Florence fragt: „Wie sind die wirtschaftlichen Aussichten für Deutschland?“
Wolfsburg oder Mainz: Welche Stadt symbolisiert wirklich die aktuelle wirtschaftliche Lage Deutschlands?
Wir haben in Wolfsburg Volkswagen, ein Unternehmen, das jedes Jahr rund neun Millionen Autos verkauft und trotzdem über Werksschließungen verhandeln muss. In Mainz wiederum sitzt Biontech, die Firma hinter dem Corona-Impfstoff, die an mehr als 20 Wirkstoff-Kandidaten forscht, um Krebs besser zu heilen und vorzubeugen. Sollten nur zwei, drei dieser Wirkstoffe funktionieren, kann Biontech in der Pharma das werden, was Volkswagen noch im Autobau ist: ein Weltkonzern.
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Zwei Orte, zwei Erzählungen: eine von Abstieg und Angst, und eine von Möglichkeit und Aufbruch. Die Erzählung vom Abstieg dominiert gerade. Sie dominiert, von einer opportunistischen AfD befeuert, die sozialen Medien. Sie dominiert aber auch die Firmenzentralen im Land, wo die Stimmung schon lange nicht mehr so gut ist wie in den Boomjahren. Und sie ist das stete Hintergrundrauschen der schwarz-roten Regierungskoalition. Wenn diese Regierung nur einen Job hat, so scheint sie es selbst zu sehen, dann diesen: den Abstieg aufhalten.
Dabei gibt es keinen Abstieg Deutschlands, erst recht wird es nicht „deindustrialisiert“. Die Wirtschaft des Landes tut, was sie seit Jahrhunderten tut: Sie wandelt sich. Wer das Gefechtsgetöse politisierter Debatten hinter sich lässt und wohlwollender hinschaut, findet ein Land, das weiter gedeihen kann.
Zwei Branchen schwächeln – und prägen das Bild der ganzen Wirtschaft⬆ nach oben
Die Abstiegserzählung hängt sich an zwei Branchen auf: der Automobilindustrie und der sogenannten energieintensiven Industrie. Das ist wichtig, weil es die erste Differenzierung leistet. Denn nicht der ganzen Wirtschaft geht es schlecht.
Energieintensive Unternehmen sind etwa Aluminiumhütten, die Unmengen an Strom und Gas verschlingen. Sie leiden besonders unter den Energieschocks (Ukraine 2022, Iran-Krieg 2026). Die Produktion energieintensiver Industriezweige lag 2025 rund ein Fünftel unter dem Niveau von 2021 – allein im vergangenen Jahr sank sie um weitere 2,6 Prozent, zeigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes.
Die Autobauer wiederum – Volkswagen, Opel, Mercedes, BMW, Audi – sie beschäftigen Hunderttausende Leute und haben hoch spezialisierte Zuliefererketten aufgebaut, die sich über das ganze Land ziehen. Aber sie sind Weltklasse in einem Bereich, den die Welt immer weniger braucht: Verbrennerautos ohne viel Schnickschnack. Nur gibt es ein Problem: Die Zukunft sind E-Autos mit Schnickschnack, also mit hervorragenden Assistenzsystemen, guter Software und der Fähigkeit zum autonomen Fahren. Es ist nicht so, dass die Deutschen das überhaupt nicht können. Volkswagen etwa testet gerade mit dem „ID. Buzz AD“ eine Flotte autonomer Robotaxis in Hamburg. Aber andere, vor allem chinesische Autobauer, können es besser, schneller und billiger.
Während die Autobauer straucheln, kommt Siemens Energy mit den Aufträgen nicht hinterher⬆ nach oben
Diesen zwei gebeutelten Branchen steht beispielhaft ein Unternehmen wie Siemens Energy gegenüber, das Gasturbinen, Windturbinen und Stromnetztechnologie herstellt. Es kann sich vor Aufträgen kaum retten. Wartezeit für eine neue Gasturbine: rund fünf Jahre. Moderne Kraftwerke gehen realistisch erst 2030 ans Netz.
Die Börse hat diese Story natürlich längst entdeckt, der Aktienkurs von Siemens Energy hat sich seit dem Tief Ende 2023 mehr als verzwanzigfacht. Aber haben auch die Deutschen diese Story entdeckt?
Die deutsche Wirtschaft, das bescheinigten jüngst die Experten der Boston Consulting Group, hat im Bereich „grüner Güter“ echte Vorteile gegenüber den USA, China und anderen Ländern. Darunter fallen Wasserstoff-Technologien, alles zur Elektrifizierung des Verkehrs, Netztechnologien und Recycling.
Deutschland kann mehr als grüne Technik – nur redet kaum jemand darüber⬆ nach oben
Alternative Proteine, Medizintechnik, Quantencomputer, Rüstungsgüter – das Land hat Know-how und könnte dieses Know-how auch nutzen. Wer aber spricht denn darüber?
Vielleicht braucht es eine Stimme von außen. Der Chef von Nvidia, dem führenden KI-Chiphersteller, sagte kürzlich, Europa habe eine große Chance bei sogenannter „physischer KI“. Das sind all jene autonomen Systeme, die in der echten Welt agieren. Normale Menschen nennen sie Roboter. Schon heute hat Deutschland pro Kopf die viertmeisten Industrieroboter der Welt installiert, Tendenz steigend, wenn immer mehr Menschen in Rente gehen.
Wenn die Babyboomer in Rente gehen, treiben sie ausgerechnet die Robotik voran⬆ nach oben
Das ist schon ironisch: Der „demografische Wandel“ gilt als eines der Schreckgespenster der deutschen Industrie. Aber darin liegt die Chance, dass die Industrie früh gezwungen wird, in eine Zukunftstechnologie zu investieren, die bald die ganze Welt braucht. Denn wegen des Fachkräftemangels müssen die Firmen in Roboter investieren. Die Firmen, die diesen neuen Markt nutzen wollen, entstehen gerade in Deutschland. Die Stuttgarter Firma Sereact etwa entwickelt ein KI-Modell speziell für Roboter.
Die Probleme von Teilen der deutschen Industrie kann niemand wegdiskutieren. Wann aber hatten nicht irgendwelche Branchen mal Probleme? Die aktuelle Debatte und schlechte Stimmung werden dadurch befeuert, dass China Deutschlands zentrales Geschäftsmodell unter Druck setzt, den Export in alle Welt. So eine Konstellation gab es schon einmal.
In den 1980er Jahren hatte die westliche Welt Angst davor, dass Japans Industrie alles übernehmen würde. Damals erschienen Bücher wie Ezra Vogels „Japan as Number One“ (1979) und Clyde Prestowitz’ „Trading Places“ (1988). Aber es geschah etwas anderes. Die deutschen Unternehmen lernten von den Japanern.
Allen voran: die Autobauer, die Toyotas Produktionssysteme kopierten.
Dieser Text ist Teil unserer Communitywoche „All You Can Ask“. In dieser Woche antworten wir auf wirklich alle Fragen, die unsere Leser:innen uns stellen. Hast du eine Frage? Stell sie uns direkt hier:
Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Lea Schönborn, Fotoredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert