Jeder, der in Geschichte aufgepasst hat, weiß: Wer Rechtsextremisten von der Regierung fernhalten will, braucht eine starke konservative Partei im Land. Und jeder, der die deutsche Politik auch nur aus der Ferne verfolgt, weiß, dass die konservative Partei hierzulande aktuell ziemliche Probleme hat.
Friedrich Merz ist laut einer Umfrage aktuell unbeliebter als die meisten anderen europäischen Regierungschef:innen. Die Koalition kündigt seit Monaten große Reformen an, die bislang auf sich warten lassen. Gleichzeitig führt die AfD die Umfragen an. Umfragedaten von Forsa legen jedoch nahe, dass die Union relativ wenige Wähler:innen an die AfD verliert. Die meisten Enttäuschten wollen gar nicht mehr wählen, vor allem jene, die sich selbst der politischen Mitte zuordnen. Deshalb wollten wir von den Krautreporter-Mitgliedern wissen, wie die Koalition diese Mitte zurückgewinnen kann. Knapp 200 Menschen haben uns ihre Meinung geschrieben.
Vorab: Viele halten die Frage selbst für falsch gestellt. Sie glauben, die Regierung könne die Mitte gar nicht mehr zurückgewinnen, solange das aktuelle Personal im Amt ist. Damit ist vor allem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) gemeint. Die Antworten zeigen aber auch, dass viele Menschen weiterhin erreichbar für die Koalition sind. Falls also jemand aus der Bundesregierung mitliest: Trauen Sie sich was. Die Krautreporter-Community ist bereit, Einschnitte und Zumutungen mitzutragen – unter bestimmten Umständen.
Erstens: Steuergerechtigkeit schaffen, um alle mitzunehmen⬆ nach oben
Ein Großteil der KR-Community fordert die Wiedereinführung der Vermögenssteuer, eine Reform der Erbschaftssteuer, Besteuerung von Kapitalerträgen und das Ende von Steuerschlupflöchern wie Cum-Ex. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern als Gerechtigkeitsvoraussetzung, ohne die alle anderen Reformen der Regierung unglaubwürdig bleiben.
KR-Leser Ingo fasst seinen Frust zusammen: „Bürgergeld kürzen geht sofort, eine Reichensteuer nicht. Renteneintritt nach hinten verschieben würde gehen, eine Erbschaftssteuer für Reiche nicht. Krankenkassenbeiträge erhöhen geht noch schneller. Beamte mit in die Versicherung aufzunehmen, nicht.“
Dass Steuergerechtigkeit für die Regierung kaum ein Thema ist, sorgt für Frust. Schließlich zeigen Umfragen, dass knapp zwei Drittel der Deutschen eine Wiedereinführung der Vermögenssteuer befürworten. Unter den Unions-Anhänger:innen sind es 62 Prozent, unter der SPD-Wählerschaft 84 Prozent. 61 Prozent aller Befragten fordern eine Erhöhung der Erbschaftssteuer auf hohe Erbschaften. Insgesamt halten es derzeit 81 Prozent der Befragten für ungerecht, wie der wirtschaftliche Wohlstand in Deutschland verteilt ist.
Ein KR-Leser fordert deshalb, „Reformpakete zu packen, die alle in die Verantwortung nehmen: Vermögenssteuer und Erhöhung des Spitzensteuersatzes gegen Einschnitte in Arbeitszeitgesetz und Pflichtdienst.“ Auch Einschnitte bei der Rente „wirken glaubwürdiger, wenn gleichzeitig auch Beamte und Politiker einbezogen werden.“
Zweitens: Auf Augenhöhe kommunizieren⬆ nach oben
Laut ARD-Deutschlandtrend sind 87 Prozent damit unzufrieden, wie die Regierung ihre Politik den Bürger:innen erklärt. Das ließe sich allerdings relativ leicht korrigieren und könnte viel verändern. „Ich möchte verstehen, weshalb etwas auf eine bestimmte Art gelöst werden soll“, schreibt KR-Leserin Karolina, „dann trage ich auch unangenehmere Dinge mit.“ Das ist keine Einzelmeinung. In der KR-Community würden viele Befragte unpopuläre Maßnahmen mittragen, wenn die Regierung sie ordentlich erklären und begründen würde.
Dahinter steht nicht der Wunsch nach einer besseren PR-Strategie der Koalition und inszenierter Harmonie. „Es geht mehr um eine Haltung gegenüber Menschen als um Inhalte“, schreibt eine Leserin. Sie wünscht sich, wie viele andere, eine Regierung, die ihre Entscheidungen erklärt, Fehler eingesteht, dazulernt und die Bevölkerung als gleichberechtigtes Gegenüber wahrnimmt. Die Koalition müsse „so mit den Leuten reden, dass sie sich ernstgenommen fühlen.“ Das bedeute nicht, „dass sie hören, was sie hören wollen, dass ihnen nichts zugemutet wird.“ Stattdessen solle die Regierung Probleme ehrlich ansprechen und darauf vertrauen, dass die Bevölkerung das auch verstehe.
Drittens: Symbolpolitik und Alltagsnähe für die Mitte schaffen⬆ nach oben
Symbolpolitik hat einen schlechten Ruf. Sie gilt als das Gegenteil ernsthafter Regierungsarbeit, die langfristige oder tiefgründige Veränderungen mit sich bringt. Dabei stiften Symbole Sinn. Sie bringen Menschen zusammen und schaffen so die Voraussetzung für gemeinsames Handeln.
Die Probleme sind überall: steigende Mieten, lange Wartezeiten bei Fachärzt:innen, baufällige Schulen, sinkende Kaufkraft. Deshalb fordert die KR-Community, die Regierung solle einerseits große Reformen angehen, andererseits kleine Veränderungen ermöglichen, die schnell sichtbar sind. Ein günstiges Deutschlandticket zum Beispiel ist Symbolpolitik, die die Mitte erreicht und so die Voraussetzung schafft, dass diese auch größere Reformen mitträgt, wie etwa eine bessere Kommunalfinanzierung und die Sanierung von Infrastruktur. Dinge, die den Alltag im Kleinen merklich verbessern und zeigen, dass die Politik präsent ist.
KR-Leserin Shirley stellt es sich so vor: „Die kaputte Straße, auf der man jeden Tag 30 Kilometer zur Arbeit pendelt, ist jetzt wieder schlaglochfrei. Die Schule der Kinder kann sich den neuen Volleyballplatz leisten. Wenn die Menschen merken, dass sich wirklich jemand darum kümmert, wie es ihnen ganz speziell geht – nicht den Wohlhabenden und Reichen –; dann gibt das ein Gefühl von ‚die kümmern sich um mich‘, das schafft Vertrauen.“
Viertens: Eine klare Haltung gegen die AfD zeigen⬆ nach oben
Als Friedrich Merz CDU-Vorsitzender wurde, glaubten große Teile seiner Partei, durch die Übernahme rechtspopulistischer Politik und Rhetorik ließe sich die AfD-Wählerschaft zurückgewinnen. Seither stellte die Union Anfang 2025 erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine Parlamentsmehrheit mit Rechtsextremisten her, ließ im Bundesfamilienministerium das Gendern verbieten und weist Asylsuchende seit Mai 2025 an den deutschen Grenzen zurück, obwohl das laut einem Beschluss des Verwaltungsgerichts Berlin rechtswidrig ist.
Merz versprach, die AfD zu halbieren. Jetzt führt sie sämtliche Umfragen an. Die KR-Community macht ihn dafür mitverantwortlich und fordert von der Koalition, sich von der AfD abzugrenzen. Nicht nur aus inhaltlichen oder moralischen Gründen, sondern auch strategisch: Wer die Themen der Rechtsextremisten kopiert, stärkt sie.
Ein KR-Leser schreibt, die Bundesregierung müsse „endlich eine eigene Agenda setzen, eigene Visionen entwickeln.“ Sie solle nicht „der AfD nach dem Mund reden und ihre Themen übernehmen und damit den Diskurs des Sagbaren ständig weiter nach Rechts verschieben.“
Fünftens: Eine positive Zukunftsvision geben⬆ nach oben
„Wir brauchen eine Regierung, die aus eigenen Kräften und eigener Überzeugung auf etwas zusteuert“, fordert KR-Leserin Mareike. Sie wünscht sich von der Regierung keine Rückwärtsgewandtheit, sondern Mut. Eine klare Vorstellung, wie Deutschland in zehn bis zwanzig Jahren aussehen soll. Statt Nostalgie und Schuldzuweisungen wünschen viele Menschen sich eine motivierende Erzählung, an der sich die Bevölkerung orientieren kann.
Dabei geht es nicht nur um die mittelfristige Zukunft, sondern auch um grundlegende Veränderungen. Um langfristige Updates für das politische System, an denen sich heute schon arbeiten lässt: mehr Bürgerräte, mehr kommunale Selbstverwaltung, Lobbyregulierung oder Transparenzpflichten. „Die politische Mitte gewinnt man nicht zurück, indem man einzelne Themen anders besetzt“, schreibt ein KR-Leser. „Man gewinnt sie zurück, indem man die Fähigkeit einer Gesellschaft stärkt, gute Lösungen hervorzubringen.“
Wer diese Forderungen liest, erkennt darin eine Sehnsucht. Eine Sehnsucht nach einer Demokratie, die nicht nur alle vier Jahre stattfindet. Die mutig ist und ihren Bürger:innen etwas zutraut. Das ist vielleicht der wichtigste Punkt, um die aktuelle Koalition zu retten: Die Antworten der KR-Community nehmen nicht nur die Regierung in die Pflicht, sondern auch die Regierten. Sie sind bereit dazu, Zumutungen mitzutragen, wenn sie sich als Teil eines Projekts fühlen. Sie wollen als Bürger:innen Verantwortung übernehmen. Wer so denkt, hat sich noch lange nicht von der Politik abgewandt.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey