Darf ich es gut finden, wenn die Mullahs endlich verschwinden würden?⬆ nach oben
Viele Menschen spüren gerade zwei Dinge gleichzeitig, wenn sie auf den Iran-Krieg schauen: Einerseits sind sie erleichtert. Ein Mann, der für jahrzehntelange Unterdrückung und Gewalt gegen die iranische Bevölkerung steht, ist weg. Iraner:innen in Teheran tanzen vor Freude auf der Straße, auch Exiliraner:innen feiern den Tod des geistlichen Führers Ajatollah Ali Chamenei. Denn sie haben lange unter dem Regime der sogenannten Mullahs, der schiitischen Geistlichen, gelitten.
Andererseits kommt der Angriff von außen, von den USA und Israel, befohlen von US-Präsident Donald Trump und dem israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu. Ihr Krieg bricht mit dem Völkerrecht und den beiden Regierungschefs fehlt bislang eine klare Strategie für den Iran, der über die ersten Tage Bombardements hinausgeht.
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Beides kann aber gleichzeitig wahr sein: Du kannst froh sein, dass ein Unterdrücker verschwunden ist und trotzdem den militärischen Angriff verurteilen. Diese Gefühle schließen sich nicht aus. Die Iraner:innen brauchen weder Trump noch Netanjahu, um sich vom autoritär-religiösen Mullah-Regime zu befreien. Sie kämpfen seit Jahrzehnten selbst dafür, gegen Unterdrückung, für ihre Rechte und für demokratische Teilhabe.
Wie kann sich eine unbewaffnete Bevölkerung gegen das Regime und die Revolutionsgarden stellen, braucht es nicht Gewalt von außen?⬆ nach oben
Um diese Frage zu beantworten, muss man verstehen, was für ein Staat der Iran ist, warum das System so stabil wirkt und warum militärische Angriffe von außen trotzdem kaum zu demokratischem Wandel führen. Denn ein Regimewechsel lässt sich nicht allein durch das Ausschalten einzelner Führungspersonen erreichen.
Die Tötung des geistlichen Führers Ajatollah Ali Chamenei führte nicht, wie von vielen erhofft, automatisch zu einem Regimewechsel. Die Nachfolge ist bereits gesichert. Chameneis Sohn, Mojtaba Chamenei, übernimmt die Führung. Das bestätigt, wovor auch Iran-Experte Hessam Habibi vom Institut für Friedenssicherung und Konfliktmanagement (IFK) in Wien warnt: „Die Hauptfigur ist vielleicht weg, aber das System, das funktioniert, bleibt.“
Denn das politische System des Iran ist tief in Institutionen, Sicherheitsapparaten und religiösen Machtstrukturen verankert. Ein „Enthauptungsschlag“ gegen die Spitze des Systems verändert diese Strukturen nicht automatisch.
Gleichzeitig demonstrieren Iraner:innen seit über 100 Jahren für mehr Rechte. Schon während der konstitutionellen Revolution von 1906 erkämpften Bürger:innen erstmals eine Verfassung und ein Parlament. Später folgten Reformbewegungen während der „Weißen Revolution“ der 1960er Jahre und schließlich die Grüne Bewegung von 2009, bei der Millionen Menschen gegen Wahlbetrug und die Wiederwahl des neokonservativen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad protestierten.
Auch die Proteste nach dem Tod der 22-jährigen Kurdin Mahsa Amini im Jahr 2022 mobilisierten landesweit Menschen unter dem Motto „Jin, Jiyan, Azadî – Frau, Leben, Freiheit“. Die Journalistin und Nahost-Expertin Gilda Sahebi schrieb damals über die Entschlossenheit der jungen Protestbewegung und darüber, dass viele Iraner:innen ihren Kampf für Freiheit trotz massiver Repression nicht aufgeben.
Auch die politikwissenschaftliche Forschung beschreibt diese Dynamik: Ali Gheissari und Vali Nasr sprechen in ihrem Buch „Democracy in Iran: History and the Quest for Liberty“ von einer „doppelten Staatlichkeit“, die seit der Islamischen Revolution von 1979 existiert: starke staatliche Machtstrukturen einerseits, wachsende demokratische Orientierung in der Gesellschaft andererseits.
Demokratische Werte entwickeln sich im Iran seit jeher von unten. Reformversuche innerhalb des Systems seien laut Iran-Experte Habibi in den vergangenen Jahrzehnten mehrfach gescheitert und gewaltsam unterdrückt worden. „Das ist der Grund, warum Menschen im Iran immer radikaler geworden sind und sich einen grundlegenden Regimewechsel wünschen“, so Habibi. Die Geschichte zeigt also: Politischer Wandel im Iran kommt selten von oben und fast nie von außen. Er wächst aus der Gesellschaft selbst.
Was für ein System ist das eigentlich? Ist der Iran eine Diktatur?⬆ nach oben
Die kurze Antwort: Jein.
Anders als typische Diktaturen wie Nordkorea, China oder das Naziregime unter Hitler weist das politische System Irans nicht nur autoritäre Strukturen auf. Trotzdem ist es auch kein demokratischer Rechtsstaat.
Dieses Spannungsverhältnis macht es schwer, den Iran nach den klassischen westlichen Maßstäben von Demokratie und Diktatur einzuordnen. Viele Politikwissenschaftler:innen, darunter auch Habibi, beschreiben die Islamische Republik daher als republikanische Theokratie. Diese Staatsform zeichnet sich durch die Kombination demokratisch-legitimierter Institutionen, wie Parlament und Wahlen, mit einer darüberstehenden autoritär-religiösen Herrschaft aus. Das politische System Irans bildet damit ein weltweit einzigartiges hybrides Regime.
Der Konfliktforscher Habibi identifiziert ein grundlegendes Spannungsverhältnis im politischen System des Irans: „Es gibt im Iran zwar regelmäßige Wahlen, aber kein wirklich partizipatives System. Kandidaten werden vor der Wahl vom Wächterrat geprüft. Der Rat entscheidet, ob jemand politisch, ideologisch und auch familiär zum System passt oder nicht. Letztlich muss jede politische Entwicklung mit der Autorität des religiösen Obersten Führers vereinbar sein.“
Ist der Iran also schon demokratischer, als viele denken?⬆ nach oben
Ein Blick auf die Geschichte des politischen Systems zeigt, warum diese Frage so schwer zu beantworten ist: Nach dem Sturz der Monarchie unter Schah (persisch für „König“) Reza Pahlavi durch die Islamische Revolution 1979 nennt sich der Iran offiziell „Islamische Republik“. Rund 61 Millionen wahlberechtigte Iraner:innen (Stand: 2024) können regelmäßig an Wahlen teilnehmen. Alle vier Jahre wird der Präsident gewählt, ebenso das Parlament. Auch der Expertenrat, ein Gremium aus 88 Geistlichen, das den Revolutionsführer bestimmt und überwacht, wird alle acht Jahre gewählt.
Auf den ersten Blick wirkt das wie ein demokratisches System mit Wahlen und Kontrollmechanismen. Aber was auf einem demokratischen Fundament fußt, äußert sich de facto in einem theokratisch-autoritären System. Trotz formaler Beteiligungsrechte ist die Macht im Iran stark zentralisiert und religiös dominiert. Der Iran-Experte Habibi beschreibt das System deshalb als „Electoral Authoritarianism“, einen Autoritarismus, der sich durch Wahlen legitimiert.
Auch der geringe Einfluss, den der aktuelle Präsident Irans Massud Peseschkian auf die Außen- oder Sicherheitspolitik hat, zeigt, dass demokratische Institutionen nur einen partizipativen Schein wahren sollen, wie Habibi im Interview betont: „Von der Fassade, von außen, sieht das alles ziemlich professionell, fast demokratisch aus. Aber die Kontrolle von oben ist wirklich massiv.“ Kürzlich kündigte Peseschkian die Beendigung der militärischen Angriffe gegen die Nachbarstaaten an. Wie aus aktuellen Berichten des Tagesspiegel hervorgeht, geht der Beschuss gegen die Golfstaaten jedoch weiter. Gegen den geistlichen Führer und Oberbefehlshaber über die Revolutionsgarden, kann sich der Präsident nicht durchsetzen.
Auf die Frage, ob der Iran demokratischer ist, als viele denken, antwortet Hessam Habibi: „Wenn wir Demokratie mit unserem europäischen Verständnis messen, dann ist der Iran keine Demokratie. Historisch betrachtet hat der Iran jedoch eine lange Tradition von Verfassungsbewegungen. Die konstitutionelle Revolution war der erste Versuch, einen Staat nach Rechtsstaatlichkeit aufzubauen. Diese historischen Versuche bilden die Basis für Demokratie im Iran.“ Die aktuelle Situation jedoch und vor allem die Entwicklungen in den vergangenen zehn bis 15 Jahren würden einen autoritären Staat zeigen.
Wie kann Demokratie im Iran erreicht werden?⬆ nach oben
Die Frage nach einem möglichen Regimewechsel prägt seit den Angriffen der USA und Israels auf den Iran die Debatte. Viele hoffen, dass die gezielten Angriffe auf die iranische Führung das Ende des Systems und damit einen demokratischen Neuanfang einleiten könnten. In der Umfrage stellten auch viele KR-Leser:innen die Frage danach, wie wahrscheinlich ein demokratischer Wandel für den Iran derzeit ist.
Habibi hält diese Erwartungen jedoch für unrealistisch. Insbesondere Trumps Vorschlag, kurdische Milizen im Nordirak zu bewaffnen, um einen Regimesturz im Iran zu erzwingen, sieht der Iran-Experte kritisch: „Demokratie kann nicht mit Waffen erreicht werden.“ Viele Kurd:innen im Iran wüssten aus Erfahrung, dass Kämpfe gegen zentrale Regierungen für sie oft schlecht enden, zuletzt habe sich das vor einigen Wochen in Syrien gezeigt. Außerdem warnt Habibi vor einer weiteren Eskalation im Nahen Osten durch den Einbezug kurdischer Gruppen: „Ein erfolgreicher kurdischer Aufstand im Iran könnte die Türkei als Sicherheitsbedrohung einstufen, was zu einer Einmischung der Türkei oder sogar militärischen Angriffen von außen führen und den Konflikt noch weiter eskalieren lassen könnte.“
Auf die Frage, wie Demokratie im Iran erreicht werden könnte, antwortet Habibi: „Die einzige Hoffnung sei derzeit, dass innerhalb des Systems einige versuchen, die Sicherheitskräfte davon zu überzeugen, den Krieg zu stoppen, bevor man auf der Verliererseite landet, und so letztlich grundlegende Veränderungen zu ermöglichen.“
Aber im Land scheint die Stimmung zu kippen. Haben Iraner:innen die Angriffe zunächst begrüßt, verurteilen sie sie jetzt angesichts der Zerstörung, berichtet die Financial Times. Ein Massenaufstand wird so unwahrscheinlicher.
Wollen die Iraner:innen überhaupt Demokratie, oder ist das eine westliche Projektion?⬆ nach oben
Ein Großteil der Iraner:innen selbst befürwortet eine demokratische Regierung: 89 Prozent sprechen sich dafür aus, wie Ergebnisse der Studie des unabhängigen Forschungsinstituts GAMAAN aus dem Jahr 2024 zeigen, also vor dem jüngsten Angriff der USA und Israels und dem Ausbruch des Krieges. Diese Zahlen müssen aber in ihrem Kontext interpretiert werden: Unabhängige Umfragen sind im Iran kaum möglich, und das GAMAAN-Institut gilt als oppositionell. Die Zahlen bestätigen aber, was wir seit Jahrzehnten immer wieder auf den Straßen Teherans sehen: große Unzufriedenheit mit der Regierung.
Was laut Habibi in der westlichen Auseinandersetzung über einen demokratischen Neuanfang jedoch oft zu kurz kommt: „Der Iran ist ein Vielvölkerstaat.“ Er besteht aus mehreren ethnischen und konfessionellen Gruppen. Etwa 20 Prozent der iranischen Bevölkerung sind Sunnit:innen: „Und die sind sehr wichtig in der Innenpolitik im Iran. Allerdings wurden sie auch sehr lange unterdrückt.“
Denn das iranische Regime ist seit der Islamischen Revolution von 1979 vom schiitischen Islam dominiert. Die Schia ist eine der beiden Hauptströmungen im muslimischen Glauben. Weltweit gehören etwa 15 Prozent der Muslim:innen zur Schia, die Mehrheit bilden Sunnit:innen. Die jahrhundertealte Spaltung zwischen Schiit:innen und Sunnit:innen entbrannte darüber, wer die muslimische Gemeinschaft führen und die Nachfolge des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert antreten sollte. Noch heute gehen Konflikte im Nahen Osten oft auf den Religionskonflikt zwischen diesen beiden Gruppen zurück. Der Iran als schiitisch regierter Staat und verbündete Gruppen wie die schiitische Hisbollah-Miliz im Libanon stehen sunnitisch dominierten Staaten wie Saudi-Arabien gegenüber.
Auch die Politikwissenschaftlerin Salma Al Refaei kritisiert die eurozentrische Sichtweise: Der Iran sei weniger homogen als viele denken. Das Land ist ethnisch, religiös und kulturell sehr vielfältig. Neben der persischen Mehrheit leben Kurd:innen, Aserbaidschaner:innen, Araber:innen, Belutsch:innen und Turkmen:innen im Land. Religiös reicht das Spektrum von schiitischen und sunnitischen Muslim:innen über Christ:innen, Jüd:innen und Zoroastrier:innen (Anhänger:innen der altpersischen Religion Zarathustras), die das konfessionelle Mosaik des Landes ergänzen. Diese Vielfalt prägt auch politische Vorstellungen über die Zukunft des Landes. Deshalb greift die Vorstellung zu kurz, „die Iraner:innen“ hätten eine einheitliche politische Vision oder strebten automatisch ein westliches Demokratiemodell an.
„Und egal, was für die Zukunft des Irans geplant ist, im Iran oder im Ausland, diese ethnische und religiöse Diversität muss reflektiert werden. Sonst kommt es schnell wieder zu Unterdrückung ethnischer und religiöser Minderheiten und infolgedessen zu Konflikten und politischer Instabilität“, betont Habibi im Interview.
Gibt es eine ernstzunehmende Opposition im Iran?⬆ nach oben
Kurz gesagt: Nicht wirklich, jedenfalls keine, die landesweite Proteste koordinieren oder einen Regimewechsel durchsetzen könnte. Es gibt massive gesellschaftliche Oppositionen und eine starke gesellschaftliche Unzufriedenheit. Aber trotzdem bleibt die Opposition fragmentiert und führungslos.
Sie ist geprägt von ethnischen Bewegungen, monarchistischen Kräfte, linken Gruppen, progressiven muslimischen Strömungen und den Volksmudschahedin (MEK), die alle unterschiedliche Ideologien verfolgen. Sie sind nicht in der Lage, die Unzufriedenheit der Bevölkerung in politische Macht zu übersetzen.
Laut aktuellen Think-Tank-Analysen und Forschungsberichten waren die Proteste von 2025/26 eher Ausdruck einer breiten gesellschaftlichen Unzufriedenheit, nicht das Werk einer organisierten Oppositionsführung. Die Bewegung vereinte Arbeiter:innen, Studierende, Basarhändler:innen und Aktivist:innen, blieb jedoch ohne zentrale Struktur und ist dadurch politisch nicht wirklich handlungsfähig.
Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg von der Stiftung Wissenschaft und Politik betont in seiner Analyse, dass es weder im Inland noch im Exil eine ernst zu nehmende, organisierte Opposition gebe. Selbst bekannte Exilfiguren wie der Prinz und Sohn des Schah, Reza Pahlavi, verfügten innerhalb des Landes praktisch über keine Machtbasis. Die Fragmentierung der Opposition stabilisiere das System, während der Sicherheitsapparat koordinierte Gegenbewegungen systematisch unterdrücke.
Welches Szenario ist am wahrscheinlichsten, wie Iran weiter regiert wird?⬆ nach oben
Der Iran wird voraussichtlich weiterhin von einem autoritären, schiitisch geprägten Regime regiert, auch nach dem Tod von Ajatollah Ali Chamenei. Die Nachfolge durch seinen Sohn Mojtaba Chamenei zeigt, dass das bestehende System tief in Institutionen, Sicherheitsapparaten und religiösen Machtstrukturen verankert ist. Ein abruptes Umsturzszenario oder ein durch äußere Gewalt herbeigeführter Regimewechsel ist daher eher unwahrscheinlich.
Denn das iranische Regime setzt stark auf ein zentralisiertes Staatsverständnis: Persische Sprache (Farsi), schiitischer Glaube und eine einheitliche politische Erzählung dominieren, während ethnische und religiöse Minderheiten oft ausgeschlossen werden.
Aber trotz autoritärer Strukturen verdeutlichen die wiederkehrenden Proteste: Politische Teilhabe und demokratische Werte sind tief in der Bevölkerung verankert. Selbst, wenn sich das Regime nach dem Krieg stabilisiert, wird es weiter wackeln. Die Unzufriedenheit in der Bevölkerung wird nicht verschwinden.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer