Im Roman „Junk“ von Ilona Hartmann kommt die Protagonistin vom Arzt nach Hause mit einer Verdachtsdiagnose und muss eine Woche lang warten. Statt die Zeit in ihrer Wohnung abzusitzen, sperrt sie sich in ihrem Kellerabteil ein. Hier hat sich in den vergangenen Jahren einiges an Müll angesammelt, den sie jetzt aussortieren will.
Gerade jetzt stellst du dir wahrscheinlich vor, wie die Protagonistin in ihrem Keller hockt und Kisten durchwühlt. Ich nicht. Ich sehe beim Lesen nichts vor dem inneren Auge, da ist alles schwarz.
Ich habe kein bildliches Vorstellungsvermögen. Dass es dafür einen Begriff gibt und dass sich die meisten Menschen überhaupt Dinge bildlich vorstellen können, habe ich lange nicht gemerkt. Jetzt, im Nachhinein, gab es nicht den einen Aha-Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich Afantasie habe. Es war eher wie ein Puzzle, das sich nach und nach zusammengesetzt hat: eine Freundin, die nach dem Kino sagt, sie habe sich die Protagonistin ganz anders vorgestellt. Hä? Wie das denn? Du hast dir vorgestellt, wie sie aussieht? Oder diese blöden Gedankenreisen wie: „Stell dir vor, du bist am Meer, hörst das Rauschen der Wellen und spürst den Sand zwischen deinen Füßen.“ Nö, kein Meeresrauschen und auch keine Sandkörner weit und breit, nichts.
Irgendwann habe ich gegoogelt, das muss vor circa einem Jahr gewesen sein, ich war 21. Ich googelte nicht, ob sich manche Menschen Dinge nicht bildlich vorstellen können. Sondern ob es wirklich Menschen gibt, die das können. Das kam mir absurd vor. Ich bin schnell in einem Reddit-Forum gelandet, das mich zu einem Youtube-Video über Afantasie gebracht hat. Nach dem kurzen Video war mir klar, dass ich die Ausnahme bin und nicht die Regel. Ich war nicht besonders überrascht oder schockiert. Das alles war für mich eher eine Antwort. Darauf, warum ich so einen schlechten Orientierungssinn habe. Oder darauf, warum ich mir so wenig Sorgen um die Zukunft mache, aber auch darauf, warum ich weniger über meinen Vater trauere, der vor drei Monaten gestorben ist.
Den Begriff Afantasie gibt es erst seit 2015⬆ nach oben
Auf der Suche nach Informationen zu Afantasie stieß ich schnell auf das Aphantasia Research Project der Universität Bonn. Der Leiter des Projekts, Merlin Monzel, hat selbst Afantasie. Das Projekt definiert Afantasie als Phänomen, keinerlei sensorisches Vorstellungsvermögen zu besitzen. Monzel und sein Team verstehen es als Phänomenklasse. Das heißt: Afantasie beschreibt nicht nur ein fehlendes bildliches Vorstellungsvermögen, sondern kann sich auch auf unsere anderen Sinne beziehen. Es kann also sein, dass sich jemand nicht vorstellen kann, wie sich etwas anhört, dafür aber ein bildliches Vorstellungsvermögen hat. Wenn Menschen sich keinen der Sinne vorstellen können, ist von einer globalen Afantasie die Rede.
Afantasie ist dabei noch ein relativ neuer Begriff: Erst 2015 hat der britische Neurologe Adam Zeman ihn mit Kollegen zusammen definiert, also vor gerade mal elf Jahren. Das ist in der Wissenschaft nicht mal gestern, sondern eben gerade. Dabei ist Afantasie keine psychische Störung, und für Betroffene geht damit in der Regel kaum Leidensdruck einher. Etwa ein Prozent der Menschen hat Afantasie, weitere drei Prozent haben nur eine reduzierte Vorstellungskraft.
Warum ich so lange nicht gemerkt habe, dass ich Afantasie habe, ist laut Merlin Monzel ein Problem der kulturellen Kommunikation. Wenn zwei Menschen miteinander sprechen, der eine hat Afantasie und der andere nicht, nutzen sie dieselben Worte, meinen aber nicht das Gleiche. Wenn man mir also sagt, dass ich mir einen rosa Elefanten vorstellen soll, dann denke ich an einen Elefanten, ich denke an die Farbe Rosa. Mag ich Rosa? Wie alt werden eigentlich Elefanten? Ich denke an Benjamin Blümchen oder an den Elefanten aus der „Sendung mit der Maus“. Ich sehe aber nichts vor mir, keinen Elefanten und kein Rosa – die meisten Menschen aber schon.
Trotzdem bin ich immer davon ausgegangen, dass alle Menschen so denken wie ich. Das nennt man in der Psychologie „Verfügbarkeitsfehler“: Wir neigen dazu, Dinge für wahrscheinlicher zu halten, wenn sie uns einfacher in den Sinn kommen.
In einem Gespräch würde wahrscheinlich gar nicht auffallen, dass ich bei einem rosa Elefanten an etwas anderes denke als du. Und genau deshalb merken die meisten Betroffenen erst im Erwachsenenalter, dass sie Afantasie haben, weil man so selten mit anderen darüber spricht, wie man denkt. Man denkt: Wir denken doch alle gleich. Mehr oder weniger.
Braucht es bildliches Denken?⬆ nach oben
Menschen mit Afantasie haben praktisch keine Nachteile. Das liegt unter anderem daran, dass sie mit sogenannten alternativen Strategien arbeiten, erklärt Merlin Monzel. Die Aufgabe, im Kopf einen Würfel zu drehen, können eben auch Menschen mit Afantasie lösen, zum Beispiel durch Logik. Logische Strategien funktionieren bei Menschen mit Afantasie laut Monzel übrigens besser. Wo Menschen ohne Afantasie anfangen, sich bildlich Details vorzustellen, die für die Lösung der Aufgabe gar nicht nötig sind, lassen sich Afantasist:innen davon gar nicht ablenken und lösen die Aufgabe schneller.
Lange gab es die Annahme, dass Menschen mit Afantasie auch mit Bildern arbeiten, diese aber einfach nicht bewusst wahrnehmen. Monzels Forschung hat etwas anderes ergeben: Normalerweise haben Menschen dasselbe neuronale Muster im Kopf, wenn sie an etwas denken und wenn sie sich etwas vorstellen. Wenn ein Fußballer sich vorstellt, wie er einen Elfmeter schießt, werden die gleichen Nervenzellen aktiviert, wie wenn er den Elfmeter wirklich schießt. Doch bei Menschen mit Afantasie ist das anders: Da ähneln sich diese neuronalen Muster beim Sehen und beim Vorstellen gar nicht. Das Gehirn arbeitet also grundsätzlich anders.
Schon in den siebziger Jahren haben der Philosoph Zenon Pylyshyn und der Psychologe Stephen Kosslyn in Amerika die „Imagery Debate“ angestoßen. Die zentrale Frage war, ob das Denken auch ohne bildhafte Vorstellungen funktioniert. Die Frage ist irgendwann gelöst worden – vermeintlich, sagt Monzel. Man habe sich darauf geeinigt, dass Bilder relevant seien. Aber eben nur deshalb, weil die meisten Menschen so denken. Heute müsse man die Debatte eigentlich neu führen, sagt Monzel. Er findet zwar, es brauche per se kein bildliches Vorstellungsvermögen. Aber: Menschen ohne Afantasie sind oft sicherer in ihren Antworten, sagt er, da sie eben ein konkretes Bild vor ihren Augen sehen. Daraus resultiere der sogenannte Confidence Gap, also ein geringeres Vertrauen in die eigene Erinnerung bei Menschen mit Afantasie.
Afantasist:innen vergessen, dass sie vergessen⬆ nach oben
Bevor ich es vergesse: Afantasist:innen haben in der Regel ein schlechteres autobiografisches Gedächtnis. Sie erinnern sich also weniger an Details aus ihrer Vergangenheit. Monzel untersucht, was das mit der Identität von Betroffenen macht. „Identität wird aus der Autobiographie geschöpft“, sagt er. Wenn ich mich häufig in der Vergangenheit in bestimmten Situationen so verhalten habe, mache ich das auch zukünftig. Wenn das aber wegfällt, kann es sein, dass Menschen mit Afantasie eine weniger starke Identität aufbauen. Damit verbunden sind Gefühle der inneren Inkonsistenz und Trauer.
Muss ich mir also jetzt Sorgen machen, dass ich mich nicht mehr an mein eigenes Leben erinnern kann? Nein, sagt Monzel. Denn was er beobachtet, ist, dass Afantasist:innen vergessen, dass sie vergessen. Betroffenen ist also gar nicht so bewusst, dass sie sich an weniger erinnern. Außer man wird eben von außen daran erinnert, das spielt in unserem Alltag laut Monzel aber selten eine Rolle.
Außerdem kann man ja auch etwas tun gegen das Vergessen, Fotos machen, zum Beispiel, oder Tagebuch schreiben. Krautreporter-Leserin Miriam hat selbst Afantasie. Sie macht in vielen, oft beliebigen Situationen Fotos, um sich danach besser daran erinnern zu können. Manche davon druckt sie aus, klebt sie in Fotoalben und schreibt eine kurze Anmerkung oder ein Datum dazu. Wenn sie die Fotos anschaut, kommt so oft ein Gefühl für die Situation zurück. So ergeht es auch Thomas aus der Krautreporter-Community, ebenfalls afantastisch (das Wort gibt es zwar nicht, aber es klingt zu gut, um es nicht zu verwenden). Ihm helfen vor allem Fotos von schönen und besonderen Momenten. „Generell ist Erinnerung im besten Fall eher ein warmes, schönes Gefühl und kein Kopfvideo in 4K“, sagt er.
Fotos oder Tagebücher sind sogenannte externe Prompts, erklärt Monzel. Er selbst nutzt sie auch. Sie hängen in Form von Fotos an der Tür seines Büros. Darauf ist er mit seiner Freundin, mehrere Gruppenbilder erinnern ihn an Kurse in den Sommerferien, die er jedes Jahr mit Schulklassen macht. Ohne die Fotos würde er die Zeit mit den Kindern komplett vergessen, sagt Monzel.
Einen Vorteil hat das Ganze aber. Denn Menschen mit Afantasie trauern oftmals weniger intensiv. Logisch, wenn ich mich schlechter an eine Person erinnern kann, an gemeinsame Erlebnisse, daran, wie verbunden ich mit dieser Person war, trauere ich auch weniger um sie. Monzel erzählt mir von einem Youtube-Video: ein Interview, in dem ein Afantasist beschreibt, wie es ihm nach dem Tod seiner Mutter ging. Weil seine Erinnerungen an sie nicht mehr so weit zurückreichen, kam es ihm schon nach zwei Wochen so vor, als wäre seine Mutter schon ewig nicht mehr da.
Ich erkannte mich plötzlich wieder: Mein Vater ist vor drei Monaten gestorben. Ich habe kein Bild von ihm vor Augen, an das ich zurückdenken kann. Das geht nur mit Fotos. Ich kann keine Erlebnisse mit ihm wie einen Film in meinem Kopf abspielen. Ich weiß, dass er für mich und meine Schwester mal ein Baumhaus gebaut hat, und ich weiß, dass er Tomaten geliebt hat. Da sind aber keine Bilder. Vor allem aber merke ich, dass meine Erinnerungen an ihn nicht weit zurückreichen. Der Trauerprozess läuft bei Menschen mit Afantasie ganz anders ab. Die Trauerreaktion ist eben nicht dieselbe wie bei Menschen ohne Afantasie. Ganz ähnlich ist das bei Trennungen: „Die sind ja so etwas wie ein kleiner Tod“, sagt Monzel. Er selbst steckt Trennungen schneller weg und ist nicht lange traurig darüber, weil er sich eben schlechter an die gemeinsame Zeit erinnert.
Menschen mit Afantasie landen seltener in kreativen Berufen, sind aber nicht per se weniger kreativ⬆ nach oben
Afantasie heißt nicht, keine Fantasie zu haben. Das beweist Monzel selbst, denn er ist Autor von zwei Fantasy-Romanen. In seinen Büchern liegt der Fokus nicht auf seitenlangen Beschreibungen von Orten oder Personen, er arbeitet mit Stereotypen. Mit denen will er dann bestimmte Gefühle auslösen. Wie das Gefühl entsteht, sei ihm dabei nicht wichtig.
Menschen mit Afantasie sind nicht unbedingt weniger kreativ, sie fühlen sich in kreativen Berufen aber weniger wohl, erklärt mir Monzel. Stellt sich jemand ohne Afantasie eine Katze vor, dann hat die Person ein konkretes Bild im Kopf. Vielleicht von Bob dem Streuner oder von einer der Katzen aus dem Zeichentrickfilm „Aristocats“. Menschen mit Afantasie arbeiten eher mit dem Konzept Katze. Es ist nicht festgelegt, wie exakt diese Katze aussehen muss. Das kann sogar Kreativität fördern, sagt Monzel. Was aber mit Afantasie leider wirklich nicht funktioniert: sich lustige Dinge vorstellen, sonst würde Krautreporter-Leser Thomas, sagt er, vermutlich dreimal täglich dabei zugucken, wie eine Armee aus rosa Elefanten auf einer AfD-Veranstaltung einfliegt.
Am Ende unseres Gesprächs hat mir Merlin Monzel ganz beiläufig erzählt, dass ihn das als Kind schon irritiert hat, wenn er zum Einschlafen Schäfchen zählen sollte. Wie, zählen? Ein Schaf, zwei Schafe, drei Schafe, fünfzig Schafe, dreihundert Schafe … Wie soll mir das helfen einzuschlafen? Erst im Erwachsenenalter sei ihm dann aufgefallen, dass Schäfchenzählen für die meisten anderen Menschen etwas anderes bedeutet: sich vorzustellen, wie kleine Schafe nacheinander über einen Zaun springen und dabei immer müder werden.
Überraschung: Bei mir hat Schäfchenzählen auch nie funktioniert und jetzt weiß ich auch, warum.
Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey