Leben in Deutschland

Integration? Gibt es nicht!

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In der Offline-Welt da draußen, aber auch im Netz selbst gibt es zahlreiche journalistische und wissenschaftliche Perlen, die wir gerne entdecken möchten. Im KR-Buchclub empfehlen Leser und Redakteure ihre Lieblingsbücher, Vorträge, Essays oder Reportagen. Wir veröffentlichen einen Auszug daraus und laden euch ein, in den Kommentaren darüber zu diskutieren. Hast du auch einen Buchtipp, dann hinterlasse ihn hier.

Matthias, 30 Jahre alt, sagt: „Desintegriert Euch! ist der nötige Denkanstoß in der Integrationsdebatte.“ Die Grundthese des Autors sei sympathisch. Denn der möchte den Aberglauben an ein einziges „Wir“ abschaffen, an den einen „Volkskörper“, und lehnt es deshalb ab, dass ständig eine Integration in dieses „Wir“ eingefordert wird.


Es ist Ihnen vielleicht nicht bewusst, aber Sie wissen bereits alles über Judenliteratur, Judenmusik und Judenbiographien. Sie brauchen es nur nachzuschlagen.

Dieser Text wird anders vorgehen. Er ist der mal unterhaltsame, mal bedrückende Versuch, das deutsche Bild von den Juden zu analysieren – und zu fragen, was überhaupt die lebenden Juden und Jüdinnen mit diesem Bild zu tun haben. Ich glaube nämlich, dass die öffentliche Repräsentation von Juden und Jüdinnen mehr über die Selbstwahrnehmung der deutschen Gesellschaft verrät als über das Judentum. Und diese Gesellschaft erhebt seit der Wiedervereinigung zunehmend einen Anspruch auf Normalisierung.

Alles wieder gut? Diese Vorstellung ist durch die politischen Entwicklungen der letzten Zeit noch fragwürdiger geworden, als sie es ohnehin schon war. AfD, Pegida, NSU: Es gibt wenig in diesem Land, das ich für normal halte. Das zeigt sich ebenso am eigenartigen Verhältnis von Juden und Deutschen wie an der grundsätzlichen Art und Weise, in der hierzulande über Zugehörigkeit diskutiert wird.

Wenn ich Ihnen, geschätzte Leser*innen, also „Desintegriert Euch!“ zurufe, dann will ich damit auch jenen positiven deutschen Nationalismus problematisieren, der sich hinter Konzepten wie deutscher Leitkultur, jüdisch-christlichem Abendland oder der Gründung eines Heimatministeriums verbirgt.

„Vielmehr sind ‚die Juden‘ von heute Figuren auf der Bühne des deutschen Gedächtnistheaters.“

Wer von den Juden und Jüdinnen in Deutschland reden will, der darf auch von den Deutschen in Deutschland nicht schweigen. Wer ist heute Jude in Deutschland? Wer eine jüdische Mutter hat? Wer eine jüdische Biographie vorweisen kann? Wer gute Witze erzählt? Wer Verwandte in Israel hat? Wer statt Ostereiern eine Woche lang staubtrockenes Brot isst? Wer die Romane Philip Roths kennt, alle Staffeln Seinfeld geguckt hat und sich ein Poster des jüdischen Rappers Drake ins Zimmer hängt? Ist man Jude, weil man neurotisch ist? Oder ist man neurotisch, weil man Jude ist? Ist man Jude, weil die eigene Familie in Auschwitz war? Weil man mit blonden Menschen schlafen möchte? Oder weil blonde Menschen mit einem schlafen möchten? Ist man Jude, weil man Nazis die Köpfe einschlagen will? Ist man Jude, weil man darüber nachdenkt, was es bedeutet, Jude zu sein?

Wer heute Jude in Deutschland ist, das entscheiden die Juden und Jüdinnen nicht allein. Es geht nicht um ihre eigene kulturelle und intellektuelle Positionierung, nicht um ihren persönlichen Bezug zu Religion, Ethnie oder Geschichte. Vielmehr sind „die Juden“ von heute Figuren auf der Bühne des deutschen Gedächtnistheaters – ein Begriff, den der in Berlin lebende Soziologe Y. Michal Bodemann 1996 mit seinem gleichnamigen Buch eingeführt hat. Bodemann bezeichnet damit die eingespielte Interaktion zwischen deutscher Gesellschaft und jüdischer Minderheit. Die Judenrolle folgt dabei einem Skript, das den Titel „Die guten Deutschen“ trägt. Denn das ist seit Jahrzehnten die Funktion der Juden in der Öffentlichkeit: die Wiedergutwerdung der Deutschen zu bestätigen.

2016 betrug die Zahl der in jüdischen Gemeinden eingetragenen Mitglieder knapp 100.000. Ich würde noch einmal dieselbe Menge außerhalb der Gemeinden draufschlagen und komme auf 200.000 derzeit in Deutschland lebende Juden und Jüdinnen. Bei 82,5 Millionen Einwohner*innen sind das 0,24 Prozent der Bevölkerung. Diese Menschen wurden teilweise in Deutschland geboren, kommen aber auch aus Russland oder Osteuropa, Israel, dem Jemen, Äthiopien, dem Irak, Frankreich oder den USA. Auch viele meiner jüdischen Freund*innen sind in den letzten Jahren aus der ganzen Welt nach Deutschland gezogen. Einige von ihnen haben keine familiäre Verbindung zur Shoah. Gott sei Dank. Sie können auch nicht alle Klarinette spielen. Oder Geige. Stattdessen bringen sie Geschichten mit, die den Erwartungen der jüdischen und nichtjüdischen Öffentlichkeit nicht entsprechen. Die damit einhergehende Vielfalt jüdischer Geschichten kann die anhaltend hohe Nachfrage nach ganz bestimmten Judenfiguren kaum decken. Uns allen sind für diese Vielfalt noch keine Ohren gewachsen. Das gilt auch für die jüdischen Institutionen in diesem Land, die ihre Rollen im Gedächtnistheater nur zögerlich reflektieren oder gar verändern wollen.

Das Gedächtnistheater erzeugt also die Nachfrage nach bestimmten Judenfiguren, die bestätigen sollen, dass die deutsche Gesellschaft ihre mörderische Vergangenheit erfolgreich verarbeitet hat. Ein Resultat ist, dass die öffentliche Sichtbarkeit der verhältnismäßig wenigen Juden und Jüdinnen in Deutschland zugleich bemerkenswert hoch und bemerkenswert eingeschränkt ist. Aber auch andere Gruppen sind einem ähnlich dominanten Erwartungsdruck ausgeliefert, etwa Muslim*innen, die sich permanent zu Geschlechterrollen, Terror und Integration äußern müssen und damit als Gegenbild zum Selbstverständnis der toleranten und aufgeklärten Deutschen dienen. In beiden Fällen wird die Minderheitenrolle von einer Position aus befragt, die unbenannt und darum unsichtbar bleibt. Ich bezeichne diese Dominanzposition als, Achtung: deutsch. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, dass jüdische Menschen oder Muslim*innen keine deutschen Staatsbürger*innen sind. Im Gegenteil, ich sehe in ihnen einen der wenigen Hoffnungsschimmer für dieses Land. Doch hat die gesellschaftliche Rollenzuschreibung zur Folge, dass Perspektiven und Erfahrungen ausgeblendet werden, sobald sie den deutschen Erwartungen nicht entsprechen. Solange es also keinen Zentralrat der Deutschen gibt, der sich von Terroranschlägen deutscher Terroristen distanziert, ist für die kritische Reflexion der unterschiedlichen Sprecher*innenpositionen diese Markierung unerlässlich: Juden, Muslim*innen und Deutsche.

„Ich bin nämlich der Meinung, dass die Deutschen ihre Verantwortung für die Vergangenheit gründlich missverstanden haben, als sie sich jahrzehntelang eine neue Normalität herbeiphantasierten.“

Befrage ich die Funktion von Juden und Jüdinnen in Deutschland, dann möchte ich damit auch die Schneekugel des deutschen Selbstverständnisses kräftig durchschütteln. Ich bin nämlich der Meinung, dass die Deutschen ihre Verantwortung für die Vergangenheit gründlich missverstanden haben, als sie sich jahrzehntelang eine neue Normalität herbeiphantasierten. Allerspätestens mit der Wahl der AfD in den Bundestag ist das unübersehbar geworden. Ich denke, es lässt sich eine Linie vom schwarz-rot-goldenen Exzess der WM 2006 zur Bundestagswahl 2017 ziehen, was selbstredend nicht der vorherrschenden Deutung entspricht.

In den Feuilletons wurde die Weltmeisterschaft damals als Ausdruck eines positiven Nationalismus, einer neuen deutschen Unbeschwertheit gefeiert, und auch heute mag man nicht so recht von der stolz die eigene Schulter klopfenden Deutung lassen. Das hat die Einrichtung eines Heimatministeriums noch einmal doppelt unterstrichen. Im Jahr 2018 wenden sich gewählte Volksvertreter wieder öffentlich an „das deutsche Volk“ und schließen dabei bewusst Menschen aus, die zwar einen deutschen Pass, aber den falschen Glauben haben. Das ist Normalität in Deutschland.

Ich spreche nicht von einer neutralen Position aus, sondern als Lyriker, Berliner und Jude. In wechselnder Reihenfolge. Die Geschichte der Nachkommen der deutschen Täter*innen interessiert mich vor allem, wo sie mich betrifft. Ich habe für diese Perspektive aber keine besondere Empathie und kann und mag mich dem Ruf nach Verständnis für das Leid des geplagten deutschen Nationalbewusstseins nicht anschließen. Als der SPD-Politiker Sigmar Gabriel in Reaktion auf die Wahlerfolge der AfD kurz vor Weihnachten 2017 die positive Setzung von Heimat und Leitkultur forderte, war das für mich kein politischer Pragmatismus, sondern Symptom eines Wetterumschwungs. Nach Jahren der offiziellen Flaute hat der Wind auch in der großen Politik wieder auf National gedreht. Die AfD ist dabei nur ein Nebenschauplatz. Ihr Einfluss gleicht dem einer Indikatorflüssigkeit, die man in das deutsche Parteienspektrum gegeben hat. Plötzlich färbt es sich braun.

Angesichts dieser Situation kann ich mir zwei Reaktionen vorstellen: Brücken der Empathie in das gegnerische Lager zu schlagen oder die eigene Position auszubauen. Brücken interessieren mich in diesem Essay nicht. Wenn ich hier über die Gegenwart des deutsch-jüdischen Verhältnisses und also über Deutschland schreibe, dann geht es mir vor allem um die Schärfung meiner und unserer intellektuellen Instrumente. Die AfD und ihre Wähler*innen erachte ich als politische Gegner*innen, die ich ernst nehme. Ich glaube nicht, dass sie und ich uns missverstehen. Und ich glaube auch nicht, dass wir viel miteinander zu reden hätten. Das ist nicht so banal, wie es klingt in einer Zeit, in der die Wähler*innen der AfD von allen großen Parteien umworben werden. Plötzlich, scheint es, haben alle schon immer gewusst, dass es ein Fehler war, nicht ununterbrochen über Heimat und Leitkultur zu sprechen.

„Auch ich halte es für wichtig, den politischen Gegner zu studieren, bevor man sich über ihn lustig macht.“

Die Zurückweisung von Brücken, roten Teppichen und Freundschaftsanfragen hinein in das neurechte politische Lager aller heimatverliebten und stolzen Deutschen bedeutet natürlich nicht, dass ich der Beschäftigung mit rechten Denker*innen ausgewichen wäre. Ganz und gar nicht. Nach der Lektüre solcher Blockbuster wie „Metapolitik“ von Thor von Waldstein, „Finis Germania“ von Rolf Peter Sieferle oder „Mit Linken leben“ von Caroline Sommerfeld und Martin Lichtmesz musste ich dann allerdings mein Studium am Institut für Staatspolitik, das zu einem Lieblingsziel investigativer Klassenfahrten der Leitmedien geworden zu sein scheint, auf später verschieben.

Will heißen: Auch ich halte es für wichtig, den politischen Gegner zu studieren, bevor man sich über ihn lustig macht. Erstens macht das den Witz erfüllender, weil man ihn sich erarbeitet hat. Und zweitens macht es die Intervention präziser, weil man den Gegner besser kennt. Doch angenehm war die Lektüre in vielerlei Hinsicht nicht. Nachdem ich die Bücher im Internet bestellt hatte, versorgte mich Googles Algorithmus beispielsweise prompt mit Wehrmachtsaccessoires von EDEKA, Links zu Donald Trumps Wahlkampfreden und der Einladung einer Brandenburger Therme, am 9. November zur romantischen Kristallnacht vorbeizukommen. Gerne auch mit Partnerin.

In ihrem 2017 veröffentlichten, wirklich nervigen Buch „Mit Linken leben“ versuchen Lichtmesz und Sommerfeld, ihre politische Haltung als vermeintlichen Realismus zu kaschieren. Die Linken lügen sich demnach die Welt zurecht, während Rechte „die Vernunft, die Moral, die Fakten und den Realismus auf (ihrer) Seite haben“. Dem möchte ich erwidern, dass dieses Buch viel realistischer ist als „Mit Linken leben“. Denn einerseits ist die gesellschaftliche Realität eine der sexuellen, politischen, weltanschaulichen und körperlichen Vielfalt, andererseits gebe ich gerne zu, dass ich die gesellschaftliche Vision „ethnischer und kultureller Homogenität“ ablehne und dieses politische Ziel nicht teile. Bei den Vertreter*innen der Neuen Rechten hingegen kann ich weder eine Anerkennung der realen gesellschaftlichen Vielfalt noch ein Mindestmaß an Ehrlichkeit erkennen – um von der gesellschaftlichen Vielfalt zu einem ethnisch und kulturell homogenen Deutschland zu gelangen, bedarf es der ethnischen und kulturellen Reinigung. Sollten die Rechten das zugeben, können wir reden. Damit fängt es an.

Wenn das klar ist, dann ist auch klar, dass ich niemanden stehengelassen habe. Ich habe nicht versäumt, mich um jemanden zu kümmern. Diejenigen, die in den letzten Jahren nach rechts geschwenkt sind, wollten von Anfang an nicht auf meinem Fahrrad mitfahren. Falls also mein Lektor oder irgendwer aus der Werbeabteilung meines Verlages auf die Idee kommen sollte, mich nach meinem Zielpublikum zu fragen, dann möchte ich festhalten: Ich wende mich an alle, die mir und meinen Freund*innen und Verbündeten nicht die Existenz in diesem Land absprechen wollen. Und die Grundlage dieser unserer Existenz ist nun einmal eine plurale und demokratische Gesellschaft. Wir werden diese Gesellschaft nicht so einfach aufgeben – und darum können und werden wir nicht zulassen, dass völkisches und nationalistisches Denken den Diskurs über Zugehörigkeit dominiert.

„Das Gedächtnistheater dagegen handelt immer nur von Juden und Deutschen. “

Ich schließe also bis auf weiteres die 12,6 Prozent AfD-Wähler*innen der letzten Bundestagswahl von meinem Zielpublikum aus. Deshalb geht es mir auch nicht darum, sie zu provozieren, wenn ich das Gender-* verwende. Vielmehr ist das Sternchen ein Versuch, darauf zu verweisen, dass es mehr als zwei Geschlechter gibt, wie übrigens auch das Verfassungsgericht im Jahr 2017 anerkannt hat. Bei der Benennung der jüdischen Akteur*innen werde ich das leider etwas anders handhaben müssen. Da Jüd*innen grammatikalisch falsch ist, schreibe ich Juden und Jüdinnen, worunter ich ausdrücklich auch die Pluralität der Geschlechter im Judentum einbeziehen möchte. Den Begriff Juden wiederum verwende ich nur, wenn ich die ihnen zugewiesene abstrakte Rolle im Gedächtnistheater meine. Die Idee dabei ist: Das Judentum setzt sich aus unterschiedlichen konkreten Juden und Jüdinnen zusammen. Das Gedächtnistheater dagegen handelt immer nur von Juden und Deutschen.

Der zentrale Begriff dieses Buches ist die Desintegration. Desintegration ist, das liegt schon im Wort selbst, eine Erwiderung auf die beständig vorgetragene politische und gesellschaftliche Forderung nach Integration. Der Begriff zielt aber nicht nur auf eine Unterstützung derjenigen, die als Türk*innen, Asylant*innen, Nafris, Muslim*innen, Wirtschaftsflüchtlinge oder Migrant*innen adressiert werden. Wenn ich vom Integrationsdenken oder vom Integrationsparadigma schreibe, dann meine ich die Konstruktion eines kulturellen und politischen Zentrums, das sich implizit oder ausdrücklich als deutsch versteht. Ich behaupte, dass das Denken in Kategorien der Integration und Leitkultur die Phantasien von ethnischer Homogenität und kultureller Dominanz nicht nur nicht verhindern kann, sondern seinen Anteil daran hat, dass diese Konzepte nicht auf dem Schrottplatz der Geschichte bleiben, auf den sie gehören. Mit dem Konzept der Desintegration schlage ich ein Gesellschaftsmodell vor, das solche neovölkischen Vorstellungen unmöglich macht.

Das Programm der Desintegration zielt zugleich auf ein jüdisches und ein gesamtgesellschaftliches Anliegen: auf die konkrete Art und Weise, wie Juden und Jüdinnen im deutschen Gedächtnistheater benutzt werden – und auf die Einsicht, dass die Überwindung des Gedächtnistheaters nicht ohne eine grundlegende Kritik am Integrationsdenken gelingen wird. Aber auch von der anderen Seite betrachtet, wird eine Falafel daraus: Jedes Integrationsdenken behauptet ein Zentrum, das schon lange nicht mehr der gesellschaftlichen Realität entspricht, in der ich oder meine Freund*innen leben. Die Realitätsferne der Integrationsforderung zeigt sich besonders deutlich im beständig wiederkehrenden Gewese um die deutsche Leitkultur. Dieses Phantasma wird derzeit auch mittels der Behauptung einer jüdisch-christlichen Tradition und einer mustergültigen Auseinandersetzung mit der Judenvernichtung im Zweiten Weltkrieg konstruiert. Wegen dieser Verknüpfung des deutschen Selbstbildes mit den Juden ist das Gedächtnistheater ein besonders geeigneter Ansatzpunkt für die Kritik am Integrationsdenken.

„30 Jahre nach dem Ende der Blockkonfrontation, die Deutschland in zwei ungleiche Hälften teilte, stehen sich wieder zwei Seiten gegenüber.“

Beim Verfassen des Essays fühlte ich mich manchmal wie jene ältere Frau, die 2017 bei den polnischen Protesten für das Recht auf Abtreibung ein Poster in die Kamera hielt, auf dem stand: „I can’t believe I still have to protest this fucking shit“. 30 Jahre nach dem Ende der Blockkonfrontation, die Deutschland in zwei ungleiche Hälften teilte, stehen sich wieder zwei Seiten gegenüber. Statt antifaschistischer Sozialismus gegen freiheitlich westlichen Kapitalismus heißt es nun reale gesellschaftliche Vielfalt gegen konservative Revolution. Das völkisch-nationalistische Denken ist zurück im politischen Mainstream. Ich glaube, ich spinne. Oder verzweifle. Und da merken Sie so ein bisschen, geschätzte Leser*innen, wie ich funktioniere: Lamentieren und Schreiben sind zwei Seiten meines Autordaseins.

Dies ist der Beitrag von einem, der auszog, kein Jude zu werden. Sondern ein Politikwissenschaftler, ein Schriftsteller und Intellektueller. Und von einem, der schließlich auch Jude wurde. Der am Zentrum für Antisemitismusforschung promovierte. Der Allianzen schmiedete, um der ihm zugewiesenen Rolle als Judendichter etwas entgegenzusetzen. Der darum mit anderen 2016 den Desintegrationskongress und 2017 die Radikalen Jüdischen Kulturtage am Berliner Maxim Gorki Theater organisierte und über Strategien nachdachte, mit den Rollenerwartungen einer deutschen Öffentlichkeit umzugehen. Das biographische Geständnis ist das Kapital der Minderheiten. Es ist der Treibstoff „migrantischer“, „jüdischer“, „queerer“ oder „feministischer“ Kunst, deren Inhalte von einer gierigen Öffentlichkeit erst angezapft, dann raffiniert und schließlich konsumiert werden.


In „Desintegriert Euch!“ streitet Max Czollek für ein neues Denken in der Debatte über Integration und Zugehörigkeit. Es ist eine Absage an das Einsickern neurechten Denkens, an die Idee einer unbefangenen Heimatliebe und an die Instrumentalisierung der Juden, um die Wiedergutwerdung der Deutschen zu bestätigen.
Czollek wurde 1987 in Berlin geboren, wo er bis heute lebt. Er studierte Politikwissenschaften an der FU Berlin und promovierte am Zentrum für Antisemitismusforschung.

Redaktion: Susan Mücke; Schlussredaktion: Vera Fröhlich; Bildredaktion: Martin Gommel (Aufmacherbild: Mirko Lux).