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Gleichberechtigung

Inklusion an deutschen Schulen, verständlich erklärt

etwa 21 Min. Lesedauer

Inklusion ist doch schon ewig Thema in deutschen Schulen. Haben wir nicht langsam genug darüber gesprochen?

Naja, es gibt eben auch großen Redebedarf – etwas beschönigend formuliert. Denn es läuft in Deutschland noch nicht so, wie es laufen sollte. Andere Länder sind viel weiter. Es gibt ein Land in Europa, das ein richtiges Vorbild bei inklusiver Bildung ist …

Na klar: Schweden?

Mmh, nope.

Dann ein anderer von diesen skandinavischen Musterschülern.  Finnland?

Auch nicht.

Dann bleibt ja nur Dänemark. Oder nein: Norwegen!

Es ist Italien.

Oha.

Ja, in Skandinavien gehört Inklusion zwar auch schon viel länger zum Alltag als bei uns, aber seit Italien 1977 in einem Gesetz bestimmt hat, dass inklusiver Unterricht an allgemeinen Schulen stattzufinden habe – und zwar für alle – setzen sie das auch sehr konsequent um.

Obwohl so viel darüber gesprochen wird. So richtig klar ist mir nicht, was Inklusion eigentlich genau bedeutet.

Eine Freundin, die in einem inklusiven Kindergarten arbeitet, hat das so erklärt: „Inklusion ist mehr so ein Gefühl. Alle gehören dazu, das ist ganz natürlich.“

Und deine Freundin ist da jetzt die absolute Expertin?

Naja, absolute Expertin wäre vielleicht zu viel gesagt. Aber sie sieht jeden Tag, wie Inklusion im Alltag aussieht. Außerdem kommt sie der offiziellen Definition sehr nahe: Dass jede(r) dazugehört, egal welche Sprache dieser Mensch spricht, wie er aussieht oder ob er eine Behinderung hat. Das Motto von Inklusion ist: Gemeinsam verschieden sein.  

Du schreibst doch ständig über andere Probleme in den Schulen. Ist das mit der Inklusion wirklich so dringend?

Frag mal die Lehrer, wie dringend das ist (mach das lieber nicht!). Du wirst sehen: Inklusion müsste eigentlich das Thema sein! Die Schulen müssen sich komplett verändern, damit sie funktioniert. Und das ist keine fixe Idee von irgendeinem Bildungspolitiker (die haben sich da viel zu lange rausgehalten), das kommt von ganz oben – von der UNO! Und trotzdem steigen Schulen gerade aus der Inklusion aus, Lehrer winken erschöpft ab, Eltern haben Angst, dass Inklusion ihren Kindern schadet.

Inklusion in Deutschland ist gerade ein Problem, es ist aber eben auch ein Menschenrecht. Inklusion kann – glaubt man den Studien – viel Gutes bewirken, wenn Deutschland sich wirklich darum kümmert. Das Thema betrifft eigentlich auch nicht nur die Schulen, sondern uns alle – und wer sich damit ernsthaft beschäftigt, wird anders auf die Gesellschaft schauen, in der wir leben. „Integration“ erscheint dann plötzlich nicht mehr sehr attraktiv. Aber dazu später mehr.

Okay. Wenn ich an meine eigene Schulzeit denke, kann ich mir das nicht richtig vorstellen. Wie soll gemeinsamer Unterricht denn konkret gehen? Hätte ich dann immer meinen Mitschülern helfen müssen – oder sie mir?

Vorsicht, du öffnest die Büchse der Pandora. Über diese Frage diskutiert ganz Bildungsdeutschland seit Jahren. Eine einfache Antwort gibt es deshalb nicht, aber probieren wir es mal so: Als du zur Schule gegangen bist, waren die Klassen wahrscheinlich noch ziemlich homogen, das heißt, dass du mit deinen Mitschülern auf einem ähnlichen Niveau warst, dass ihr ähnlich gut lernen konntet.

Durch die Inklusion werden die Klassen deutlich heterogener, das heißt zum Beispiel: Während die einen erklärt bekommen, was ein mathematischer Bruch ist, fangen die anderen schon an, Brüche zu multiplizieren. Wieder andere beschäftigen sich damit, was Addition überhaupt ist. Ein gemeinsames Lernziel wie „Heute lernen wir, wie man Brüche addiert“ gibt es häufig nicht mehr.

Also ja, du hättest sicher auch mal deinen Mitschülern helfen müssen. Aber das haben wir ja doch sowieso gemacht als wir in der Schule waren, oder? Man wollte ja nicht der Schüler sein, der immer Bestnoten kriegt, aber mit niemandem die Hausaufgaben teilt …

Hehe, stimmt! Ich kann mir das bei den Schülern sehr gut vorstellen. Kinder haben ja wenig Berührungsängste. Aber die Lehrer? Haben die nicht schon genug zu tun mit Digitalisierung, immer größeren Klassen und was es sonst an Problemen gibt?

Im Idealfall stehen Lehrer nicht mehr allein vor ihrer Klasse, sondern arbeiten gemeinsam mit Sonderpädagogen, Erziehern, Schulpsychologen und Sozialarbeitern in sogenannten multiprofessionellen Teams. Dabei achten sie etwa darauf, dass auch ein Kind, das nicht gut sehen kann, die Arbeitsbögen bearbeiten kann. Oder dass die Kinder in ihrem eigenen Tempo lernen können.

Lehrersein ist anstrengend – und wie! In diesem Text liefern wir zehn Gründe dafür. Er war einer unser meistgelesenen Texte im Jahr 2018.

Dafür müssen die Lehrer natürlich auch anders unterrichten. Frontalunterricht, bei dem ein Lehrer an der Tafel steht und etwas für alle erklärt, wird immer seltener. Stattdessen lernen die Kinder in kleinen Gruppen, oder alleine, und arbeiten an Aufgaben, die genau zu ihrem Lernniveau passen.

Hört sich eigentlich an, wie etwas, das im 21. Jahrhundert Standard sein müsste.

Ja, schau dir mal dieses kurze Video über die Martinschule in Greifswald an. Sie ist als ehemalige Förderschule heute für alle Kinder geöffnet und hat den Deutschen Schulpreis gewonnen. Im Video siehst du, wie Hochbegabte Kindern mit Handicap helfen, Schüler rechnen zusammen, schwimmen, kochen, oder töpfern:

https://www.youtube.com/watch?v=8X__BmvielE

Einen ausführlichen Einblick in inklusiven Unterricht bekommst du im Film „Berg Fidel“ von der Regisseurin Hella Wenders. Darin begleitet sie vier Kinder, die auf die gleichnamige inklusive Grundschule in Münster gehen. Den ganzen Film findest du hier.

Sechs Jahre später besucht Wenders die Schüler erneut, um herauszufinden, wie es ihnen geht und was aus ihnen geworden ist, und dreht den Film „Schule, Schule“. Hier findest du den Trailer zum zweiten Film.

Wie Marc dem Maximilian hilft, wenn er nicht weiter weiß – das sieht schon ziemlich gut aus. Aber das ist auch ein Werbevideo ...

Dahinter steckt ein großer Aufwand ... Inklusion bedeutet nicht, allgemeine Schulen nehmen auch Kinder mit Behinderungen auf und ansonsten bleibt alles so, wie es ist. Je verschiedener die Schüler in einer Klasse sind, desto mehr müssen sich die Lehrer vorbereiten und desto besser müssen sie die Kinder betreuen. Deshalb fällt in der Debatte auch immer wieder der Begriff „Mammutaufgabe“.

Wenn es darum geht, alle Schüler gemeinsam in allgemeinen Schulen zu unterrichten – müssten wir dann nicht eigentlich von Integration sprechen?

Schau dir diese Grafik mal an:

Grafik: Bent Freiwald

Schon klar, nach Exklusion hast du gar nicht gefragt, aber der Umweg ist wichtig, um die Inklusion zu verstehen. Der große Kreis, der aus den kleinen, grauen Kreisen besteht, stellt unsere Gesellschaft aus Sicht der Exklusion dar. Die bunten Kreise sind Menschen, die vermeintlich von der großen Masse abweichen, zum Beispiel, weil sie eine Behinderung haben oder weil sie aus einem anderen Land kommen. Sie werden ausgeschlossen. Ein radikales Beispiel dafür waren Geschäfte zur NS-Zeit, die mit dem Schriftzug „Kein Zutritt für Juden“ eine komplette Gesellschaftsgruppe ausgeschlossen haben.

Zurück zu deiner Frage:

Grafik: Bent Freiwald

Hier sieht es schon besser aus. Dennoch hat auch die Sichtweise der Integration einen Haken: Vermeintlich „Abweichende“ (Migranten) sollen sich in ein vermeintlich gleichbleibendes Umfeld (unsere Gesellschaft) integrieren.

Der Autor Max Czollek fordert in seinem Buch: „Desintegriert Euch!“ Er sagt, wir erwarten von Migranten, dass sie sich Normen unterwerfen, über die wir uns selbst nicht einig seien. Bei diesem Integrationstheater wolle er nicht mitmachen. Wir haben ein Kapitel aus diesem Buch veröffentlicht: „Integration? Gibt es nicht!“

Kommen wir nun zur …

Grafik: Bent Freiwald

Das Ziel von Inklusion ist es, dass das Umfeld nicht gleich bleibt, und wir nicht den Einzelnen verantwortlich machen. Wenn du zum Beispiel auf einen Rollstuhl angewiesen bist, musst du nicht selbst dafür sorgen, dass du die Treppe zum Rathaus hochkommst. Wir verändern stattdessen das Umfeld: Wir bauen eine Rampe. Denk mal über diesen Satz nach: „Man ist nicht behindert, man wird behindert.“ 

Okay ... stimmt. Aber warum sind in der letzten Grafik auf einmal viel mehr bunte Kreise als oben? Wo kommen die alle her?

Inklusion bedeutet nicht: Auch die, die anders sind, gehören jetzt mal zu den „normalen“ (den grauen) dazu. Sondern: Wir sind alle verschieden, jeder ist anders, wir sind alle bunt und gehören alle dazu. Deswegen sind die bunten Kreise auch keine Sonderfälle mehr, sondern selbstverständlich. Und deswegen wird sich die ganze Gesellschaft verändern (müssen), wenn wir die Inklusion wirklich umsetzen wollen.

Okay, ehrbares Ziel. Aber die Förderschulen wurden ja nicht grundlos eingeführt, da hat man sich doch etwas bei gedacht. Lernen Kinder mit Förderbedarf vielleicht doch besser auf Förderschulen?

Befürworter von Förderschulen haben durchaus Argumente: Ruhe und Rückzug, kleine Lerngruppen und vor allem: ein geschützter Raum.

Das sollte doch in jeder Schule so sein?

Ja, stimmt.

Es gibt aber natürlich auch gute Argumente für die Inklusion. Allerdings muss man sich als Autor normalerweise durch Berge von Studien kämpfen, um die wirklich aussagekräftigen Untersuchungen zu finden. Beim Thema Inklusion gibt es aber keine Berge. Die aussagekräftigen Studien sind unter Experten überall bekannt, weil es so wenige davon gibt. Christian Huber von der Uni Wuppertal hat das in einem Interview mit dem WDR so zusammengefasst: „Zurzeit ist jeder Hustensaft besser untersucht als die Inklusion.“

Die Erkenntnisse, die es gibt, deuten darauf hin, dass Kinder mit Förderbedarf auf allgemeinen Schulen im Lesen, Schreiben und Rechnen deutlich besser abschneiden. Sie kommen auf allgemeinen Schulen auch häufiger zu einem Abschluss als Kinder, die die Förderschule besuchen.

Okay, aber was ist denn zum Beispiel mit schwerbehinderten Kindern oder Kindern, die sich gar nicht benehmen können? Würden die heute auch in meine Klasse gehen, wenn ich noch Schüler wäre?

Theoretisch ist die Sache klar: Inklusion meint alle Kinder, nicht nur alle Kinder bis zu einem gewissen Grad der Behinderung. Ein Blick in andere Länder zeigt, dass das auch praktisch funktioniert. In Kanada, übrigens eines der Länder, das bei der PISA-Studie (so umstritten sie ist) immer besonders gut abschneidet, lernen alle Kinder bis zur neunten Klasse gemeinsam.

Gleiches gilt für verhaltensauffällige Kinder. Weil es so wichtig ist, nochmal die Erinnerung: Inklusion ist Menschenrecht. Und das setzt nicht aus, nur weil sich ein Kind nicht ordentlich benimmt. Theoretisch ist die Sache also wieder klar: Eine Schule muss solche Kinder aufnehmen können und ihnen ein Umfeld bieten, in dem sie klarkommen. Zum Beispiel, indem man mit solchen Kindern an ihrem Verhalten arbeitet, statt sie auf eine gesonderte Schule zu schicken.

Jetzt hast du zweimal das Wort „theoretisch“ benutzt …

Schreiben kann man natürlich viel. Im Alltag  ist das tatsächlich oft nicht so einfach, weil die Ressourcen fehlen. Kinder, die rumschreien oder sich gar nicht konzentrieren können, sprengen manchmal den kompletten Unterricht.

Wie beeinflusst es denn die Kinder ohne Behinderung, wenn alle gemeinsam lernen?

Die Angst ist: „Wenn wir alle Kinder in einer Schule unterrichten, sinkt das Niveau insgesamt!“ Dafür gibt es aber keine Beweise. Tatsächlich sind die Leistungen der Kinder ohne Förderbedarf in inklusiven Klassen mindestens genauso gut, in einigen Studien sogar besser. Das gilt auch für besonders leistungsstarke Schüler.

Und wenn alle Kinder gemeinsam zur Schule gehen, sollten sich auch ihre sozialen Fähigkeiten verbessern: tolerant sein, Rücksicht nehmen, sich selbst besser einschätzen. Auch, wenn wir jetzt viel über Schule gesprochen haben, fängt Inklusion schon viel früher an, in der Kita zum Beispiel. Wenn Kinder, so unterschiedlich sie sind, von früh auf lernen, miteinander umzugehen, spielt die Inklusion später gar keine Rolle mehr, sondern ist ganz normal.

Aber ich muss trotzdem nochmal fragen: Wenn die Studienlage so dürr ist. Warum hat Deutschland die Inklusion dann überhaupt eingeführt?

Ein entscheidender Wendepunkt war die UN-Behindertenrechtskonvention, die 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurde.

Was sind die Vereinten Nationen und welche Aufgaben haben sie? Krautreporter-Autor Christian Fahrenbach beantwortet in diesem Text alle wichtigen Fragen.

Was ist eine Konvention?

Eine Konvention ist ein Völkerrechtsvertrag, der in den Staaten gilt, die ihn bestätigt haben. In der Verabredung von 2006 haben sich neben Deutschland 176 weitere Staaten und die EU im Artikel 30 darauf verständigt, dass inklusive Bildung ein Menschenrecht ist.

Die ganze UN-Behindertenrechtskonvention kannst du hier nachlesen.

Und das heißt dann wirklich, dass alle Förderschulen abgeschafft werden müssen? Das steht in der Konvention drin?

Nein, das steht da nicht drin. Aber man ist sich nicht so einig darüber, was genau die Konvention für Deutschland bedeutet, das ist der Kern der Debatte. Manche finden, dass Förderschulen ein ganz normaler Teil unseres Schulsystems sind, also der Konvention nicht widersprechen. Andere finden, dass Inklusion das deutsche System generell in Frage stellt.

Was passiert, wenn Deutschland gegen die Konvention verstößt? Kommen dann die UN-Blauhelme in unsere Schulen?

Ja, Blauhelme aus dem Inklusions-Musterland Italien … Nein, im Ernst: Die Konvention hat in Deutschland den Rang eines Bundesgesetzes, und auch die Länder und selbst die Kommunen haben sich ihr verpflichtet. Das heißt, wer in Deutschland diskriminiert wird, kann dagegen klagen (und Eltern für ihre Kinder). Wenn der Rechtsweg in Deutschland ausgeschöpft ist, gibt es aber kein internationales Gericht, vor dem man klagen könnte. Man kann sich dann noch beim „Ausschuss zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderung“ beschweren ...

Und der könnte Deutschland dann bestrafen?

Wieder nein. Der könnte Deutschland nur zu einer Stellungnahme auffordern, und versuchen, Deutschland zu überzeugen, dass man sich doch an die Verabredung halten solle. Sanktionen, die Deutschland zur Einhaltung zwingen könnten, sind nirgendwo vorgesehen. Es geht also vor allem um Glaubwürdigkeit, Vertrauen, Ansehen und darum, ein Vorbild zu sein.

Als die Konvention 2009 in Kraft getreten ist, gab es keinen Weg zurück mehr. Schon vorher gab es Eltern, die vor Gericht gezogen sind, damit ihr Kind auf eine allgemeine Schule gehen darf. Mit der UN-Vereinbarung hatten diese Eltern noch mehr Argumente auf ihrer Seite.

Steht es so schlecht um die Inklusion, dass Eltern klagen müssen?

Naja, die Schulen waren einfach schlecht vorbereitet.

Wie kann das denn sein? Irgendeiner der Deutschen in New York bei der UN muss doch mal hier bei uns Bescheid gesagt haben, dass sich etwas ändern werden muss, dass da eine „Mammutaufgabe“ auf die Gesellschaft und besonders die Schulen zukommt!
 
Das ist sicherlich auch geschehen. Aber viele Bildungspolitiker haben die Konvention wohl nicht sehr ernst genommen oder einfach unterschätzt. Auch weil Inklusion in Deutschland damals eben noch kein so großes Thema war. Oft ist es ja so, dass sich erst die Gesellschaft verändert, und Gesetze anschließend dementsprechend angepasst werden. So war es zum Beispiel bei der „Ehe für alle“. Bei der Behindertenrechtskonvention war es genau anders herum: Das Gesetz wurde geändert, damit sich die Gesellschaft verändert, das Ziel ist ein Perspektivwechsel, ein Umdenken. Es gab aber keinen konkreten Plan, wie genau die Inklusion umgesetzt werden soll. Deshalb kam es zum Kaltstart, der allen Beteiligten viel abverlangt.  

Nochmal: Warum gab es einen solchen Plan nicht? Das ist ja kein Hexenwerk.

Das liegt unter anderem am gegliederten Schulsystem, das man außer in Deutschland eigentlich nirgendwo findet. Gegliedert heißt: Es gibt nicht eine Schule für alle, sondern viele verschiedene, zum Beispiel das Gymnasium, die Realschule, die Hauptschule oder die Förderschule. Das ging über 100 Jahre so (zumindest in Westdeutschland). Und was sich so lange einspielt, ist schwierig, zu durchbrechen. Trotzdem: Für die Bildungspolitiker in den Ländern kam die Änderung nicht von heute auf morgen, sie war jahrelang abzusehen.  

Wie viele Schulen in Deutschland unterrichten inklusiv?

Das Einführen der Inklusion hat nicht dazu geführt, dass man alle Förderschulen eingestampft hat. Zurzeit haben wir fast überall ein sogenanntes „Parallelsystem“. Das heißt, es gibt allgemeine Schulen, die Kinder mit Förderbedarf aufnehmen, und trotzdem noch Förderschulen.

Ironischerweise  zeigt die sogenannte Exklusionsquote am besten, wie es um die Inklusion in Deutschland steht, und was sich seit 2009 (da wurde die Konvention in Deutschland in Kraft gesetzt) getan hat. Sie zeigt, wie viel Prozent aller Schüler noch an Förderschulen unterrichtet werden.

Man könnte sich auch den sogenannten Inklusionsanteil anschauen, aber diese Statistik verzerre die Realität, sagt der Bildungsforscher Klaus Klemm in dieser Bertelsmann-Studie:

Lass uns mal auf die Bundesländer schauen. Was fällt auf?

Daten: Unterwegs zur inklusiven Schule. Lagebericht 2018 aus bildungsstatistischer Perspektive

Grafik: Bent Freiwald

Fast überall ist die Quote seit 2009 gesunken. In Bremen zum Beispiel sieht es ziemlich gut aus, in Schleswig-Holstein auch. Aber im Süden, in Bayern und Baden-Württemberg, gehen sogar anteilmäßig mehr Kinder auf Förderschulen. Woher kommen die großen Unterschiede?

Jedes Bundesland in Deutschland entscheidet allein über seine Bildungspolitik. In Thüringen zum Beispiel hat sich – seit 2014 regiert dort eine Koalition aus Linke, SPD und den Grünen – der Anteil der Schüler auf Förderschulen von 7,0 auf 4,5 Prozent fast halbiert. Oder in Schleswig-Holstein: Im Kreis Steinburg gibt es gar keine Förderschule mehr, nur noch sogenannte Förderzentren. Die nennen sich dann selbst etwas scherzhaft „Schule ohne Schüler“, denn von dort aus fahren die Förderschullehrer durch den ganzen Kreis, um sich um die Kinder mit Förderbedarf an inklusiven Schulen zu kümmern.

Aber auf ganz Deutschland gesehen hast du recht: 2009 waren es deutschlandweit 4,9 Prozent, 2017 waren es noch 4,3 Prozent, das sind ungefähr noch 318.000 Kinder.

Wie stehen denn die Parteien zur Inklusion?

Die Bundesparteien sagen zum Thema Inklusion selten was Konkretes, damit sie ihre Landesverbände nicht zu sehr einschränken in ihrer Bildungspolitik. Es gibt aber ein paar Trends, zum Beispiel sprechen sich die Linken, die Grünen und die SPD häufig dafür aus, die Inklusion zu Ende zu denken und Förderschulen langfristig abzuschaffen. Die CDU/CSU und die FDP finden es wichtig, dass die Eltern selbst entscheiden können, ob ein Kind auf die Förderschule gehen soll oder nicht, dafür müsste es natürlich weiterhin Förderschulen geben. Trotzdem finden sie die Inklusion grundsätzlich richtig. Achja, und die AfD möchte die Förderschulen erhalten, und sagt, Inklusion sei rein ideologisch motiviert.

Unser Reporter Christian Gesellmann hat den FDP-Chef Christian Lindner im Juli 2017 interviewt, es ging auch im Bildung. Lindner findet zum Beispiel: “Den Standardlehrstoff kann man sich auch mal mit nem Video reinziehen”.

Die Landesregierungen sind ja aber nur die eine Sache. Wie offen stehen Lehrer der Inklusion generell gegenüber?

Ein Gymnasium in Bremen sollte eine inklusive Klasse einrichten: 19 nichtbehinderte Schüler sollten dort gemeinsam mit fünf Schülern mit Behinderung unterrichtet werden. Die Schulleiterin hat vor dem Verwaltungsgericht in Bremen gegen die Einführung einer solchen Klasse geklagt – und hat verloren.

In einer Befragung, die der Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Auftrag gegeben hat, halten 54 Prozent der befragten Lehrer gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung grundsätzlich für sinnvoll, unter der Bedingung, dass die Voraussetzungen in den Schulen dafür stimmen. 42 Prozent halten es für sinnvoller, wenn Kinder mit Behinderung in Förderschulen unterrichtet werden. Nur zwei Prozent der Befragten halten es für sinnvoll, Förderschulen ganz abzuschaffen. Seit 2015 (da hat man die Lehrer schon mal befragt) hat sich daran kaum etwas verändert.

Der VBE hat die Befragung beim Meinungsforschungsinstitut forsa in Auftrag gegeben. Befragt wurden 2.050 Lehrerinnen und Lehrer an allgemeinbildenden Schulen. Von den Befragten unterrichteten 747 selbst in inklusiven Klassen. Doch auch unter den Lehrern mit Inklusions-Erfahrung gibt es eine starke Minderheit von 38 Prozent, die gegen gemeinsamen Unterricht sind.

Diese Studie über die Einstellungen von Lehrern und Eltern kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.

Du hast mehrfach gesagt, die Schulen waren schlecht vorbereitet. Was heißt das genau?

Die beteiligten Lehrer und Betreuer beschweren sich hauptsächlich darüber, dass sie die Inklusion praktisch über Nacht umsetzen sollten. Für Schulleiter, Regelschullehrer und Sonderpädagogen galt dann das Motto: Learning by doing. Viele Lehrer erzählen, dass es sich selbst heute noch oft anfühlt wie eine Testphase. Die meisten von ihnen haben nie gelernt, wie man Kinder unterrichtet, die Förderbedarf haben. Dazu kommt, dass 48 Prozent der Lehrer finden, dass die Fortbildungen nicht gut genug sind.

Von Förderschullehrern gibt es – wie eigentlich von allen Lehrern – zu wenig. Deswegen kommen sie viel zu selten in Klassen, in denen Förderschüler sitzen. Manchmal nur zwei Stunden pro Woche. Manchmal sind die Regelschullehrer für den Rest der Zeit auf sich allein gestellt. Denn auch von Sozialarbeitern und Schulpsychologen gibt es zu wenig. Oft hakt es auch bei der Zusammenarbeit von Regelschullehrern und den Sonderpädagogen. Denn diese ist oftmals nicht klar geregelt, wird von Experten aber als ein wichtiger Erfolgsfaktor für Inklusion angesehen.

Bereit für noch ein bisschen mehr Schwarzmalerei?

Ja, wenn schon, denn schon.

Es fehlt nicht nur an Personal, sondern auch an technischer Ausstattung, und oft gibt es nicht genügend Räume, um auch mal in kleineren Gruppen zu arbeiten. Schulen müssen für richtige Inklusion auch barrierefrei sein. Das heißt: Zugänglich für alle, ohne fremde Hilfe. Das gilt für Gebäude, aber auch für Verkehrsmittel, und für das Internet. Unterm Strich: es fehlt Geld.

Die Minister in den Bundesländern und im Bund streiten sich ständig darüber, wofür Geld ausgegeben wird. Natürlich sagen die Bildungsminister, dass Bildung unterfinanziert ist, und damit haben sie recht, obwohl Deutschland noch nie mehr Geld für Bildung ausgegeben hat. Aber damit hätten auch der Verkehrsminister und der Gesundheitsminister recht.

Auch innerhalb des Bildungssystems debattieren Politiker darüber, wofür das Geld ausgegeben werden soll: Viele Schulen sind marode, es fehlen tausende Lehrer. Neuerdings mit im Rennen: die Digitalisierung. Die Bundesregierung möchte dafür fünf Milliarden Euro investieren, das nennen sie “Digitalpakt”.  Ein “Inklusionspakt” oder so etwas, der die Inklusion spürbar vereinfacht, ist erstmal nicht in Aussicht.

Anfang 2018 forderte der Deutsche Lehrerverband sogar eine Aussetzung der Inklusion, bis bessere Rahmenbedingungen geschaffen wurden. Und in Essen haben im Januar alle Gymnasien verkündet, erstmal auf die Inklusion zu verzichten.

Puh ... Und wie schauen die Eltern auf die Inklusion?

Wenn Eltern schon Erfahrung mit inklusivem Unterricht gemacht haben, sehen sie die Inklusion positiver. Aber auch sonst sehen Eltern die Inklusion viel positiver als Lehrer: Nur acht Prozent sprechen sich gegen sie aus, das zeigt eine Befragung der Bertelsmann-Stiftung. Wenn man dieses Ergebnis nach Förderschwerpunkten aufdröselt, sieht es nicht mehr ganz so überwältigend positiv aus: 90 Prozent der befragten Eltern finden die Inklusion von Kindern mit körperlichen Beeinträchtigungen gut, bei Kindern mit einer geistigen Behinderung sinkt die Zahl auf 36 Prozent.

Die Bertelsmann-Stiftung hat das Meinungsforschungsinstitut infratest dimap mit dieser Befragung beauftragt. Sie untersuchten die Sichtweisen und Erfahrungen von Eltern schulpflichtiger Kinder im Alter von 6 bis 16 Jahren. Insgesamt wurden 4.321 Mütter und Väter befragt.

 
Bei allem, was schief läuft, fällt es mir irgendwie schwer, optimistisch zu sein. Hand aufs Herz: Ist die Inklusion gescheitert?

In der Woche vor der Veröffentlichung des Textes haben wir auch die KR-Leser gefragt: Wie stehst du zur Inklusion? Das ist das Ergebnis:

Wir können die Schwierigkeiten jedenfalls nicht einfach ignorieren. Es gibt Schulen, in denen ist die Inklusion – vorerst – gescheitert. Und es gibt Schulen, in denen funktioniert sie wunderbar. Es gibt Kinder, die auf einer allgemeinen Schule super klar kommen. Und es gibt Kinder, für die ist die Förderschule im Moment der bessere Ort. Deshalb ist Inklusion oft irgendwo zwischen gut gemeint und schwierig umzusetzen.

Die Voraussetzungen sind alles andere als optimal, man kämpft sich so durch, deswegen glauben Kritiker, Inklusion sei an sich der falsche Weg.
Vielleicht müssen wir uns in der Debatte immer wieder daran erinnern: Es geht nicht um eine tolle, neue Idee für unsere Schulen, sondern um ein Menschenrecht.

Dass es jetzt überall Schwierigkeiten gibt, zeigt nicht, dass Inklusion an sich keinen Sinn ergibt, sondern, dass wir sie viel zu lange vernachlässigt haben.


Dieser Text ist mit der Hilfe von 150 KR-Lesern entstanden, die mir ihre Fragen zum Thema Inklusion geschickt haben. Danke an euch alle! Wenn ich eure Frage nicht beantwortet habe, kommentiert einfach den Text, viellecht finden wir gemeinsam eine Antwort!

Redaktion: Rico Grimm; Fotoredaktion: Martin Gommel; Fact-checking: Susan Mücke; Schlussredaktion: Vera Fröhlich.