Veronika hat das bekommen, wovon viele hierzulande träumen: einen Therapieplatz. Nur war er nicht ganz so, wie sie dachte: „Ich hatte ziemlich viel Angst davor und musste da erstmal überlegen, ob ich das will und kann“, sagt sie. Ihr Platz war in einer Gruppentherapie.
Wer in Deutschland einen Therapieplatz sucht, muss oft lange suchen und noch viel länger warten. Laut Schätzungen leiden 9,5 Millionen Deutsche an einer Depression, vier Millionen an einer Angststörung, zwei Millionen gelten als alkoholabhängig. Für sie gibt es rund 36.000 psychologische Psychotherapeut:innen in Deutschland. Selbst wer ein Erstgespräch führen konnte und eine:n Therapeut:in gefunden hat, muss durchschnittlich nochmal drei bis neun Monate auf einen freien Platz in der Einzeltherapie warten.
Einen Platz in einer Gruppentherapie bekommt man oft viel schneller. Die Therapieform ist anscheinend viel unbeliebter. Wer einen Therapieplatz sucht, will meist eine Einzeltherapie, die Gruppentherapie wirkt da wie eine Therapie zweiter Wahl. Viele denken noch, dass sie weniger wirksam ist als die Einzeltherapie, weil die:der Therapeut:in sich schließlich nicht auf eine:n Einzelne:n konzentrieren kann. Dabei zeigen Studien seit Jahren, dass Gruppentherapien genauso wirksam sind wie Einzeltherapien und sich für manche Krankheitsbilder sogar besser eignen. Warum also will kaum jemand in eine Gruppe?
Viele haben Angst, sich vor einer Gruppe zu öffnen⬆ nach oben
Auch Veronika, die eigentlich anders heißt und hier nur anonym erzählen will, wurde von der Therapeutin ein Therapieplatz in der Gruppe angeboten, mit dem Versprechen, schnell einen Platz zu bekommen. „Ich war am Anfang sehr skeptisch“, sagt sie. Als sie den Platz damals annahm, war sie überfordert und hatte Angst, erzählt sie am Telefon. „Mich zu öffnen vor so vielen Menschen, für einen Moment im Mittelpunkt zu stehen, ganz verletzlich zu sein, fühlte sich wie der Endgegner an“, sagt sie. Darum sei sie oft still gewesen und habe viel innerlich damit gerungen, wie sie den Raum für sich nutzen kann, und das Gefühl gehabt, zu kurz zu kommen.
Viele aus der Krautreporter-Community teilen diese Gefühle und Ängste, wenn es um Gruppentherapie geht. In einer Umfrage habe ich sie gefragt: „Welche Erfahrungen hast du mit Gruppentherapien gemacht?“ Mehr als 200 Menschen haben ihre Erfahrungen geteilt.
Karen schreibt: Ich habe mich innerlich lange dagegen gewehrt. Ich hatte Angst, mich vor anderen zu öffnen, mich vielleicht lächerlich zu machen. Es war auch die ersten Male komisch, unangenehm, ungewohnt. Dann jedoch habe ich festgestellt, dass es mir unwahrscheinlich gut tut.
Lola schreibt: Anfangs hatte ich, wie so viele Widerstände gegen die Gruppentherapie. War doch in einer Einzeltherapie mehr Raum und Platz für genau meine Themen und eine Atmosphäre, die sich sicherer anfühlte.
Susanne schreibt: Ich konnte mich überhaupt nicht öffnen, weil ich vor den anderen Gruppenteilnehmern meine Probleme nicht thematisieren konnte und wollte. Ich hatte das Gefühl, dass sie diese Dinge nichts angingen. Also war ich eigentlich nur Zuschauer und hatte keinen persönlichen Nutzen.
Bernhard Strauß, Seniorprofessor am Institut für Psychosoziale Medizin an der Universität Jena, hört genau solche Vorbehalte oft. Er forscht seit Jahren zur Wirksamkeit von Gruppentherapien. Noch etwas sagen viele: „Patient:innen sorgen sich oft, dass sie andere mit ihren Problemen belasten“, sagt er. Warum also in einer Gruppe noch fünf bis sieben weitere belasten, statt „nur“ die oder den Therapeut:in? „Andersrum fragen sich einige, warum sie sich die Probleme von anderen überhaupt anhören sollen“, sagt er. Dabei würden viele Patient:innen die Mechanismen der Gruppe unterschätzen. „In der Gruppe lernt man, sich zumuten zu können, und man bekommt Resonanz, man fühlt sich gesehen, indem andere auf einen reagieren“, sagt er.
„Für manche Patienten ist die Gruppentherapie sogar besser, weil psychische Störungen oft mit Beziehungserfahrung zu tun haben“, sagt er. Wer soziale Ängste hat, kann in einer Gruppe unter psychologischer Betreuung etwa üben, vor anderen zu reden. Wer mit Unsicherheiten kämpft, wird in der Gruppe herausgefordert. „Die Gruppentherapie ist der perfekte Rahmen, um über Beziehungen nachzudenken, zu reden und auch zu reflektieren, wie man sich in der Gruppe verhält und fühlt“, sagt Strauß.
Die Gruppe ist ein wunderbarer Ort, um über Beziehung zu lernen⬆ nach oben
Veronika vermutet, dass ihr deshalb die Gruppentherapie empfohlen wurde. In den beratenden Sitzungen mit einer Therapeutin hatte sie erzählt, dass sie oft Probleme im sozialen Miteinander hat – also eben damit, vor anderen zu reden oder sich mit Problemen zuzumuten. „Die Gruppe ist ein wunderbarer Ort, um über Beziehung zu lernen“, sagt Strauß. Sämtliche psychischen Krankheitsbilder könnten in der Gruppe behandelt werden. „Es gibt auch gute Evidenz bei Schizophrenie, Angststörungen und Traumafolgestörungen“, sagt Strauß.
Die Skepsis hält sich trotzdem, wie auch die Umfrage unter den Krautreporter-Leser:innen zeigt. „Dass die Gruppentherapie genauso wirksam ist wie die Einzeltherapie, ist erst seit etwa fünf bis zehn Jahren gut belegt“, sagt Strauß. Gerade neuere Studien hätten dazu beigetragen, dass man gesichert sagen könne, dass beide Therapieformen gleich wirksam sind.
Eine dieser Studien ist 2021 im „American Journal of Psychotherapy“ erschienen. Strauß hat sie zusammen mit drei anderen Forscher:innen durchgeführt. Ihre Untersuchung über 27.000 Patient:innen stützt, dass Gruppentherapie eine vergleichbare Wirksamkeit wie die Einzelpsychotherapie zeigt. Untersucht wurden Krankheitsbilder wie Depression, bipolare Störungen, Schizophrenie, Angststörungen, Panikstörung, Zwangsstörung, PTBS, Essstörungen, Borderline, Substanzabhängigkeit und chronischer Schmerz.
Allerdings seien solche Belege in der Gesellschaft noch nicht so richtig durchgedrungen, so Strauß. Und noch ein Problem gibt es: „Die Einstellung, dass Gruppentherapie nicht so wirksam ist, ist noch bei allen weit verbreitet – auch unter Psychotherapeut:innen.“ Was daran liege, dass viele Therapeut:innen schlechte Erfahrungen damit gemacht hätten. Von Kolleg:innen hörte Strauß oft, dass sie in ihrer Ausbildung in Kliniken Gruppentherapien führen mussten, aber keine Erfahrung damit besaßen und es darum schwierig fanden, eine Gruppe zu leiten, weil sie darin schlicht nicht ausgebildet wurden. Der Lehrplan hatte das nicht vorgesehen. Das hat sich nun geändert. Gruppentherapie ist inzwischen Teil des Ausbildungsplans.
Die anfängliche Skepsis wandelt sich oft⬆ nach oben
Vier Jahre lang saß Veronika in ihrer psychoanalytischen Gruppentherapie mit acht anderen Patient:innen. Vor ihrer ersten Sitzung in der Gruppe lernte sie in einigen Einzelsitzungen ihre Therapeutin kennen, konnte Fragen zur Gruppe stellen und die Regeln erfahren. Eine davon: Es gibt keinen Kontakt außerhalb der Gruppe. Diese Regel fand sie eher herausfordernd, da es ihr dadurch schwerer fiel, Vertrauen zu fassen, weil die anderen fremd blieben.
Sie blieb in der Gruppe, obwohl sie zweifelte. Sie brauchte schließlich Hilfe. Zwar habe die Therapeutin sie immer wieder aufgefordert, sich einzubringen, und darauf geachtet, wer wie viel redet. Aber erst mit der Zeit konnte Veronika mehr teilen. „Im Nachhinein ging es für mich viel darum, zu verstehen, dass es meine eigene Verantwortung ist, den Raum zu nutzen“, sagt sie.
Heute, sagt sie, ist sie dankbar für die Gruppentherapie und dafür, dass sie Selbstvertrauen aufbauen und viel lernen konnte. Etwa, dass sie sich selbst helfen kann, dass Konflikte nichts Schlimmes sind und wie unterschiedlich Betrachtungsweisen ausfallen können. „Ich bin sehr froh, neue Perspektiven auf Konflikte und auch die Perspektivenvielfalt zu haben“, sagt sie. Sich selbst in der Gruppe zu erleben und eigene Verhaltensmuster zu reflektieren, habe ihr viel geholfen, um zu gesunden.
Auch in der Krautreporter-Community haben viele diesen Wandel erlebt.
Nina schreibt: Nach anfänglicher Skepsis fand ich diese Art der Therapie sehr hilfreich. Aus manchen Stunden bin ich deutlich beschwert rausgegangen, weil alle das ‚Leid‘ von allen tragen. Wenn ich eigene Erfahrungen geteilt habe, ging es mir dementsprechend sehr viel besser hinterher. Vor allem die Konflikte in der Gruppe haben mich Konfliktfähigkeit gelehrt und ich konnte viel von den anderen abschauen. Überhaupt lerne ich mehr in Gruppen von anderen Teilnehmenden als von den Lehrenden oder Moderatorinnen.*
Ella schreibt: Es war eine Wohltat, fremden Menschen ohne Maske zu begegnen. Wir alle hatten ähnliche Probleme und niemand musste sich verstellen oder „stark“ sein. Es war eine starke Erkenntnis, mit meinen Problemen gar nicht allein auf der Welt zu sein.
Anonym schreibt: Der Vorteil ist, dass man sich mit seinem Problem verstanden fühlt, an anderen die ähnlichen Muster erkennen kann und eine gemeinsame Reflexion stattfindet, die meist tiefer geht. Denn die Reaktionen der anderen sind sehr direkt. Man ist ja unter „Fachleuten“.
Regine schreibt: Ich gehöre zu den Menschen, die nicht gerne in größeren Gruppen sprechen. Jetzt sollte ich über sehr private Dinge vor völlig fremden Menschen reden? Was ich dann erlebte, hat mich wirklich überrascht. Das Zuhören alleine hat schon eine große Wirkung. Man hat also nicht alleine nur Probleme! Man hat auch zum Glück ein paar Probleme nicht! Das relativiert. Es öffnet das Herz für andere Menschen und es verbindet. Das schafft Nähe, Verbundenheit und Vertrauen. Man lernt viel von anderen.
Die Patient:innen sind wie Expert:innen⬆ nach oben
Dass einem andere Mitpatient:innen mit ihrem Erfahrungsschatz helfen können, ist einer der großen Wirkmechanismen der Gruppentherapie, sagt Elisabeth Kasten. Die psychologische Psychotherapeutin hat sich darauf spezialisiert und bietet Gruppentherapie in ihrer Düsseldorfer Praxis an. „Die Patient:innen nehmen somit selbst eine Expertenrolle ein“, sagt sie. Sie teilen Erfahrungen und geben Tipps, auch in Bereichen, in denen sie als Therapeutin selbst keine Erfahrung besitzt. Sie bietet zum Beispiel Gruppentherapien zu Transitionsprozessen an, also für Menschen, die ihr Geschlecht anpassen möchten. Man verfüge dort sozusagen über bis zu acht Therapeut:innen und nicht nur sie, sagt Kasten. Natürlich leite sie die Gruppe an und begleite alle therapeutisch, aber wenn es um Erfahrungen mit Outing gehe oder mit Ausgrenzung, dann brächten eben die Teilnehmenden die Perspektive der Betroffenen ein. Solche Erfahrungswerte kann eine Einzeltherapie eher nicht liefern.
Trotzdem ist Gruppentherapie nicht für jede:n geeignet, sagen Kasten und der Forscher Bernhard Strauß. Wobei es mehr auf den Charakter ankommt als auf das Krankheitsbild. „Wer zum Beispiel starke Probleme etwa mit der Regulation von Emotionen hat oder gewisse Charakterstrukturen hat, die die Atmosphäre sehr beeinträchtigen, passt womöglich weniger gut in eine Gruppe“, sagt Kasten.
Ob eine Person in eine Gruppentherapie passt, findet sie in den ersten Gesprächen heraus. Danach macht sie sich Gedanken über die Zusammensetzung. Das Alter spiele weniger eine Rolle. Eher gehe es um die Themen, die die Patient:innen mitbringen, weil sie die Gruppen nach Krankheitsbild zusammenstellt.
Es gibt offene und geschlossene Gruppentherapien⬆ nach oben
Entsteht dann eine Gruppe, kann man sie offen oder geschlossen gestalten. Das heißt, entweder kommen immer neue Teilnehmende dazu oder man beginnt gemeinsam und endet gemeinsam. Für Veronika war das im Nachhinein ein Punkt, der sie gestört hat: Ihre Gruppe war offen. Es kamen und gingen also immer Menschen, wodurch sie jeweils unterschiedlich weit waren in der Therapie.
Solche Regeln, wie Kein-Kontakt-außerhalb-der-Gruppe bei Veronika, gibt Kasten nicht vor. Sie kenne die Regel und wisse, dass einige Kolleg:innen die einführten. Bei ihren Gruppen sei es aber gerade oft hilfreich, wenn sich die Menschen zusätzlich austauschen könnten.
Ist die Gruppe komplett, mit sechs bis neun Patient:innen, trifft man sich einmal die Woche für 100 Minuten, erklärt Kasten. „Ich bringe immer Themen mit, falls niemand anfangen will“, sagt sie. Und sie verbindet das Gesagte, fordert die anderen auf, sich zu fragen, was das mit ihnen zu tun hat, oder weist darauf hin, dass es gerade um Glaubenssätze geht. Zum Beispiel den Glaubenssatz, man nerve, wenn man von Problemen erzählt. Dann sollen alle überlegen, welche Glaubenssätze sie selbst mit sich herumtragen. Gleichzeitig behält sie die Dynamik im Blick. Wer sagt viel? Wer schweigt? Wer scheint sich unwohl zu fühlen?
Wenn Menschen vor der Gruppentherapie Angst haben, sagt sie ihnen: „Die Erfahrung von Akzeptanz und dass sie eingebunden sind und sich verstanden fühlen, hilft Menschen meistens sehr.“ Viele erleben das als eine korrigierende Erfahrung. Sie sehen, dass sie mit ihrem Problem nicht allein sind und dass es okay ist, damit zu hadern. Das gebe vielen Hoffnung und Selbstvertrauen.
Bis die Vorbehalte gegen die Gruppentherapie verschwinden, dauert es noch⬆ nach oben
Das sei oft die größte Überraschung für Menschen, die neu in eine Gruppentherapie kommen, sagt Bernhard Strauß. Sie spüren, wie entlastend das sein kann. „Und man lernt Lösungen kennen, an die man selbst nicht gedacht hat“, sagt er. Das haben auch viele aus der Krautreporter-Community beschrieben.
Psychische Probleme werden in der Gesellschaft nach wie vor tabuisiert, Betroffene beschämt. Die Angst, sich in einer Gruppe damit zu zeigen, ist natürlich – selbst in einer Gruppe, in der alle psychische Probleme haben, sagt Strauß. „Man sollte Patient:innen Hoffnung vermitteln und ihnen zeigen, dass die Gruppe eine vollwertige Therapie ist“, sagt er. Solange nur wenige der aktiven Therapeut:innen eine fundierte Gruppenausbildung haben, werden viele Vorbehalte bleiben, glaubt er.
Veronika merkt noch heute, dass sie manche wichtigen Erkenntnisse nur in der Gruppentherapie gewinnen konnte. „Gerade sich mit den anderen auszutauschen, ist ein großes Geschenk im Vergleich zur Einzeltherapie. Zustimmung und Zugehörigkeit sowie Kritik aushalten und besprechen, das lernt man“, sagt sie.
Gruppentherapie ist nicht für jede:n die richtige Therapieform und soll Einzeltherapien nicht ersetzen. Sie ist aber weit mehr als eine Notlösung für alle, die die Wartezeit auf einen Einzelplatz nicht durchhalten können. Ihr Problem ist nicht die Wirksamkeit, sondern das Image.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Lea Schönborn, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger