An einem Sommertag vor drei Jahren saß ich in einem Camper und telefonierte mit einer Freundin. Ich schaute zu den neuseeländischen Bergen hinauf. Auf den Gipfeln lag Schnee. Bei dem Anblick regte ich mich darüber auf, dass Menschen ohne notwendige Kenntnisse oder Ausrüstung auf riskante Bergtouren gehen. Das gefährdet die Bergretter! Und es stört meinen Sinn für Ordnung. Die Freundin am Telefon winkte meine Frustration ab: „Komm schon, du bist doch auch irgendwo auf dem Spektrum.“
Es war nicht das erste Mal, dass mir jemand so etwas gesagt hat. Dass ich mich autistisch verhalte, habe ich schon aus verschiedenen Gründen gehört: weil ich zu ordentlich esse, zu viel über die Entstehung der Herr-der-Ringe-Filme weiß, und seltsamerweise auch, weil ich bis heute darauf bestehe, dass abgemacht auch abgemacht heißt.
Menschen, die so etwas zu mir sagen, meinen es gut mit mir. Das sind Freundinnen und Freunde, die sich mit mir gemeinsam über meine Macken lustig machen. Ich freue mich meistens, dass wir uns so gut kennen und solche Späße machen können. Darüber, ob ich klinisch betrachtet wirklich aufs Spektrum gehöre, also ob ich tatsächlich neurodivergent bin, mache ich mir selten Gedanken.
Warum auch? Ich habe einen Master in Psychologie. Ich habe als Neuropsychologe geforscht. Ich habe eine Idee davon, wann Diagnosen helfen und wann nicht. Und davon, was es über mich aussagen würde, wenn ich irgendwo auf dem Spektrum wäre. Nämlich gar nichts.
Wenn man auf dem Spektrum sein kann, also neurodivergent, muss man auch außerhalb des Spektrums sein können, also neurotypisch? Das würden wohl die meisten Menschen von sich behaupten. Aber gibt es so etwas überhaupt?
Typisch sein ist für den Teufel⬆ nach oben
Den Begriff neurotypisch erfand die amerikanische Aktivistin Laura Tisoncik. Allerdings: als Satire. 1998 gründete sie das Institut zur Untersuchung des neurologisch Typischen. Die Aktion war als Rebellion gegen die vorherrschende Meinung gedacht, dass Menschen wegen ihres Autismus abnormal oder gestört wären.
In Anlehnung an die Zahl des Teufels, gab Tisoncik dem Neurotypisch-Syndrom den Diagnostik-Code 666.000. Als ob neurotypische Personen besessen wären oder Teufel seien, die Tisoncik und anderen Menschen mit Autismus das Leben schwer machen.
In ihrem satirischen diagnostischen Kriterium steht, NTs, also neurotypische Menschen, „bestehen häufig auf die Ausführung dysfunktionaler, destruktiver oder gar unmöglicher Rituale, um die Gruppenidentität aufrechtzuerhalten.“ Sie reagieren intolerant auf scheinbar geringfügige Abweichungen bei anderen und „es wird angenommen, dass das NT-Syndrom genetisch bedingt ist.“
Sprachlich ahmte Tisconik damit klinische Handbücher nach, wie die 1994 erschienene 4. Ausgabe des „Diagnostischen und Statistischen Manual Psychischer Störungen“ (DSM). Sie wollte mit ihrer Definition zeigen, wie verallgemeinernd und verurteilend die Kriterien der damals sogenannten „Autistischen Störung“ waren.
Mit der Aktion trug Tisoncik zur Entstehung der Neurodiversitätsbewegung bei. Eine Bürgerrechts- und Protestbewegung, die mehr Teilnahme für und Anerkennung von Menschen mit neurologischen und psychiatrischen Diagnosen fordert. Dadurch, dass die Bewegung Tisonciks Begriff aufgriff, hörte dieser jedoch auf, Satire zu sein.
Parallel zum ebenfalls 1998 geprägten Begriff neurodivers von Soziologin Judy Singer, wanderte neurotypisch in den allgemeinen Gebrauch über. Dabei war es nie ein neurowissenschaftlicher Begriff, geschweige denn ein medizinischer.
Gehirne sind wie Fingerabdrücke⬆ nach oben
„Neurodivers“, sagte Begriffserfinderin Singer, „beschreibt als Adjektiv nichts anderes als die ganze Welt.“ Aus ihrer Sicht kann es keine neurodiversen Gehirne oder Menschen geben. So ähnlich wie es keine biodiverse Tierart gibt, sondern nur biodiverse Ökosysteme. Tiere derselben Spezies mögen zwar unterschiedlich aussehen, aber sie gehören zur selben Gruppe, egal wie verschieden sie sind.
Nicht alle Mitglieder der Neurodiversitätsbewegung stimmen Singers Sicht zu. Insbesondere, als sie kurzzeitig versuchte, einen zweiten Begriff einzuführen: Neurorealismus. Singer wollte damit auf eine Tendenz in der Bewegung reagieren, die neurodivers mit gut gleichsetzte. Manche Befürworter:innen dieser Auslegung argumentieren, dass Autismus niemals eine Behinderung sei.
Doch Singer sorgte sich darum, dass Menschen, die wegen schwerem Autismus besondere Bedürfnisse haben, nicht die Hilfe bekommen würden, die sie brauchen, solange sie nicht als Menschen mit Behinderung gelten. Dafür kritisierten sie vor allem Aktivist:innen. Sie warfen Singer vor, Autismus als Behinderung zu sehen. Singer sagte später selbst, dass Neurorealismus eine unglückliche Wahl gewesen sei, weil der Begriff damals wie heute eher konservativ konnotiert ist.
Ungeachtet dieses Konflikts innerhalb der dezentralen und führungslosen Bewegung blieb die Vielfalt im Kern des Begriffs neurodivers erhalten. Neurowissenschaftler:innen wie Catherine Harmer von der Universität Oxford kamen zu einem ähnlichen Schluss wie Singer. Sie sagen, Gehirne seien so unterschiedlich wie Fingerabdrücke. Und niemand redet je über einen „typischen“ Fingerabdruck.
Gehirne sind wie Fingerabdrücke | Emmanuel Lafont
Aus heutiger Sicht sind Menschen auf dem Autismus-Spektrum ein perfektes Beispiel für diese Vielfalt. Sie und ihre Gehirne sind untereinander ebenso verschieden wie Menschen ohne Autismus-Diagnose. Dass alle Menschen auf dem Spektrum bestimmte Merkmale haben, ist ein weitverbreiteter Irrglaube.
Stephen Shore ist Professor für Sonderpädagogik an der Adelphi-Universität in New York. Er beschrieb die Diversität von Menschen mit Autismus bis heute vielleicht am treffendsten: „Wenn du eine Person mit Autismus getroffen hast, hast du EINE Person mit Autismus getroffen.“
Mehr Diagnosen heißen nicht mehr Autismus⬆ nach oben
Inzwischen werden immer mehr Kinder und Erwachsene in Deutschland mit Autismus diagnostiziert. Das liegt aber vor allem daran, dass mehr Menschen früher eine Diagnose erhalten. Nicht daran, dass die Häufigkeit von Autismus in der Bevölkerung zunimmt. Die Zahlen steigen auch bei anderen Diagnosen wie ADHS, Angststörungen oder Depressionen.
Aber nicht alle Diagnosen lassen Menschen aus ärztlicher Sicht als neurodivergent gelten, so wie es beim Autismus der Fall ist. Es gibt gute Argumente, sie dennoch alle so zu betrachten, schreibt etwa das US-amerikanische Center for Anxiety. Das liegt an genau dem Grund, der 1998 auch Tisoncik motivierte: Sie war überzeugt, dass Menschen weniger stigmatisiert werden würden, wenn ihre Diagnosen als divergent gelten, statt als krank oder geschädigt. Außerdem bekämen sie womöglich mehr Unterstützung, Sichtbarkeit und politisches Gewicht, wenn sie enger an die globale Neurodiversitätsbewegung angeschlossen wären.
Eine Frage aber bleibt: Wovon divergieren all diese Menschen angeblich? Was ist das Neurotypische, von dem neurodivergente Menschen angeblich abweichen?
Die Statistik kennt eine eigene Art Normal⬆ nach oben
Ein Weg, sich dem neurotypischen Gehirn zu nähern, kommt aus der Statistik. Denn dieser Teilbereich der Mathematik kann durchaus zwei Gruppen voneinander unterscheiden.
„Wenn du neurotypisch bist“, schreibt etwa die international angesehene Cleveland Clinic, „dann funktioniert dein Gehirn anders, als das einer neurodivergenten Person.“ Im Blog der Clinic steht weiter: „Neurotypisch zu sein bedeutet, dass dein Gehirn sich so entwickelt hat, wie das Gehirn der meisten anderen Leute.“
Statistisch gesehen ergibt das einen gewissen Sinn. Wenn man sich die Funktionsweise des Gehirns als Normalverteilung vorstellt, liegt das typische Gehirn in der Mitte.
Dazu müsste man sehr viele Variablen berücksichtigen: Durchblutung, Anzahl der Verbindungen, Synchronizität der Neuronen und etliche zunehmend obskure andere Faktoren. Sie alle einzeln zu berücksichtigen, wäre unmöglich. Deshalb arbeitet die Neuropsychologie mit unterschiedlichen Referenzwerten, die auf ihre Art jeweils ein durchschnittliches Gehirn darstellen.
Ich habe damals unter anderem einen Magnetresonanztomografen (MRT) bedient. Eine Röhre, in die sich Versuchspersonen hineinlegen und Verhaltensexperimente am Computer durchführen. In den Wänden der Röhre befinden sich Magneten, die eine vielfache Anziehungskraft unseres Planeten ausüben. Damit lässt sich unter anderem messen, wie viel Sauerstoff gerade wohin ins Gehirn transportiert wird.
Um diese Aufnahmen auszuwerten, brauchen Forscher:innen aber einen Referenzwert dafür, wie unser Blut normalerweise Sauerstoff im Gehirn verbreitet. Menschen und Gruppen unterscheiden sich in dieser Hinsicht. Ältere Menschen haben meistens einen schwächeren Kreislauf. Deswegen gelangt der Sauerstoff langsamer in aktive Hirnregionen, als bei jüngeren Menschen.
Meistens verwenden Wissenschaftler:innen trotzdem denselben Referenzwert für alle Versuchspersonen. Das hat diverse Vorteile, inklusive dem, dass es so leichter ist, die Aufnahmen der verschiedenen Gehirne zu vergleichen. Womöglich funktioniert das Gehirn keiner einzelnen Person genauso, wie die Formel für den Durchschnitt es beschreibt.
Deswegen hilft die statistische Version von typisch außerhalb der praktischen Zwänge der Wissenschaft nicht besonders. Zurück auf der Ebene von kognitiven Fähigkeiten, könnten mehrere statistisch exakt gleich neurotypische Personen einen unterschiedlich hohen IQ-Wert haben. Wie neurotypisch sie sind, verrät uns nicht viel über ihr Verhalten. Niemand auf der Welt hat das typische Gehirn im Schädel. Das ist genauso, wie es keine deutsche Familie mit exakt 1,49 Kindern gibt.
Personen können typisch sein⬆ nach oben
Außerhalb der Statistik verwendet man den Begriff neurotypisch anders. Soziologisch gesehen beschreibt er nämlich doch wieder einzelne Personen und ihre Gehirne. Im Vergleich zur statistischen Definition der Cleveland Clinic, ist jemand aus soziologischer Sicht neurotypisch, wenn er oder sie sich in der Regel so verhält, wie es die meisten Menschen in ihrem oder seinem Umfeld erwarten würden.
Damit ist diese Version von neurotypisch das neurologische Pendant dazu, heterosexuell, cisgeschlechtlich oder, im Westen, weiß zu sein. Es ist die Kategorie der Mehrheit: Menschen, die in bestimmten Merkmalen den Erwartungen der Gesellschaft entsprechen: Sexualität, Hautfarbe oder eben Funktionsweise ihres Gehirns.
Und diese Mehrheit existiert nun mal, argumentieren etwa Aktivist:innen oder der Professor für Psychologie am California Institute of Integral Studies, Nick Walker. Sie sagen, dass aus dieser Mehrheit heraus Erwartungen entstehen, wie Menschen sich zu verhalten, anzuziehen, auszudrücken oder zu kleiden haben. Neurotypisch sind demnach die Personen, denen es wegen ihres „normalen“ Gehirns leichtfällt, sich an diese Erwartungen anzupassen.
So gesehen sei neurotypisch als Begriff wichtig, um darauf hinzuweisen, dass neurotypische Personen Vorteile dadurch haben, dass sie mit weniger Mühe in die Gesellschaft hineinpassen. Beziehungsweise, dass das für manche neurodivergente Menschen vergleichsweise schwerer ist.
Hier schließt sich der Kreis zu Laura Tisonciks Satire. Sie wusste genau, dass neurotypisch als Diagnose ebenso wenig Sinn ergibt wie „Autismus-Störung“. Wo Neurodiversität zweifelsohne für Vielfalt steht, riskiert jede ernst gemeinte Verwendung von neurotypisch deswegen, unabsichtlich doch wieder über „normal“ und „abnormal“ zu reden. Exakt die Ideen, die Tisoncik infrage gestellt hatte.
Die Spannung dahinter traf Rua Williams am besten, Soziologin der Behinderung an der Purdue-Universität in Lafayette, Indiana. Sie schrieb mir: „Es macht mir nichts aus, ob jemand neurodivers ist oder nicht. Was mir etwas ausmacht, ist, ob du dich in den Dienst der Normativität stellst.“ Also, ob du Menschen mit anderen Psychen für gestört hältst. Oder einfach für anders.
In einer besseren Welt wäre niemand typisch⬆ nach oben
Ich habe noch nie einen aussagekräftigen Autismustest gemacht. Ich traue mir auch nicht zu, dass ich aussagekräftig antworten würde. Denn ich habe klinische Psychologie studiert und Testtheorie. Ich wüsste nur zu genau, wie ich antworten müsste, um ein bestimmtes Ergebnis zu bekommen.
Seit einiger Zeit verschiebt sich, welcher Status höher angesehen ist: neurotypisch zu sein oder neurodivergent. Palantir-Gründer Alex Karp zum Beispiel sieht eine Autismus-Diagnose in der IT als Wettbewerbsvorteil. Als ob die Neurodivergenz eine:r Entwickler:in sie „besser“ macht als andere. Bei solchen Aussagen werde ich hellhörig, selbst wenn es nur ums Programmieren gehen sollte. Vielleicht ist das mein autistischer Sinn für Gerechtigkeit.
Gleichzeitig halte ich es für selbstverständlich, dass manche Menschen besondere Unterstützung verdienen und von der Gesellschaft erhalten. Und um zu überlegen, warum und wer dazugehört, brauchen Krankenkassen klare Kriterien. Ebenso Sozialämter, Schulen, Lehrer:innen und Pfleger:innen. Heute sortieren Spezialist:innen für Psychologie, Psychiatrie oder Sonderpädagogik Menschen dafür in Gruppen.
Solange wir Neurodiversität nicht richtig ernst nehmen, brauchen wir diese Unterscheidungen vielleicht noch. Aber nicht, weil es typische Gehirne gibt.
Redaktion: Bent Freiwald, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger