Viele Menschen träumen davon, einmal im Leben den Eiffelturm in Paris oder die Freiheitsstatue in New York zu sehen. Ich würde gerne etwas anderes in echt sehen: ein farblich sortiertes Bücherregal. Auf Booktok, der Onlinecommunity, in der es um Bücher geht, posten viele Nutzerinnen ihre Regale. Lila, blau, grün, weiß – ganze Wände sehen aus wie ein Regenbogen aus Büchern.
Aus der Tatsache, dass so etwas wie farblich sortierte Bücherregale überhaupt existieren, lassen sich zwei Dinge ableiten. Erstens: Es gibt Leute, die so fanatisch viele Bücher lesen, dass sie sich daraus eine eigene kleine Bibliothek zusammenstellen können. Und zweitens: Diese Leserinnen, denn es sind größtenteils Frauen, machen vieles anders, als es bisher unter Leseratten üblich war. Warum Bücher nach Autor:innen oder Thema einordnen, wenn es farblich sortiert viel hübscher aussieht?
Die Genres, die Booktok dominieren, sind Romance und Fantasy, die Mischform nennt sich Romantasy. Ich habe jede Menge dieser Bücher gelesen und noch mehr abgebrochen und stelle hier diejenigen vor, die mir am meisten Spaß gemacht haben. Und falls du dich einfach nur fragst, wieso viele dieser Bücher millionenfach verkauft werden, auch das erfährst du hier.
1. Drei Magier und eine Margarita von Annette Marie⬆ nach oben
Der Titel ist so bescheuert, dass ich selbst nicht weiß, warum ich dieses Buch angefangen habe. Ich bin aber froh, dass ich mich von der billigen Alliteration nicht habe abschrecken lassen, denn die „Guild Codex“-Reihe ist Unterhaltung in Bestform. Die Hauptperson Tori fängt einen neuen Job als Barkeeperin an und merkt ziemlich schnell, dass die Gäste dieser Bar anders sind. Magie ist real und die Bar das Hauptquartier einer Gilde. Und dann steckt sie schon mittendrin in Explosionen, Nahkämpfen und Zaubersprüchen.
Viele der gehypten Romance- und Fantasy-Bücher sind mir zu krass, wie „Alchemised“ zum Beispiel, wo Menschen gezwungen werden, Stücke aus geliebten Menschen zu schneiden und sie aufzuessen. Oder „Leave Me Behind“, wo ein Mann das Blut der Protagonistin als Gleitmittel verwendet.
Die „Guild Codex“-Reihe dagegen ist angenehm harmlos. Tori prügelt sich, aber es wird nie brutal. Tori kann sich zwar nicht entscheiden, zu welchem der drei ihrer neuen Magier-Freunde mit Waschbrettbauch sie sich jetzt am meisten hingezogen fühlt, aber sie empfindet keine Seelenqual. Egal, was dich gerade im Alltag belastet, ob es eine anstehende Prüfung, die stressige Arbeit oder eine Beziehungskrise ist, in diesem Buch wird dir nichts davon begegnen.
2. House of Destiny von Marah Woolf⬆ nach oben
Die Bücher von Marah Woolf stehen für mich exemplarisch dafür, was dieses Genre so besonders macht. Und die Autorin selbst ist ein Paradebeispiel dafür, wie sich Frauen einen Platz in der Buchbranche erkämpfen. Woolf, die unter Pseudonym schreibt, kommt aus Magdeburg und ist Selfpublisherin. Das heißt, dass sie ihre Bücher ohne einen klassischen Verlag verkauft. Inhalt, Titelbild, Preis, Marketing – alles liegt bei der Autorin selbst. Nach eigenen Angaben hat sie mehr als 3,5 Millionen Bücher verkauft.
Inzwischen sind Romantasys ein beliebtes Genre, mit dem die Verlage viel Geld verdienen. Im Jahr 2025 stieg der Umsatz des Genres „Young & New Adult“, zu dem auch Romance- und Fantasybücher gehören, um fast zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr, wie Zahlen des Börsenvereins des deutschen Buchhandels zeigen. Nicht nur der Umsatz, sondern auch die Zahl der Käufer:innen steigt: Vergangenes Jahr kauften 4,5 Millionen Menschen diese Bücher. Ein Plus von fast 50 Prozent im Vergleich zu 2021. Und das in einer Branche, die seit Jahren kriselt. „Junge Frauen retten die Buchbranche“, heißt es deshalb immer häufiger.
Diese Entwicklung nahm vor allem mit der Corona-Pandemie 2020 an Fahrt auf. Woolf veröffentlichte ihr erstes Buch 2011, zu einer Zeit, als es das Genre „Romantasy“ noch gar nicht gab und die Autorinnen und Leserinnen dieser Bücher noch mehr belächelt wurden als heute.
Die „Zodiac Chroniken“ sind eine von zehn Reihen, die Woolf geschrieben hat. Die Protagonistin Averie, eine Frau Anfang 20, lebt in einer Welt, in der Zeit eine Ressource ist, wie Wasser oder Erdöl. Sie stammt vom Gott Chronos ab und kann deshalb Zeit von Menschen „ernten“, indem sie sie berührt. Um diese Zeit entbrennt ein Kampf zwischen Averies Familie, den Menschen und den Äonen, mystischen Wesen, die gefährlich und mächtig sind und natürlich gut aussehen.
Ich habe ein bisschen gebraucht, um reinzukommen. Der erste Teil ist hölzern geschrieben und in Teilen vorhersehbar. Irgendwann entwickeln die Zodiac-Chroniken aber einen unglaublichen Sog und der zweite Teil ist perfekt: spannend und eine „Enemies to Lovers“-Liebesgeschichte, die nicht total toxisch ist. Große Empfehlung!
3. Fourth Wing von Rebecca Yarros⬆ nach oben
In meiner Hörbuch-App habe ich zwei Bewertungen gelesen, die das Buch perfekt zusammenfassen. „Violet denkt in den unpassendsten Momenten an Sex“, schreibt Klara. Und Ann-Kathrin hat „krasse Logikfehler“ entdeckt: „Warum ist es okay, dass man sich an der Schule gegenseitig umbringt, obwohl es zu wenig Militär gibt?“, schreibt sie.
Damit sind wir auch schon mitten in der Geschichte: Violet Sorrengail geht auf ein berühmtes „War-College“, wo sie lernt, wie man seine Gegner:innen auf alle erdenklichen Weisen umbringt und wie man auf einem Drachen fliegt. Die größte Gefahr geht von den missgünstigen anderen Rekrut:innen aus und ja, sie denkt wirklich oft an Sex, vor allem, wenn sie dem extrem gut aussehenden und extrem gefährlichen Xaden begegnet.
„Fourth Wing“ hat sich millionenfach verkauft und was soll ich sagen: Es ist hervorragend. Romantasy-Büchern wird ja gerne vorgeworfen, flach zu sein und Stereotype zu verbreiten. Oft stimmt das auch, aber hier sehe ich das nicht: Violet ist selbstbestimmt und stark. Sie fühlt sich auch deshalb zu Xaden hingezogen, weil er ihr hilft, besser zu kämpfen, anstatt sie zu beschützen. Ihre Beziehung hat zwar viele Probleme, aber vor allem im zweiten Teil reden sie viel darüber. Und ganz ehrlich, niemand will eine Liebesgeschichte lesen, in der alles harmonisch ist.
Die Autorin, Rebecca Yarros, hat sich übrigens aus einem ganz bestimmten Grund für das militärische Setting ihrer Geschichte entschieden: Sowohl ihre Eltern als auch ihr Mann waren beim Militär. Sie begann, ihr erstes Buch zu schreiben, als ihr Mann in Afghanistan stationiert war und sie nicht schlafen konnte.
Ein weiterer Fakt, der mich die Geschichte mit neuen Augen hat sehen lassen: Im Buch leidet Violet an einer Erkrankung, die ihre Sehnen und Gelenke schwächt. Sie ist deshalb verletzlicher als die anderen und hat chronische Schmerzen. Die Influencerin Matilda hat in einem Video einen interessanten Gedanken zu diesem Aspekt der Geschichte formuliert: Was, wenn man das Buch aus der Perspektive einer behinderten Person liest? Dann hat die Protagonistin eine körperliche Einschränkung, aber mit Hilfsmitteln, wie einem speziellen Sattel für ihren Drachen, schafft sie genauso viel wie die anderen.
Die Autorin Yarros hat übrigens das Ehlers-Danlos-Syndrom, eine Erbkrankheit, die das Bindegewebe schwächt. Auch in dieser Hinsicht spiegelt sich in dem Buch das Leben der Autorin wider. Für mich ist „Fourth Wing“ deshalb auch ein gutes Beispiel dafür, warum in den vermeintlich platten Geschichten häufig viel mehr drinsteckt.
4. The Tainted Cup von Robert Jackson Bennett⬆ nach oben
Ich habe das Buch nur deshalb angefangen, weil es in der Buchhandlung und der Bücherei im Regal neben den restlichen Fantasy-Büchern steht. Eigentlich passt es nicht in diese Liste, aber es ist so gut, dass ich es trotzdem unbedingt empfehlen will. Ich habe viele Fantasybücher gelesen und es ist ziemlich schwer, mich noch mit etwas zu überraschen: Meistens kommen Drachen, Hexen oder Magier vor, häufig werden auch mythologische Motive zu einem Roman verarbeitet.
„Tainted Cup“ ist anders. Die Geschichte spielt im „Imperium“, dem großen Reich einer fiktiven Welt. Jedes Jahr zur Regenzeit kommen Leviathane an Land, große Ungeheuer, die über alles und jeden hinwegwalzen. Das Imperium ist darauf ausgerichtet, diese Leviathane zurückzudrängen. Dafür lassen sich die Menschen mit speziellen Pflanzen und Tinkturen „anpassen“: Manche sind sehr stark, andere können außergewöhnlich gut rechnen. Der Protagonist Din hat ein extrem gutes Gedächtnis und kann sich alles, was er erlebt, exakt einprägen und wiedergeben. Din arbeitet für die Ermittlerin Ana und gemeinsam lösen sie Fälle.
Nichts an diesem Buch kommt mir bekannt vor. Kein Motiv, keine Figur, keine Wendung der Handlung kenne ich so aus anderen Romanen. Die Geschichte ist teilweise bizarr und eklig. Beispielsweise wird jemand ermordet, indem er Sporen einatmet, woraufhin in seinem Körper in Sekundenschnelle Bäume wachsen und aus ihm hervorbrechen.
Interessant finde ich auch, dass der Protagonist der Geschichte gar nicht der wahre Protagonist ist. Er bleibt die ganze Zeit relativ farblos, seine Chefin Ana wirft ihm vor, „einen Stock im Arsch“ zu haben. Sie ist die eigentliche Heldin: eine außergewöhnlich intelligente Frau, die mit ihrem exzentrischen Verhalten sämtliche Personen aus ihrem Umfeld verstört. Und die natürlich ihre eigenen Geheimnisse hat.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey