Ich erfülle ein Klischee. Das von den Yuppies, die aufs Land ziehen, sobald sie Kinder bekommen. Ich bin Mitte 30, Klimajournalistin und vor zwei Jahren mit meiner Kleinfamilie von Berlin in ein bayerisches Dorf umgesiedelt. Ich wollte, dass meine Töchter in der Natur aufwachsen. So wie ich, niedersächsisches Dorfkind. Wenn ich an meine Kindheit denke, fühle ich den warmen Asphalt der Landstraße unter meinen nackten Füßen, sehe das Kornfeld samtig im Wind fließen, schmecke die frischen Haselnüsse, die wir am Wegrand gefunden und direkt geknackt haben. Mit dem Hund bin ich losgezogen, zwischen die Felder. Und habe mich zuhause gefühlt.
Die Alpenlandschaft fühlt sich nun sogar an wie ein Upgrade. Das ist verdammt privilegiert und der Rückzug in die „heile Welt“ ist von hier auch nicht weit. Doch dieser Teil des Klischees widerstrebt mir. Mein Wunsch, dass meine Kinder sich der Natur nah fühlen, ist in meinen Augen politisch.
Naturverbundenheit ist etwas, das uns als Gesellschaft abhanden kommt. Und das sollte uns Sorgen machen. Ich selbst lebe gedanklich wahrscheinlich mehr im Internet, als in der Landschaft, die mich umgibt. Doch egal wie sehr wir uns digitalisieren, unser Überleben hängt von „dem da draußen“ ab. Von fruchtbaren Böden und bestäubenden Insekten, die unsere Ernährung sicherstellen, intakten Wäldern, Mooren und Meeren, die unseren Treibhausgasausstoß abfedern, dem ganzen diversen Geflecht von Pflanzen und Tieren, ohne dass wir schlicht nicht überleben könnten.
Wie kann man also die verlorene Naturverbundenheit wiederherstellen? Dafür habe ich mit einem Professor für Mensch-Natur-Verbundenheit gesprochen, die Krautreporter-Community befragt und ein Projekt verfolgt, das dafür sorgt, dass ich mein Handy weglege.
Die Naturverbundenheit nimmt seit Jahrzehnten ab⬆ nach oben
Jahrtausendelang war der Mensch ein Teil der Natur. Im Überlebenskampf, das muss man nicht romantisieren. Aber die Idee, dass der Mensch etwas anderes sein könnte als Natur, kam erst vor circa 500 Jahren auf. In der Renaissance der westlichen Welt. Der französische Philosoph und Naturwissenschaftler René Descartes etablierte das Verständnis, wir Menschen seien etwas Besonderes, weil wir ein Bewusstsein haben. Hier begann die gedankliche Trennung, die Entfremdung von der Natur. Spätestens in den letzten 200 Jahren, seit der Industrialisierung, hat die Naturverbundenheit in unserer Gesellschaft stark abgenommen.
Naturverbundenheit ist ein Konzept aus der Psychologie. Man will damit messen, wie nah sich ein Individuum der Natur fühlt. Das zu messen, ist gar nicht so einfach. Forscher:innen fragen zum Beispiel, wie sehr jemand die Natur und ihre Schönheit genießt. Wie wichtig sie ihm ist, ob er sich als Teil der Natur fühlt und ob er die Natur mit Respekt behandelt. Am Ende erhält man also subjektive Werte. Eine Gruppe britischer Wissenschaftler:innen um Miles Richardson hat eine Formel entwickelt, wie man diese subjektiven Antworten in einen Naturverbundenheitsindex übersetzen kann. Eine Skala von 1 bis 100, wobei 100 restlos naturverbunden bedeutet, der Zustand eines gerade geborenen Babys. Diese Zahl ist offensichtlich schwer erreichbar. Eine Umfrage unter knapp 3.600 Engländer:innen ergab im Mittel einen Wert von 61.
Natürlich ist das nur ein Indikator von vielen, das Phänomen viel komplexer. Richardson schaut sich als Professor für „Mensch-Natur-Verbundenheit“ an der Universität von Derby alle möglichen Zusammenhänge an. Er sagt: Um zu verstehen, warum die Naturverbundenheit sinkt, müssen wir weniger auf der Ebene von Individuen suchen, sondern eher auf Veränderungen in unserer Kultur schauen, die von Wissenschaft und Industrie vorangetrieben werden. „Ein Beispiel für so eine kulturelle Veränderung ist die Urbanisierung“, sagt Richardson. „Im Zuge der Industrialisierung wurden Fabriken gebaut und die Menschen sind zu diesen Fabriken gezogen, aus einer ländlichen Umgebung in eine städtische.“
Auf den ersten Blick gibt es in der Stadt weniger Natur als auf dem Land. Denn, um den Begriff nochmal zu definieren, „Natur“ sind Pflanzen, Tiere, Ökosysteme, die nicht vom Menschen gesät, gezüchtet oder geschaffen wurden. Jedoch geht auch auf dem Land durch Landwirtschaft und die Ausbreitung von menschlichen Siedlungen und Straßen immer mehr Natur verloren. Wiederum lässt sich Naturverbundenheit auch in der Stadt praktizieren. Historisch und gesamtgesellschaftlich gesehen hat uns der Trend der Urbanisierung jedoch ein großes Stück von der Natur entfernt.
Was auf dem Spiel steht⬆ nach oben
Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einer hohen Naturverbundenheit psychisch gesünder sind. Sie erleben tendenziell mehr positive Gefühle, Vitalität und Lebenszufriedenheit als Menschen mit einer geringeren Verbindung zur Natur. Und nicht nur das: Sie handeln auch eher umweltfreundlich.
Sinkt die Naturverbundenheit, sinkt auch die Bereitschaft, unsere Umwelt auf diesem Planeten zu schützen. Im schlimmsten Fall ist es uns egal, wenn Arten aussterben oder Lebensräume zerstört werden. Das passiert ja bereits. Gesamtgesellschaftlich unternehmen wir viel zu wenig, um den Verlust der Artenvielfalt aufzuhalten. Dabei hat zum Beispiel das Insektensterben unmittelbare Auswirkungen auf uns Menschen. Stichwort Nahrungssicherheit. Und damit stehen langfristig auch unsere Lebensgrundlagen auf dem Spiel.
Das Ganze ist für mich, das gebe ich zu, auch moralisch aufgeladen. Es gibt ein Meme, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht, seit ich es auf Social Media gesehen habe.
https://debeste.de/45867/Benenne-diese-Marken
Ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten Menschen, die ich kenne, alle Marken benennen könnten und bei den Blättern Schwierigkeiten hätten. Mich macht das traurig. Ich finde, es sollte anders sein!
Ich würde gerne die Namen aller Bäume kennen und endlich den Gesang einer Kohlmeise von dem eines Rotkehlchens unterscheiden können. Für mein Gehirn dürfte das kein Problem sein, es kann sich ja auch all die Markennamen merken. Warum also sind wir solche Natur-Analphabet:innen?
Natur steht in Konkurrenz mit dem Bildschirm⬆ nach oben
Die Antwort ist klar: unser Lebensalltag. Wir merken uns das, was wir täglich sehen und „gebrauchen“. Das, worüber gesprochen wird, was in der Werbung vorkommt. „Im Kampf um die Aufmerksamkeit hat die Natur kein Werbebudget“, sagte Miles Richardson von der Universität Derby 2024 dem Guardian. Unsere Aufmerksamkeit richtet sich auf Bildschirme. Die Hälfte der 15-Jährigen verbringt 30 Stunden pro Woche an digitalen Geräten. Eine hohe Verweildauer auf Social Media kann negative Folgen für die mentale Gesundheit haben.
Ausgerechnet bei Teenager:innen bricht die Naturverbundenheit ein, auch das zeigt Richardsons Forschung. Das ist erwartbar angesichts der digitalen Verführungen. Und es wurde auch von den Krautreporter-Mitgliedern benannt. In einer Umfrage habe ich die KR-Community gefragt, was es erschwert, Kindern Natur nahe zu bringen. Dabei gab es zahlreiche Antworten wie: „Pubertät, Handy, PC“, oder: „Die Natur steht in Konkurrenz zur Spielekonsole.“ Auch hier liefert Miles Richardson konkrete Zahlen: Der Naturverbundenheitsindex von 7- bis 9-Jährigen liegt bei 64. Bei 13- bis 15-Jährigen liegt er am niedrigsten, bei 47, und „erholt“ sich erst in den Dreißigern wieder auf das Kleinkindniveau.
Eine Skala von 1 bis 100, wobei 100 restlos naturverbunden bedeutet, der Zustand eines gerade geborenen Babys. Diese Zahl ist offensichtlich schwer erreichbar. Eine Umfrage unter knapp 3.600 Engländer:innen ergab im Mittel einen Wert von 61. | Natural England, Monitor of Engagement with the Natural Environment, 2020
Naturverbundenheit wird Kindern abtrainiert⬆ nach oben
„Egal, wo man auf dem Planeten schaut, Babys sind am Anfang alle gleich naturverbunden. Der erste Tag als Baby ist wahrscheinlich der naturverbundendste Moment, den wir in unserer Existenz erleben“, sagt Richardson. Im Laufe der Kindheit und Jugend verändere sich die Beziehung zur Natur, abhängig von der Kultur, Spiritualität und Technologie, die einen umgebe. „In vielen Ländern wird uns die enge Beziehung zur Natur abtrainiert.“ Man muss sich nur überlegen, wie der Alltag der meisten Jugendlichen aussieht. Von zuhause geht es im geschlossenen Verkehrsmittel zum Schulgebäude, von dort vielleicht in die Mall oder das Fitnessstudio und wieder nach Hause. Immer mit dem Handy in der Hand und wenig Aufmerksamkeit für die direkte Umgebung.
In einem Ranking von 61 Ländern, das Richardson und Kollegen im vergangenen Jahr veröffentlicht haben, liegt Deutschland auf Platz 58. Die größte Verbindung zur Natur haben demnach Menschen in Nepal, Iran und Südafrika. In Deutschland ist sie in den letzten Jahren immerhin wieder angestiegen. Aus der Naturbewusstseinsstudie, die das Bundesamt für Naturschutz alle zwei Jahre erstellt, geht hervor: Für mehr als ein Drittel der Erwachsenen ist die persönliche Bedeutung für Natur in Zeiten von Corona gestiegen.
Ein einzelner Baum kann reichen⬆ nach oben
Was mir aus der Forschung von Miles Richardson besonders hängen geblieben ist: Für unsere mentale Gesundheit ist nicht die Menge an Stadtgrün oder Bäumen das Wichtigste, sondern wie wir über sie denken, welche Beziehung wir zu ihnen haben. Dabei hatte ich sofort die Kastanie vor Augen, die auf dem Hof der Grundschule unseres bayerischen Örtchens stand. Um sie herum ein Kreis von Bänken, davor meistens parkende Autos. Bis der Baum auf einmal weg war, abgesägt, wegen eines feinen Risses. Eine Vorsichtsmaßnahme. Alle waren traurig. Glaubt mir, bei jeder Begegnung, die ich in den Tagen danach auf dem Schulhof hatte, haben wir über die Kastanie gesprochen. Wie schön sie war, wie viele Kastanien man im Herbst unter ihr sammeln konnte, warum sie wegmusste und dass hoffentlich ein neuer Baum an ihre Stelle gepflanzt wird.
Der Witz ist: An der Straße neben der Schule stehen etliche andere Bäume und es sind keine 50 Meter bis in den nächsten Wald. An „Grün“ mangelt es in unserem Ort wirklich nicht. Die Menschen hatten einfach eine Verbindung zu dieser einen Kastanie.
Das denkt die KR-Community⬆ nach oben
Wir haben euch gefragt: „Findest du es wichtig, dass dein Kind Zeit in der Natur verbringt?“ 175 von 177 Teilnehmenden der Umfrage haben „Ja“ geantwortet. Und zwei Drittel der Befragten leben in der Stadt. Also haben wir gefragt: „Wie sorgst du dafür, dass dein Kind naturverbunden aufwächst und Zeit in der Natur verbringt?“ Hier sind einige der Antworten.
Alina schreibt: „Wir gehen oft auf dem Heimweg vom Kindergarten in den Wald – in ein kleines Waldstück am Weg, nicht lange und ganz ohne Programm. Die Kinder wissen sich selbst zu beschäftigen: Stöcke sammeln, Käfer beobachten usw. Dadurch dass wir regelmäßig am gleichen Ort sind, können wir auch viele Veränderungen beobachten, quasi den Blumen beim Wachsen zuschauen. Das ist toll und eine wichtige Lernerfahrung.“
Alex schreibt: „Ich versuche, Körperliches mit Kognitivem zu verbinden. Etwa indem ich darauf hinweise, schau dir die schönen Blüten an, sollen wir an einer riechen? Das ist ein früh blühender Baum. Guck mal da drüben, der hat noch keine Blätter.“
Lara schreibt: „Barfuß durchs Gras laufen, den Himmel beobachten, Wolkenbilder und Regenbögen sehen und bewundern geht alles auch in der Stadt. Ebenso wie die Jahreszeiten beobachten, die Vögel hören und im Sommer auf einer Wiese liegen und gucken, was drin kreucht.“
Außerdem fielen oft die Begriffe „Wald“, „Waldkindergarten“ und „Garten“. Es scheint nicht an dem Wissen zu mangeln, sondern an der Umsetzung. Neben der Herausforderung mit den Handys wurde auch oft genannt: „fehlende Zeit“ oder „der stressige Alltag“.
Ein neues Projekt soll Kinder motivieren, mehr Natur zu erfahren⬆ nach oben
Ich kenne die Herausforderungen alle gut. Manchmal stehe ich überfordert irgendwo in der Wohnung, habe eigentlich tausend Dinge zu tun und öffne erstmal alle möglichen Social-Media-Apps. Statt auf den Balkon zu gehen und einmal tief durchzuatmen. Und jetzt kommt noch ein Witz: Scrolle ich durch meinen Instagram-Feed, sehe ich Kinder mit Hühnern, Mütter, die einen eigenen Garten pflegen und Frauen, die als Seegras verkleidet durch ein Aquarium tanzen. Die Plattform kennt meine Sehnsucht nach Natur. Aber sie will, dass ich am Handy bleibe.
Umso bemerkenswerter finde ich ein Projekt, das es seit dem 7. April 2026 gibt: den Earthling Kids Club. Als Mitglied bekommst du jede Woche ein Aufgabenblatt zum Ausdrucken. Es soll dein Kind dazu anregen, Natur zu erfahren. „Earthling Kids Club möchte unsere Entdeckungsreisen von Bildschirmen in die lebendige Welt verlagern: in Hinterhöfe, auf Gehwege, in Küchen, auf Fensterbänke, unter den weiten Himmel und zu Insekten“, schreibt Bonnie Wright, die den Club initiiert hat. Ihr Name sagt wahrscheinlich kaum jemandem etwas, aber wer sie sieht, wird sie erkennen, als Schauspielerin von Ginny Weasley in den Harry-Potter-Filmen.
Wright ist schon lange als Botschafterin für Greenpeace unterwegs und hat 2022 das Buch „Go Gently“ mit Tipps für ein nachhaltiges Leben veröffentlicht. 2023 wurde sie Mutter und letzten Herbst rief sie das Projekt „Hello Earthling“ ins Leben. Das erklärte Ziel: eine Community aufbauen und „kleine Übungen und konkrete Hilfsmittel anbieten, die uns dabei helfen, die Verbindung zur Natur im alltäglichen Familienleben aufrechtzuerhalten.“ Hat mich abgeholt! Und ihr Instagram-Account schafft es entgegen der Plattformlogik regelmäßig, dass ich das Handy weglegen und rausgehen möchte.
Wright hat von Anfang an Wert auf einen niedrigschwelligen Zugang zur Natur gelegt. Tauglich für einen Alltag mit Kleinkindern, wo die großen Pläne manchmal schon beim Schuheanziehen scheitern. In ihrem Newsletter schreibt sie: „Naturerlebnisse müssen kein weiteres To-do oder eine perfekt geplante Aktivität sein. Es muss keine anspruchsvolle Wanderung oder ein Instagram-taugliches Bastelprojekt sein. Manchmal genügt es, den Wind im Gesicht zu spüren, wenn man vor die Tür tritt, oder die Muster auf einem Stein genauer zu betrachten.“ Das finde ich toll!
Das Effektivste, das wir als Erwachsene also tun können, um die Naturverbundenheit von Kleinkindern zu erhalten, ist, mit ihnen Zeit in der Natur zu verbringen. Nicht nur für ihr eigenes, sondern für unser aller Wohl.
Und trotzdem finde ich es irgendwie absurd. Brauche ich wirklich eine Schauspielerin, die in Kalifornien lebt und mir per Instagram oder Newsletter Tipps gibt, wie ich mit meinen Kindern die Natur vor der Tür erleben kann? Anscheinend schon. Was für eine verrückte Welt!
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: xxx