Herr Enninger, Sie beschäftigen sich mit den gesundheitlichen Effekten des gemeinsamen Essens. Was passiert, wenn ich nicht alleine esse, sondern dabei mit anderen am Tisch sitze?
Essen hat einen Einfluss auf unseren Körper und Psyche. Nicht nur was wir essen, sondern auch wie. Gemeinsame Mahlzeiten sind in fast allen Kulturen als soziales Treffen verankert. Früher hat man sich nach der Arbeit auf dem Acker zum Essen getroffen. Es gibt das Fastenbrechen im Islam, den Leichenschmaus nach der Beerdigung. Essen ist viel mehr als nur Nahrungsaufnahme und die Versorgung des Körpers mit Energie. Da geht es um mehr als langkettige Fettsäuren, Omega-3 oder andere Mikronährstoffe. Es macht einen Unterschied, ob man einen Apfelquetschi isst oder in einen Apfel beißt, ihn kaut und runterschluckt.
Gerade auf Social-Media wird mir suggeriert, dass ich möglichst viel Protein zu mir nehmen soll. Die Influencerinnen in meinem Feed mischen Pulver und trinken wie besessen Eiweiß-Shakes. Sie sagen aber, dass es nicht nur um die Inhaltsstoffe geht, die wir zu uns nehmen?
Genau, gesundes Essen hat ja nicht nur mit der Kaloriendichte etwas zu tun. Sondern auch mit der Dauer der Mahlzeit. Davon hängt das Sättigungsgefühl ab. Wenn gemeinsam gegessen wird, essen wir langsamer. Das kann vor Übergewicht schützen. Bei Franzosen wird etwa meist lange zusammengesessen und als Vorspeise gibt es Salat. Das wirkt sich beides auf unsere Gesundheit aus.
Inwiefern?
Wenn wir gemeinsam essen, reden wir, wir legen das Besteck zwischendurch ab oder fragen, ob wir bei dem anderen probieren dürfen. Das verlängert die Mahlzeit erheblich. Und eine längere Mahlzeit bedeutet, dass der Körper mehr Zeit hat, Sättigungssignale zu senden und Hormone auszuschütten. Wir spüren besser, wann wir satt sind.
Schüttet mein Körper also bestimmte Hormone aus, wenn ich mit meinen Freundinnen essen gehe?
Gemeinschaft generell senkt den Cortisolspiegel, also das Stresshormon. Das gilt nicht nur fürs Essen, aber eben auch. Wenn wir in entspannter Runde sitzen, mit Menschen, die wir mögen, dann ist das ein Zustand, in dem der Körper runterfährt. Das beeinflusst die Verdauung positiv. Und Darmbakterien wirken sich auf die Hormonbildung aus, die unsere Stimmung regulieren.
Schmeckt das Essen auch anders, wenn man in Gesellschaft isst?
Es gibt Hinweise darauf, dass wir Geschmack intensiver wahrnehmen, wenn wir gemeinsam essen. Die Atmosphäre spielt eine Rolle. Wer gestresst oder abgelenkt ist, nimmt Aromen weniger bewusst wahr. Und es macht einen Unterschied, wenn man das Essen gemeinsam zubereitet hat. Bei Kindern, die man als Picky Eater, also wählerische Esser bezeichnen würde, hilft es, wenn man sie auffordert, beim Kochen mitzumachen, sie etwa Kräuter zerrupfen oder die Suppe umrühren lässt.
Axel Enninger ist Ärztlicher Direktor für Allgemeine und Spezielle Pädiatrie in Deutschlands größter Kinderklinik, dem Olgahospital des Klinikums Stuttgart und Gastroenterologe. | Klinikum Stuttgart
Sie arbeiten als Kinder- und Jugendarzt und leiten die Pädiatrie des Klinikums Stuttgart. Wie sind Sie dazu gekommen, dass Sie sich mit den Effekten von gemeinsamen Mahlzeiten befassen?
In meine Sprechstunde sind viele Eltern gekommen, die verzweifelt waren, weil ihre Kinder sich gesund ernähren sollen, doch es trotz größter Anstrengung nicht funktioniert hat. Sie haben selbst schon viel versucht. Etwa Karottenstücke in kleine Herzchen geschnitten, um die Kinder so zu Rohkost zu überreden. Etwas, was ich immer klar mache, ist der Einfluss, den sie selbst haben. Bei der Ernährung von Kindern spielen Eltern als Vorbild eine entscheidende Rolle und gemeinsame Mahlzeiten prägen das Essverhalten.
Ich esse mein Mittagessen oft nur schnell zwischendurch und arbeite weiter am Laptop. Nach einem stressigen Tag, lasse ich mich gern während des Abendbrots von einer Serie berieseln oder höre einen Podcast an. Was passiert, wenn wir vor dem Fernseher oder am Handy essen?
Man isst mehr, man isst schneller, man merkt gar nicht, was man da eigentlich zu sich nimmt, und die Sättigungssignale kommen nicht richtig an. Dazu kommt: Die Lebensmittelauswahl auf dem Sofa ist meist eine andere als am gedeckten Tisch. Da ist es dann auch egal, ob jemand beim Glotzen noch neben Ihnen sitzt. Die Pizza können Sie schneller reinmampfen als den Salat. Für den Salat brauchen Sie zumindest schon mal eine Gabel und eine Schüssel.
Studien zeigen, dass Menschen in Gesellschaft teilweise mehr essen. Widerspricht das nicht dem, was Sie eben gesagt haben?
Das hängt von der Situation ab. Zu Hause, wenn man selbst kocht und sich nimmt, was man möchte, hat man mehr Kontrolle. Im Restaurant sind die Portionen vorgegeben und man isst vielleicht über seine Sättigung hinaus. Eine definitive Antwort gibt es hier nicht. Der soziale Kontext macht einen Unterschied. Aber auch die Kultur. Ich war einmal auf einem Fest zu einem 30. Geburtstag in Georgien. Vier Stunden wurde zusammengesessen, die Teller und Platten immer wieder nachgefüllt, da wird gegessen, bis man kurz vorm Platzen ist. Bei so einer Völlerei isst man nicht weniger. Doch es war eine Ausnahme, ein Fest mit ausgelassener Stimmung.
So ist es im Alltag leider nicht immer. Da kracht und knirscht es auch mal. Was raten Sie Familien, damit es am Esstisch mit den Kindern entspannt bleibt?
Reizthemen gehören nicht an den Esstisch! Die Mathearbeit können Sie auch später besprechen. Einem übelgelaunten Teenager kann die Lust auf das gemeinsame Abendbrot sonst schnell verderben und er verknüpft das gemeinsame Essen mit einem unangenehmen Gefühl. Wenn Sie wissen, dass ein bestimmtes Thema immer zu Konflikten führt, ob es Politik ist oder die Schulleistungen, dann klammern Sie es aus. Zumindest während der Mahlzeit.
Aber wann soll man sonst darüber sprechen? Ist das Essen nicht oft der einzige Moment, an dem die Familie zusammenkommt?
Absolut. Und wenn Sie eine Gesprächskultur haben, die das aushält, können Sie natürlich auch über schwierige Themen reden. Wenn gemeinsame Mahlzeiten einen positiven Effekt haben sollen, dann kommt es auf die Atmosphäre und die Stimmung während des Essens an. Diese wird stark vom Tischgespräch beeinflusst.
Den Eltern in Ihrer Sprechstunde raten Sie zu gemeinsamen Mahlzeiten. Warum sind sie insbesondere für jüngere Kinder so wichtig?
Kleinere Kinder haben von Natur aus eine sogenannte Neophobie, das heißt, dass sie nichts Neues mögen. Das ist evolutionär sinnvoll und schützt vor Vergiftung. Aber es bedeutet auch: Neue Lebensmittel müssen immer wieder angeboten werden. Manchmal braucht das zehn bis zwanzig Versuche, bis sie es probieren. Der beste Weg ist, beispielsweise Karotten und Kohlrabi einfach hinzustellen und selbst zuzugreifen. Klappe halten. Nicht jubeln und sagen, dass es gesund ist und nicht überreden. Kinder lernen durch Beobachtung. Bei uns gibt es als Vorspeise immer Rohkost. Die steht einfach da. Wer will, greift zu. Die Kinder sehen, dass die Eltern es essen. Das mindert die Angst vor neuen Lebensmitteln.
Also sollten Kinder dasselbe essen wie Erwachsene?
Grundsätzlich schon. Ich habe nicht viel Verständnis für ein gesondertes Kinderessen. Kindern ist es egal, ob etwas gesund ist. Ob sie etwas essen wollen, entscheiden sie daran, wie es schmeckt, ob es knackt, wie es aussieht. Kinder mögen Buntes und damit sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe. Ob etwas gesund ist, interessiert sie nicht und deswegen sind Aufforderungen unsinnig, wie etwa: „Das ist aber so gesund.“
Was lernen Kinder noch am Esstisch?
Soziale Regeln. Warten, bis alle etwas haben. Nicht aufstehen, während andere noch essen. Das klingt banal, aber es ist Übung in Impulskontrolle und Rücksichtnahme. Ich sehe in meiner Praxis viele Familien, in denen die Eltern nur noch auf die Bedürfnisse der Kinder eingehen. Das Kind isst nur, wenn nebenbei die Hörspielkassette läuft. Am Ende steht der Vater in der Ecke und macht Stepptanz, damit das Kind überhaupt isst. Das ist eine Sackgasse. Man ist keine schlechte Mutter, wenn man es nicht aushält, dass ein Kind ständig Lebensmittel auf den Boden wirft. Das darf man kommentieren und gegebenenfalls die Mahlzeit auch beenden, wenn Grenzen überschritten werden, die man als Erziehender nicht überschritten haben möchte.
Untersucht wurden die langfristigen Effekte von Familienmahlzeiten. Man weiß etwa, dass Kinder, die vor der Schule gefrühstückt haben, sich besser konzentrieren können und weniger zu Übergewicht neigen. Sie geraten nicht in diese Hungersituation am Vormittag, in der sie dann am Schulkiosk zugreifen. Ist das gemeinsame Essen also ein Allheilmittel?
Solche Ergebnisse sollten in den Kontext gestellt werden. Zum Beispiel zeigen Studien, dass es Korrelationen zwischen regelmäßigen Familienmahlzeiten gibt und weniger Risikoverhalten bei Jugendlichen, etwa weniger Suchtverhalten, weniger Teenagerschwangerschaften. Nur ist das keine einfache Kausalität. Familien, die regelmäßig zusammen essen, haben oft in anderen Bereichen mehr Struktur und Zusammenhalt.
Gilt das alles auch für Erwachsene ohne Kinder?
Grundsätzlich ja. Aber auch hier kommt es darauf an, wie das Essen eingeübt ist. Gibt es Paare, die gemeinsam kochen, den Tisch decken, sich hinsetzen? Oder wird das Essen vor dem Fernseher reingeschoben? Das mediterrane Vorbild, das wir in der Ernährungsmedizin so gern zitieren, beinhaltet ja nicht nur Olivenöl und Gemüse. Es geht auch darum, dass gemeinsam gekocht und gegessen wird.
Welche Rolle spielt gemeinsames Essen im Berufsleben?
Eine große. Geschäftsessen sind Rituale, die Nähe herstellen. Man lädt jemanden ein, man teilt etwas. Das schafft Vertrauen. In der Politik sieht man das auch. Denken Sie an die Bierzeltauftritte, Söder mit dem Fleischkäse. Das ist kein Zufall, dass er sich so oft ablichten lässt. Wer gemeinsam isst, signalisiert Zugehörigkeit.
Und bei älteren Menschen?
Gerade da ist es wichtig. Viele ältere Menschen leben allein, und Einsamkeit ist ein massives Gesundheitsproblem. In den sogenannten Blue Zones, also den Regionen der Welt, in denen Menschen besonders alt werden, ist gemeinsames Essen ein zentrales Element.
In Deutschland leben immer mehr Menschen alleine. Was bedeutet das für die Gesundheit?
Wer alleine isst und das bewusst tut, sich Zeit nimmt und auf Qualität achtet, kann das durchaus gut gestalten. Das ist immer noch besser als gemeinsam vor dem Fernseher zu essen. Die Frage ist, ob man es schafft, auch für sich allein den Aufwand zu betreiben.
Es gibt einen Trend, beim Essen Youtube-Videos anzuschauen, in denen andere Menschen vor der Kamera essen. Kann das eine echte gemeinsame Mahlzeit ersetzen?
Nein. Da sitzt jemand am Bildschirm und sieht zu, aber es ist keine Interaktion. Der soziale Effekt fehlt komplett. Das ist Ablenkung, keine Gemeinschaft. Gemeinsames Essen ist in fast allen Kulturen tief verankert. Es muss nicht die mediterrane Diät sein, es gibt auch die Nordic Diet, asiatische Traditionen. Die Prinzipien sind kulturübergreifend ähnlich. Verwendet werden frische Zutaten, die gemeinsam zubereitet und gegessen werden.
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger