Angehende Zahnärzt:innen lernen im Studium an sogenannten Phantomköpfen, originalgetreuen Nachbildungen eines Gebisses, wie man Patient:innen behandelt. Es wäre schön, wenn man sich auf Elternschaft auf ähnliche Weise vorbereiten könnte. Kann man aber nicht. Wenn das Baby das erste Mal stundenlang schreit, das Kleinkind um sich schlägt oder sich weigert, in die Kita zu gehen, ist man jedes Mal wieder hilflos.
Beinahe hätte ich „ratlos“ geschrieben, aber das wäre nicht korrekt. Rat bekommt man von allen Seiten – von Freund:innen, Familie, der Kinderärztin, der Hebamme, Instagram und Büchern. Nicht selten widersprechen sich die Ratschläge, je nachdem, von wem sie kommen. Dann rät die Kinderärztin, das Kind auch mal schreien zu lassen, damit es im eigenen Bettchen schläft, die Hebamme aber sagt: Bloß nicht schreien lassen.
Ich habe die KR-Community gefragt, welche solcher Aussagen sie gehört haben – und warum sie dadurch verunsichert waren.
Rund 100 KR-Leser:innen haben mitgemacht. Auf der einen Seite nannten sie Sprüche wie: „Wenn du immer sofort reagierst, wird das Baby nie Selbstständigkeit lernen“, „Verwöhnung kann zu genauso erheblichen Schäden führen wie Vernachlässigung“, „Wenn ihr das Kind einmal in eurem Bett schlafen lasst, bekommt ihr es nie wieder raus“ bis hin zu „Lass das Kind ruhig mal schreien, das lüftet die Lungen“ – so klingen vor allem ältere Verwandte.
Und auf der anderen: „Wenn man seine Kinder schreien lässt, entwickeln sie später Ängste“, „Die Mutter-Kind-Bindung leidet, wenn du nicht stillst“ oder „Bindungsorientierte Eltern schreien ihre Kinder nicht an, weil Schreien ist genauso gewaltvoll wie schlagen.“ Das ist der Sound der bindungs- und bedürfnisorientierten Momfluencer auf Instagram.
Viele verunsicherte auch der Rat, das Baby nicht im Elternbett schlafen zu lassen, weil es dort eher am plötzlichen Kindstod sterben könnte. Sie hörten unzählige Hinweise zum Stillen (der meistgehörte war wohl „nichts Blähendes essen“) oder Kommentare, dass sie ihr Kind vermeintlich zu früh oder zu spät in die Kita gaben. Julia setzte unter Druck, dass man angeblich nach einem Jahr wieder arbeiten gehen sollte. Christiane dagegen wurde gesagt: „Deine Tochter ist halt so anhänglich, weil du so viel arbeitest.“ Sie fragte sich, ob sie wirklich zu wenig Zeit mit ihrem Kind verbringe.
Ein weiteres Wort, das durch die Umfrage geistert, ist „Bauchgefühl“. Viele der Ratschläge, etwa ein Baby schreien zu lassen, gingen „gegen ihr Bauchgefühl“, schrieben einige. „Irgendwann geht einem das Bauchgefühl verloren“, findet Katharina.
Wie schafft man es, eigene und trotzdem informierte Entscheidungen zu treffen? Um diese Frage zu beantworten, habe ich mit einer Psychologin, einer Hebamme und der Leiterin eines Familienzentrums gesprochen. Dabei habe ich verstanden: Es gibt etwas, das noch viel wichtiger ist als das eigene Bauchgefühl.
Ratgeber lesen kann zu einer Art Abendstudium ausarten⬆ nach oben
Manche Fragen sind schnell geklärt. Wer stillt und Lust auf Sauerkraut hat, findet nach kurzer Recherche heraus: Die Regel, in der Stillzeit nichts Blähendes zu essen, ist Quatsch.
Bei anderen, grundlegenderen Fragen ist es komplexer. Will ich mein Kind stillen? Was für eine Mutter, was für ein Vater möchte ich sein? Viele wollen es anders machen als die eigenen Eltern und stärker auf die Bedürfnisse des Kindes achten. Dabei stoßen sie schnell an ihre eigenen Grenzen: Ein Baby nie schreien lassen, ein Kind nie anschimpfen – das klingt gut, ist im Alltag aber kaum durchzuhalten.
Also muss der nächste Ratgeber her. Sich zu informieren kann zu einer Art Abendstudium ausarten.
Stefanie Helff leitet ein Familienzentrum in Berlin-Spandau. Sie hat Erziehungs- und Bildungswissenschaften studiert und eine Ausbildung zur Ergotherapeutin. Außerdem ist sie KR-Mitglied. In Spandau betreut sie auch selbst zwei Krabbelgruppen. Die Mütter, die zu ihr kommen, seien gut informiert und machten sich trotzdem viele Sorgen, erzählt sie am Telefon: Darüber, welchen Trinkbecher, welche Schuhe, welchen (Woll-)Winteranzug sie kaufen sollen, welche Sonnencreme (oder gar keine im ersten Lebensjahr?), ob und wann sie ihr Kind in die Kita schicken, in welcher Kita es besser aufgehoben ist oder ob sie es impfen lassen sollen. „Das erzeugt wirklich viel Stress bei den Frauen“, sagt Helff. Im Gespräch versuche sie den Frauen andere Blickwinkel aufzuzeigen und sie „da einzufangen, wo sie sind“. Sie erzählt von einer Frau, die ihr Kind nicht in die Kita schicken wollte, weil sie dachte, nur sie könne dessen Bedürfnisse ausreichend erfüllen. „Dabei war sie alleinerziehend und wirkte erschöpft. Ich versuchte ihr klarzumachen, dass sie auch auf sich achten muss.“ Mittlerweile besucht das Kind eine Kita.
Sich um Trinkbecher oder Sonnencreme zu sorgen, muss man sich leisten können. Ärmere Frauen kämen nicht in ihre Krabbelgruppen, sagt Helff. Von einer Kollegin aus einem anderen Kiez, die beim Ausfüllen von Anträgen hilft, weiß sie aber: Armutsbetroffene Frauen, die oft, aber nicht immer, Migrationshintergrund haben, haben ganz andere Probleme: die Sprachbarriere, die Armut, viel Arbeit.
Was stimmt, was nicht?⬆ nach oben
Sich Wissen anlesen zu können ist ein Privileg. Aber auch eine Disziplin, die man lernen muss. Denn vieles widerspricht sich. Zum Beispiel heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin in einer Pressemitteilung: Kinder profitieren davon, wenn sie schon früh eine Kita besuchen: Es fördert ihre sprachliche und kognitive Entwicklung. Das zeige eine Auswertung „zahlreicher nationaler und internationaler Studien“. Gleichzeitig gibt es Studien, die die Konzentration des Stresshormons Cortisol im Speichel von Kita-Kindern gemessen haben. Diese waren erhöht, was darauf hindeutet, dass frühe Betreuung bei Kindern zu Stress führen kann.
Auch zum Stillen gibt es widersprüchliche Informationen und vieles ist gar nicht eindeutig belegt, zum Beispiel dass Stillen das Allergierisiko senkt.
Emily Oster ist Professorin für Volkswirtschaft an der Brown University. Als solche weiß sie, wie man Studien und Zahlen interpretiert. Als sie selbst Mutter wurde, tat sie genau das und schrieb mit „Expecting Better“ und „Cribsheet: A Data-Driven Guide to Better, More Relaxed Parenting, from Birth to Preschool“ Bücher, die genau solche widersprüchlichen Informationen einordnen. Beim Stillen lassen sich laut Oster keine langfristigen gesundheitlichen Vorteile nachweisen.
Beim Stillen geht es aber um mehr als Ernährung und körperliche Gesundheit – zumindest behaupten das die Verfechter:innen des Stillens. „Die Mutter-Kind-Bindung leidet, wenn du nicht stillst“, hörte zum Beispiel Kerstin.
Was an dieser Behauptung dran ist, kann Julia Asbrand beantworten. Sie ist Professorin für Klinische Psychologie des Kindes- und Jugendalters an der Uni Jena und hat im Frühling einen Vortrag über gängige Mythen in der Kindererziehung gehalten.
„Es gibt Studien, die zeigen, dass längeres Stillen mit einer höheren Bindungssicherheit einhergeht“, sagt sie. Warum dieser Zusammenhang besteht, sei nicht eindeutig geklärt. Denkbar sei etwa der intensive Körperkontakt beim Stillen, aber auch Unterschiede zwischen den Familien, die in solchen Studien nur teilweise erfasst würden.
Der wichtigste Faktor für gute Bindung sei jedoch: „Das Baby muss merken: Da ist jemand, der feinfühlig auf meine Bedürfnisse reagiert – und das kann auch der Vater mit dem Fläschchen sein.“
Bei solchen Studien ist allerdings schwer zu trennen, was tatsächlich auf das Stillen zurückgeht. „Stillende und nicht stillende Mütter unterscheiden sich im Durchschnitt auch in anderen Merkmalen, etwa wie gebildet oder wohlhabend sie sind. Diese Merkmale können jedoch ihrerseits die kindliche Entwicklung beeinflussen.“ „Mütter mit höherer Bildung könnten beispielsweise häufig mehr Wissen über die Entwicklung von Kindern haben und möglicherweise entsprechend feinfühliger auf sie reagieren“, sagt Asbrand. Sie schließt daher nicht aus, dass das auch bei den Studien zu Stillen und Bindung eine Rolle spielen könnte.
Entscheide nach Bauchgefühl?⬆ nach oben
Wie also trifft man da die richtigen Entscheidungen? Stefanie Helff rät den Frauen im Spandauer Familienzentrum, auf ihr Bauchgefühl zu hören. „Häufig bekomme ich die Frage, welche Kita ist denn nun die beste: eine mit offenem oder geschlossenem Konzept, eine große oder kleine Einrichtung. Da rate ich immer: Geht hin, schaut sie euch an und entscheidet nach Bauchgefühl – egal, was Studien darüber sagen, welches Konzept das beste sei.“
Diesen Rat finde ich plausibel: Man kann spüren, ob sich ein Kind in einer Kita wohlfühlen würde oder nicht – weil man sein Kind kennt und weil man bei so einem Besuch in einer Kita ganz viele Informationen unterbewusst aufnimmt: Wie ist die Stimmung, wie chaotisch oder aufgeräumt ist es, wie liebevoll ist der Umgang? Mein Bauchgefühl ist dann die Bilanz all dieser Informationen.
Gleichzeitig habe ich mein Problem mit dem Begriff „Bauchgefühl“. Denn speist sich das nicht aus meinen Erfahrungen und der Umwelt, in der ich lebe? Die Erfahrungen meiner eigenen Erziehung in den achtziger und neunziger Jahren blubbern also im selben Topf wie die Ratschläge der Momfluencer der 2020er Jahre. Kein Wunder also, dass sich da nicht immer ein klares Gefühl herausdestillieren lässt.
Follow the science?⬆ nach oben
Also doch lieber weniger Gefühl, mehr Fakten?
„Ich bin immer dafür, sich die wissenschaftliche Evidenz anzuschauen“, sagt Julia Asbrand. „Gleichzeitig sollte man diese im Einzelfall nicht überinterpretieren.“
Studienergebnisse können einem die Entscheidung also nicht abnehmen. Es gibt eine recht klare Datenlage dafür, dass man seine Kinder nicht anschreien soll. Trotzdem kennen wohl die meisten Eltern den folgenden Fall: Man kommt gestresst von der Arbeit und das Kind hat einen Wutanfall oder weigert sich partout, das Tablet wegzulegen. Statt ruhig zu bleiben und dem Kind beim Runterkommen zu helfen, schreit man zurück.
„Dass Eltern die Beherrschung verlieren, kommt vor. Entscheidend ist, wie sie damit umgehen: den Fehler benennen, sich entschuldigen und die Beziehung wieder aufnehmen. Damit können Eltern ihrem Kind vorleben, wie man Verantwortung für einen Fehler übernimmt“, sagt Asbrand.
Asbrand verweist auf das Prinzip des „Good Enough Parenting“: Eltern müssen nicht perfekt sein, solange der Grundton stimmt: „Das Muster meines Handelns sollte der Evidenz folgen, nicht zwingend jede einzelne Handlung. Eltern müssen nicht in jeder Situation perfekt reagieren.“
Noch ein weiterer Punkt sei wichtig, so Asbrand: „Wissenschaftliche Empfehlungen beruhen meist auf Effekten, die sich im Durchschnitt über viele Menschen zeigen. Das heißt nicht, dass sie für jede Familie und jedes Kind in genau derselben Form gelten.“
Eine Empfehlung, die für ein Kind passt, könne für ein anderes falsch sein: weil es ängstlicher ist, weil es psychisch oder körperlich stärker belastet ist oder weil seine Familie schlicht anders lebt.
Grundsätzlich sei es gut, Kindern immer mehr zuzutrauen und ihnen nicht jede unangenehme Situation abzunehmen, meint Asbrand. Aber: „Bei einem sehr ängstlichen Kind ist es kontraproduktiv zu sagen ‚Da muss es jetzt halt durch‘“, sagt Asbrand. So ein Kind brauche mehr Vorbereitung und Begleitung und müsse sich neuen Situationen in kleinen Schritten nähern. Das Ziel bleibe, dass das Kind zunehmend selbstständig mit angstauslösenden Situationen umgehen kann, statt sie dauerhaft zu vermeiden. Nur der Weg dorthin sei ein anderer.
Es gibt kein Patentrezept. Wenn das so wäre, könnte man Erziehung lernen wie die Zahnmedizinstudis Zahnbehandlungen an Phantomköpfen.
Es gibt nicht den einzig richtigen Weg – aber den richtigen für deine Familie⬆ nach oben
Das ist auch Julika Hudson ein wichtiges Anliegen. Sie ist KR-Mitglied, vor 20 Jahren nach Dublin ausgewandert und arbeitet dort als Hebamme.
In ihrer Doktorarbeit kommt sie zu dem Schluss: Frauen werden nach der Geburt ihres Babys mit Standardempfehlungen aus dem Krankenhaus entlassen. Im Einzelfall sind diese aber oft wenig hilfreich. Stattdessen müssten Frauen individuell begleitet werden, damit sie eigene Kompetenzen ausbilden können.
„Ich habe längere Zeit als Hebamme im Krankenhaus gearbeitet“, erzählt Julika Hudson. „Dort werden die Mütter wenige Tage nach der Geburt mit dem strengen Rat entlassen: Das Baby soll auf dem Rücken im eigenen Bett im Zimmer der Eltern schlafen. Alles andere erhöhe das Risiko für den plötzlichen Kindstod.“
Das ist der gängige medizinische Rat, auch in Deutschland.
„Drei Wochen später kamen die Mütter in die Ambulanz des Krankenhauses und sagten: ‚Mein Kind hat Koliken, es schreit die ganze Zeit, und dann wurden oft Medikamente verschrieben‘“, erzählt Hudson. Ob diese Medikamente überhaupt wirksam sind, ist jedoch gar nicht eindeutig belegt. „Ich verstand die Verzweiflung der Eltern“, sagt Hudson. „Aber manchmal dachte ich mir: Das Baby braucht keine Medikamente, sondern Körperkontakt.“ Sie glaubt: Die Empfehlung, dass die Babys im eigenen Bett schlafen müssen, kann das Schreien verstärken.
Denn tatsächlich ist es so: Manche Kinder lassen sich ohne Probleme im Beistellbett ablegen und schlummern dort friedlich ein. Andere brauchen Kontakt, um schlafen zu können – sonst schreien sie.
„Solche Standardempfehlungen machen mich sauer“, sagt Julika Hudson. „Man lässt die Eltern total auflaufen, wenn man sagt: So und so musst du es machen, wenn nicht, bist du eine schlechte Mutter oder ein schlechter Vater.“
Besser wäre ein Rat in zwei Stufen. Erstens: Am sichersten schläft das Baby im eigenen Bett im Zimmer der Eltern. Zweitens: Macht es das nicht mit, sollten Eltern die Regeln für das sichere gemeinsame Schlafen im Familienbett kennen. Harte Matratze, keine Kissen oder Nestschen, statt einer Decke ein Schlafsack, das Kind darf nicht herausfallen oder zwischen Matratze und Bettkante oder Kopfteil eingeklemmt werden können, und das Schlafzimmer sollte nicht zu heiß sein, idealerweise zwischen 16 und 18 Grad. Die größten Risiken sind Alkohol und Rauchen. „Wichtig ist auch, dass das Baby nicht zwischen den Partner:innen liegt und keiner Medikamente nimmt“, ergänzt Hudson.
Ohne diese zweite Stufe entsteht ein anderes Risiko, sagt Hudson. Die Eltern legen das Baby ins Beistellbett, es schreit, sie nehmen es hoch, legen es wieder hin, es schreit wieder. Irgendwann sind sie so erschöpft, dass sie mit dem Kind auf dem Sofa einschlafen. „Und das ist dann wirklich gefährlich.“
Für manche funktioniert das Beistellbett, für andere nicht. Manche wollen stillen, andere nicht. Manche müssen oder wollen möglichst bald wieder arbeiten gehen, andere nicht. Schadet das eine dem Kind mehr als das andere? Das wurde die „Cribsheet“-Autorin Emily Oster in einem Interview gefragt. Ihre Antwort: „Mütter können nach ein paar Monaten wieder arbeiten gehen oder möglichst lange zu Hause bleiben. Beides sind wunderbare Optionen. Es gibt keine starke Evidenz dafür, dass eine der beiden besser ist. Aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist eine davon die bessere Option für dich.“
Stefanie Helff aus dem Spandauer Familienzentrum sieht es ähnlich. Ich habe sie gefragt, was sie von dem Rat hält, ein Baby nie schreien zu lassen.
„Ich finde, man muss immer abwägen. Es heißt ja auch: Im Zweifel lieber das Kind sicher ablegen und für fünf Minuten rausgehen und tief durchatmen, während das Baby schreit, bevor man es schüttelt. Man sollte Ratschläge nie verallgemeinern, dafür sind wir alle viel zu verschieden.“
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Rico Grimm, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert