Ich war Ende Juli wieder für zwei Wochen mit 155 Kindern und Jugendlichen im Zeltlager. Wie die letzten 23 Jahre.
Wenn wir die Eltern und Erziehungsberechtigten zwei Wochen vor der Abfahrt zum Elternabend einladen, geht es auch immer darum, wie sie denn überhaupt Kontakt halten können zu ihren Kindern. Handys sind im Camp verboten. Es bleibt also die gute alte Postkarte, der ausführliche Brief oder noch besser: ein Paket mit Süßigkeiten und Zeitschriften, am besten so viel, dass die Kinder es mit ihren Zeltgenoss:innen teilen können.
Ich werde oft gefragt, ob sich die Kinder im Laufe der vielen Jahre verändert haben. Ich sage dann immer: Ich finde nicht. Aber: Vielleicht haben sich die Eltern verändert.
Ein gewisses Maß an Nichtwissen⬆ nach oben
Den Eltern sagen wir vor dem Zeltlager immer: Solange ihr nichts von uns hört, geht es eurem Kind gut.
Das ist natürlich vereinfacht. Selbstverständlich geht es den Kindern nicht zwei Wochen lang 24 Stunden am Tag immer nur gut. Allerdings: Das ist zuhause oder in der Schule ja genauso. Vielleicht streitet sich der Sohn im Zeltlager mit seinen neuen oder alten Freund:innen, vielleicht findet die Tochter gar keine neuen Freund:innen. Vielleicht hat jemand über die Tochter gelästert oder den Sohn geschubst, die Trinkflasche geklaut oder das Gesicht bemalt.
Solange ihr nichts von uns hört, geht es eurem Kind gut – das bedeutet übersetzt: Sobald irgendwas so gravierend ist, dass die Eltern davon erfahren sollten, melden wir uns natürlich sofort. Sonst aber nicht.
Foto: Hanna Mattke.
Es geht nicht darum, dass Eltern sich nicht einmischen sollen. Es geht eher darum, dass ein gewisses Maß an Nichtwissen der Eltern selbst eine pädagogische Funktion haben kann. Erst dadurch entsteht für Kinder überhaupt ein Raum, in dem sie Probleme lösen, Heimweh bewältigen und Beziehungen unabhängig von ihren Eltern aufbauen können.
Mehr Kontakt wollen die Eltern⬆ nach oben
Nach dem Zeltlager bekommen die Kinder immer die Chance, uns mitzuteilen, was ihnen gefallen hat, was ihnen nicht gefallen hat, was zu kurz kam und was sie sich für die Zukunft wünschen würden. Auf den 150 Zetteln tauchte das Wort Handy auch in diesem Jahr kein Mal auf. Auch den Wunsch, mehr Kontakt zu den Eltern zu haben, sucht man dort vergebens.
Foto: Hanna Mattke.
Anders sieht es in der Umfrage unter den Eltern aus, die wir nach der Rückkehr verschicken, um Feedback zu bekommen. Dieses Jahr war die häufigste Kritik, dass wir während der Lagerzeit so wenig Bilder der Kinder auf Instagram gepostet haben. Manche schrieben, dass sie deshalb nicht gewusst hätten, ob es ihrem Kind gut gehe.
Und das stimmt: Wir haben dieses Jahr weniger gepostet als die Jahre zuvor. Aus unserer Sicht befinden wir uns in einem Spannungsfeld aus Information und Kinderschutz, sobald wir Fotos von Kindern in den sozialen Medien hochladen, da wir nicht garantieren können, dass diese nicht missbräuchlich weiterverwendet werden. Über den Wunsch der Eltern habe ich seitdem viel nachgedacht.
Wie war das eigentlich bei mir?⬆ nach oben
Als ich zum ersten Mal mit ins Zeltlager gefahren bin, war ich zehn Jahre alt. Das war 2003. Damals gab es keine Smartphones und ich hatte zwar ein altes Nokia, auf dem ich vor allem Snake gespielt habe, aber mitnehmen durfte ich es nicht. Abgesehen davon, dass jede SMS unsäglich teuer gewesen wäre.`
Auch Instagram oder andere Plattformen gab es damals nicht. Alles, was meine Eltern von mir in diesen zwei Wochen hörten, war eine krakelige Postkarte mit den Worten: „Ich hoffe, euch geht es gut. Mir geht es gut. Das Wetter ist toll. Das Essen schmeckt nicht.“
Die erste Disco meines Lebens? Erlebte ich im Zeltlager (zu einer Uhrzeit, zu der ich sonst schon längst im Bett gewesen wäre!)
Wie es der Algorithmus so wollte, bin ich nach dem Zeltlager über einen Artikel in The Atlantic gestolpert. Der Journalist Russell Shaw beschreibt dort einen Wandel über drei Generationen: Als er selbst zu seinen Ferienfreizeiten fuhr, hatten seine Eltern wochenlang kaum Ahnung, was er dort machte.
Als seine eigenen Kinder ins Camp gingen, gab es bereits tägliche Fotos und E-Mails. Heute bekommen manche Eltern automatisiert sämtliche Fotos ihres Kindes zugeschickt, die per Gesichtserkennung herausgefiltert werden. Für Shaw steht das exemplarisch dafür, dass sich elterliche Überwachung und ständige Erreichbarkeit bis ins Ferienlager ausgedehnt haben.
In Zeiten von Tracking und Whatsapp sind Eltern es nicht mehr gewohnt, nicht zu wissen, was ihr Kind gerade treibt oder wie es ihrem Kind gerade geht.
Mehr Informationen beruhigen Eltern nicht unbedingt⬆ nach oben
Ganz so weit ist es bei uns bisher nicht gekommen. Aber auch mich haben schon Eltern angerufen, weil ihre Tochter auf einem Bild auf Instagram im Hintergrund zu sehen war und irgendwie traurig aussah. Natürlich sehe sie auf den anderen Bildern total happy aus, aber trotzdem habe sie dieses eine Bild so besorgt, dass sie in der Geschäftsstelle unseres Sportvereins explizit nach meiner Telefonnummer gefragt hatten, um sich bei mir nach dem Wohlergehen ihrer Tochter zu erkundigen. Ob sie denn mal kurz mit ihr sprechen könnten.
Konnten sie, natürlich. Das Gespräch dauerte eineinhalb Minuten, weil das Mädchen außer „Ja“ und „Nein“ vor allem zu berichten hatte, dass sie sich jetzt sofort einen Badeanzug anziehen müsse, weil sie sonst das Baden verpasse. „Tschü-hüüß!“
Ich verstehe die Sorgen der Eltern, und ich nehme sie jedes Mal ernst. Paradox ist: Mehr Informationen beruhigen Eltern nicht unbedingt, sondern können zusätzliche Sorgen produzieren. Weil jede Momentaufnahme unterschiedlich interpretiert werden kann, finden Eltern beim Suchen nach Bestätigung manchmal erst Gründe, sich einzumischen.
Kinderweh statt Heimweh⬆ nach oben
Russell Shaw schreibt: „Die Technologie allein hat diese neue Beziehung zwischen Eltern und Ferienlager nicht geschaffen. Aber sie hat es schwieriger gemacht, einen wesentlichen Bestandteil der früheren Erfahrung zu bewahren: die Distanz.“ Der Psychologe Michael Thompson hat dafür ein eigenes Wort: Childsickness, übersetzt etwa Kinderweh, im Gegensatz zu Heimweh.
„Die meisten Ferienlager im 20. Jahrhundert folgten einer ziemlich einfachen Idee: Schickt euer Kind hin, und wenn es wiederkommt, ist es ein anderer Mensch. Der entscheidende Faktor dabei: Die Eltern waren nicht dabei“, schreibt Shaw. Und ich glaube, er hat recht. Sie ist zumindest eine der vielen verschiedenen magischen Zutaten, die ein Zeltlager so besonders machen.
Arm in Arm am letzten Abend: Zwei Wochen ohne die Eltern schweißen zusammen. | Foto: Hanna Mattke.
Ein befreundeter Vater schickte seine Tochter in diesem Jahr zum ersten Mal bei uns mit. Als wir auf dem Parkplatz gemeinsam auf den Bus warteten, der sie jeden Augenblick nach zwei Wochen wieder zurück zu ihren Eltern bringen würde, gestand er mir: Nachdem er seine Tochter die erste Woche über auf keinem der Bilder auf Instagram gesehen hatte, war er kurz davor, die kurze Leitung zu mir zu nutzen, um nachzuhorchen, ob es ihr denn auch gut gehe. Er fuhr fort: „Da musste ich mich selbst richtig bremsen und sagen: ‚Nein, das machst du jetzt nicht!‘“
Ich gratulierte ihm. Wir waren uns einig: Manchmal sind zwei Wochen Zeltlager für die Eltern fast die größere Herausforderung als für die Kinder.
Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Theresa Bäuerlein, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger