Manche Siege werden erst mit der Zeit sichtbar. Bei einem Abendessen im Jahr 2002 wurde die ehemalige britische Premierministerin Margaret Thatcher gefragt, was der größte Erfolg ihrer Amtszeit gewesen sei. Sie antwortete: „Tony Blair and New Labour.“ Die Konservative Thatcher hatte die politische Mitte so weit nach rechts verschoben, dass die sozialdemokratische Labour-Partei und ihr Premierminister Tony Blair Jahre später Thatchers Kernpositionen übernahmen.
Würde heute jemand den AfD-Ehrenvorsitzenden Alexander Gauland nach dem größten Erfolg seiner Partei fragen, würde er vielleicht antworten: Friedrich Merz und die Union. 2018 traute sich Merz (CDU) noch zu, die Werte der AfD halbieren zu können. Inzwischen ist er Bundeskanzler. Unter seiner Führung hat die Koalition die Migrationspolitik verschärft, das Bürgergeld reformiert und zahlreiche Projekte der Zivilgesellschaft auf den Prüfstand gestellt.
Trotzdem führt die AfD sämtliche Umfragen an. Das ist erschreckend, aber nicht überraschend: Politikwissenschaftler:innen warnen seit Jahren, dass die AfD bloß stärker wird, wenn man sie kopiert. Dahinter stecken drei Dynamiken, die die demokratischen Parteien oft verkennen.
Erstens: Parteien sind Eigentümer ihrer Themen⬆ nach oben
„Natürlich verdanken wir unseren Wiederaufstieg in erster Linie der Flüchtlingskrise“, sagte Alexander Gauland im Dezember 2015 dem Spiegel. „Man kann diese Krise ein Geschenk für uns nennen.“ Mehr als zehn Jahre sind seit seiner Aussage vergangen. Zehn Jahre, in denen die AfD mit ihrem Anti-Migrationskurs oft über lange Strecken den politischen Diskurs beherrschte.
Zuletzt dominierte das Thema monatelang den Bundestagswahlkampf 2025, vor allem nach dem Messerangriff in Aschaffenburg, bei dem ein 28-jähriger afghanischer Staatsbürger zwei Menschen ermordete. Dann, am 29. Januar 2025, beschlossen CDU/CSU mit Stimmen von AfD und FDP einen Antrag der Union, dessen Forderungen dem AfD-Wahlprogramm 2021 glichen: Die Inhaftierung von ausreisepflichtigen Asylbewerber:innen, „Bett, Brot und Seife“ anstatt Geld, dauerhafte Zurückweisungen an allen deutschen Grenzen.
Diesen Text gibt es wegen euch
Mich fragen Leser:innen regelmäßig, ob und wieso es der AfD nützt, wenn andere Parteien sie nachahmen. Deshalb gebe in diesem Text eine Antwort.
Jetzt, nach einem Jahr Schwarz-Rot, sind die Asylanträge 2025 im Vergleich zu 2024 um 51 Prozent gesunken. Laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gab es im Mai 2026 nur 5.556 neue Asylanträge, der niedrigste Monatswert seit 2012 und 30 Prozent weniger als im Vorjahr. Doch die Migrationspolitik der Koalition und die Rechtsausrichtung der Union haben die AfD keineswegs geschwächt, im Gegenteil. Das liegt an einer Dynamik, die in der Politikwissenschaft „Issue Ownership“ genannt wird: Parteien sind die „Eigentümer:innen“ bestimmter Themen. Normalerweise, weil sie diese besonders früh für sich vereinnahmt haben. Als in Deutschland viel über die Klimakrise gesprochen wurde, profitierten davon die Grünen. Ihnen „gehört“ das Thema, weil sie es von Anfang an zu ihrem Schwerpunkt gemacht haben.
Ähnlich ist es mit dem Thema Migration. Die AfD hat es für sich gepachtet. Wenn andere Parteien über das Thema sprechen, signalisiert das der Bevölkerung: Das scheint wichtig zu sein und die AfD hat es als erstes gefordert. Wenn andere ihre Positionen übernehmen, kann sie doch gar nicht so schlimm sein. Anstatt Wähler:innen zurückzugewinnen, stärkt die Übernahme rechter Positionen und Themen das Original. Und je mehr über AfD-Themen gesprochen wird, desto besser ist das für die Partei.
Das zeigt auch eine Studie von Werner Krause, Denis Cohen und Tarik Abou-Chadi aus dem Jahr 2022. Es gebe keinerlei Hinweise darauf, dass die Übernahme rechtsextremer Diskurse dazu führe, dass man Wähler:innen zurückgewinnen könne, schreiben die Politikwissenschaftler. „Unsere Ergebnisse deuten eher darauf hin, dass sie dazu führen, dass mehr Wähler zur radikalen Rechten überlaufen.“ Eine Untersuchung der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung von 2024 zeigt zudem, dass die AfD-Anhängerschaft die geringste Wechselbereitschaft hat. AfD-Anhänger:innen bleiben in der Regel bei der AfD. Sie wechseln eher nicht zur Union, wenn die Union verstärkt AfD-Positionen übernimmt.
Zweitens: Kopieren verschiebt das Overton-Fenster⬆ nach oben
Bezahlkarten statt Bargeld, Zurückweisungen an den Grenzen ohne Verfahren, verschärfte Haftregelungen: Deutschlands Migrationspolitik hat sich in den vergangenen zehn Jahren radikal verändert. Was 2015 noch als undenkbar galt, ist heute Realität und politisch konsensfähig. Nicht nur in rechten Parteien.
Diese neue Realität ist der Erfolg der AfD. Sie hat das sogenannte Overton-Fenster über Jahre verschoben. Das Konzept ist nach dem Politikwissenschaftler Joseph Overton benannt und beschreibt den Bereich politischer Ideen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt als gesellschaftlich akzeptabel und diskutierbar gelten. Alles, was innerhalb des „Fensterrahmens“ liegt, wird als denkbar und vernünftig akzeptiert. Alles, was außerhalb liegt, ist tabu. Dieses Fenster ist jedoch nicht fix, es verschiebt sich. Positionen, die heute als extrem gelten, können in Zukunft diskutabel oder vernünftig sein und anschließend sogar Regierungspolitik werden.
Genau das ist das Ziel rechtsextremer Akteur:innen. Sie wollen ihre Ideen und ihre Sprache salonfähig machen. Also arbeiten sie an der Verschiebung des Overton-Fensters. Das ist vor allem dann erfolgreich, wenn demokratische Parteien ihre Positionen und Forderungen übernehmen. Denn durch jede Wiederholung verschiebt sich das Zentrum des Sag-, Denk- und Machbaren ein kleines bisschen. Die schrittweise Normalisierung von Pushbacks, Lagern und Leistungsentzug für Schutzsuchende ist ein Lehrbuchbeispiel dafür: Was 2015 noch als Skandal galt, ist heute Koalitionsvertrag.
Der Erfolg der AfD ist dabei eine Falle, denn je erfolgreicher die Rechtspopulist:innen werden, desto größer ist die Versuchung für andere Parteien, ihre Positionen zu übernehmen. Sie glauben, dass sie so ihre Wähler:innen zurückgewinnen. Aber dadurch verschieben sie nur das Overton-Fenster.
Drittens: Kulturkampf heizt die Maschinerie des Populismus an⬆ nach oben
Rechtspopulisten arbeiten mit einer Strategie, die der Journalist Nils Markwardt treffend so zusammenfasst: „Polarisierung, die weitere Polarisierung nach sich zieht, die noch mehr Polarisierung erzeugt.“ Je mehr Konflikte es in der Gesellschaft gibt und je größer die allgemeine Aufregung ist, desto besser für die AfD. Denn das Ziel von Rechtspopulist:innen ist immer, die liberale Demokratie als nicht funktionsfähig darzustellen.
2025 wurde ein Strategiepapier der AfD öffentlich, in dem die Partei beschreibt, wie sie es ins Kanzleramt schaffen will. Auf der zehnten Seite steht unmissverständlich: „Schwarz-Rot spalten“ und „durch Polarisierung (…) SPD und Grüne nach links zwingen.“ In Bezug auf die Union heißt es: „die Angst vor Stimmverlusten an die AfD erhöhen.“
Die Debatten sollen feindseliger werden und die Gräben tiefer. Das klappt besonders gut mit Kulturkampf-Themen. Denn sie bespielen das kulturelle Themenfeld der Neuen Rechten und lassen sich ganz einfach als Problem großreden: Transpersonen, Gendersprache und vegetarische Kitas sind Vorboten des kulturellen Niedergangs der Deutschen, der mit aller Härte abgewendet werden muss.
Diese Strategie ist erfolgreich, weil sie jeden gesellschaftlichen Konflikt für sich vereinnahmen kann. So erfolgreich, dass manche Politiker:innen demokratischer Parteien glauben, sie sollten dem AfD-Vorbild folgen und Kulturkampf betreiben, um die eigene Agenda voranzutreiben. Doch das funktioniert nicht. Wer legitime Ziele mit schmutzigen Kampagnen, Grenzüberschreitungen und Hetze verfolgt, macht die Arbeit der AfD.
Das bedeutet nicht, dass man nicht über strengere Migrationsgesetze oder Kulturpolitik streiten darf. Die Demokratie braucht den Konservatismus. Aber wenn er die Strategien und Themen der Rechtspopulisten kopiert, sind die Konsequenzen vorhersehbar: Erst verschieben sich die Grenzen des Sagbaren. Dann versuchen die demokratischen Parteien, sich anzupassen. Sie übernehmen weitere AfD-Positionen und stärken das Original. Letztlich tritt eine endlose Schleife der Radikalisierung in Gang. Nicht der AfD, sondern der Gesamtbevölkerung.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert