige wegzuoptimieren, das wir haben. Sollte jemand eine bessere Lösung erfinden oder legalisieren, bin ich die Erste, die dafür Schlange steht. Bis dahin wäre ich für einen Mittelweg. Also nicht die Kultur des Komasaufens verteidigen oder so tun, als wäre Alkohol harmlos. Aber auch nicht bei jedem Glas Bier verlorene Lebensminuten ausrechnen.
Ich habe das selbst neulich auf einer Party ausprobiert. Was solls, dachte ich, ich habe Lust, mich mit jemand Neuem zu unterhalten und mich nicht so sehr dafür anzustrengen. Ich bestellte einen Spritz an der Bar, amüsierte mich anderthalb Stunden, trank danach einen Liter Wasser und ging ins Bett. Eine heiße Schokolade mit 80 Prozent Kakao hätte ich besser vertragen. Aber ich hätte sie an diesem Abend allein auf dem Sofa trinken müssen.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey