Woran macht man eigentlich fest, wie es um die Wirtschaft gerade wirklich steht? Daran, welche Branchen wachsen und welche schrumpfen? Oder doch am Bruttoinlandsprodukt, kurz BIP, das den Wert aller Waren und Dienstleistungen misst, die in einem Jahr hergestellt werden?
Unter Ökonom:innen ist diese Frage fast so alt wie das BIP selbst. Selbst Simon Kuznets, der die Berechnung des Nationaleinkommens in den 1930er Jahren für die US-Regierung mitentwickelt hat, warnte davor, daraus auf den Wohlstand eines Landes zu schließen.
Geholfen hat die Warnung wenig: Bis heute läuft in den Wirtschaftsnachrichten fast alles aufs BIP hinaus. Immerhin, im zweiten Quartal 2026 ist das im Vergleich zum Vorjahresquartal um ein Prozent gewachsen.
Heißt das jetzt, Deutschlands Wirtschaft kommt wieder in Schwung? Dass es uns allen bald besser geht? Dass wir mehr Geld im Portemonnaie haben, einen sicheren Job und dazu noch genug Zeit für Freunde und Familie?
Naja. Das BIP sagt ziemlich wenig darüber aus, bei wem von „der Wirtschaft“ und ihrem Wachstum wirklich was ankommt. Genau das sollte aber zählen, wenn man wissen will, wie es um sie steht.
Ich habe mir deshalb fünf Grafiken angeschaut, die nicht das BIP sind, und dabei gelernt: Der deutschen Wirtschaft geht es nicht so schlecht, wie manche Schlagzeilen klingen, aber auch nicht so gut, wie das BIP-Wachstum vermuten lässt. Die Löhne haben gerade erst aufgeholt. Vermögen wächst vor allem dort, wo schon welches ist. Im Inland fehlt die Nachfrage, und es wird seit Jahren zu wenig investiert. Eine der Grafiken zeigt aber auch, dass sich daran etwas ändern lässt.
Sechs Jahre ohne Reallohnplus⬆ nach oben
Schauen wir uns zum Beispiel die Löhne an:
KR
Viele Beschäftigte haben heute kaum mehr Geld in der Tasche als vor der Pandemie. Bis 2019 stiegen die Reallöhne, also die Löhne abzüglich der Inflation, fast jedes Jahr. Dann kam die Pandemie und 2022 mit dem russischen Angriff auf die Ukraine kam die Inflation.
Plötzlich stiegen die Preise schneller als die Löhne. Die Reallöhne fielen innerhalb eines Jahres um rund vier Prozent. Wer seitdem das Gefühl hatte, sich vom eigenen Gehalt weniger leisten zu können, hat sich das nicht eingebildet.
Erst 2025 waren die Reallöhne wieder ungefähr da, wo sie vor der Pandemie standen. Die Lohnerhöhungen der vergangenen Jahre, etwa durch Tarifabschlüsse, haben vor allem aufgeholt, was die Inflation vorher aufgefressen hatte.
Immerhin: Das Vorkrisenniveau ist wieder erreicht. Jetzt müsste es weiter nach oben gehen, damit die Menschen auch wieder mehr ausgeben können (dazu später mehr).
Der Mindestlohn wirkt⬆ nach oben
Ganz unten auf der Lohnskala hat sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich mehr getan. 2014 wurde noch gut jeder fünfte Job mit einem Niedriglohn bezahlt, also mit weniger als zwei Dritteln des mittleren Stundenlohns. 2024 war es knapp jeder sechste. Das sind 1,3 Millionen Niedriglohnjobs weniger.
KR
Am stärksten ist der Rückgang in den östlichen Bundesländern. Hier hat sich die Niedriglohnquote in zehn Jahren fast halbiert. Auch in westlichen Bundesländern sank sie, wenn auch nicht ganz so stark.
Der Grund: der Mindestlohn. Bevor er 2015 eingeführt wurde, hatten viele Ökonom:innen das Schlimmste vorausgesagt. Eine Studie, die damals viel Aufmerksamkeit bekommen hatte, rechnete damit, dass auf lange Sicht bis zu 900.000 Arbeitsplätze verloren gehen würden. Selbst die sogenannten „Wirtschaftsweisen“ warnten vor negativen Folgen für die Beschäftigung.
Die Sorge war ziemlich unbegründet. Die Studien, die den Mindestlohn seither untersucht haben, kommen weitgehend zum selben Ergebnis: Die Prognosen waren viel zu pessimistisch. Weggefallen sind vor allem Minijobs; viele davon wurden in reguläre, sozialversicherungspflichtige Stellen umgewandelt.
Den stärksten Rückgang der Niedriglohnquote gab es zwischen 2022 und 2023, also genau dann, als der Mindestlohn von 9,82 auf zwölf Euro stieg. Seit Januar 2026 liegt er bei 13,90 Euro; 2027 werden es 14,60 Euro.
Wie Geld verteilt ist, lässt sich politisch ändern. Ein recht naheliegender nächster Ansatzpunkt wäre das Vermögen. Schließlich hat die Inflation nicht nur Löhne entwertet, sondern auch Erspartes und das nicht bei allen gleich stark.
Wo Vermögen ist, wächst Vermögen⬆ nach oben
Wie unterschiedlich Vermögen in Deutschland wächst, zeigt eine Auswertung der Bundesbank. Sie hat für die Jahre 2009 bis Anfang 2022 ausgerechnet, wie viel das Vermögen verschiedener Gruppen nach Abzug der Inflation tatsächlich abgeworfen hat. Ökonom:innen nennen das reale Vermögensrendite.
KR
Die ärmere Hälfte der Haushalte hält ihr Vermögen zu 86 Prozent als Geldvermögen, vor allem auf dem Konto und in Versicherungen. Gelohnt hat sich das für sie kaum. Die reale Rendite lag im Schnitt bei null Prozent. Mit der Inflation 2022 rutschte sie tief ins Minus.
In der oberen Hälfte besitzen dagegen rund 85 Prozent der Haushalte Immobilien. Und die haben sich sehr wohl gelohnt. Ihre reale Rendite stieg laut Bundesbank von gut drei Prozent 2009 auf etwa elf Prozent Anfang 2022. Bei fast allen Haushalten der oberen Hälfte kamen rund 90 Prozent der Vermögensrendite aus Immobilien. Das reichste Prozent verdiente zusätzlich an Unternehmensbeteiligungen.
Vermögen wächst also da am schnellsten, wo schon welches ist. Entsprechend ungleich ist es verteilt: 2023 besaßen die reichsten zehn Prozent der Haushalte laut Bundesbank 54 Prozent des gesamten Nettovermögens, die ärmere Hälfte kam auf rund drei Prozent.
Aber Achtung: Wie viel genau an der Spitze liegt, hängt von der Methode der Berechnung ab. Sehr Reiche nehmen an Befragungen selten teil; Schätzungen mit zusätzlichen Daten liegen deshalb deutlich höher.
Für die ärmere Hälfte heißt das: Die Inflation hat sie doppelt erwischt – beim Lohn und beim Ersparten. Vermutlich sogar härter. Denn Haushalte mit wenig Geld erleben höhere Preissteigerungen als der Durchschnitt, weil sie einen größeren Teil davon für Lebensmittel oder Sprit ausgeben – also genau für das, was 2022 besonders teuer geworden ist.
Das ist nicht nur ungerecht, es bremst auch die Wirtschaft. Warum, hat schon der britische Ökonom John Maynard Keynes beschrieben: Wer wenig hat, gibt Geld fast komplett aus. Wer viel hat, legt einen großen Teil davon zur Seite. Landet Vermögen vor allem oben, wird mehr gespart und weniger gekauft.
Wie viel Menschen kaufen können oder wollen, bestimmt, wie viel im Inland nachgefragt wird. Und genau daran hapert es gerade, bestätigt auch ein Blick auf den Außenhandel.
Ein Überschuss, der nicht überzeugt⬆ nach oben
Deutschland verkauft seit Jahrzehnten mehr Waren ins Ausland, als es von dort einkauft. Das ist kein Zufall: Spätestens seit den 2000er Jahren setzt Deutschland auf ein Wachstum, das durch Exporte getrieben wird. Die Löhne wurden lange zurückgehalten, deutsche Produkte blieben dadurch auf dem Weltmarkt günstig, und gewachsen ist die Wirtschaft vor allem durch den Export.
2015 lag der Leistungsbilanzüberschuss, grob gesagt das, was Deutschland mehr ins Ausland verkauft, als es von dort einkauft, bei 8,8 Prozent der Wirtschaftsleistung. Die EU-Kommission hält schon alles über sechs Prozent für bedenklich, denn wenn ein Land dauerhaft mehr verkauft als kauft, müssen sich andere dafür verschulden.
Lange galt dieser Überschuss trotzdem als Zeichen von Stärke. Deutschland war „Exportweltmeister“ und stolz darauf. Ob das je ein Grund zum Stolz war, darf man bezweifeln. Will man aber bei diesem Narrativ bleiben, gibt es mit Blick auf die Zahlen Grund zur Sorge.
Seit 2022 gerät das Modell nämlich unter Druck: durch Handelskonflikte, durch Konkurrenz aus Asien, vor allem aus China, und dadurch, dass grundsätzlich weniger Produkte aus Deutschland nachgefragt werden.
KR
Die Exporte stagnieren; 2025 lagen sie leicht unter dem Höchststand von 2022. Die Importe sind über die Jahre zwar stärker gestiegen. Das liegt aber vor allem an den Preisen: 2022 stiegen die Preise für Gas und Öl so stark, dass Deutschland für seine Energieimporte deutlich mehr bezahlen musste.
Seit die Energiepreise wieder gesunken sind, ist auch der Abstand wieder gewachsen. Unterm Strich verkauft Deutschland weiterhin rund 200 Milliarden Euro mehr Waren ins Ausland, als es von dort einkauft, während die Exporte selbst stagnieren. Für Wachstum reicht ein hoher Überschuss aber nicht. Dafür müssten die Exporte weiter steigen. Und genau das tun sie seit 2022 kaum mehr.
Das zeigt: Das alte Wachstumsmodell trägt nicht mehr, ein neues gibt es aber auch nicht. Wachsen müsste die Wirtschaft dann von innen heraus, doch genau da fehlt die Kaufkraft.
Wenn Löhne kaum steigen und sich das Vermögen oben ballt, wird im Inland wenig gekauft und wenig investiert.
Was heute nicht investiert wird, fehlt morgen⬆ nach oben
Wie viel in Deutschland in die Zukunft investiert wird, zeigt die Investitionsquote. Das ist der Anteil der Wirtschaftsleistung, der zum Beispiel in Wohnungen, Schulen, Straßen, Forschung oder Schienen fließt.
KR
Deutschland investiert seit 25 Jahren ziemlich konstant etwa ein Fünftel seiner Wirtschaftsleistung – Staat, Unternehmen und Privathaushalte zusammengerechnet. Im EU-Vergleich liegt Deutschland damit eher im unteren Feld. Im zweiten Quartal 2026 gingen die Investitionen sogar leicht zurück.
Am größten ist die Lücke bei den öffentlichen Investitionen, vor allem in den Kommunen. Laut KfW-Kommunalpanel 2026 liegt ihr Investitionsrückstand inzwischen bei 231 Milliarden Euro und damit so hoch wie nie zuvor. Am meisten fehlt es bei Schulgebäuden (68,9 Milliarden Euro) und Straßen (53,7 Milliarden Euro).
Dass sich daran so wenig ändert, liegt, Überraschung, am Geld. Investitionen brauchen Kredite, und Kredite stoßen an die Schuldenbremse. Seit 2025 gibt es deshalb ein Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaschutz: 500 Milliarden Euro, verteilt auf zwölf Jahre.
Im ersten Jahr hat der Bund darüber 24,3 Milliarden Euro aufgenommen, also knapp fünf Prozent. Zusätzlich investiert wurde davon aber kaum etwas, hat das Ifo-Institut nachgerechnet. Die Investitionen stiegen nur um 1,3 Milliarden Euro, der Rest stopfte Löcher im regulären Haushalt. Das Finanzministerium wies die Kritik daran zurück.
Die Kommunen selbst können die Lücke kaum schließen. Sie haben 2025 ein Rekorddefizit von 31,9 Milliarden Euro angehäuft; 44 Prozent bewerten ihre Finanzlage als mangelhaft.
Wachstum ist nicht gleich Wohlstand⬆ nach oben
Wie steht es um die deutsche Wirtschaft also gerade wirklich? Vielleicht so: nicht ganz so schlecht, wie es sich manchmal anfühlt. Weniger Menschen arbeiten für Niedriglöhne und die Reallöhne kommen langsam wieder in Fahrt.
Aber eben nur langsam. Die Löhne sind gerade erst wieder auf dem Stand von 2019. Vermögen wächst vor allem dort, wo schon welches ist. Im Inland fehlt die Nachfrage. Und investiert wird seit Jahren zu wenig.
Das hängt alles zusammen. Doch die Niedriglohnquote zeigt, dass sich daran etwas ändern lässt, wenn man will. Wo die Politik eingreift, kann die Ungleichheit kleiner werden. Was fehlt, ist der politische Wille dazu, zum Beispiel für Investitionen statt Sparprogrammen.
Und damit zurück zum Anfang: Wer nur aufs BIP schaut, sieht eine Wirtschaft, die wieder leicht wächst. Ob die Menschen mehr Geld in der Tasche haben, ihr Erspartes noch etwas wert ist, die Schule um die Ecke saniert wird oder neben dem Job noch Zeit für die Familie bleibt, zeigt es nicht. Deswegen sollte die Frage nicht sein, ob die Wirtschaft wächst, sondern für wen sie wächst.
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey