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Findest du es leicht, anderen Menschen zuzuhören? Ich frage, weil mir aufgefallen ist, dass in letzter Zeit recht viele Bücher, Artikel und Radiosendungen zu diesem Thema erscheinen. Offenbar wünschen sich viele Leute eine Anleitung, wie sie es schaffen können, (wieder) richtig zuzuhören.
Auch ich fühle mich von diesen Artikeln angesprochen. Es fällt mir oft schwer, richtig zuzuhören. Dafür müsste ich wirklich offen sein für das, was im nächsten Moment gesagt werden wird. In einem Gespräch muss ich aushalten, dass ich auf die Worte, die ich hören werde, erst mal keinen Einfluss habe. Ich muss mich auf die Welt einlassen, die mir mein Gegenüber präsentiert. Je nachdem, was ich höre, kann mich das aufregen, freuen, verlegen machen, verunsichern oder auf neue Gedanken bringen – auch über mich selbst. Das macht das Zuhören oft ganz schön anstrengend.
Manchmal will ich gar nicht wissen, was in anderen vorgeht⬆ nach oben
Zuhören unterscheidet sich grundlegend vom Sehen. Da nehme ich eine Welt wahr, die mir gegenübersteht. Beim Hören erfahre ich dagegen etwas mir bis dahin Unbekanntes. Das entfaltet sich beim Zuhören ganz unmittelbar in meinem Kopf. Als Zuhörende bin ich sozusagen ein Resonanzkörper. Die neue Perspektive, die ich so kennenlerne und durchdenke, hat immer das Potenzial, das Bild von mir selbst oder einer Sache, die mir wichtig ist, auf den Kopf zu stellen.
An manchen Tagen empfinde ich das als Zumutung. Wenn ich viel um die Ohren habe, wenn ich müde bin oder mit Problemen meiner Kinder beschäftigt, möchte ich einfach nicht wissen, was im Kopf von jemand anderem vorgeht oder welche Meinung die Person über eine bestimmte Sache hat. Vielleicht geht dir das ähnlich.
Dem Dampf hinterherschauen⬆ nach oben
An solchen Tagen würde ich gerne sagen: „Können wir mal schweigen?“, wenn jemand ansetzt, um mir etwas zu erzählen, das ganz offensichtlich raus muss. Aber das traue ich mich nicht. Oft ertappe ich mich dann dabei, wie ich nur mit halbem Ohr zuhöre, ab und zu nicke oder ein müdes Ja produziere.
Ich bin offenbar nicht die Einzige, die sich bei anstrengenden Gesprächen regelmäßig ausklinkt. Sonst gäbe es weniger Artikel übers richtige Zuhören und ich hätte nicht den Eindruck, dass ich zu einem problematischen gesellschaftlichen Trend beitrage, wenn ich gerade nicht aufnahmefähig bin.
Natürlich ist es wichtig, über Probleme miteinander zu reden, aber ich finde es inzwischen genauso wichtig, über Probleme schweigen zu können – am liebsten mit jemandem zusammen. Einfach nebeneinandersitzen, einen Tee trinken, dem aufsteigenden Dampf hinterherschauen und ab und zu schwer atmen – was für ein verbindender Moment.