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1819 scheiterten die ambitionierten Pläne des Verfechters der Allgemeinbildung für alle, Wilhelm von Humboldt, an der Angst der Konservativen. Humboldt wollte eine Schule für alle. Stattdessen entschieden sich die Herrschenden für ein zweigliedriges Schulsystem, die Gymnasien für die Eliten auf der einen Seite und die Volksschulen für das gemeine Volk auf der anderen Seite. Das Grundprinzip existiert auch heute noch.
Erst 100 Jahre später wurde eine Schulform eingeführt, die den Ideen des Revoluzzers aus Preußen am nächsten kam: die Grundschule. Und genau darum geht es heute, im dritten Teil unserer Serie „War halt schon immer so“.
In der vergangenen Ausgabe hat Bent euch gefragt: „Sollte der Schulalltag weiterhin in Blöcke „Unterricht-Pause-Unterricht-Pause“ eingeteilt sein – oder kann dieses Konstrukt weg?“ 80 Prozent von euch finden: Kann weg. Wenn unsere Leser:innen entscheiden könnten, wie das deutsche Schulsystem aussehen sollte, gäbe es keine Gymnasien und keinen klassischen Unterricht mehr. Ganz schön radikal.
Mit der Einführung der Demokratie sollte auch das Bildungssystem gerechter werden⬆ nach oben
Nun aber zurück zur Einführung der einzigen Schulform, deren Besuch alle Kinder in Deutschland gemeinsam haben. Wenigstens die ersten Jahre sollten alle Kinder zusammen zur Schule gehen.
Wie es dazu kam: Anfang des 20. Jahrhunderts waren Privatschulen Standard für die Kinder, die später aufs Gymnasium gehen würden. Denn wer das Gymnasium besuchen wollte, ging vorher meist auf eine schulgeldpflichtige Vorschule. Alle anderen Kinder gingen acht Jahre lang in die Volksschule. Im Schnitt saßen in der Klasse einer Volksschule 54 Kinder. Und nur eines von zehn Kindern wechselte von einer Volksschule auf ein Gymnasium. Die Bildung, die Kinder genießen konnten, hing also stark vom Elternhaus ab.
Die Sozialdemokraten und die Liberalen Demokraten, die 1920 in der Weimarer Republik regierten, wollten das ändern. Denn mit dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und der Einführung der Demokratie sollte das deutsche Schulsystem gerechter werden. Die beiden Parteien wollten ein einheitliches und gestuftes Schulsystem, also ein System, das aufeinander aufbaute, statt parallel, also mehrgliedrig, zu funktionieren. Also genau das, was sich Humboldt mehr als 100 Jahre zuvor ausgedacht hatte.
Die Opposition befürchtete Sozialismus-Zwang für alle⬆ nach oben
Die Sozialdemokraten und Liberalen Demokraten wollten aber auch ein Schulsystem, das unabhängig von der Kirche ist und das allein der staatlichen Aufsicht unterliegen würde. Die beiden Parteien hatten aber noch einen dritten Koalitionspartner, der bei dieser Frage anderer Meinung war: die Zentrumspartei. Die Zentrumspartei war sowas wie die Partei der Katholiken (nach dem Zweiten Weltkrieg verdrängte die Union sie von dieser Position). Und die wollten zwar auch die ständische Ordnung überwinden, nicht aber die Trennung zwischen Schüler:innen verschiedener Glaubensrichtungen aufheben. Ihnen gefiel es, dass Katholiken und Protestanten auf verschiedene Schulen gingen.
Die konservative Opposition, die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP) waren sowieso gegen ein einheitliches Schulsystem. Für sie waren die Reformpläne gleichbedeutend mit der Einführung einer „sozialistischen Einheitsschule“ oder einem „Kinderzwangzuchthaus“.
Die vierjährige Grundschule war nur ein Kompromiss⬆ nach oben
Letztendlich einigten sich die regierenden Parteien auf einen Kompromiss, der als Weimarer Schulkompromiss in die Geschichtsbücher eingehen sollte. 1920 führten sie das Grundschulgesetz ein, brachten es gerade noch so durch die Nationalversammlung, bevor sie die Regierungsmehrheit verloren. Private Vorschulen sollten nur noch in Ausnahmefällen erlaubt sein. Vier Jahre lang sollten alle Kinder gemeinsam lernen, bevor sie in einfache, mittlere und höhere Bildungsgänge aufgeteilt wurden. Den Sozialdemokraten und den Liberalen Demokraten wären sechs Jahre Grundschule noch lieber gewesen, aber das bekamen sie nicht durch.
So oder so: Die Grundschule sollte ein Ort sein, wo Kinder verschiedener Schichten zusammenkamen. Und über den weiteren Bildungsweg sollte „Anlage und Neigung“ des Kindes entscheiden, „nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung oder das Religionsbekenntnis seiner Eltern“. So wurde es 1919 in die Weimarer Reichsverfassung geschrieben. Klingt eigentlich ziemlich gut.
Dreimal so viele Kinder aus Akademiker-Haushalten erhalten eine Gymnasialempfehlung⬆ nach oben
Ich habe mal nachgeschaut: Das ist heute noch lange nicht Realität. Eine Untersuchung der Uni Dortmund, die Daten von mehr als 4.000 Viertklässler:innen analysiert hat, hat herausgefunden: Im Jahr 2021 erhielten 63 Prozent der Kinder aus einem Elternhaus mit mindestens einem Elternteil mit einem akademisch höchst qualifizierten Beruf eine Gymnasialempfehlung. Es sind aber nur 23 Prozent der Kinder aus einem Haushalt, wo die Eltern einer einfachen Facharbeit nachgehen. Auch 100 Jahre später ist der Traum eines fairen Bildungssystems also ziemlich weit weg.
Eine sechsjährige Grundschulzeit ist heute in nur zwei Bundesländern normal: in Berlin und Brandenburg. Es wird immer wieder argumentiert, dass die frühe Selektion ein Verstärker der sozialen Ungleichheit im Bildungssystem sei (wenn man nicht davon anfangen will, dass die Selektion per se das Problem ist). In manchen Bundesländern gibt es bereits die Möglichkeit, dass einzelne Kinder fünf Jahre in der Grundschule bleiben können, ohne dass es als Sitzenbleiben gilt. Dafür wurde die sogenannte Schuleingangsphase von zwei auf drei Jahre verlängert.
Sollten Kinder in ganz Deutschland sechs statt vier Jahre in die Grundschule gehen?⬆ nach oben⬆ nach oben⬆ nach oben
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Wir, also Bent, Nastasja und ich, sitzen gerade im Zug auf dem Weg zur Didacta, der größten Bildungsmesse Deutschlands. Gibt es Events, die wir nicht verpassen sollten? Willst du dringend mal einen Kaffee mit uns trinken? Schreib uns gerne an tkaa@krautreporter.de!
Redaktion und Schlussredaktion: Bent Freiwald.