KR-Mitglied Regina fragt: In welchen Ländern funktioniert die Gesundheitsversorgung und -finanzierung besser als in Deutschland, und könnte das auch für uns als Vorbild dienen?
Mit dem Gesundheitssystem verbinden die meisten Deutschen wahrscheinlich sehr lange Wartezeiten und das bei immer weiter steigenden Krankenkassenbeiträgen. Claus Wendt ist Professor für Soziologie der Gesundheit an der Universität Siegen, zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört der internationale Vergleich von Gesundheitssystemen. Er kommt zu einer ernüchternden Erkenntnis: „Das deutsche Gesundheitssystem befindet sich im internationalen Vergleich eher im Mittelfeld und das bei überdurchschnittlich hohen Kosten.“
Der Commonwealth Fund, eine amerikanische Stiftung, platzierte das deutsche Gesundheitssystem 2024 auf Rang neun von zehn untersuchten Industrienationen. Die Niederlande hingegen landeten auf Platz zwei. Bewertet wurden Kriterien wie die Versorgungsqualität oder die Effizienz der Verwaltung. Gleichzeitig ist das deutsche Gesundheitssystem laut OECD eines der teuersten der Welt. Im deutschen System mangelt es also weniger an Geld, sondern an Effizienz.
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Vor allem mit Blick auf Länder, die Deutschland hinsichtlich Bevölkerungsstruktur und Gesundheitsverhalten ähnlich sind, wie etwa die Nachbarländer Österreich, Dänemark oder die Niederlande, wird deutlich: Diese Länder machen es in vielen Punkten besser. Und Deutschland könnte sich davon einiges abschauen.
Österreich: Eine Krankenversicherung für alle mit geringeren Beiträgen⬆ nach oben
Österreich zeigt, dass ein einheitliches Versicherungssystem funktioniert. Dort sind sämtliche Bürger:innen in der Krankenversicherung, unabhängig davon, ob sie selbstständig, angestellt oder verbeamtet sind. Nicht so wie in Deutschland, wo es eine gesetzliche und eine private Krankenversicherung gibt. Anders als Kritiker:innen der einheitlichen Versorgung oft behaupten, leidet auch die Qualität nicht darunter. „Ein System, das so aufgebaut ist wie das österreichische, funktioniert mindestens so gut wie das deutsche und hat auch mindestens so hohe Leistungsstandards“, sagt Wendt.
Dazu kommt ein entscheidender Unterschied in der Finanzierung. In Österreich wird das Gesundheitssystem zu einem deutlich höheren Anteil über Steuern finanziert, mit einer spürbaren Folge für die Beitragszahler:innen. „In Österreich sind die Beiträge inzwischen bei etwa neun Prozent, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammen. In Deutschland hingegen liegen sie bei 14 bis 15 Prozent, plus Zusatzbeiträge“, sagt Wendt. Der Vorteil einer stärkeren Steuerfinanzierung sei, dass sich auch Unternehmen an der Finanzierung beteiligen würden, die vor allem Kapitalgewinne erzielen, statt viel Personal zu beschäftigen. Weil dann nicht nur die Firmen für ihre Angestellten die Beiträge zahlen, sondern auch Unternehmen einzahlen, die hohe Gewinne erzielen, aber nur wenige Beschäftigte haben.
Dänemark: Besser planen und weniger Zeit im Krankenhaus⬆ nach oben
Dänemark macht vor, wie eine konsequente Krankenhausreform aussehen kann. Die politische Entscheidung, eine geringere Anzahl, aber dafür größere Krankenhäuser zu bauen, wurde dort tatsächlich umgesetzt: „Auf der grünen Wiese werden neue Krankenhauszentren aufgebaut. Und sobald die funktionieren, werden die alten kleinen Krankenhäuser abgebaut“, so Wendt. In Deutschland laufe das anders. Statt politisch zu planen, würde das System auf wirtschaftliche Anreize setzen und darauf warten, dass kleinere Krankenhäuser irgendwann Insolvenz anmelden müssten. Das Ergebnis sind hohe Kosten bei teils fragwürdiger Qualität. Denn spezialisierte Zentren, die komplexe Eingriffe häufiger durchführen, schneiden nachweislich besser ab.
Dazu kommt ein weiterer Unterschied. In Dänemark ist die Krankenhausverweildauer halb so lang wie in Deutschland. Bereits am Tag der Aufnahme wird geplant, wann Patient:innen entlassen werden, und alle Maßnahmen werden darauf ausgerichtet. „Dieses Denken haben wir nicht in Deutschland“, sagt Wendt. Hierzulande beginne das Entlassungsmanagement oft erst kurz vor der Entlassung. Rehaanträge sind dann noch nicht bewilligt, Pflegeplätze nicht organisiert. Möglich wird die frühe Entlassung in Dänemark durch eine enge Verzahnung mit der kommunal organisierten Pflege. Schafft die Kommune es nicht rechtzeitig, einen Pflegeplatz zu organisieren, muss sie dem Krankenhaus die entstehenden Mehrkosten erstatten. Ein einfacher, aber wirksamer Anreiz.
Die Niederlande: Das beste Vorbild für Deutschland⬆ nach oben
Fragt man Wendt, welches Land sich als Vorbild für Deutschland insgesamt am besten eignet, nennt er die Niederlande. Wegen ähnlicher Grundstrukturen und konkreter, übertragbarer Reformen. Er benennt drei zentrale Unterschiede.
Erstens das hausärztliche System: In den Niederlanden ist jede Person verpflichtet, sich auf die Liste einer hausärztlichen Praxis einzutragen. Dies hatte laut Wendt zur Folge, dass Primärversorgungszentren entstanden, in denen mehrere Haus-, und Fachärzt:innen und Pflegepersonal zusammenarbeiten. „Wenn sich solche ambulanten Zentren bilden, kann die Gesundheitsversorgung effizienter werden, da teurere, stationäre Behandlungszahlen sinken.“ Viele Behandlungen finden direkt bei einem Hausarzt oder einer Fachärztin statt, ein teurer Krankenhausaufenthalt ist oft nicht nötig.
Zweitens die Vermeidung von Doppelstrukturen: In Deutschland gibt es fachärztliche Leistungen sowohl in niedergelassenen Praxen als auch im Krankenhaus, was zu Doppeluntersuchungen führen kann. In den Niederlanden hingegen werden fachärztliche ambulante Leistungen weitgehend im Krankenhaus durchgeführt. Das spart Kosten und vermeidet unnötige Parallelstrukturen.
Drittens die Pflegekooperation: In den Niederlanden ist die Pflege deutlich stärker kommunal organisiert als in Deutschland, mit klaren Zuständigkeiten und in enger Abstimmung mit dem Gesundheitssystem, ähnlich wie in Dänemark. Die Kommunen sind verpflichtet, Pflegeangebote bereitzustellen und tragen die Kosten, wenn Patient:innen nicht rechtzeitig versorgt werden können. Ein starker Anreiz für schnelle, koordinierte Übergänge aus dem Krankenhaus. In Deutschland hingegen liegt die Pflegeorganisation überwiegend bei freien und privaten Trägern, während die Kommunen nur eine begrenzte Rolle spielen.
Fazit: Keine Blaupause, aber eine klare Richtung⬆ nach oben
Der Blick ins Ausland liefert keine Blaupause. Auch wenn es viele Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern gibt, lassen sich Reformen nie eins zu eins kopieren. Aber es zeigt, dass ein einheitlicher Zugang zur Grundversorgung möglich ist, ohne die Qualität zu verschlechtern und dass Effizienz weniger von der Höhe der Ausgaben abhängt als davon, wie sie eingesetzt werden. „Wenn wir nicht grundsätzlich etwas sowohl an der Finanzierung als auch an der Organisation der Leistungen ändern, dann werden in Zukunft die Sozialversicherungsbeiträge immens steigen“, sagt Wendt. Die Frage ist also weniger, welches Modell Deutschland übernehmen sollte, sondern ob der politische Wille vorhanden ist, grundlegend umzudenken.
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Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger