Philipp Amthor hat es schon wieder getan: Nach Lobbying für das KI-Unternehmen Augustus Intelligence, einer Fahrt mit 120 Stundenkilometern in einer 70er Zone und Fotos mit Neonazis hat er sich den nächsten Shitstorm eingehandelt. In der ZDF-Dokumentation „Inside CDU“ ließ Amthor sich einen Strandkorb auf seinen Balkon liefern. Den hat Amthor zwar längst zurückgeschickt, der Eindruck spätrömischer Dekadenz im Bundestag bleibt trotzdem haften.
Wie gerechtfertigt die Aufregung um einen von Amthor selbst gezahlten Strandkorb ist, sei dahingestellt. Amthors Strandkorb-Gate ist jedoch längst nicht der einzige Politiker-Fauxpas, der tief blicken lässt. Wir haben das Internet durchforstet und die KR-Community befragt, um herauszufinden: Welche Fehltritte und unangenehmen Momente deutscher Politiker:innen haben für Aufregung gesorgt? Hier kommt das Best-of der vergangenen 25 Jahre.
1. Friedrich Merz knüpft Spendenbeiträge an das CDU-Wahlergebnis⬆ nach oben
Im Dezember 2024 saß der Noch-Fraktionsvorsitzende der Union Friedrich Merz in der ZDF-Spendengala der Initiative „Ein Herz für Kinder“, die sich für Kinder und Familien in Not einsetzt. Comedian Ralf Schmitz ging durch die Reihen und befrkm/hagte Politiker:innen, wie viel sie an die Initiative spenden würden. Während der damalige FDP-Vorsitzende Christian Lindner und der CSU-Vorsitzende Markus Söder sich immerhin auf genaue Beiträge festnageln ließen (jeweils 2.000 Euro), macht Friedrich Merz einen besonders pfiffigen Vorschlag: „100 Euro pro Prozentpunkt, den die CDU in Umfrageergebnissen über den Jahreswechsel erreicht.“
2. Andy Grotes Pimmelgate⬆ nach oben
„Du bist so 1 Pimmel.“ Mit diesem Tweet an Andy Grote (SPD) handelte sich ein Twitter-Nutzer eine Hausdurchsuchung ein. Der Hamburger Innensenator Grote hatte während der Corona-Pandemie Feiernde im Schanzenviertel als dämlich und ignorant bezeichnet, obwohl er selbst zu Beginn der Pandemie 1.000 Euro Bußgeld wegen eines Sektempfangs in der Hafencity blechen musste. Spätestens als Andy Grote einen Strafantrag gegen den Twitter-User stellte, ging der Fall als #Pimmelgate in die deutsche Twitter-Geschichte ein. Die Hausdurchsuchung in St. Pauli war rechtswidrig, urteilte später das Hanseatische Oberlandesgericht. Die Hamburger Polizei lieferte sich im Anschluss über Wochen ein Katz-und-Maus-Spiel mit Aktivist:innen der Roten Flora, die den Text des Tweets als Plakat an der Fassade des Autonomen Zentrums anbrachten. Die Polizei übermalte es zweimal und gab schließlich auf.
3. Boris Palmer spielt Polizist⬆ nach oben
2018 geriet der Tübinger Oberbürgermeister in der Tübinger Innenstadt mit einem Studenten aneinander, der beim Anblick Palmers „Ach nee, der auch noch“ sagte. Der provozierte Palmer (damals Grüne) zückte seinen Dienstausweis und behauptete, als Leiter der Ortspolizeibehörde das Recht zu einer Personenkontrolle zu haben, um Verstöße gegen das Ortsrecht zu ahnden.
4. Christian Lindner verabschiedet Linda Teuteberg mit einem sexistischen Witz⬆ nach oben
Im September 2020 legte Linda Teuteberg ihr Amt als FDP-Generalsekretärin nieder. Parteichef Christian Lindner verabschiedete sich auf dem Parteitag so von ihr: „Ich denke gerne daran, Linda, dass wir in den vergangenen 15 Monaten ungefähr 300-mal den Tag zusammen begonnen haben.“ Kunstpause. „Ich spreche über unser tägliches, morgendliches Telefonat zur politischen Lage. Nicht das, was ihr jetzt denkt.“ Die Lacher blieben aus, Linda Teuteberg musste sichtlich um Fassung ringen. Christian Lindner sah sich gezwungen, sich für eine „missverständliche Formulierung“ zu entschuldigen. Dabei hatte er schon 2017 den gleichen „Witz“ gerissen, mit Claudia Roth.
5. Ulrich Siegmund respektiert chinesische Wahlentscheidungen⬆ nach oben
Wenige Tage vor der Wahl in Sachsen-Anhalt interviewte eine Journalistin des chinesischen Fernsehsenders Phoenix Television den AfD-Kandidaten Ulrich Siegmund. Der ging wohl nicht davon aus, jemand in Deutschland könne von dem Interview Wind bekommen und plauderte über seine Besuche bei deutschen und chinesischen Firmen in der Volksrepublik. Siegmund erklärte, die Hand Richtung China sei ausgestreckt. Er maße sich, anders als die Bundesregierung, nicht an, anderen Ländern vorzuschreiben, wie sie kulturell oder international agieren sollten. Siegmund betonte außerdem, er respektiere auch die Wahlentscheidungen anderer Länder, wie immer die auch ausfielen. Von welchen Wahlen in Bezug auf China er sprach, ist nicht klar - schließlich gibt es in China keine freien oder demokratischen Wahlen.
6. Armin Laschet und das Kohlegesicht⬆ nach oben
Armin Laschet (CDU) leistete sich während des Wahlkampfes 2021 so einige Fauxpas, den meisten ist wohl sein Lachen bei einem Besuch des Ahrtals nach der Flutkatastrophe 2021 in Erinnerung geblieben. Für Spott sorgte außerdem ein Wahlkampfvideo, ebenfalls von 2021. In dem Video läuft Armin Laschet mit anderen Bergarbeitern durch eine ehemalige Zeche, alle tragen Helme und Schutzkleidung. Laschets Gesicht ist das einzige, das mit Kohle verschmiert ist.
7. Kurt Beck beschimpft Arbeitslose auf dem Weihnachtsmarkt⬆ nach oben
Bevor es Arno Dübel gab, war Henrico Frank „Deutschlands frechster Arbeitsloser“. 2006 stieß Frank, 37 Jahre alt und arbeitslos, auf dem Wiesbadener Weihnachtsmarkt auf den damaligen SPD-Chef Kurt Beck. Damals hatte die Koalition, bestehend aus SPD und CDU, gerade die Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger:innen verschärft. Frank pöbelte gegen Hartz IV, Beck pöbelte zurück: Frank sehe nicht so aus, als habe er auch nur einen Tag in seinem Leben gearbeitet. Er solle sich rasieren und die Haare waschen, dann würde es auch was mit dem Job werden. Dank der Berichterstattung wurde der Musiksender iMusic1 auf Frank aufmerksam und stellte ihn als Redakteur ein.
8. Norbert Röttgen bedauert das Wahlrecht⬆ nach oben
2012 war Norbert Röttgen Spitzenkandidat der CDU für das Amt des Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen. In einem ZDF-Interview mit Dunja Hayali sagte Röttgen, „bedauerlicherweise entscheidet nicht allein die CDU darüber“, ob er Ministerpräsident werde, „sondern die Wähler.“ Bedauerlicherweise?, fragte Hayali zurück, und Röttgen stammelte: „Naja, das wäre irgendwie … Das war ein bisschen Ironie, ich nehme das sofort zurück.“ Röttgen verlor die Wahl und trat noch am Wahlabend vom Landesvorsitz der CDU zurück.
9. Horst Seehofer feiert 69 Abschiebungen⬆ nach oben
2018 stellte Horst Seehofer (CSU) auf einer Pressekonferenz seinen „Masterplan Migration“ vor, der die Zuwanderung nach Deutschland begrenzen sollte. Über eines freute sich der damalige Bundesinnenminister diebisch: „Ausgerechnet an meinem 69. Geburtstag sind 69 Personen nach Afghanistan zurückgeführt worden.“
10. Edmund Stoibers Transrapid-Rede⬆ nach oben
Ob Ausführungen zu Bruno, dem Problembären oder Blumenhinrichtungen in seinem Garten: Der ehemalige bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) ist ein unerschöpflicher Quell seltsamer Politikermomente. Der zeitlose Klassiker ist Stoibers Transrapid-Rede von 2002, in der er für die Einrichtung einer Magnetschwebebahn zwischen München-Hauptbahnhof und -Flughafen warb. Stoiber stolperte sich über zehn Minuten durch verschlungene Sätze wie „Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München mit zehn Minuten, ohne dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen … am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug.“ Der Bau der Magnetschwebebahn wurde 2008 wegen explodierender Kosten gestoppt, Stoibers gestammelte Werke kann man sich hier ansehen.
11. Annegret Kramp-Karrenbauer vs. Rezo⬆ nach oben
2019 rief der Youtuber Rezo in einem kurzen Video gemeinsam mit etwa 90 deutschen Youtubern dazu auf, bei der anstehenden Europawahl nicht die CDU oder die SPD zu wählen. Die CDU verlor bei der Wahl tatsächlich deutlich an Stimmen. Wie sehr Rezo dafür verantwortlich zu machen ist, ist fraglich, Die damalige CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer veranlasste das Video dennoch zu einer Wutrede. Sie frage sich, was eigentlich los wäre, wenn 70 Zeitungen sich mit einer Wahlempfehlung gegen CDU und SPD zusammengeschlossen hätten. Da stelle sich ihr schon die Frage, „was sind eigentlich Regeln in Bezug auf Meinungsmache aus dem analogen Bereich, und welche davon gelten für den digitalen Bereich, ja oder nein.“
12. Marlene Mortler erklärt, warum Cannabis verboten ist⬆ nach oben
Auf die Frage des Journalisten Tilo Jung, warum Alkohol erlaubt und Cannabis verboten sei, hatte die damalige Drogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) 2014 eine bestechende Antwort: „Weil Cannabis eine illegale Droge ist, Punkt.“
13. Friedrich Merz verschenkt zum Dank sein eigenes Buch⬆ nach oben
2004 fand der damals obdachlose Straßenzeitungsverkäufer Enrico J. ein Notebook am Ostbahnhof Berlin. Beim Rumstöbern staunte er nicht schlecht: Dort standen die Telefonnummern von Gerhard Schröder, Angela Merkel und anderen Politiker:innen, das Notebook gehörte nämlich dem damaligen stellvertretenden CDU-Fraktionsvorsitzenden Friedrich Merz. J. gab das Notebook beim Bundesgrenzschutz ab und gab die Obdachlosenhilfe als Adresse an. An diese schickte Merz zum Dank sein Buch „Vom Ende der Wohlstandsillusion“, berichtete J. der Taz Jahre später. Das Buch habe er aus Wut in die Spree geworfen, sagt J. Heute hat er wieder eine Wohnung und Arbeit.
14. Christian Lindner will den Klimawandel Profis überlassen⬆ nach oben
2019 gingen jeden Freitag Tausende Schüler:innen und junge Menschen auf die Straße, um für bessere Klimapolitik zu demonstrieren. Christian Lindner fiel dazu auf Twitter nur Folgendes ein: Er finde politisches Engagement junger Menschen ja toll. Aber: „Von Kindern und Jugendlichen kann man nicht erwarten, dass sie bereits alle globalen Zusammenhänge, das technisch Sinnvolle und das ökonomisch Machbare sehen. Das ist eine Sache für Profis. CL.“
15. Tilman Kuban hetzt gegen einen Kindergarten⬆ nach oben
2023 beschloss ein Kindergarten in Fulda, mit den Kindern keine stereotypen Geschenke mehr zum Mutter- und Vatertag zu basteln. Eigentlich eine Angelegenheit, die nur die Angestellten des Kindergartens und die Eltern angeht. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Tilman Kuban mischte sich trotzdem ein. Kuban veröffentlichte den Ankündigungsbrief an die Eltern auf Twitter, samt Telefonnummer, Adresse und E-Mail-Adresse. Bis Tilman diese schwärzte, hatte sich der Tweet schon zehntausendfach verteilt, auch in rechten Kreisen. Trotz massiver Kritik zeigte Kuban sich ungerührt: Er wünsche sich trotz der tollen Arbeit vieler Erzieher:innen eine inhaltliche Debatte darüber, ob Kinder noch für Väter und Mütter basteln sollten.
16. Angela Merkel versucht, ein Flüchtlingsmädchen zu trösten⬆ nach oben
Im Juli 2015 saßen sich die damals 15-jährige Reem Sahwil und die Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einem Bürgerdialog gegenüber. Reem schilderte die komplizierte Aufenthaltssituation ihrer Familie und die Angst davor, Deutschland wieder verlassen zu müssen. Merkel zeigte zwar Verständnis, erklärte aber, dass dennoch einige Geflüchtete das Land wieder verlassen müssten. Als Sahwil zu weinen begann, legte Merkel den Kopf schief: „Och, du hast das doch ganz super gemacht“, und streichelte ihr über den Kopf. Der Auftritt zog viel Kritik auf sich, viele warfen Merkel mangelnde Empathie vor. Reem Sahwil hat heute einen deutschen Pass.
17. Olaf Scholz kennt den Spritpreis nicht⬆ nach oben
„Wissen Sie, wo der Benzinpreis liegt?“ Diese Frage stellte Bild-Reporter Paul Ronzheimer 2021 dem damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Olaf Scholz. Nein, wusste Scholz nicht und versuchte deshalb mit Ausführungen zu Sicherheitsregeln, derentwegen er selbst nicht tanken dürfte, von der Frage abzulenken. Und fügte hinzu: „Ich habe ja auch ein ganz ordentliches Einkommen, deswegen gehöre ich ja nicht zu den Leuten, die jetzt immer auf den letzten … die also ganz genau bei jedem Preis hingucken müssen, also da könnte ich ihnen viele Preise jetzt nicht konkret sagen.“
18. Christine Lambrecht wünscht ein schönes neues Jahr⬆ nach oben
Christine Lambrecht, damalige SPD-Verteidigungsministerin, hatte sich für ihre Neujahrsansprache zum Jahreswechsel 2022/23 eine ganz besondere Kulisse gesucht: Während schon die ersten Silvesterböller hinter ihr explodierten, sprach Lambrecht über „viele besondere Eindrücke“ und „Begegnungen mit interessanten und tollen Menschen“, die der Ukrainekrieg ihr beschert hatte. Das wirkte nicht nur taktlos, auch war Lambrecht aufgrund der Böllerei im Hintergrund kaum zu verstehen.
19. Günther Oettinger kann Denglisch⬆ nach oben
„In Tschörmäny, we häff a saying: Du not dschudsch se day before it is nait.“ So eröffnete der damalige EU-Kommissar Günther Oettinger (CDU) 2009 eine Rede bei einer Konferenz der New Yorker Columbia Universität in Berlin. Während der gut sechs Minuten dauernden Ansprache konnte sich keine:r im Publikum sicher sein, ob Oettinger jetzt eigentlich Deutsch oder Englisch sprach, eine Aufnahme der Rede ging später auf Youtube viral. Bei einer Rede vor Hamburger Unternehmern 2016 holte Oettinger dann zum Rundumschlag aus: Vertreter der chinesischen Regierung bezeichnete er als „Schlitzaugen“, ohne Frauenquote gäbe es auch keine Frauen in der Politik und bald würde ohnehin die „Pflicht-Homoehe“ kommen. Zumindest bei China entschuldigte sich Oettinger später, nachdem Jean-Claude Juncker, Präsident der EU-Kommission, ihn zurückgepfiffen hatte.
20. Neuland⬆ nach oben
Der 19. Juni 2013 ging in die Geschichte ein als der Tag, an dem Angela Merkel das Internet entdeckte. Während einer Pressekonferenz mit dem damaligen US-Präsidenten Barack Obama wurde Merkel nach dem US-Überwachungsprogramm Prism gefragt. Und sprach jene Worte, die sie bis heute noch als Meme, Laptop-Sticker und als allgemeine Chiffre der deutschen Digitalisierungsfeindlichkeit heimsuchen: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert