Über Männer mit Kinderwunsch gebe es falsche Vorstellungen, vor allem in den Medien, schrieb mir Oskar. Und überhaupt sehe er kaum Berichterstattung, in der er sich und seine Lebensrealität wiederfinden würde.
Darum will er darüber sprechen, wie es wirklich ist, wenn man als Mann einen noch unerfüllten Kinderwunsch hat. Was ihn stört und wo es blinde Flecken gibt.
Oskar ist 44 Jahre alt, lebt in einer deutschen Großstadt und heißt eigentlich anders. Damit er offen über seine Erfahrungen sprechen kann, möchte er seinen echten Namen hier nicht lesen. Hier erzählt er seine Geschichte.
Könnte ich an mein jüngeres Ich einen Brief schicken, würde ich schreiben: „Lass es! Kämpfe nicht! Wenn du dir etwas in einer Beziehung wünschst und merkst, du bekommst es nicht, lass lieber los.“ Sei es Stabilität, Verlässlichkeit, ein Commitment nach einer gewissen Zeit oder eben wie bei mir der Kinderwunsch. Wenn man nicht das Gleiche will, sollte man lieber sofort die Beziehung beenden.
Das werfe ich mir vor, dass ich immer und immer wieder Jahre mit Beziehungen verschwendet habe, die sich eigentlich nicht gut anfühlten. Durch dieses Kämpfen um Beziehungen, die ich früher hätte aufgeben sollen, ist einiges zusammengekommen in meinem Leben.
Wäre es nicht so traurig, könnte das vielleicht ein lustiger Vergleich sein: Ich denke immer wieder, mein Gott, ich bin so müde, als hätte ich schon zwei sehr anstrengende Kinder großgezogen in meinem Leben. Ich habe so viel Energie investiert, so viele Diskussionen geführt. Und jetzt ist diese Kraft fürs Daten und die Partnersuche fast aufgebraucht. Diese Energie hätte ich gerne aufgehoben.
Der Datingmarkt ist so gut wie tot für einen Mann meines Alters⬆ nach oben
Und klar, die Zeit auch. Wer weiß, für wie viel mehr Anläufe ich Lebenszeit gehabt hätte. Oder welche anderen Frauen ich kennengelernt hätte, wenn ich einfach mehr Single gewesen wäre in meinen Dreißigern.
Jetzt bin ich 44 Jahre alt. Schon wieder Single, seit eineinhalb Jahren. Wünsche mir unbedingt Kinder. Aber der Datingmarkt ist so gut wie tot für einen Mann meines Alters.
Ich hatte in meinem Leben etwa zehn Beziehungen. Die längste davon ging fünf Jahre und endete, weil wir uns auseinander entwickelt haben. Seither war die Kinderfrage in meinem Beziehungsleben sehr bestimmend. Und die letzten drei Mal war das der Trennungsgrund.
Da kann ich niemandem einen Vorwurf machen. Ich habe die Kinderfrage damals nie von Anfang an zur Bedingung gemacht. Das hätte ich vielleicht tun sollen. Dabei hatten einige der Frauen einen Kinderwunsch. Doch später bekamen sie Panik, mit Anfang 40 noch Mutter zu werden, und gaben deshalb den Kinderwunsch auf. Wegen dieser Panik sagte etwa meine letzte Partnerin plötzlich: „Wir müssen uns jetzt trennen, wenn du weiter an dem Kinderwunsch festhältst.“ Also trennten wir uns. Drei Mal lief das jetzt so.
Darüber zu reden war aber sehr schwer. Und war auch nicht erwünscht. Das hat sich inzwischen so oft wiederholt, dass ich wieder und wieder machtlos davor stand und jedes Mal diese Hoffnung zerbröseln sah.
Für mich gehören Kinder zu meinem Begriff von Liebe. Dass man als Paar eine Familie wird. Dass man zusammenfließt zu einer Familie, in etwas Gemeinsamem aufgeht. Da bin ich, glaube ich, ein hoffnungsloser Romantiker.
Es wird ja immer gesagt: Bei Männern tickt keine biologische Uhr⬆ nach oben
In meinen Teenagerjahren und Zwanzigern habe ich nicht über Kinder nachgedacht. Mit Ende Zwanzig kam das in einer Beziehung zum ersten Mal auf. Seitdem hat sich dieser Wunsch in meinem Kopf festgesetzt. Auch, weil ich mich ein bisschen geadelt gefühlt habe. Es war für mich wie ein Ritterschlag von einer Frau, wenn sie sich Kinder mit mir vorstellen konnte. Dadurch hatte ich das Gefühl: Sie nimmt die Beziehung ernst mit mir.
Dieses Zusammenleben, das sich durch ein Kind ergibt, ist bei mir so eine romantische Vorstellung, an der ich festhalte und die ich mir auch nicht nehmen lassen möchte.
Ich würde gern in einer lässigen, urbanen, modernen, subkulturell geprägten Beziehung leben, in einer Großstadt und mit so einem leichten antiautoritären Touch eine coole Beziehung führen, die zu einer Familie führt.
Ich höre oft: „Na, du hast es ja gut, du hast ja noch ein paar Jahre Zeit.“ Es wird ja immer gesagt: Bei Männern tickt keine biologische Uhr. Ich finde, das unterschlägt total, dass man sich auch als Mann eine Beziehung auf Augenhöhe wünscht. Eine Beziehung mit einem tiefen inneren Zusammengehörigkeitsgefühl. Und das hängt für mich auch daran, eine Frau zu finden, die halbwegs aus meiner Generation ist. Damit man sich was zu sagen hat, damit man subkulturell zusammenpasst und gleiche Werte und Erfahrungen teilt. Es mag sein, dass es für viele Männer anders ist, aber ich fühle mich zumindest schon daran gebunden, eine Partnerin zu finden, die so ähnlich alt ist wie ich. Und da schwimmen mir total die Felle weg.
Ich habe es so oft mit Kompromissen probiert⬆ nach oben
Wenn ich also höre, wir Männer hätten ja so viel Zeit, stört mich das. Ich finde, dass zu Recht kritisiert wird, wenn mittelalte Männer die mittelalt gewordene Frau stehen lassen und mit einer Jüngeren was anfangen. Aber dann darf man im Diskurs auch nicht sagen: „Ja, ihr Männer braucht euch nicht beschweren beim Thema Kinderwunsch. Ihr habt ja noch Zeit, zur Not bis sechzig.“ Ich fühle mich davon vor den Kopf gestoßen. Und sehe da einen blinden Fleck.
Zum einen ist es im Alter immer schwieriger, sich vorzustellen, jetzt noch einen jungen Menschen in die Welt zu setzen. Ich will ihn ja wenigstens bis zur Berufsausbildung begleiten können und das auch mit der Energie, die es dafür braucht. Die hat man vielleicht als älterer Vater nicht mehr. Zum anderen will ich ja auch erst eine Liebesbeziehung aufbauen, bevor ich gemeinsam ein Kind bekommen würde. Da vergehen wieder Jahre. Und es muss ja vieles stimmen, nicht nur der Kinderwunsch.
Wenn ich an die Zukunft und ans Vaterwerden denke, denke ich: Ich weiß nicht, ob ich noch mit 50 Jahren ein Kind bekommen sollte. Und wie alt wäre dann die Frau dazu? Weil es leider doch biologische Grenzen gibt. 15 Jahre jünger als ich, wenn ich fünfzig bin? Ich bin mir unsicher, ob ich mir das vorstellen kann.
Weil ich schon einigen Beziehungen zu lange eine Chance gegeben habe, merke ich inzwischen recht schnell, ob es wirklich passt. Ich würde es nicht mehr probieren, wenn kein 100 Prozent guter Vibe in der Luft liegt.
Ich habe es so oft mit Kompromissen probiert. Dafür ist keine Kraft mehr da. Das ist so was wie Burn-out, würde ich sagen. Ich habe Angst, dass mein Lebensakku fast aufgebraucht ist, was Amore angeht.
Ich gehe immer noch viel aus, suche auch online nach Bekanntschaften. Und ich schaue mich auch im Real Life um. Aber wenn ich Frauen kennenlerne, haben sie dem Kinderwunsch entweder abgeschworen oder sie haben schon Kinder. Die meisten Menschen in meinem Alter haben ja schon längere Beziehungen hinter sich, bei denen sich eine Familiengründung ergeben konnte.
Ich spüre deswegen eine tiefe Enttäuschung, dass mir die Familiengründung bisher nicht vergönnt war und dass es immer unwahrscheinlicher wird, dass es noch klappen wird.
Da fällt eine Tür zu. Zumindest höre ich es laut knarzen.
Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger