Collage: Ein Mann sitzt vor einem alten Computer. Seine Silhouette ist eine Halbleiterplatte.

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Internet und Technologie

KI klaut dir erst mal nicht den Job

Eine echte Gefahr liegt woanders.

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Im Februar 2024 verkündete der schwedische Zahlungsdienstleister Klarna, dass KI zwei von drei Aufgaben in der Kundenbetreuung übernehmen werde und 700 Stellen ersetzen soll. Heute stellt Klarna wieder Mitarbeiter:innen im Kundendienst ein.

Dieses Muster, „wegen KI“ entlassen, dann wieder neu einstellen müssen, wiederholt sich auch bei anderen Firmen, etwa bei US-Autobauer Ford in der Qualitätssicherung. Selbst IT-Spezialist IBM schafft neue Einsteigerstellen, die der Konzern zuvor gestrichen hatte.

Das widerspricht einer These, die die KI-Firmen vier Jahre lang verbreitet haben: Künstliche Intelligenz werde Menschen einfach ersetzen. Dario Amodei, Chef der Firma hinter dem KI-Modell Claude, fiel mit besonders spektakulären Prognosen auf. Er sagte, KI werde die Hälfte aller Einsteiger:innenjobs in Büros automatisieren.

Im Mai aber brach Open-AI-Chef Sam Altman mit dem Horror-Konsens: „Ich glaube nicht, dass wir diese Art von Jobapokalypse erleben werden.“

War es also nur ein Marketingtrick zu sagen, „KI wird euch alle ersetzen“? Um ChatGPT-Abos zu verkaufen? Oder haben die KI-Optimist:innen sich getäuscht und es ist doch nicht so leicht für Maschinen, unsere Arbeit zu machen?

Um das zu beantworten, habe ich die Fakten abgewogen. Ich gebe dir keine weiteren Marketingvorhersagen, sondern die Arbeitsmarktdaten, die wir heute haben.

Sie zeigen: KI hat noch keinen nachweisbaren Einfluss auf den Arbeitsmarkt als Ganzes. Wer das näher betrachtet, erkennt die Effekte der KI aber bereits. Sie bergen eine Warnung für uns alle, selbst wenn KI dir morgen nicht den Job klaut.

Künstliche Intelligenz macht uns nicht alle arbeitslos⬆ nach oben

Aus den amerikanischen Arbeitsmarktdaten bis einschließlich 2025 zieht das Budget Lab der Yale University zwei zentrale Schlüsse.

Erstens: KI hat die Zusammensetzung des Arbeitsmarktes nicht groß verändert. Es gibt insgesamt ähnlich viele Jobs aller möglichen Art wie vor ChatGPT. Zweitens, so die Yale-Forscher:innen, entlassen Firmen, die mehr KI einsetzen, weder mehr Leute als andere Firmen, noch stellen sie weniger Leute ein. Außerdem zeigen verschiedene Daten, dass Firmen in den USA zwar weniger Informatikstellen ausschreiben, aber die Anzahl an Programmierer:innen weiter zunimmt.

Selbst beim Programmieren, dem Paradebeispiel, sind die Daten uneindeutig. Für Berufsanfänger:innen würden immer weniger Stellen ausgeschrieben werden, argumentieren Forscher:innen der Stanford-Universität. Gleichzeitig sagt der CEO von Amazon Web Services Matt Garman, die Idee, dass KI Junior-Entwickler:innen ersetze, sei das Dümmste, das er je gehört habe. Denn ganz so einfach ist es nicht.

Garman sagt das, weil er darüber nachdenkt, wo er morgen Senior-Entwickler:innen herbekommen soll, wenn er heute keinen Nachwuchs ausbildet. Dagegen argumentieren die KI-Optimist:innen, dass Garman wegen KI bald auch keine Senior-Entwickler:innen brauchen werde. Weswegen er es heute schon sein lassen kann, Junior-Devs einzustellen.

Am deutschen IT-Arbeitsmarkt herrsche dennoch Fachkräftemangel, sagt etwa der Branchenverband Bitkom. Aber wenn heute Stellen unbesetzt bleiben, sieht es nicht danach aus, als ob Programmierer:innen wegen KI keine Arbeit mehr finden. Sondern eher, als ob es trotz (oder wegen) KI immer noch mehr Stellen in dieser Branche gibt als Fachkräfte, um sie zu besetzen.

Grafik, die darstellt, dass Techjobs in Deutschland schon angefangen haben, zurückzugehen, bevor ChatGPT auf den Markt gebracht wurde.

Die Zahlen zeigen dabei etwas Kurioses: Firmen, die besonders viel KI einsetzen, scheinen in Deutschland sogar mehr neue Stellen auszuschreiben als andere.

Falls das daran liegt, dass Unternehmen neue Fachkräfte mit KI-Expertise brauchen, könnte es sogar ein Zeichen sein, dass KI mehr Arbeit schaffen kann, als sie uns wegnimmt. Das wäre eine Wirkung, die manche andere Technologien auch hatten. Der Automobilbauer Henry Ford hat mit seiner Automatisierung zwar die Arbeit reduziert, die ein Arbeiter pro Fahrzeug bewältigen musste. Aber die Anzahl seiner Angestellten ist im selben Zeitraum enorm gestiegen.

Auf europäischer Ebene erkennt Christina Gathmann bisher auch nicht, dass Künstliche Intelligenz Menschen flächendeckend in neue Jobs drängt oder sie arbeitslos macht. Die Direktorin der Abteilung Arbeitsmarkt am Luxembourg Institute of Socio-Economic Research sagt, Arbeitslosigkeit sei durch KI nur geringfügig gestiegen. Dass KI viele Jobs ersetze, stimme bisher nicht.

In den USA schätzen Arbeitsmarktexpert:innen, dass Firmen wegen KI netto 10.000 bis 15.000 Stellen pro Monat streichen. Aber dass Jobs verschwinden, gehört zum Alltag des Arbeitsmarkts. Alleine in den USA entstehen 30 Millionen neue Stellen pro Jahr, während 29 Millionen verschwinden. Auf KI sind also weitere sechs Prozent der Stellen zurückzuführen, die in den USA ohnehin verschwinden. Kaum der Jobkiller, vor dem die KI-Geschäftsführer gewarnt haben.

Das könnte passieren, wenn KI uns nicht die Jobs klaut⬆ nach oben

Im Detail würde sich durch KI dennoch vieles im Arbeitsmarkt verändern, sagt Gathmann. Statt Stellen zu ersetzen, scheint KI Arbeit bisher eher zu verschieben. Stellen im Kundenservice in den USA scheinen wirklich zurückzugehen. Aber ohne dass Arbeitslosigkeit zunimmt. Das bedeutet, Menschen, die ihre Stellen im Kundenservice verloren haben, finden anderswo etwas Neues: KI nimmt ihnen den Job, aber bisher nicht die Arbeit.

Andere Arbeitnehmer:innen haben wegen KI sogar mehr Arbeit als vorher. Das Phänomen heißt „KI-Produktivitätsparadox“. In den USA etwa scheint die Nachfrage nach Radiolog:innen zuzunehmen. Nicht obwohl, sondern weil KI in diesem Fachgebiet nützlich ist. Der US-amerikanische Fernsehsender CNN berichtet, KI-Werkzeuge würden Radiolog:innen helfen, Patient:innen schneller zu untersuchen. Was wiederum die Nachfrage zu erhöhen scheint. Gleichzeitig braucht eine zunehmende Zahl älterer Menschen ohnehin mehr Untersuchungen, weswegen auch dieser KI-Trend bisher schwer einzuordnen ist.

Hierzulande berichten IT-Profis dennoch etwas ähnliches: Durch Tools wie Claude Code können sie mehr arbeiten als zuvor. Aber meistens, ohne dass ihre Löhne steigen. Während Arbeitgeber trotzdem mehr Leistung erwarten.

Solchen Meldungen und etlichen Prophezeiungen zum Trotz sind die Weltwirtschaften durch KI dennoch kaum produktiver geworden. Das berichtet unter anderem das International Center for Law & Economics. Kontrollierte Tests und Experimente hätten stets gezeigt, dass KI Mitarbeiter:innen und Firmen produktiver macht. Doch in der Praxis sei davon erst wenig zu sehen.

Das liegt auch daran, dass die meisten Firmen KI heute nur oberflächlich integriert haben. Wie das Wirtschaftsmagazin The Economist berichtet, arbeiten viele Firmen noch immer genauso wie im Vor-KI-Zeitalter. Andere Experten argumentieren, dass noch nicht genug Zeit vergangen sei, um diesen Effekt zuverlässig einzuschätzen.

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Was die Daten eher zeigen, ist, dass Arbeitgeber versuchen, einzelne Aufgaben zu ersetzen. In der Regel soll KI Arbeitnehmer:innen unterstützen oder produktiver machen. Ergänzen, nicht ersetzen. Arbeit verschieben, nicht wegnehmen.

Wenn es dabei bleibt, gäbe es sogar einen Weg zu einer „Pro-Angestellten-KI“, argumentieren drei Star-Ökonomen der MIT Sloan School of Management. Aber nur, wenn KI neue Aufgaben erschafft und Firmen in ihre Angestellten investieren.

In Deutschland beobachten manche Studien sogar genau das: Etwa 40 Prozent aller Unternehmen setzen inzwischen KI ein, ohne dass dadurch im Schnitt Jobs verschwinden. Und 80 Prozent dieser Firmen bieten umfangreiche KI-Trainings an, um die Angestellten zu unterstützen.

Die Politik ist verantwortlich, die Folgen von KI zu regeln⬆ nach oben

Aber KI muss dir nicht den Job klauen, um schlechte Neuigkeiten mit sich zu bringen. Obwohl Arbeitslosigkeit wegen KI nicht zunimmt, zeigen Studien, dass KI zu mehr Ungleichheit führt: Reiche werden durch KI immer reicher. Egal ob Menschen, Firmen oder Länder.

Während die Wohlhabenden von KI-Investitionen profitieren, konzentrieren sich die Nachteile bei denen, die ohnehin ärmer und machtloser sind. Die Gewinner des KI-Booms nennt die New York Times einen „neuen Adelsstand“. Dieser würde nicht zögern, sagt die Zeitung, seinen Wohlstand in politischen Einfluss zu verwandeln. KI-Firmen spendeten dieses Jahr beispielsweise etliche Millionen an Kandidat:innen in US-Unterhauswahlen, die deutlich pro KI waren.

Forschende der Ludwig-Maximilians-Universität München haben untersucht, was das heute schon für Folgen hat. Ihre Studie zeigt, dass Menschen, die erwarten, wegen KI ihren Job zu verlieren, weniger Vertrauen in Politik haben und weniger Willen, sich demokratisch zu beteiligen. Alleine, dass Menschen erwarten, wegen KI benachteiligt zu werden, untergräbt also die Legitimität von demokratischen Institutionen.

Einerseits wird es deshalb umso wichtiger, darüber aufzuklären, dass KI uns bisher nicht die Jobs klaut. Andererseits regelt kein Naturgesetz, dass diese Technologie wirklich so viele Stellen oder mehr schafft, wie sie ersetzt. Oder dass alle gleichermaßen vom Fortschritt profitieren. So etwas regelt die Politik.

Doch von der bisherigen Politik in Europa und den USA profitieren vor allem die Konzerne und Investoren, die am KI-Boom beteiligt sind. Nicht deren Angestellte oder die Menschen, deren Job in Zukunft besonders gefährdet sein könnte. Deswegen warnen Expert:innen, dass KI die Welt selbst dann immer ungleicher machen könnte, wenn sie uns nicht direkt die Jobs wegnimmt.

Was viele Menschen heute schon erleben, ist, dass Arbeitgeber wegen KI ihre Anforderungen ändern oder sich ihre Arbeit zum Schlechteren wandelt. Viele IT-Profis, die Software instandhalten, werden mit KI-generierten Fehlermeldungen überflutet, die sie mühsam und zeitintensiv prüfen müssen. In den neuen Datenfirmen trainieren Anwält:innen, Doktorand:innen und Wissenschaftler:innen KI-Bots, die eines Tages ihre Kolleg:innen ersetzen sollen. Sie haben zuvor nicht wegen KI ihre Jobs verloren, aber die neuen Jobs durch KI sind schlechter bezahlt, prekärer und ungesünder als die alten.

Anthropic stellt währenddessen weiter munter neue Leute in all den Rollen ein, die ihr eigenes Produkt eigentlich ersetzen soll. 462 Stellen sind dort aktuell ausgeschrieben. In der Kommunikation, im Marketing, der IT, überall, wo KI laut Anthropic-CEO Amodei 50 Prozent der Menschen ersetzen sollte. Sicher, Anthropic wächst rasant und vielleicht erschaffen sie deswegen neue Stellen. Aber selbst intern bei der größten KI-Firma entstehen durch KI bisher mehr Jobs, als sie mit ihrer Wunderlösung streichen können.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger

KI klaut dir erst mal nicht den Job

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