Herr Hoffmann, Medien und Politik warnen seit Jahren vor Fachkräftemangel, Pflegekrise und dem Zusammenbruch des Rentensystems. Sie behaupten, eine alternde Gesellschaft sei „das Beste, was uns passieren kann“. Mögen Sie Filterkaffee und Kreuzworträtsel?
Was haben Sie gegen Filterkaffee? Die alternde Gesellschaft hat viele Vorteile. Sie funktioniert oft sehr gut, ist reich, hat einen ausgebauten Sozialstaat, eine funktionierende Verwaltung, ein hohes Bildungsniveau und hochqualifizierte Jobs. Jungen Ländern fehlt das alles. Schauen Sie sich Staaten wie Afghanistan, Nigeria oder Mali an. Alle sehr jung, aber wenig stabil und mit wesentlich weniger Wohlstand als Deutschland. Kinder bedeuten nicht automatisch Wohlstand, Bildung von Kindern bedeutet Wohlstand.
Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Angst vor dem demografischen Wandel Panikmache sei und seit über 100 Jahren existiere. Welche Horrorprognosen der Vergangenheit sind nicht eingetreten?
Eine Menge. 1932 hat der Statistikexperte Friedrich Burgdörfer, ein einflussreicher Fachmann, der damals das Bayerische Landesamt für Statistik leitete und später für die Nazis arbeitete, behauptet, Deutschland stünde eine „unausbleibliche Volksverminderung“ bevor, so dass Ende des 20. Jahrhunderts hierzulande nur noch 47 Millionen Menschen leben würden. Heute sind es knapp 84 Millionen.
In den siebziger Jahren erwartete das Bayerische Staatsministerium für Landesentwicklung und Umweltfragen, dass in Bayern in Zukunft nur noch vier Millionen Menschen leben würden, heute sind es 13 Millionen.
Andreas Hoffmann
Ist Wirtschaftsjournalist und berichtet seit vielen Jahren über Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftspolitik. Sein Sachbuch „Die erfundene Bedrohung: Wie die alternde Gesellschaft dramatisiert wird und wem das nützt“ erschien im Februar 2026 im Goldegg Verlag. | Foto: Gordon Welters
Das Statistische Bundesamt behauptete 2003, Deutschland würde schrumpfen; das sei „unausweichlich“, hieß es. Doch seit 2010 ist Deutschland um knapp 3,5 Millionen Menschen gewachsen.
Die Bundesagentur für Arbeit erwartete im Jahr 2011, dass bis 2025 etwa 6,4 Millionen Erwerbstätige fehlen würden. Doch allein die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze wuchs um über sieben Millionen auf knapp 35 Millionen.
Experten schätzten um die Jahrtausendwende, dass der Rentenbeitrag heute bei 27 oder 28 Prozent liegen würde. Er liegt bei 18,6 Prozent.
Alle diese Prognosen waren falsch, weil die Experten versuchten, die Gegenwart in die Zukunft fortzuschreiben. Die Zukunft ist aber keine fortgeschriebene Gegenwart.
Gibt es Ihrer Meinung nach Gründe, warum wir die Warnungen vor den Gefahren einer alternden und schrumpfenden Gesellschaft dieses Mal ernst nehmen sollten?
Ich weiß nicht, was die nächsten zehn Jahre bringen. Ich weiß aber, dass wir in den vergangenen 150 Jahren den demografischen Wandel sehr gut bewältigt haben und die Probleme größer waren. Denn die Menschen bekommen seit Mitte des 19. Jahrhunderts weniger Kinder und werden älter.
Im 20. Jahrhundert gab es zwei Weltkriege, im Ersten verloren etwa 3,3 Millionen Deutsche ihr Leben, im Zweiten etwa 6,5 Millionen, also knapp zehn Millionen Männer und Frauen, die keine Kinder bekommen haben. Das war ein riesiger demografischer Rückschlag. Und den haben wir weggesteckt. Zehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, im Jahr 1955, hatte Deutschland das höchste Wirtschaftswachstum aller Zeiten, und zwar mit knapp 53 Millionen Einwohnern.
Die Vergangenheit zeigt also, dass die Menschen mit dem demografischen Wandel ganz gut umgehen können. Natürlich weiß auch ich nicht, was die Zukunft bringt. Aber ich behaupte auch nicht, dass uns die Katastrophe droht. Die droht uns angeblich seit 100 Jahren.
Wenn das vermeintliche Problem gar nicht existiert, warum reden dann alle davon?
Ich sage nicht, dass es kein Problem gibt. Ich halte es nur für kleiner als viele Experten. Der demografische Wandel wird als Schreckgespenst benutzt, um den Leuten Zumutungen zu verkaufen.
Sie können den Leuten sagen: „Ja, das ist alles so schlimm mit der alternden Gesellschaft, wir müssen bei den Rentnern sparen.“ Oder: „Die Arbeitnehmer dürfen nicht mehr so viel fordern, jetzt müssen wir den Sozialstaat abbauen.“ Sie können den Frauen ein schlechtes Gewissen einreden und sagen: „Ihr habt zu wenig Kinder gekriegt und jetzt haben wir den Salat.“ Und die Banken und Versicherer sagen: „Ihr werdet im Alter unter der Brücke schlafen und müsst deswegen unsere Produkte kaufen.“ Diese sind aber meistens überteuert und bringen wenig. Der demografische Wandel ist äußerst praktisch für Politiker, Banken und Versicherer.
Wer profitiert konkret davon, diese Bedrohungsszenarien an die Wand zu malen?
Reiche, Unternehmer, konservative Politiker. Sie können ihre Interessen besser durchsetzen. Wer den Arbeitnehmern mehr Lasten auflädt, steigert die eigenen Gewinne. Dann sind da die Konservativen, die weniger Sozialstaat wollen und so dem Einzelnen mehr Verantwortung zuschieben können. Vermeintliche Experten freuen sich über Einladungen in Talkshows, Banken und Versicherer verkaufen leichter ihre Finanzprodukte. Es gibt viele Profiteure. Das Schreckgespenst ist deshalb so beliebt.
Werfen wir mal einen konkreten Blick auf die Zahlen: Zwischen 2030 und 2035 gehen die meisten Babyboomer in Rente und hinterlassen eine Lücke auf dem Arbeitsmarkt von jährlich rund 300.000 Leuten. Das ist eine enorme Zahl. Wieso glauben Sie, dass das kein Problem ist?
Wir haben in dieser Zeit etwa 46 bis 48 Millionen Erwerbstätige. Wir reden also über ein Prozent der Leute, die pro Jahr aus demografischen Gründen ersetzt werden müssen. In einem Betrieb mit 100 Leuten ist das ein einziger Beschäftigter. Das halte ich für kein großes Problem.
Aber der demografische Wandel wirkt sich ja nicht in jeder Branche und in allen Regionen Deutschlands gleich aus!
Natürlich nicht. Das heißt nicht, dass wir in einzelnen Branchen keinen Fachkräftemangel haben werden. Oder dass bestimmte Branchen, Handwerk, Gastronomie oder Pflege zum Beispiel, keine Probleme bekommen. Aber die Probleme haben andere Ursachen als den demografischen Wandel.
Zum Beispiel?
Viele Experten sagen: Die Menschen sollen länger arbeiten, um unser Rentensystem oder den Arbeitsmarkt zu retten. Stellen wir uns einen Hotelier auf Rügen vor. Angenommen, sein Hotel hat mehr Gäste, weil plötzlich alle Leute nach Rügen fahren wollen. Es fehlen Kellner, Servicepersonal, Köche. Was nützt es diesem Unternehmer, wenn die Bankmitarbeiterin in Frankfurt ein Jahr später in Rente geht und Kreditverträge prüft?
Es gibt noch ein weiteres Problem: Wenn auf Rügen Arbeitskräfte nötig sind, dann brauchen sie auch Unterkünfte, doch die Mieten sind hoch. Deswegen ist es nicht so einfach, Arbeitskräfte dorthin zu bekommen.
Was ich sagen will: Es gibt viele Faktoren, die regional, branchen- und berufsspezifisch ein Problem für den Arbeitsmarkt sein können. Aber das hat wenig mit Demografie zu tun. Das ist ein Managementproblem. Wir müssen die Arbeitnehmer und Arbeitgeber an verschiedenen Orten besser zusammenbringen.
Das klingt, als sei für den Arbeitsmarkt alles halb so schlimm. Aber Fakt ist: Es wird immer mehr Rentner geben. Und das wird teuer. Die sogenannte Haltelinie setzt das Rentenniveau auf 48 Prozent des aktuellen Durchschnittseinkommens in Deutschland fest. Die Junge Union hat ausgerechnet, dass die Festschreibung des Rentenniveaus für die 2030er Jahre rund 120 Milliarden Euro zusätzlich kostet. Das Ifo-Institut geht von rund zehn bis 15 Milliarden Euro jährlichen Zusatzkosten aus, insgesamt 145 Milliarden bis 2040.
Das sind diese Zahlenspiele, die die Leute abschrecken sollen, aber wenig mit der Realität zu tun haben. Nehmen wir an, Sie suchen eine Wohnung und wollen ungefähr 800 bis 850 Euro im Monat zahlen. Dann gehen Sie zum Vermieter und der sagt Ihnen: „Wenn Sie die Wohnung haben wollen, dann müssen Sie 200.000 Euro Miete bezahlen in den nächsten zwanzig Jahren.“ Da sagen Sie erst einmal: „Oh, das kann ich mir nicht leisten.“ Dann rechnen Sie nach, wie stark Sie es monatlich belastet und stellen fest: „Doch, das kann ich zahlen.“
Übertragen wir das auf die sogenannte Haltelinie: Wir sprechen von maximal 15 Milliarden Euro, die von 80 Millionen Steuerzahlern pro Jahr aufgebracht werden müssen. Das heißt, jeder Steuerzahler zahlt am Tag etwa 50 Cent. Geht man davon aus, dass junge Leute weniger verdienen und weniger konsumieren und so weniger Steuern zahlen, reden wir über 20, 30 Cent, die junge Leute pro Tag tragen, um das Rentenniveau stabil zu halten. Das halte ich nicht für ein Problem.
Diese über Jahrzehnte zusammengerechneten Zahlen sollen die Leute einschüchtern. Wir brauchen mehr Gelassenheit gegenüber dieser apokalyptischen Zahlenmystik.
Deutschland gibt nicht viel für die Rente aus, gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Wir liegen unter dem EU-Durchschnitt. Dänemark, Frankreich, Österreich geben mehr aus, und diese Gesellschaften haben, prozentual betrachtet, weniger Alte.
Wenn wir über die Rente sprechen, müssen wir aber auch über Pflege reden. Wer kümmert sich in 20 Jahren um die Pflegebedürftigen, wenn ein Fünftel der Geburtsjahrgänge ab Mitte der sechziger Jahre kinderlos ist und Pflegepersonal schon heute fehlt?
Die Probleme der Pflege sind größer als die der Rente. Es gibt auch in diesem Feld keine einfache Antwort, sondern mehrere. Die Kosten im Pflegefall sollten für die meisten Leute tragbar bleiben, doch bislang lässt die Politik die Älteren allein. Denn wenn sie im ersten Jahr für einen Heimplatz im Monat 3.400 Euro Eigenanteil zahlen, landen mehr Alte in der Grundsicherung, also der Sozialhilfe. Nötig wäre deshalb ein begrenzter Eigenanteil, von etwa 2.000 bis 2.500 Euro. Den Rest zahlen Kassen und Staat.
Es fließt auch keineswegs zu viel Geld in die Pflege. Wir könnten durchaus mehr ausgeben. Deutschland verwendet dafür nur 1,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, Dänemark, Schweden oder die Niederlande geben mehr aus, obwohl ihre Bevölkerung jünger ist. Und Japan auch.
Wir müssen weiter dafür sorgen, dass der Pflegeberuf attraktiv bleibt und genügend Menschen ihn ergreifen, was übrigens gar nicht so schlecht gelaufen ist. Seit der Jahrtausendwende hat sich die Zahl der Beschäftigten auf fast 1,3 Millionen Menschen verdoppelt. Und wir müssen es schaffen, dass die Älteren in ihrem Umfeld möglichst lange selbstständig bleiben, dass sie nicht vereinsamen und ihren Alltag bewältigen können, etwa auch über Betreuungsnetze.
Deutschland altert, aber es altert gesünder. Die heute 60-Jährige ist meist in einem viel besseren Gesundheitszustand als eine 60-Jährige vor 20 oder 30 Jahren. Denn im Gegensatz zu früher rauchen die Leute weniger, trinken seltener Alkohol und bewegen sich mehr.
Vielleicht brauchen wir auch einfach mehr Nachwuchs. Die Geburtenziffer ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm gesunken. Sie liegt aktuell bei 1,35 Kindern pro Frau. Die Zahl, damit Deutschland nicht schrumpft, liegt bei 2,1 Kindern pro Frau. Müssten wir vielleicht nicht einfach bessere Familienpolitik machen?
Geld zu verteilen, damit die Frauen mehr Kinder bekommen, bringt nicht viel. Das zeigen diverse Studien. Auch die Nazis hatten mit solchen Prämien wenig Erfolg, die Geburtenzahlen im Dritten Reich waren niedriger als in der Weimarer Republik. Dagegen hilft es etwas, wenn sich die Betreuungssituation verbessert.
Was können wir denn dann tun?
Es ist nicht entscheidend, die Zahl der Kinder zu fördern, sondern die Bildung der Kinder zu verbessern. Wir haben etwa 2,8 Millionen junge Leute zwischen 18 und 32 Jahren, die keine vernünftige Ausbildung haben, und um die sich keiner kümmert. Wenn der Staat es schaffen würde, einem Teil von ihnen eine gute Arbeit zu besorgen, hätten wir weniger Probleme bei Arbeitsmarkt und Rente.
Sie sagen also, dass nicht die Zahl der Kinder entscheidet, sondern deren Bildung. So weit, so gut. Aber welche anderen Hebel hat die Politik, um sich auf den Wandel der kommenden Jahre vorzubereiten?
Der Staat könnte einige Barrieren am Arbeitsmarkt abräumen. Viele Migranten würden arbeiten, dürfen es aber nicht, wegen diverser bürokratischer Vorschriften. Das können wir uns nicht leisten.
Mit einer besseren Kinderbetreuung würden auch mehr Frauen arbeiten. Und Ältere würden auch länger tätig sein, wenn sie nicht rausgedrängt werden. Wissen Sie, es gibt da diesen Widerspruch. Am Sonntag sagen die Arbeitgeber, dass die Älteren länger arbeiten sollen, und am Montag schmeißen sie die Älteren raus, weil sie als teuer und unflexibel gelten und nicht jeden Marketingspruch des jungen Chefs bejubeln.
Das müssen wir ändern. Wir brauchen flächendeckende Weiterbildungsangebote für Ältere und müssen uns überlegen, welche Jobs überhaupt für sie infrage kommen. Wer 70 Jahre alt ist, kann sicherlich nicht mehr auf der Baustelle arbeiten, aber vielleicht im Lager; nötig sind Jobs, die zum Alter passen, und die die Leute gerne machen. Arbeiten im Alter ist gut, weil es Teilhabe an der Gesellschaft und Selbstständigkeit bedeutet, aber es muss freiwillig bleiben. Nicht jeder kann oder will länger arbeiten. Das sollten wir berücksichtigen. Wir sind nicht alle gleich und werden 100 Jahre alt. Und den Arbeitsmarkt und die Rente retten wir damit sowieso nicht.
Die demografische Katastrophe ist vermutlich die erfolgreichste Fehlprognose des 20. und frühen 21. Jahrhunderts, sie hat Kriege, Krisen und Regierungswechsel überlebt. Der Historiker Thomas Bryant spricht von einer der „zählebigsten Kontinuitäten der deutschen Geschichte und Gegenwart“. Wir sollten endlich aufhören, uns selbst zu erschrecken.
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger