Ming Yi Chen war den mächtigsten Politikern seiner Zeit ein halbes Jahr voraus. Er steht in dem Laden, den er und seine Frau vor 55 Jahren gegründet haben. Die Türklingel geht im Sekundentakt und es riecht nach den Erdnussnudeln, die eine Mitarbeiterin ein paar Meter weiter in kleinen Pappschüsseln verteilt. Es ist Februar, chinesisches Neujahr, und in dem Laden in Chinatown, New York, drängen sich Besucher:innen, um kostenlose Snacks zu probieren oder sich ein temporäres Tattoo in Pferdeform zu machen. Das neue Jahr steht schließlich im Zeichen des Feuerpferdes.
Es war im Jahr 1971, als Chen und seine Frau einen „Freundschaftsladen“ mit Waren aus China in New York eröffneten. Zu dieser Zeit bestimmte der Kalte Krieg die Politik, die diplomatischen Beziehungen waren eingefroren und direkter Handel mit dem kommunistischen China war verboten. Die Idee der Chens war revolutionär, ausgerechnet in dieser Zeit einen „Freundschaftsladen“ zu eröffnen.
Ein halbes Jahr später reiste der damalige US-Präsident Nixon nach China. Es war der erste Besuch eines US-Präsidenten in China seit 1949. Er ging in die Geschichte ein. Der heute 87-jährige Chen grinst, als er davon erzählt, dass er mit seiner Vision Nixon voraus war. Und während es mit den amerikanisch-chinesischen Beziehungen mal bergauf, mal bergab ging, gibt es den Laden mehr als ein halbes Jahrhundert später immer noch.
Der Pearl River Mart verkauft Waren aus Asien und von amerikanisch-asiatischen Künstlern; von Gewürzen über Oberteile bis zu den berühmten winkenden Katzen. Kaum ein Laden repräsentiert so gut die komplizierte Beziehung zwischen China und den USA. Heute führt Chens Schwiegertocher den Laden und hat sogar noch zwei weitere Filialen eröffnet. Der Pearl River Mart ist ein Symbol dafür, dass es unmöglich ist, die beiden Länder voneinander zu trennen.
Gleichzeitig leidet der Pearl River Mart, wie alle Läden in Chinatown besonders stark unter Konflikten zwischen den Ländern. Die Zölle, die Trump auf alle chinesischen Waren erhob und zwischenzeitlich sogar 145 Prozent betrugen, trafen den Laden hart.
„Die Zölle sorgen für große Unsicherheit, was für ein kleines Unternehmen nie gut ist“, sagt Joanne Kwong, die Leiterin des Pearl River Marts, „besonders für unser Unternehmen, da wir stark von Importen abhängig sind.“ Als ich sie frage, was schlimmer war, Corona oder die Zölle, sagt sie: „Die Zölle waren schlimmer.“ Bei Corona haben immerhin alle im selben Boot gesessen. Aber die Zölle seien für große Unternehmen leichter auszugleichen als für kleine. Wegen der Zölle musste Kwong die Preise des Pearl River Marts erhöhen. Und sie musste Community-Events absagen oder umplanen, weil dafür kein Geld mehr da war.
Joanne Kwong vor dem Schaufenster des Pearl River Marts. | © Isolde Ruhdorfer
Die Beziehung zwischen China und den USA gilt als der Großkonflikt unserer Zeit, manche bezeichnen ihn als neuen Kalten Krieg. US-Außenminister Marco Rubio sagte vergangenes Jahr „Die Kommunistische Partei Chinas … ist der mächtigste und gefährlichste Gegner von vergleichbarer Stärke, dem diese Nation je gegenüberstand.“ Die US-Bevölkerung sieht es ähnlich, knapp 50 Prozent der Befragten sehen in China die größte Bedrohung.
Nur: In der Realität verstehen sich die USA und China besser, als es drastische Statements und Zölle glauben machen. Der Pearl River Mart ist dafür ein Beweis, die große Politik ist es aber auch.
Wo die Länder trotz Feindbildrhetorik kooperieren⬆ nach oben
Beide Länder sind jeweils sehr wichtige Handelspartner füreinander. Mit keinem anderen Land handelt China so viel wie mit den USA. Und für die USA steht China an dritter Stelle, nach den direkten Nachbarn Kanada und Mexiko.
Aber beide Länder handeln nicht nur viel miteinander, sie kooperieren sogar auf anderen Feldern. Es bekommt nur keiner mit. Auch weil amerikanische Politiker:innen das nicht so offen zugeben. „Dialog“ sei in den USA in diesem Zusammenhang schon zu einem Schimpfwort geworden, sagt Michael Collins vom „National Committee on U.S.-China Relations“. Stattdessen heiße es dann, dass man an „Themen von gemeinsamem Interesse arbeite“.
Zum Beispiel beim Militär. In Trumps erster Amtszeit und unter seinem Amtsvorgänger Joe Biden gab es nur sehr limitierten Kontakt zwischen Führungskräften der beiden Armeen. Es ist aber so: Je kürzer die Leitung zwischen den Streitkräften, desto eher können Missverständnisse vermieden werden, beispielsweise bei Militärmanövern. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Vorfälle, bei denen chinesische Militärflugzeuge US-Flugzeugen bedrohlich nahe kamen. Doch China ignorierte Kontaktversuche. Das hat sich jetzt geändert. „Der Abstand zwischen den Flugzeugen hat sich vergrößert und meiner Ansicht nach ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Missverständnis zu einem Konflikt wird, stark gesunken“, sagt Collins.
Ein anderes Beispiel: Fentanyl. In den USA herrscht seit Jahren eine schwere Krise wegen der Droge, die 50-mal stärker ist als Heroin. Nach Angaben der Drogenbekämpfungsbehörde DEA ist Fentanyl die häufigste Todesursache für Amerikaner:innen zwischen 18 und 45 Jahren. China wiederum ist einer der größten Produzenten für Vorläufersubstanzen, die für die Arzneimittelherstellung und für die Herstellung von Fentanyl verwendet werden. Im November 2023 erklärte sich China bereit, wieder mit US-Behörden zusammenzuarbeiten, um zu verhindern, dass Fentanyl und seine Vorläufersubstanzen in die USA gelangen. Vergangenen November einigte sich Trump mit Xi auf weitere Maßnahmen zur Fentanyl-Bekämpfung, im Gegenzug senkte Trump die Zölle um 50 Prozent.
Und sogar bei den umkämpften Hochleistungschips gibt es Bewegung. Selbst dort macht Trump inzwischen Zugeständnisse in einem Umfang, der noch vor ein paar Jahren undenkbar gewesen wäre.
Ende vergangenen Jahres erlaubte er der Firma Nvidia, hochmoderne KI-Chips nach China zu verkaufen, wobei die USA ein Viertel der Einnahmen erhalten sollen. Es klingt für manche vielleicht wie eine kleine Sache: Die USA verkaufen ein paar Mikrochips nach China, na und? Aber KI und vor allem hochmoderne Halbleiter gelten als der Schlüssel dazu, welches Land in Zukunft am mächtigsten ist. Die vergangenen Jahre galt: Selbst wenn China und die USA in manchen Bereichen kooperieren, bei Halbleitern ist der Kalte Krieg real. Bis Trump, ganz wie es für ihn typisch ist, einen Post auf seinem Netzwerk Truth Social absetzte und damit die ganze Techbranche durcheinanderbrachte.
Sourabh Gupta vom „Institute of China-America Studies“ in Washington hat mir diese überraschende Wendung so erklärt, dass Trump großen Wert darauf lege, eine wichtige Handelsbeziehung zu China aufzubauen, „allerdings eine, bei der es darum geht, viele amerikanische Waren an die Chinesen zu verkaufen.“
Wichtigste Handelspartner sein, an vielen Stellen kooperieren und gleichzeitig Gegner sein: Wie passt das zusammen? China-Experte Michael Collins lacht, als ich ihm diese Frage stelle. Er hat diese Frage bisher nur von Deutschen gehört. Anscheinend tun wir uns besonders schwer damit, diese komplizierte Beziehung zu verstehen. „Es macht absolut Sinn“, sagt er scherzhaft, „mit der einen Hand schüttelt man sich die Hand, mit der anderen schlägt man zu.“
Kalter Krieg passt nicht: Die Länder streiten und brauchen sich⬆ nach oben
Collins beschreibt das Verhältnis zwischen China und den USA so: Die Volkswirtschaften schotten sich voneinander ab, schränken teilweise den Zugang zu ihren Märkten ein, die USA importieren aber weiterhin Konsumgüter aus den USA und China weiterhin Dienstleistungen aus den USA. „Das erscheint mir nicht als Widerspruch“, sagt Collins. Beide Länder konkurrieren seiner Einschätzung nach um bestimmte Marktanteile, beispielsweise bei Mikrochips, und wollen das andere Land daran hindern, Zugang dazu zu bekommen. Beide Länder wollen aber nicht, dass diese Konkurrenz zu einem bewaffneten Konflikt oder zu einer diplomatischen Eiszeit führt. Denn sie wissen: Wirtschaftlich sind sie eng verflochten. Die „Muskeln der Kooperation“ seien etwas verkümmert, aber nicht verschwunden, so sieht es Collins.
Insofern passt der Vergleich mit dem „Kalten Krieg“ nicht. Denn damals, im echten Kalten Krieg handelten China und die USA überhaupt nicht miteinander.
Ming Yi Chen erinnert sich noch genau an den Tag der Eröffnung des „Freundschaftsladens“ am 1. September 1971. Kurz zuvor hatte er die erste Warenlieferung an einem Hafen in Brooklyn abgeholt: Sojasauce in Flaschen, Maos „Kleines Rotes Buch“, Baumwoll-Hausschuhe und Mützen der Volksbefreiungsarmee. Als der Laden öffnete, standen eine Menge Leute davor, so erzählt es Chen. Allerdings trauten sie sich zuerst nicht herein, weil dort Waren aus einem kommunistischen Land verkauft wurden.
Joanne Kwong, die Leiterin des Pearl River Marts, muss den Laden und seine Filialen jedenfalls weiterführen, egal wie die Beziehungen auf Präsidentenebene gerade sind. Das neue Jahr steht im Zeichen des Feuerpferdes und soll deshalb „ein Jahr voller Aufschwung“ sein, wie sie sagt.
Die Idee hinter der Ladengründung war, die westliche und die orientalische Kultur in Kontakt zu bringen. Heute, 55 Jahre später, gibt es ihn immer noch. Für Mitgründer Ying Mi Chen der Beweis, „dass die ursprüngliche Idee richtig ist.“ Die beiden Länder können nicht immer miteinander, aber ohne einander geht es auch nicht.
Die Reisekosten wurden von den Kellen Fellowhips des American Council on Germany übernommen.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer