Portraits der Protagonist:innen des Artikels.

Dana Lavie/Merav Maroody/privat/Fran Friedrich

Rassismus und Identität

„Wo auch immer Juden sind, es ist nie richtig“

Ihre Kinder sollen nicht laut Hebräisch sprechen, sie werden blockiert, wenn sie schreiben, dass sie jüdisch sind. Sechs Jüdinnen und Juden erzählen, ob sie sich in Deutschland noch sicher fühlen.

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Die sechs Gespräche:

„Uns geht es gut. Aber nur, weil ich den Mund halte.“⬆ nach oben

Josh besitzt ein Restaurant in Berlin. Er möchte anonym bleiben.

Ich bin schon lange Teil der Berliner Gastroszene, und früher bin ich sehr offen damit umgegangen, dass ich jüdisch bin. Heute nicht mehr. Meinem Restaurant geht es vergleichsweise gut, aber nur, weil ich den Mund halte. Seit drei Jahren halte ich den Kopf unten und poste nichts Politisches. Mein Restaurant ist mein Lebensunterhalt, und ich habe furchtbare Angst, es zu verlieren.

Früher gab es in Berlin jüdische Food-Events mit Tausenden Gästen. Die Veranstalter wollten Klischees über jüdisches Essen aufbrechen und zeigen, wie vielfältig es ist. Das war ein optimistischer Moment, heute wäre so etwas nicht mehr möglich.

Am Tag nach dem 7. Oktober rief mir einer meiner Nachbarn auf der Straße „Free Palestine“ zu, und ich dachte: Oh, Scheiße.

Jüdische Betriebe werden nicht mehr eingeladen

Seitdem habe ich gesehen, wie Restaurants von israelischen Freunden innerhalb von Monaten immer leerer wurden, bis sie schließen mussten. Die meisten jüdischen Betriebe werden nicht einmal mehr zu Streetfood-Märkten eingeladen, und in ihren Google-Bewertungen steht viel Hass. Am diesjährigen Jahrestag des 7. Oktober haben zwei Frauen unsere Toilettentüren mit Pro-Palästina-Plakaten beklebt. Ich habe mich gefragt: Habt ihr das bei dem vietnamesischen Restaurant in derselben Straße auch gemacht, oder nur bei uns?

Vor einigen Monaten gab es in der Berliner Gastroszene einen öffentlichen Aufruf, Betriebe von Zionisten oder mit mutmaßlich zionistischen Angestellten zu melden, damit man sie offiziell boykottieren kann. Und natürlich kam dazu der Satz: Das ist nicht antisemitisch, und du bist furchtbar, wenn du das anders siehst. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass irgendwer sonst nach seiner Zugehörigkeit gefragt würde, wenn er Essen verkaufen oder einen Kellner einstellen will.

In diesen Kreisen gilt man schon als Zionist, wenn man in der IDF war, der israelischen Armee. Aber in Israel müssen fast alle mit 18 zum Militär. Und die meisten Israelis, die nach Berlin kommen, sind hier, weil sie nicht in ihrem Land leben wollen: weil sie links sind, säkular oder schwul. Hier gelten alle Israelis als feindliche Kämpfer, als gäbe es keine Zivilisten mehr. Die Leute scheinen zu denken: Wer einen Israeli einstellt, hat garantiert jemanden eingestellt, der palästinensische Babys getötet hat. Ich beschäftige Menschen aus der Ukraine und aus Russland, und niemand fragt die Russen, ob sie ukrainische Babys getötet haben.

Ich bin kein Israeli, ich kann dort nicht einmal wählen. Aber ich hasse Netanjahu, und ich hasse, was in Israel passiert. Es ist das Schlimmste, was Juden seit dem Holocaust passiert ist, und natürlich auch das Schlimmste für die Palästinenser. Aber Israelis so stark zu diskriminieren, ohne andere Nationalitäten genauso für ihre Regierungen verantwortlich zu machen, hat für mich seine Wurzeln im Antisemitismus. Warum sonst sollte sich irgendwer dafür interessieren, dass ich als Jude ein Restaurant habe, und wen ich einstelle?

Der Rausch, den Leute beim Denunzieren bekommen

In meiner Familie gibt es Menschen, die den Kommunismus erlebt haben, Zeiten, in denen man nicht sagen durfte, was man denkt, und in denen Menschen denunziert wurden. Genau so fühlt sich für mich die Kultur der Pro-Palästina-Bewegung in Berlin an. Sie wirkt nicht wie echte Sorge um Menschen, sondern wie der Wunsch dazuzugehören und wie eine Art Rausch, den Leute beim Denunzieren bekommen. Es geht so viel um den Aktivismus und so wenig um die Palästinenser. Jedes Mal, wenn in meinem Restaurant etwas passiert, kann ich öffentlich nichts sagen. Ich habe eine Hypothek abzuzahlen.

Der Kreis der Menschen, denen ich vertraue, ist in den letzten Jahren sehr klein geworden. Ich werde in Berlin nie wieder ein Geschäft aufmachen und wahrscheinlich überhaupt nie wieder eines, das mit meiner jüdischen Identität oder meiner Kultur zu tun hat. Ich habe Angst, denunziert zu werden, weil ich differenzierte Ansichten habe.

Das ist Deutschland 2026. Vor zehn Jahren hätte man sich das nicht vorstellen können.

Jüdinnen, Juden und Israelis erleben in Deutschland seit dem 7. Oktober stillen und offenen Boykott. Das hat eine Studie des Kompetenzzentrums antisemitismuskritische Bildung und Forschung (KOAS) herausgefunden. Dieser Boykott wirkt sich laut der Studie  „nicht nur auf die beruflichen Zukunftsperspektiven aus, sondern auch unmittelbar auf die ökonomische Lage der Betroffenen und ihrer Familien.”

„Wo auch immer Juden sind, es ist nie richtig“⬆ nach oben

Die Autorin Katharina Höftmann steht vor einem Brunnen in Tel Aviv.

Wenn sie mit ihren Kindern in Berlin ist, sagt Katharina Höftmann ihnen, sie sollen nicht laut Hebräisch sprechen. | Foto: Dana Lavie

Katharina Höftmann, 42, ist in Rostock aufgewachsen und lebt seit 16 Jahren in Israel, wo sie zum Judentum übergetreten ist. Sie ist Schriftstellerin und Journalistin, ihr Roman „Ozean“ erscheint am 21. Oktober 2026 bei Diogenes.

Einmal saß ich mit Freundinnen und Freunden und meinem Bruder in einem schicken Restaurant in Berlin. Dabei war auch eine Lehrerin, die ich noch nicht kannte. Sie erzählte, sie sei auch schon mal in Israel und Palästina gewesen. Das war kurz nach dem 7. Oktober, ich war noch extrem traumatisiert und in der Stadt, um auf einem Panel über Vergewaltigung als Kriegswaffe zu sprechen. Ohne Übergang sagte die Lehrerin zu mir: „Was die Israelis mit den Palästinensern machen, ist ja auch nicht so viel anders als das, was die Nazis mit den Juden gemacht haben.“ Sie konnte mir so einen Spruch entgegenschleudern, weil er für sie keine Konsequenzen hat: Sie riskiert nichts, sie ist nicht betroffen, in ihrem Umfeld gilt so eine Haltung eher als cool. Für mich hat er alle Konsequenzen. Ich lebe mit meinen Kindern in Israel.

„Ich bin ein moderner Antisemit“, schrie der Mann

Leider überrascht mich so ein Spruch nicht. Vor fast zwanzig Jahren habe ich mit meinem israelischen Ex-Mann in Berlin gelebt. Damals war ich noch nicht jüdisch. Wir haben Antisemitismus aus allen Richtungen erlebt: rechts, links, akademisch, muslimisch und Antizionismus, der nichts mit Israelkritik zu tun hat. Das kam von Leuten auf der Baustelle, auf der mein Mann gearbeitet hat, bis zu Uniprofessoren. Einmal kam ein Typ in einem Club in Berlin zu mir. Gegelte Haare, Barbourjacke. Ich hatte einen Pin mit „I love Israel“ an der Jacke. „Ich bin ein moderner Antisemit“, schrie er mir ins Ohr. Als nach dem 7. Oktober und dem Krieg danach die Anti-Israel-Bewegung im Westen so groß wurde, dachte ich deshalb nicht: Oh mein Gott, mir war nicht klar, wie schlimm der Antisemitismus in Deutschland ist. Ich dachte: Ja, genau so schlimm ist er.

Wenn ich jetzt nach Berlin komme, sehe ich überall Anti-Israel-Graffiti. Ich sage meinen Kindern, sie sollen nicht laut Hebräisch sprechen. Im Uber macht das eh keiner mehr, das ist in Berlin eine ganz klare Regel. Was ist das für ein Leben? Vielen meiner jüdischen und israelischen Freunde in Berlin geht, auf gut Deutsch, der Arsch auf Grundeis. Viele würden am liebsten nach Israel kommen. Das ist natürlich absurd, lieber in einem Land zu leben, das im Krieg ist. Aber dort wissen sie: Hier habe ich einen Staat. Das ist ja der ganze Grund, warum es Israel geben muss. Für mich bedeutet Zionismus: ein Staat für Juden, in dem sie frei, sicher und selbstbestimmt leben können. Das heißt nicht, dass Minderheiten dort weniger Rechte haben sollen.

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In meiner Heimat Mecklenburg-Vorpommern verbringe ich jeden Sommer zwei, drei Wochen. Ich finde es dort wunderschön. Direkten Antisemitismus habe ich dort lange nicht erlebt. Aber vor etwa zwei Jahren sah ich auf Rügen in einer Gaststätte einen Mann mit einem großen „Arbeit macht frei“-Tattoo. Diesen Sommer auf dem Markt in Sassnitz fragte uns ein Mann am Stand: „Ist das Hebräisch, was ihr sprecht?“ Ich dachte: Oh nein, was passiert jetzt? Er war dann aber sehr nett, wir durften bei ihm noch die Windel wechseln.

Verdammt, wie habe ich mich da reinkatapultiert?

Ich komme aus der DDR, mit Gott hatte ich früher nichts am Hut. Nach Israel bin ich als Nichtjüdin gegangen, übergetreten bin ich erst dort. Mein damaliger Mann wollte, dass unsere Kinder jüdisch sind, und das geht nur, wenn die Mutter jüdisch ist. Das war schwierig für mich. Ich musste meinen Weg finden, weil ich es nicht nur für ihn tun wollte. Der Übertritt hat sieben Jahre gedauert. Wirklich angekommen bin ich bei der Brit Mila meines ersten Sohnes, der Beschneidung am achten Tag nach der Geburt. Direkt nach der Geburt hatte er auf der Überwachungsstation gelegen, weil die Ärzte einen Herzfehler vermuteten. Es war dann alles in Ordnung. Aber ein paar Tage später wollte ich eigentlich immer noch nicht, dass ihn irgendjemand für die Beschneidung anfasst. Wie Abraham musste ich mein Kind hergeben. Danach wusste ich: Jetzt glaube ich daran, sonst hätte ich das nicht getan.

In den letzten Jahren gab es aber viele Momente, in denen ich dachte: Verdammt, wie habe ich mich da reinkatapultiert? Warum sitze ich jetzt mit meinen Kindern im Bunker und habe Todesangst? Das war nicht für mich gedacht. Ich bin doch in einem vergleichsweise sicheren Land geboren.

In meinem Umfeld gibt es AfD-Wähler, Linke-Wähler in Berlin und Leute in Israel, die Netanjahu und seinen rechtsextremen Minister Ben-Gvir abfeiern. Menschen, die ich liebe, treffen politische Entscheidungen, die mich erschrecken. Ich frage mich: Leben wir in unterschiedlichen Universen? Wir haben doch die gleichen Informationen? Die Sache ist nur: Wenn du in liberalen, eher linken Kreisen etwas gegen die AfD sagst, rennst du offene Türen ein. Wenn du etwas gegen die Linke sagst, bekommst du scharfen Gegenwind.

Aber auch die CDU versteht es nicht. Friedrich Merz hat bei Gedenkveranstaltungen zur Schoa Tränen in den Augen und sagt dann im Berliner Wahlkampf: „Die perfideste Form der Ausländerfeindlichkeit ist Antisemitismus.“ Nicht zu verstehen, dass viele Juden Deutsche sind, ist genau der Knackpunkt. Das ist der Bundeskanzler, da kann man schon mehr erwarten.

Ich finde es auch scheiße, was in Israel abgeht. Ich kritisiere diese Regierung ständig. Was in Gaza passiert ist, finde ich furchtbar. Diese Regierung muss weg. Bei der kommenden Wahl in Israel werde ich deshalb so links wählen wie nie zuvor.

In meinem Roman „Ozean“ gibt es eine Szene in einer Kleinstadt in Brandenburg, 1932. Eine Mutter hält einen Vortrag darüber, dass die Juden hier nicht hingehören: zurück nach Palästina mit ihnen. Beim Schreiben musste ich fast lachen. Wo auch immer Juden sind, es ist nie richtig. In den Dreißigern hieß es: zurück nach Palästina. Bauen sie dort ihr kleines Land auf, sollen sie zurück nach Europa. Wir drehen uns immer im gleichen Kreis.

Fast 30 Prozent der Deutschen stimmen laut der Memo-Studie der Aussage zu, was Israel mit den Palästinensern mache, sei im Prinzip „nichts anderes als das, was die Nazis im Dritten Reich mit den Juden gemacht haben“.

„Manche blockieren mich, sobald ich schreibe, dass ich Jüdin bin“⬆ nach oben

Ein Porträt der Künstlerin Merav Maroody

In ihr Dating-Profil schreibt Merav Maroody drei Warnungen. Die erste lautet: Ich bin Israelin. | Foto: Merav Maroody

Merav Maroody, 50, ist israelische Künstlerin. Sie lebt seit 15 Jahren in Berlin.

Neulich habe ich auf einer Party einen Typen kennengelernt. Wir kamen auf die AfD zu sprechen, die immer stärker wird, und auf den wachsenden Antisemitismus, auch von links. Dann sagte er: „Was auch immer passiert, wenigstens ist Berlin immer noch eine sehr liberale Stadt.“

Ich wollte wissen, was er mit liberal meint.

„Na ja“, sagte er. „Man kann hier immer noch queer sein. Schwul, nichtbinär, was auch immer.“

„Ja“, sagte ich. „Aber es ist schwer, hier jüdisch zu sein, Israelin oder Zionistin. Ich würde auf der Straße nichts tragen, woran man erkennt, dass ich Jüdin bin.“

„Okay“, sagte er. „Aber das heißt nicht, dass Berlin nicht liberal ist. Es ist nur nicht liberal für dich.“

Als ich vor 15 Jahren nach Deutschland kam, hoffte ich, hier Heilung zu finden. Ich dachte, die Deutschen, die ich treffen würde, wären wie ich: dritte Generation nach dem Zweiten Weltkrieg, nicht schuld, mit demselben Trauma. Ich wollte mit ihnen zusammen etwas Besseres aufbauen. Am Anfang schien das möglich. Meine deutschen Freunde sagten mir: Wenn dich jemals jemand angreift, weil du Jüdin bist, komm zu uns und wohn bei uns, wir beschützen dich.

Dieselben Leute reden heute nicht mehr mit mir. Sie sind jetzt alle „Free Palestine“. Ich weiß, dass ein jüdischer Staat einen Widerspruch enthält, den keiner von uns auflösen kann: Er gehört nur Juden, und das ist problematisch. Aber wir Juden brauchen auch einen sicheren Hafen, einen Ort, der uns schützt. Das ist ein Paradox, das bisher niemand auflösen konnte. Ich liebe Israel, obwohl ich gegen die jetzige Regierung bin. Ich habe immer gegen sie gestimmt, und ich bin nach Israel geflogen, um bei den Protesten mitzumachen.

„Warum gehst du nicht zurück in dein Land“, sagen deutschen Freunde

Nach dem 7. Oktober hatte ich einen Zusammenbruch. Drei Tage lang konnte ich das Haus nicht verlassen. Ich hatte Angst, dass meine ganze Familie sterben würde und dass es Israel bald nicht mehr gibt. Auf Telegram sah ich Videos von Menschen in meiner Heimat, die entführt und vergewaltigt wurden. Von meinen deutschen Freunden erwartete ich wenigstens ein paar Zeilen, dass ihnen das Massaker leid tut. Stattdessen schrieben sie, als hätte ich den Krieg angefangen: „Krieg ist nicht gut, Merav. Liebe ist besser.“ Manche schrieben auch: „Warum gehst du nicht zurück in dein Land, da ist es sicherer für dich.“

Wenn mir jemand, der nie im Krieg war, schreibt „Krieg ist nicht gut“, will ich schreien. Was soll ich darauf antworten? Ich weiß, was Krieg ist. Als Kind habe ich den Golfkrieg mit Gasmaske erlebt, später den Zweiten Libanonkrieg im Norden. Einmal wäre ich fast in einen Bus gestiegen, der dann explodiert ist. Und ich war in Jerusalem, als im nur wenige Kilometer entfernten Ramallah israelische Soldaten, die falsch abgebogen waren, von einem palästinensischen Mob gelyncht wurden. Ich werde nie die blutigen Hände vergessen, die die Täter danach stolz der Menge zeigten. Das ist einer der Gründe, warum ich Israel verlassen habe.

In Berlin verfolgt mich der Konflikt inzwischen bis ins Dating. Ich date seit drei Monaten, und eine der ersten Fragen ist immer: Woher kommst du? Wenn du Italienerin oder Niederländerin bist, interessiert das niemanden. Aber wenn du „Israelin“ schreibst, kann alles passieren. Von diesem Moment an bist du der Meinung anderer ausgeliefert. In vielen Profilen steht „No Zios“ oder „Anti-Nazi, Anti-Zionist“, als wäre das dasselbe. „Anti-Putin“ sehe ich nie. Ich habe gelernt, drei Warnungen in mein Profil zu schreiben. Erstens: Ich bin Israelin. Zweitens: Ich bin nicht rasiert und werde mich nicht rasieren. Drittens: Ich bin Squirterin. Die meisten Matches kommen nicht über die erste hinaus. Manche blockieren mich ohne Diskussion, sobald ich schreibe, dass ich Jüdin bin. Ein Mann schrieb, er habe kein Problem mit jüdischen Frauen, aber ein großes mit zionistischen. Ich fragte ihn, was für ihn ein Zionist sei. Eine White-Supremacy-Ideologie, sagte er. Nur bin ich nicht weiß. Ein Teil meiner Familie hat den Holocaust in Rumänien und Moldau überlebt, der andere ist nach dem Farhud, dem Pogrom gegen die Juden von Bagdad 1941, aus dem Irak geflohen. Ich sehe mich als arabische Jüdin.

Wo bin ich sicher?

Was mich wirklich ratlos macht: Viele der Leute, die „No Zios“ in ihr Dating-Profil schreiben, sind nichtbinär. Das sind Menschen, die genau wissen, was ein Spektrum ist. Nur bei Israel sehen sie keins. Da scheint es nur Schwarz und Weiß zu geben.

Ich fühle mich in Deutschland nicht mehr sicher. Auf Dating-Apps bekomme ich die Botschaft, dass Israelis wegen ihrer Herkunft unfickbar sind. Ein Café in Berlin, das ich immer mochte, ein jüdischer Ort, wird von israelfeindlichen Aktivisten bedroht. Die Betreiber senden keine politischen Botschaften. Das Café existiert einfach. Wenn ich dort am Fenster sitze, habe ich Angst, dass jemand eine Bombe wirft, weil es ein jüdischer Ort ist.

Inzwischen denke ich ständig darüber nach, woanders zu leben. Aber wo sollte ich überhaupt hin? Ist Italien sicherer? Spanien? Israel jedenfalls nicht. Solange du jüdisch bist, ist es wahrscheinlich nirgends sicher. Wo bin ich also sicher, als Frau, als dicke Frau, als starke Frau, als Jüdin?

Viele Jüdinnen und Juden erleben seit dem 7. Oktober 2023 eine „Empathieverweigerung“, so die KOAS-Studie. Sie betrifft Angehörige, langjährige Freundschaften und Kollegen, „aber auch Dates und Liebesbeziehungen“.

„Ratet, was dann passiert“ ⬆ nach oben

Danielle Chaimovitz lächelt in die Kamera. In der Hand hält sie ein Schild, auf dem "smaki judaizmu" steht.

In München fühlt sich Danielle Chaimovitz größtenteils sicher. Sie spricht unter anderem in Schulklassen über das Judentum. | privat

Danielle Chaimovitz, 40, kommt aus Israel, lebte mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in Estland und Polen und seit drei Jahren in München. Ihr Mann ist Rabbi, was sie zu einer Rebbetzin macht, der Ehefrau eines Rabbis. Sie arbeitet in der jüdischen Bildung.

Einmal habe ich ein Video gepostet, bei dem ich meinen Mann und meine Kinder von hinten filme, wie sie durch die Straßen laufen. Dazu habe ich geschrieben: „POV: eine sichtbar jüdische Familie geht eine Straße in München, Deutschland entlang. Ratet, was dann passiert.“ Im Text darunter habe ich erklärt, dass wir häufig positive, aber manchmal auch negative Reaktionen erleben. Und dass es mich stolz macht, dass mein Mann seine Kippa trägt. 

Das Video ist viral gegangen, es hat auf Instagram fast vier Millionen Aufrufe und mehr als 4.000 Kommentare. Zum Beispiel „bringt Juden um“ oder „lasst uns Hitler zurückbringen“. Ich bin die Nachfahrin von Holocaust-Überlebenden. Ich weiß genau, was diese Dinge bedeuten, sie sind meiner Familie widerfahren. 

Antisemitismus und Hass erlebe ich vor allem online. Ich glaube an Meinungsfreiheit und habe keine Angst vor kritischen Kommentaren. Aber in solchen Fällen melde ich den Kommentar und blockiere die Person. Hier in meiner Schublade liegen Dutzende von Briefen der Generalstaatsanwaltschaft München, die wegen dieser Kommentare ermittelt.

Ein Gefühl, das ich sonst nicht kenne

Wir sind im September 2023 nach Deutschland gezogen, wenige Wochen vor dem siebten Oktober. Wir waren erstmal darauf konzentriert, eine Wohnung zu finden, die Kinder in der Schule anzumelden und unsere Arbeit aufzunehmen. Am vierten Oktober zogen wir in unsere neue Wohnung ein. Der siebte Oktober war ein Samstag und damit unser erstes Wochenende in der neuen Wohnung. Am Samstag, dem Schabbat, benutzen wir unsere Handys nicht. Ich schalte es nicht aus, weil ich für Notfälle erreichbar sein will, aber es klingelt normalerweise sowieso nie. An dem Tag vibrierte mein Handy ununterbrochen.

Ich erinnere mich, wie unwirklich es sich anfühlte, durch die Straßen zu laufen. Für uns war es so eine schwere Zeit und für alle anderen einfach nur ein Samstag. Mein Mann trägt eine Kippa und ich weiß noch, dass jeder, mit dem ich Augenkontakt hatte, so aussah, als hätte er Mitleid mit uns. Ein Gefühl, das ich sonst nicht kenne.

Eine Freundin von mir ist am siebten Oktober ermordet worden. Ich kenne nicht viele Menschen, die so gelassen und ruhig sind, wie sie es war. Ich war ihre Mentorin in einem Programm, als sie noch jung war und wir haben über die Jahre Kontakt gehalten. Als ich am Tag danach mit meinem Großvater telefonierte, einem polnischen Holocaust-Überlebenden, sagte er mir: „Verlasse Deutschland sofort. Ich weiß, was passieren kann. Das ist der Anfang vom Ende.“

Ich will, dass meine Kinder als stolze Juden aufwachsen

Im Großen und Ganzen waren die Menschen, denen ich in Deutschland begegnet bin, sehr freundlich, verständnisvoll und einfühlsam. Ich bin Israelin und spreche sehr offen über meine Gefühle. Wenn mich in der Zeit nach dem siebten Oktober jemand gefragt hat, wie es mir geht, habe ich angefangen zu weinen. Für Deutsche kann das manchmal ein bisschen zu viel sein. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass die Menschen sehr respektvoll waren. Solange es noch lebende Geiseln in Gaza gab, hing am Rathaus in München eine israelische Flagge. Jedes Mal, wenn ich aus der U-Bahn stieg, um meine Kinder abzuholen, sah ich sie. Das war beruhigend für mich und hat mir gezeigt, dass ich hier willkommen und sicher bin. Einmal sah ich ein Hakenkreuz-Graffiti nicht weit von unserem Haus entfernt. Ich meldete das und wenige Stunden später war es verschwunden.

Hier in München fühle ich mich auf den Straßen im Allgemeinen sicher. Ich trage einen Davidstern um den Hals und wir sprechen Hebräisch. Ich nutze mein eigenes Social Media, um über jüdisches Leben aufzuklären, zum Beispiel, wie ich mich auf den Shabbat vorbereite.

Ich habe auch das Gefühl, dass sehr viel dafür getan wird, die Menschen aufzuklären. Zum Beispiel nehme ich an von der Stadt geförderten Projekten teil, bei denen ich mit Schülern über mein Leben als Jüdin und Israeli in Deutschland spreche. Das macht mir großen Spaß, ich finde es toll, wie neugierig und aufmerksam die Schüler Fragen stellen.

Ich will, dass meine Kinder als stolze Juden aufwachsen. Und ich will, dass die Zeit nach dem 7. Oktober nicht das ist, was sie als Juden definiert. Vielleicht liegt es daran, dass ich von starken Großeltern aufgezogen wurde, die den Holocaust überlebt haben, oder dass ich beim Militär gedient habe und weiß, was es bedeutet, einen jüdischen Staat zu haben, der ein sicheres Zuhause für Juden ist. Jedenfalls gibt mir das eine Art unsichtbares Rückgrat, um zu sagen: Ich habe keine Angst.

Laut einer Befragung der EU-Grundrechteagentur FRA aus dem ersten Halbjahr 2023 haben zwei Drittel der Jüdinnen und Juden in Deutschland Antisemitismus online erlebt, schon vor dem 7. Oktober.

„Es wird viel Schindluder mit dem Antisemitismus-Begriff getrieben“⬆ nach oben

Armando Koziner steht vor einem Bus und lächelt.

Wenn Armando Koziner mit Schülern spricht, bekommt er viele positive Rückmeldungen. | privat

Armando Koziner, 74, ist Rentner in Frankfurt. Er engagiert sich bei der „Gesellschaft im Wandel” und nimmt an Bildungsprojekten zum Thema Israel und Palästina teil.

Einmal sagte ein Jugendlicher, er habe auf Tiktok gesehen, dass im Dritten Reich nur 240.000 Juden umgebracht worden wären, die sechs Millionen seien eine Lüge. Das war bei einem Bildungsprojekt zum Nahostkonflikt an einer Schule. Ich habe ihm erklärt, dass Deutschland andere Länder überfallen hat, Polen oder Frankreich, und dass dort auch Juden lebten. Ich habe ihm erzählt, dass mein Vater eine Schwester und mehrere Cousins und Cousinen verloren hat. Der Junge hat das akzeptiert und sich für die Information bedankt. 

Meine Eltern sind 1938 vor den Nazis nach Bolivien geflohen, später aber nach Deutschland zurückgekehrt. Ich habe in Berlin Abitur gemacht und bin dann in den 70ern für ein Jahr nach Israel zum Studieren gegangen. Ich bin desillusioniert zurück gekommen, weil ich gesehen habe, wie Palästinenser dort als Menschen dritter Klasse behandelt werden. Ich hatte das Gefühl, dass jüdische Israelis Palästinenser abfällig und mit wenig Empathie behandeln. Es gab auch wenig Verbindungen zwischen den Bevölkerungsgruppen. Nach meiner Rückkehr bin ich in der Israel-Palästina-Solidaritätsbewegung aktiv geworden. Viel erreicht haben wir bisher leider nicht.

Erstmals ein Jude „live und in Farbe“

Seit knapp zwei Jahren engagiere ich mich bei der „Gesellschaft im Wandel“. Beim Trialog-Projekt gehen ein Mensch mit palästinensischem Hintergrund und eine Person mit jüdisch-israelischem Hintergrund an Schulen und diskutieren mit den Schülern über den Nahostkonflikt. Wir versuchen, ihnen eine andere Sichtweise zu geben, eine, die nicht von einer Seite bestimmt ist. Ein weiteres Projekt ist der „HörBus“, da fährt eine Person mit dem Bus an die Schulen und die Schüler sollen durch das Anhören verschiedener Gespräche, Interviews und Statements lernen, wie sie sich zu diesem Konflikt verhalten.

Bisher habe ich eher wenig antisemitische Äußerungen gehört. Insgesamt kriege ich ziemlich positives Feedback, selbst von Schülern, die anfangs der ganzen Diskussion sehr kritisch oder eher pro-palästinensisch gegenüberstehen. Einmal kam eine junge Frau mit palästinensischem Hintergrund auf mich zu. Sie sagte, es sei das erste Mal, dass sie einen Juden „live und in Farbe“ gesehen habe und das erste Mal Juden gehört habe, die dem Begehren der Palästinenser nach einem eigenen Staat positiv gegenüberstehen. Das war für sie ein Highlight. Das beobachte ich öfter bei den Diskussionen mit den Schülern: Der Anteil der Juden in Deutschland ist relativ gering, deshalb gibt es mehr Schüler, die zu Menschen mit palästinensischem oder arabischem Hintergrund Kontakt haben.

Im Alltag spielt Jüdischsein für mich keine Rolle, für mich ist das Judentum eine Religion. Deshalb bekomme ich auch wenig Antisemitismus mit, denn ich trage keine Kippa oder Davidstern. Ich laufe auch nicht mit einem Schild um den Bauch rum, auf dem steht: „Ich bin Jude“. Aber ich erwähne es, wenn das Gespräch darauf kommt.

In meiner Jugend hatte ich manchmal mit Menschen zu tun, von denen ich glaube, dass sie ehemalige Nazis waren. Heute sind diese Leute natürlich nicht mehr am Leben, jetzt geht Antisemitismus eher von AfD-Wählern aus. Oder von muslimisch- und arabisch-stämmigen Menschen, denen aber auch häufig Informationen fehlen oder deren Familienmitglieder von der israelischen Armee getötet wurden. Die haben da natürlich besondere Emotionen. Ich denke übrigens, dass auch vielen AfD-Wählern Informationen fehlen, was antisemitisch ist.

Antisemitismus gibt es auch bei Grünen-Wählern

Insgesamt bin ich der Überzeugung, dass Antisemitismus über alle gesellschaftlichen Gruppen hinweg verbreitet ist. In Deutschland gibt es einen Kern von rund 20 Prozent, die an antisemitische Erzählungen glauben, zum Beispiel, dass die Juden zu viel Einfluss haben. Diese Leute wählen nicht nur die AfD, sondern auch die Linke, die Grünen oder die CDU. Oder sie wählen gar nicht.

Es muss möglich sein, israelische Kriegsverbrechen zu verurteilen oder Menschen zu kritisieren, die Kriegsverbrechen befürworten. Es wird viel Schindluder mit dem Antisemitismus-Begriff getrieben. Das führt vom eigentlichen Ziel weg, nämlich Antisemitismus zu bekämpfen und zu verhindern, dass er noch stärker wird. 

Laut der MEMO-Studie 2025 der Stiftung EVZ und der Universität Bielefeld bezweifeln 10,4 Prozent der Deutschen, dass alles stimmt, was über das Ausmaß der Judenverfolgung berichtet wird.

„Wir sind nicht alle der israelische Botschafter“⬆ nach oben

Ein Porträt von Hanna Veiler

Hanna Veiler ist nach Brüssel gegangen, weil sie Abstand von Deutschland brauchte. | Foto: Fran Friedrich

Hanna Veiler, 28, kam mit sieben Jahren aus Belarus nach Deutschland. Sie ist Präsidentin der European Union of Jewish Students, ihr Buch „Jung, jüdisch, wütend“ ist am 2. Oktober erschienen.

Ich bin froh, dass ich gerade nicht in Deutschland bin. Aber ich mache mir unglaubliche Sorgen um meine Familie und um meine Freundinnen und Freunde. Vor allem um die, denen man ansieht oder anhört, dass sie woanders herkommen. Die nicht weiß sind, nicht christlich, die nicht der Norm entsprechen, die die AfD gerne sehen würde. Und ich bin wahnsinnig wütend über die Wahlergebnisse der AfD in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Ich glaube, viele Deutsche wünschen sich eine Schuldentlastung. Einen großen Teil des AfD-Erfolgs erkläre ich mir mit diesem Gefühl: endlich wieder gute Deutsche sein zu können und sich nicht mehr mit Antisemitismus und Holocaust befassen zu müssen.

Kaum ein Tag, an dem ich nicht über einen neuen antisemitischen Vorfall sprechen muss

Schon nach der Bundestagswahl 2025 bin ich nach Brüssel gegangen. In den Medien hieß es: Hanna Veiler flüchtet vor Antisemitismus. Dabei war es ein Mix aus mehreren Gründen. Ich hatte die Aussicht auf einen Job in Brüssel, aber vor allem brauchte ich Abstand von Deutschland. Ich war zwei Jahre lang, rund um den 7. Oktober, als Präsidentin der Jüdischen Studierendenunion im Zentrum des politischen Geschehens in Deutschland. Das Ergebnis der AfD bei der Bundestagswahl war der letzte Tropfen. Aber es ging auch um den Antisemitismus der Linken, den in der Mitte der Gesellschaft, den islamistischen Antisemitismus. Als bekannt wurde, dass ich nach Belgien gehe, sagte man mir von allen Seiten: In Belgien ist es doch viel schlimmer. Das stimmt. Aber Belgien ist nicht das Land, von dem der Nationalsozialismus ausging. Außerhalb von Deutschland fällt es mir leichter, mit Antisemitismus umzugehen, weil man nicht die ganze Zeit von der Wucht der Geschichte getroffen wird.

Natürlich macht es mir Angst, dass es kaum einen Tag gibt, an dem ich nicht über einen neuen antisemitischen Vorfall sprechen muss. Ich habe mich daran gewöhnt, das Handy in die Hand zu nehmen und dort in den Nachrichten von einem schlimmen Vorfall nach dem anderen zu lesen, und das dann irgendwie zu verdauen. Ende September hat auf einem Flydubai-Flug nach Tel Aviv ein Pilot den anderen mit einer Axt angegriffen, an Bord saßen fast nur Israelis. Wir sind knapp an einem Szenario wie dem 11. September vorbeigeschrammt, nur wegen des Muts einzelner Israelis, die zufällig in diesem Flugzeug saßen und den Täter überwältigt haben, ist das nicht passiert. 

Meine Eltern haben den Antrag auf Ausreise aus Belarus 1997 gestellt, ich bin 1998 geboren. Erst 2004 kam die Bestätigung. Ich wusste mein Leben lang: Eines Tages kommt ein Brief, dann ziehen wir nach Deutschland. In den Erzählungen meiner Eltern war Deutschland ein Land, in dem alles besser wird. Wo sie in Sicherheit leben können, wo ich eine bessere Bildung bekomme. Wo ich jüdisch oder nicht jüdisch sein kann, wer ich will.

Heute schaue ich auf den Antisemitismus an Universitäten, und er erinnert mich an das, was meine Eltern und Großeltern über ihre Realität in der Sowjetunion erzählt haben. Der Antizionismus, der heute dort verbreitet ist, wurde in der Sowjetunion groß gemacht. Darüber sprechen wir viel zu wenig. Meine Eltern sind heute sehr enttäuscht von Deutschland. Das tut mir weh. Ich habe gesehen, wie sie sich abgeschuftet haben und dann beleidigt wurden, weil sie nicht fließend Deutsch sprechen. Deshalb war ich mein Leben lang politisch progressiv.

Nicht vor einem jüdischen Kindergarten demonstrieren

Umso schwerer ist das Gefühl, dass wir Jüdinnen und Juden in progressiven Räumen nicht mehr willkommen sind. Viele junge Jüdinnen und Juden, die sich vor dem 7. Oktober im linken politischen Spektrum verordnet haben, berichten seitdem von dem Gefühl politischer Heimatlosigkeit. Ich selbst habe jahrelang in der Grünen Jugend versucht, Menschen für Antisemitismus zu sensibilisieren. Ausgetreten bin ich, als die damalige Vorsitzende Jette Nietzard sagte, seit dem 7. Oktober seien „über 50.000 PalästinenserInnen und 1.200 Israelis bei militärischen Operationen umgekommen“. Als wäre das Massaker der Hamas ein Kampfeinsatz gewesen wie jeder andere.

Mit Neonazis ist die Sache klarer, die offen sagen, was sie wollen: die Vernichtung von Jüdinnen und Juden, auch von Israel. In progressiven Räumen haben wir es mit Menschen zu tun, die überzeugt sind, moralisch auf der richtigen Seite zu stehen. Dort sind wir die einzige Minderheit, die nicht selbst definieren darf, was Diskriminierung gegen sie ist. Sobald wir eine Beziehung zu Israel äußern, stehen wir unter Generalverdacht. Aber wir sind nicht alle der israelische Botschafter. Wer gegen die israelische Regierung demonstrieren will, soll das vor der Botschaft tun, nicht vor einem jüdischen Kindergarten. Es ist falsch, uns für Dinge verantwortlich zu machen, die in Israel passieren. Aber es ist auch falsch, uns von Israel zu trennen, als hätten wir nichts damit zu tun.

Dass man die israelische Regierung kritisiert, verstehe ich. Es ist die rechteste Regierung, die Israel je hatte und man darf sie kritisieren, wie jede andere Regierung. Aber die israelische Zivilgesellschaft geht seit Jahren Woche für Woche dagegen auf die Straße, darüber wird hier wenig berichtet. Deshalb sage ich Progressiven: Demonstriert und kritisiert, aber trennt euch von Extremisten und Antisemiten, die eure Bewegungen unterwandern, reflektiert eure eigenen antisemitischen Denkmuster und lasst die Zivilgesellschaft in Israel sowie Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht im Stich.

Laut der Memo-Studie von 2025 ärgert sich fast die Hälfte der Deutschen darüber, dass den Deutschen die Verbrechen an den Jüdinnen und Juden noch heute vorgehalten würden. Weniger als ein Drittel widerspricht dieser Aussage.


Redaktion: Theresa Bäuerlein und Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Lea Schönborn, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

„Wo auch immer Juden sind, es ist nie richtig“

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