Im März stürmten rund 1.000 Hummer-Fans die chinesische Tech-Metropole Shenzhen. Grundschüler:innen waren darunter, Studierende, Rentner:innen, IT-Ingenieur:innen, Büroangestellte. Ihnen ging es jedoch nicht um das rote Krebstier. Sie kamen in den Hauptsitz des Tech-Riesen Tencent, um sich den KI-Agenten OpenClaw installieren zu lassen. Dessen Logo ist ein Hummer.
OpenClaw liest und schreibt E-Mails, füllt Formulare aus, checkt Flüge ein. Es kann all die nervigen mechanischen Aufgaben des Alltags übernehmen. In Europa lösen KI-Agenten wie OpenClaw vor allem eines aus: Skepsis. Was, wenn das Ding am Ende alle meine E-Mails löscht? Und wie steht es eigentlich um die Datensicherheit?
In China lockte der Staat Unternehmen, die OpenClaw einsetzen, mit Förderungen in Millionenhöhe. Nutzer:innen begannen, liebevoll von „Hummer züchten“ zu sprechen, wenn sie über die Anwendung des KI-Agenten sprachen. „Die Installation kostet bloß so viel wie eine Tasse Kaffee, danach kann ich den Agenten für einen Monat ausprobieren“, erzählte eine OpenClaw-Benutzerin der BBC. „Für uns Büroangestellte sind OpenClaws Fähigkeiten sehr nützlich.“ Sogar OpenClaw selbst schien vom Erfolg seines Agenten in China ziemlich überrascht.
Dabei war der Boden längst bereitet. Schon 2025 gaben in einer Umfrage des Tencent Research Institute über 95 Prozent (!) der Befragten an, sie nutzten KI im Alltag. Die Hälfte der Befragten blicke „sehr optimistisch“ in eine Zukunft mit KI, ausschließlich Sorgen empfanden lediglich 3,5 Prozent.
Chinas Bevölkerung nimmt neue Technologien viel schneller an als die europäische. Und diesen Vorsprung bekommt Deutschland bereits zu spüren. Volkswagen steckt in einer tiefen Krise. Der Autokonzern will 100.000 Stellen weltweit abbauen. Auch, weil Chinas Bevölkerung heute lieber Elektroautos statt VW-Verbrenner fährt. Das traditionsreiche Batterie-Unternehmen VARTA musste im Juli Insolvenz anmelden, während der chinesische Konkurrent CATL seit neun Jahren so viele Batterien verkauft wie kein anderer Konzern. Und die deutsche Solarindustrie hat bereits in den frühen 2010ern das Rennen gegen chinesische Konkurrenten verloren.
Woher kommt der chinesische Tech-Optimismus? Zum einen glauben viele Chines:innen so fest an den technologischen Fortschritt wie Christen an die Wiederkunft Christi. Zum anderen entscheiden in China nicht Tech-Bros über Zukunftstechnologien, sondern die Regierung.
Die chinesische Bevölkerung spürt die Verbesserung durch Technologie sehr direkt⬆ nach oben
Mêdog liegt im Südwesten Tibets. Es erhielt 2013 als letzter Landkreis Chinas eine Straße. Drei Jahre später begann der chinesische E-Commerce-Riese JD, Waren dorthin zu verkaufen. Fünf Lieferanten reisten elf Tage über 3.000 Kilometer, um die erste Lieferung, einen Kühlschrank, in das Dorf zu transportieren. Die Bewohner:innen Mêdogs waren begeistert: „Online-Shopping war einst ein ferner Traum für uns“, berichteten sie der Staatszeitung People’s Daily. „Jetzt sind unsere Träume wahr geworden.“
Man muss nicht bis in die hinterste Ecke Tibets reisen, um zu merken: Technologie hat das Leben vieler Chines:innen in wenigen Jahrzehnten besser gemacht. Spricht man vom technologischen Fortschritt in China, denken viele an Orte wie Shenzhen, das chinesische Silicon Valley. Dort liefert eine Drohne das Mittagessen und autonome Taxis kreuzen auf den Straßen. Aber auch in ganz normalen Städten Chinas ohne millionenschwere Tech-Unternehmen gehören fortgeschrittene digitale Technologien längst zum Alltag. Millionen von Chines:innen verdienen Geld mit Livestreaming, bei dem sie Produkte anpreisen. Bargeld ist fast verschwunden. Stattdessen zahlen die Menschen mit sogenannten Super-Apps wie WeChat und Alipay, die Hunderte weitere Funktionen haben: chatten, telefonieren, Arzttermine vereinbaren, Zugtickets buchen, Lebensmittel bestellen.
Auch in Deutschland hat Technologie das Leben besser gemacht. Allerdings durchläuft China seinen technologischen Fortschritt im Zeitraffer. Die Journalistin Afra Wang schreibt über ihre Großmutter, die noch in den 1980er Jahren fünf Stunden zu Fuß lief, um eine Uhr zu erstehen: „Heute benutzt sie ein Xiaomi-Smartphone und hat seit drei Jahren kein Bargeld mehr angerührt.“ Dieser technologische Sprung fiel zusammen mit der größten Wohlstandssteigerung der Erde. Dadurch ist in den Köpfen vieler Menschen in China die Verknüpfung „mehr Technologie = besseres Leben“ fester als in Europa.
So selbstverständlich, wie es heute scheint, ist Chinas Tech-Optimismus allerdings nicht. Er ist ein neues Phänomen der 1980er Jahre. Davor bekämpfte die Volksrepublik moderne Wissenschaft und Technik jahrzehntelang.
Die Philosophie der Partei sagt: Es muss immer vorwärtsgehen⬆ nach oben
Fang Lizhi (1936 bis 2012) war einer der wichtigsten Physiker Chinas. Seine Autobiographie „The Most Wanted Man in China“ erzählt, wie die Kommunistische Partei (KPC) über Jahrzehnte hinweg die klügsten Köpfe des Landes ausbremste. Fang wurde schon früh als „Rechtsabweichler“ gebrandmarkt, da er die Bildungspolitik der chinesischen Regierung kritisiert hatte. 1965 verbannte die Partei Fang, der eigentlich Teilchenphysik forschen wollte, in ein Kohlebergwerk.
Heute schwört dieselbe Partei auf den technologischen Fortschritt. Den Kurswechsel setzte vor allem ein Mann durch: Deng Xiaoping, der nach Maos Tod die Führung übernahm.
Deng ermutigte Beamte der Kommunistischen Partei, in den Westen zu reisen, Kontakte zu knüpfen und die Wirtschaftsstrategien des kapitalistischen Westens zurück nach China zu bringen. Was die Kader dort sahen, verschlug ihnen die Sprache: Häfen, in denen Container auf moderne Schiffe verladen wurden. Fabriken, die Siliziumchips und Chemikalien herstellen. Landwirtschaftliche Betriebe, die mehr Korn und Getreide herstellten, als man es sich in China je vorstellen konnte. „Wir waren enorm beeindruckt“, zitiert der Deng-Biograph Ezra Vogel das Mitglied einer Delegation, die fünf europäische Länder besuchte. „Wir dachten, die kapitalistischen Länder seien rückständig und dekadent. Doch wir mussten feststellen: Die Dinge sahen völlig anders aus.“
Die Partei verdaute den Schock schnell. Sie machte technologischen Fortschritt zum Kern ihrer Ideologie. 1978 verkündete sie auf dem „Forum der Richtlinien der Vier Modernisierungen“, dass China jetzt aufholen müsse: „China muss ausländische Technologien, Kapital und Managementerfahrung importieren, um seine Entwicklung zu beschleunigen“, sagte der damalige Vizepremier Li Xiannian. „Wenn wir unser Potenzial ausschöpfen, kann China noch im 20. Jahrhundert einen hohen Grad an Modernisierung erreichen.“ Dieser Optimismus treibt Chinas Technologieentwicklung bis heute an.
Seitdem kennt Chinas Technologiepolitik nur eine Richtung: vorwärts, so schnell es geht. Das Tempo ist selbst vielen Chines:innen nicht geheuer.
„China, bitte laufe langsamer, warte auf deine Menschen, warte auf deine Seele und deine Moral“, flehte der Autor eines Blogposts auf Weibo (das chinesische Twitter), nachdem 2011 bei der ostchinesischen Stadt Wenzhou zwei Züge aufeinandergeprallt waren. 40 Menschen starben bei dem Unglück. Wer heute durch China reist, hört immer wieder denselben Satz: „China ist zu groß, hat zu viele Menschen und hat sich zu schnell entwickelt.“
China reguliert seine Tech-Milliardäre besser als die USA⬆ nach oben
US-Tech-Milliardäre üben Einfluss auf die ganze Gesellschaft aus, Namen wie Elon Musk oder Sam Altman von OpenAI sind vielen Menschen geläufig. Chinesische Tech-Unternehmer hingegen sind unbekannt. Das ist Absicht.
„Tech-Bros in China haben einen sehr begrenzten Einfluss auf die Gesellschaft“, sagt Afra Wang. Sie ist Tech-Journalistin und forscht zur Geschichte und Philosophie des technologischen Fortschrittes. Das war allerdings nicht immer so. Frühere Stars der chinesischen Tech-Szene traten exzentrisch auf. Der Alibaba-Gründer Jack Ma fuhr 2017 beim 18. Firmenjubiläum mit einem Motorrad auf die Bühne und führte in strassbesetztem Kostüm eine Choreografie zu Michael Jacksons „Billie Jean“ auf, samt Moonwalk.
Chinesische Tech-Bros der Jack-Ma-Ära orientierten sich an ihren amerikanischen Vorbildern: selbstbewusst, laut, ein bisschen verrückt, Hauptsache Clout. „Vor ein bis zwei Jahren haben amerikanische Tech-Bros ständig behauptet, dass ihre KI die meisten Zwischenhändler-Jobs vernichten würde. Das war die beste Recruiting-Strategie in den KI-Ingroups“, sagt Afra Wang. Und gehe mit einer Selbsterhöhung einher: „Für amerikanische Tech-Bros muss KI die größtmöglichen Auswirkungen auf die Gesellschaft haben – egal, ob diese nun positiv oder negativ sind.“
Heutige Tech-CEOs in China operieren unter dem Radar. Viele haben an den besten Universitäten der Welt studiert und führen KI- oder Robotik-Unternehmen. Sie können sich auf ein robustes chinesisches Tech-Ökosystem verlassen, das es in den 2000er Jahren noch nicht gab. Trotzdem bleiben sie still und angepasst, sagt Afra Wang: „Sie wollen einfach Geld verdienen, ohne großes Aufsehen zu erregen.“
Das liegt auch daran, wie hart die Regierung in die Tech-Industrie eingreift: Schon 2020 verschwand Jack Ma aus der Öffentlichkeit, nachdem er Chinas Finanzsystem kritisiert hatte. Wenige Tage zuvor hatten die Behörden den Börsengang seines Fintech-Unternehmens Ant Group gestoppt. Es wäre der größte der Geschichte geworden. Im Februar 2025 lud Xi Jinping dann die wichtigsten Tech-Bosse des Landes zu einem Treffen hinter verschlossenen Türen. Dort forderte er sie auf, „ihr Talent zu zeigen.“ All das waren Signale an Chinas Tech-Bros: Am Ende untersteht ihr der Regierung.
Afra Wang geht noch einen Schritt weiter. Das Mandat über KI, argumentiert sie, liegt in China beim Staat und nicht bei privaten Unternehmen. Deshalb wird KI dort vor allem für den Alltag entwickelt. Nicht für ein nebulöses Ziel wie „Artificial General Intelligence“, also eine KI, die alles kann, was Menschen können, und sich womöglich ihrer Kontrolle entzieht. Und der Staat setzt Regeln: KI-generierte Inhalte müssen gekennzeichnet werden. Niemand darf mit der Begründung gekündigt werden, der eigene Job sei durch KI ersetzbar. Auch deshalb sehen viele Chines:innen KI zuerst als Chance, nicht als Bedrohung.
Ist das Optimismus – oder schlicht Angst, zurückzufallen?⬆ nach oben
2023 beschloss der Künstler Yang Hao ein Experiment: ein Solotrip durch China, 134 Tage, 68 Orte – und das Ganze ohne Smartphone. Bevor er aufbrach, hatten seine Eltern nur eine Frage an ihn: „Was soll das?“ Unterwegs hielt man ihn für einen Spion, einen illegalen Einwanderer, einen Geldwäscher. Nur weil er kein Smartphone dabeihatte.
Yang Haos Experiment wirft eine berechtigte Frage auf: Ist Chinas Bevölkerung wirklich so tech-optimistisch, oder hat sie schlicht Angst zurückzubleiben? Wer in China ein halbwegs normales Leben führen will, hat schlicht keine andere Wahl, als sich WeChat, Alipay und chinesische E-Commerce-Apps herunterzuladen. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das die „rutschenden Abhänge“: In der Moderne müssen Menschen ihr Wissen, ihre Sprache und ihre Zukunftsoptionen ständig aktualisieren, während sich der Boden unter ihnen schon wieder bewegt. Wer stehen bleibt, rutscht ab. In China ist die Gefahr noch größer als anderswo, weil technischer Fortschritt für die Regierung nationales Ziel und Großmachtwerkzeug ist. Es muss vorwärtsgehen, komme, was wolle.
Für Deutschland heißt das nicht, dass die Deindustrialisierung unausweichlich ist. Manche vermeintliche Zukunftstechnologie überlebt in China den ersten Hype nicht lange. Der KI-Agent OpenClaw etwa hat sich als zu sperrig und unsicher für den Alltag erwiesen. Inzwischen bieten amerikanische wie chinesische Tech-Unternehmen KI-Agenten an, die sich deutlich leichter bedienen lassen. Die Flugtaxi-Industrie hat Peking nach einem tödlichen Absturz vorerst auf Eis gelegt. Und der Ökonom Wu Jinglian warnt davor zu glauben, die Kommunistische Partei könne erfolgreiche Industrien einfach herbeisubventionieren. Für deutsche Unternehmen könnten Felder wie die Robotik sogar eine Chance sein. Vorausgesetzt, die Firmen lassen sich darauf ein.
Chinas Tech-Optimismus ist das Produkt der Reform- und Öffnungspolitik, die auf die turbulenten Jahre der Mao-Diktatur folgte. Lange Zeit war der Tech-Optimismus vom Vertrauen in eine grandiose Zukunft angetrieben. Heute nährt ihn auch die Furcht, den Anschluss an die Gegenwart zu verlieren.
Dreamcore-Bild in chinesischen sozialen Netzwerken | Screenshot/Xiaohongshu/Aliya记梦器/Null Space/横纹理
Dieses Fortschrittsdiktat weckt in China wie anderswo die Sehnsucht nach einer einfacheren Welt. In Chinas sozialen Medien ist aus dieser Nostalgie eine eigene Ästhetik gewachsen: mènghé, Dreamcore. Die verwaschenen Fotos zeigen menschenverlassene Parks, Hochhäuserschluchten und Shopping-Malls, die den Charme der 1990er und 2000er Jahre romantisieren. Erstellt sind die Bilder meistens mit KI.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger