Bildmontage: Eine Pflegerin sitzt erschöpft auf einer Untersuchungsliege.

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Psyche und Gesundheit

Protokoll: „Patienten gegen ihren Willen zu fixieren, erschüttert mich immer wieder“

Viele denken, Pflegekräfte wischen den ganzen Tag Hintern ab. Oder laufen nur den Ärzt:innen hinterher. Dabei sind sie die ersten, die handeln müssen.

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Wenn ich auf Partys fremden Menschen erzähle, dass ich als Pflegekraft in der Akut-Psychiatrie arbeite, ist die Standardantwort: „Boah, ich könnte das ja nicht.“ Aber wenn ich dann erkläre, was ich genau mache, werden manche neugierig und geben zu, dass sie ein ganz falsches Bild im Kopf hatten. Ich finde: Unser Beruf wird oft total unterschätzt.

Viele denken: Pflegekräfte wischen den ganzen Tag Hintern ab. Oder dass sie dem Arzt nur hinterherlaufen und nichts selbst entscheiden dürfen. Das stimmt nicht. Wir arbeiten eng mit den Psychiaterinnen und Psychiatern zusammen. Bei Aufnahmegesprächen zum Beispiel bin ich dabei und es ist auch gewünscht, dass ich dabei Fragen stelle. Beim Thema Suizidalität etwa ist es wichtig, dass ich genau Bescheid weiß. Wenn ein Patient auf die Frage „Hatten Sie schon mal Suizidgedanken?“ nur vage antwortet, hake ich nach: Wann genau? Vor drei Jahren, gestern, jetzt gerade? Wenn sich ein Patient bei uns etwas antun würde, würde formal der Arzt die Verantwortung tragen, aber in der Realität verbringe ich ja die meiste Zeit mit ihm. Ich muss also Bescheid wissen. Überhaupt sind es wir Pflegekräfte, die zu einem großen Teil die Therapien umsetzen, die die Psychiater:innen verordnen. Offiziell ist Therapie Arztsache. Trotzdem leisten wir Pflegekräfte viel therapeutische Arbeit, einfach weil wir als Erste da sind, wenn jemand klingelt, und so eine Beziehung zu den Patienten aufbauen.

Das ist auch genau der Grund, warum ich meinen Job so gerne mache. Ich wusste schon früh, dass ich mal mit Menschen arbeiten will, und die Psyche des Menschen hat mich schon immer interessiert.

Ohne uns hätte sie sich den ganzen Tag lang die Hände gewaschen⬆ nach oben

Ich bin nun 35 Jahre alt und seit rund zehn Jahren im Beruf. Ich mache ihn immer noch sehr gerne. Was mich antreibt, sind Erlebnisse wie dieses: Wir hatten einmal eine Anfang 20-jährige Studentin mit einer starken Zwangsstörung bei uns auf der Station. Sie wusch sich stundenlang die Hände und war nicht mehr in der Lage, ihren Alltag zu bewältigen. Zwänge behandelt man mit Expositionstherapie, das heißt: Die Patienten müssen lernen, dem Zwang zu widerstehen und die Ängste auszuhalten, die dann entstehen, beim Waschzwang zum Beispiel die Angst, sich mit Krankheiten zu infizieren. Wir Pflegekräfte sind da, wenn der Zwang auftritt, wir sind es, die die Patienten dabei begleiten, die Angst auszuhalten, wenn sie ihre Zwangshandlungen unterbrechen. Diese Patientin schaffte es zu Beginn nicht einmal, selbst den Wasserhahn zuzudrehen, das mussten wir für sie machen. Ohne uns hätte sie sich den ganzen Tag lang die Hände gewaschen.

Sie blieb mehrere Monate in der Klinik und in kleinen Schritten haben wir sie angeleitet, ihre Waschzeit zu reduzieren. Ich erinnere mich noch genau an den Tag, als sie es schaffte, den Wasserhahn in der vorgegebenen Frist selbst abzustellen. Ich war so stolz auf sie! Das klingt so banal, aber für sie war das ein Riesenfortschritt. Wir haben lange auf dieses Ziel hingearbeitet, und dann schafft die Patientin das. Das war wirklich mega schön. Sie hat das so toll gemacht.

Außenstehende können oft nicht erfassen, was meine Arbeit bedeutet: Ja, ich verabreiche Medikamente und beaufsichtige Patienten, etwa wenn es darum geht, ob sie die Klinik verlassen dürfen oder nicht. Aber tatsächlich geht es vor allem um Beziehung. Das unterschätzt man enorm.

Wir haben auf den Stationen, auf denen ich arbeite, das Prinzip der Bezugspflege. Das heißt, jeder Patient hat eine Pflegekraft, die für ihn zuständig ist. Ich muss in Kontakt mit den Patienten sein, damit sie sich mir anvertrauen und ich ihnen helfen kann.

Das richtige Verhältnis von Nähe und Distanz zu finden, ist dabei oft ein echter Drahtseilakt. Daher heißt mein Buch, das ich über meine Arbeit in der Psychiatrie geschrieben habe, „Ein Tanz auf dem Drahtseil“. Um Nähe herzustellen, erzähle ich zum Beispiel manchmal auch ein bisschen was von mir. Keine persönlichen Details, aber so Sachen wie: „Gestern hatte ich auch einen Scheißtag.“ Die Patienten sollen schließlich nicht denken, mein Leben wäre perfekt und ich hätte alles immer voll im Griff.

Ich erinnere mich an eine Patientin, mit der ich wirklich gut im Kontakt war. Sie kam immer wieder zu uns auf die Station, Suizidalität war ein großes Thema für sie. Eines Tages vertraute sie mir an, dass sie jetzt suizidal ist. Ich habe ihr dann erklärt: „Das kann ich nicht für mich behalten. Das ist etwas, das muss ich dem Team mitteilen.“ Für sie war das ein schlimmer Vertrauensbruch. Wir mussten später tatsächlich Maßnahmen umsetzen, um sie zu schützen. Das heißt zum Beispiel, dass dann immer jemand bei ihr war. Ich weiß, dass ich richtig gehandelt habe. Trotzdem ist das eine Situation, bei der ich mich im Nachhinein frage: Habe ich wirklich alles richtig gemacht? Das geht mir oft so. Gleichzeitig finde ich es aber auch wichtig, dass man sich hinterfragt und selbstkritisch bleibt.

Jemanden gegen seinen Willen zu fixieren, ist etwas, das mich jedes Mal wieder erschüttert⬆ nach oben

Daneben gibt es die richtig heftigen Situationen. Wenn jemand akut psychotisch ist und fremdgefährdend wird, führen wir sogenannte deeskalierende Maßnahmen durch. Das heißt: Wir führen Gespräche mit der Person oder geben ihr beruhigende Medikamente. Im äußersten Notfall, wenn akut die Gefahr besteht, dass sie sich selbst oder anderen etwas antut, kann es auch vorkommen, dass wir eine Zwangsmaßnahme durchführen und die Person fixieren, also sie auf einem speziell dafür vorgesehenen Bett festbinden müssen. Es gibt dafür einen klaren Ablauf: Ich löse einen sogenannten Personalalarm aus. Dann muss von jeder Station mindestens eine weitere Pflegekraft und außerdem ein Arzt oder eine Ärztin dazukommen. Jede Person bekommt eine Nummer und jede Nummer steht für eine bestimmte Handlung. Idealerweise fängt einer an und sagt: „Ich bin Nummer 1.“ Nur diese Person spricht mit dem Patienten und hält den Kopf fest, eine andere einen Arm, die dritte ein Bein usw. Jemanden gegen seinen Willen zu fixieren, ist tatsächlich etwas, das mich jedes Mal wieder erschüttert. Schließlich müssen wir eine Person ihrer Freiheit berauben.

Glücklicherweise kommt es dazu nur selten. Meistens schaffen wir es noch rechtzeitig, die Patienten zu beruhigen. Wir hatten mal einen Patienten, der immer wieder zu uns kam. Er litt unter einem religiösen Wahn und wenn er entlassen wurde, nahm er seine Medikamente nicht regelmäßig ein. Dann kam der Wahn zurück. „Ihr seid der Satan!“, schrie er uns Pflegekräfte und seine Mitpatienten an, als es mal wieder so weit war, oder er beschimpfte Juden. Antisemitismus war leider auch ein großes Thema bei ihm. Dann hat er begonnen, sein T-Shirt auszuziehen. Ich konnte nicht einschätzen: Spricht er zu mir oder zu etwas, das ich nicht wahrnehme? Was passiert als Nächstes? Kann ich ihn noch mit Worten beruhigen? Oder soll ich lieber Distanz wahren? Ich kannte diesen Patienten zu dem Zeitpunkt noch nicht so gut und wusste nicht, was er braucht.

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In solchen Situationen muss ich ganz schnell handeln. Ich habe einen Kollegen hinzugeholt und wir haben ihn in einen abgeschlossenen Raum gebracht. Ich habe einen Arzt hinzugerufen, aber als der kam, hatte er sich schon beruhigt. Trotzdem stand später im Bericht: „Maßnahme in Absprache erfolgt.“ Der Satz stimmt. Er verschweigt nur, dass die Entscheidung längst ohne den Arzt gefallen war.

Es gibt klare Vorgaben, wer was wann machen darf und wann ein Arzt hinzugezogen werden muss. Außerdem müssen wir unsere Handlungen im System vermerken. Diese Dokumentation ist ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Sie bestimmt, wie meine Kollegin in der nächsten Schicht mit einem Patienten umgeht und ob sie genau versteht, was er braucht. Ich muss neutral beobachten, nicht werten. Wörter wie „unkooperativ“ oder „manipulativ“ sollte man zum Beispiel nicht verwenden, aber in der Zeitnot passiert so etwas trotzdem manchmal. Dass Sprache in unserer Arbeit ein wichtiges Thema ist, wird oft unterschätzt.

Dieser Patient hätte jemanden gebraucht, der einfach da ist⬆ nach oben

Ich finde es auch wichtig, dass es diese Vorgaben gibt: Die kleinsten Fehler können enorme Konsequenzen haben. Trotzdem kommt es manchmal vor, dass formal alles richtig ist, menschlich aber nicht. Wie bei diesem Patienten: Er war Mitte 30, Familienvater, erfolgreich in seinem Job, noch nie in psychologischer Behandlung. Er hat sich selbst eingewiesen, wie im Übrigen die allermeisten unserer Patienten. Dass Patienten von der Polizei gebracht werden, ist eher die Ausnahme.

Die Frau dieses Mannes wollte sich scheiden lassen und er hatte gerade die Scheidungspapiere bekommen. Er hatte Angst, alles zu verlieren: seine Kinder, das Haus. Ich würde sagen, er war nicht akut suizidal, aber lebensmüde im Sinne von: Mir doch alles egal. Er konnte einfach nicht mehr, ist wortwörtlich zusammengeklappt. Ich glaube, er hielt diese Unsicherheit nicht aus, nicht zu wissen, wie sein Leben weitergeht, ob er seine Kinder noch sehen darf. Er hat mir so leidgetan.

Ich führte ihn ins Gesprächszimmer, um seine Aufnahme abzuschließen. Denn nur wenn die Daten komplett sind, können die anderen Pflegekräfte und ich sehen, was der Arzt oder die Ärztin angeordnet hat. Wir wissen sonst nicht: Wie engmaschig muss der Patient betreut werden? Welche Medikamente bekommt er? Muss ich jede halbe Stunde nach dem Patienten sehen oder sogar dauerhaft bei ihm sein? Darf die Person bestimmte Gegenstände besitzen?

Ich stellte meine üblichen Fragen: Name, Geburtsdatum, aktuelle Situation. Er wirkte sehr angespannt, seine Antworten wurden immer bruchstückhafter. Ich tippte weiter und stellte meine Fragen. Ich musste sie stellen, aber ich wollte nicht. „Ich halte das nicht aus“, sagte er mehrmals.

„Ich wollte nur schauen, ob jemand kommt“⬆ nach oben

Er hätte in dem Moment jemanden gebraucht, der einfach da ist. Der ihm wirklich zuhört oder vielleicht auch einfach nur neben ihm sitzt und schweigt. Viele schätzen Schweigen mehr als leere Floskeln. Ich kann sowieso kein Therapeutengespräch bieten. Was ich bieten kann, ist Präsenz. Und genau das hätte ich ihm in seiner akuten Verzweiflung geben sollen.

Ein anderer Patient klingelte einmal nachts. Als ich zu ihm ging, saß er mit angezogenen Beinen auf dem Bett. „Ich wollte nur schauen, ob jemand kommt“, sagte er. Ich bin kurz bei ihm geblieben und habe ihm erklärt, dass er jederzeit klingeln darf. Er hat sich ganz schnell beruhigt. Vielleicht sind es genau diese kleinen Momente, die mich in meinem Beruf halten.

Nadine Schuster ist ein Pseudonym. Sie arbeitet in der psychiatrischen Pflege in der Schweiz und schreibt literarische Texte über den klinischen Alltag. Ihr Buch „Ein Tanz auf dem Drahtseil – über Würde, Abgründe und die stille Arbeit in der Psychiatrie“ ist 2025 erschienen. Sie möchte die psychiatrische Pflege sichtbarer machen und mit falschen Vorstellungen von der Psychiatrie aufräumen. „Jeder von uns kann in eine psychische Krise geraten“, sagt sie.


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert

„Patienten gegen ihren Willen zu fixieren, erschüttert mich immer wieder“

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