AfD-Kandidat Ulrich Siegmund gerahmt von zwei Bildern: Dem Landtagsgebäude ind Magdeburg und einer antifaschistischen Demonstration.

Jens Schlueter/Freier Fotograf/Sean Gallup/Getty/Ullstein Bild Dtl./Kontributor/Landeswahlleiterin Sachsen-Anhalt

Politik und Macht

Analyse: Die radikale Rechte ist (wieder) Volkspartei

Wer die AfD in Sachsen-Anhalt gewählt hat, wie sie jetzt regieren kann und was ihre Gegner von Ulrich Siegmunds Wahlkampf lernen können.

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Die AfD ist an Erfolge gewöhnt. Aber mit einem solchen Sieg hat in der Partei kaum jemand gerechnet. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hat sie 43,8 Prozent der Stimmen bekommen. Eine absolute Mehrheit hat sie nur knapp verpasst.

Die AfD lässt offen, wie es jetzt weitergeht. Vor der Wahl schloss AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund eine Minderheitsregierung aus. Am Wahlabend sagte er jedoch, die Partei werde „immer allen Kräften die Hand ausstrecken, die mit uns eine grundsätzliche politische Kehrtwende in diesem Land herbeiführen möchten.“ AfD-Chef Tino Chrupalla wurde bei Caren Miosga deutlicher: „Wir werden allen Gespräche anbieten.“

Zum ersten Mal könnte die AfD einen Ministerpräsidenten stellen. Das wäre ein Bruch in der Geschichte der Bundesrepublik. Und der größte Erfolg der radikalen Rechten seit Gründung der Republik.

Vielleicht werden wir uns an diesen Abend als den erinnern, an dem die Brandmauer der Union fiel. Und die AfD in Reichweite der Bundesregierung rückte.

Zwei Wege führen die AfD an die Macht⬆ nach oben

Im neuen Magdeburger Landtag hat die AfD 39 von 83 Sitzen, genauso viele wie CDU, SPD, Grüne und Linkspartei gemeinsam. Zwei Optionen hat die AfD in diesem Patt.

Sie kann mit dem BSW zusammenarbeiten, das mit fünf Sitzen ins Parlament einzieht. „Der Wahlverlierer von der CDU muss abgelöst werden“, sagte Parteichefin Sahra Wagenknecht. „Allein der Versuch, noch einmal eine Brandmauer-Koalition zu schmieden, wäre ein Affront gegenüber den Wählerinnen und Wählern.“ BSW-Spitzenkandidatin Claudia Wittig nannte es am Wahlabend „völlig undemokratisch“, die AfD nicht an der Regierung zu beteiligen.

Die zweite Möglichkeit der AfD: sich mit abtrünnigen CDU-Abgeordneten zusammenschließen, die mit der Brandmauer-Politik ihrer Partei unzufrieden sind. Laut einer Welt-Recherche plant die AfD seit Monaten, die CDU-Fraktion zu spalten.

Einerseits hat die Partei ein großes Interesse daran, die CDU zu spalten. Bricht in der Partei eine Debatte darüber aus, die Brandmauer zu kippen, hilft das der AfD mehr als eine Zusammenarbeit mit dem BSW gegen eine geschlossene Union. Andererseits ist eine Zusammenarbeit mit dem BSW wahrscheinlich leichter, dessen Programm mehr Gemeinsamkeiten mit der AfD hat.

Die AfD treibt die Union an den Abgrund und hält ihr die Hand hin⬆ nach oben

2029 will die AfD in die Bundesregierung. Sachsen-Anhalt ist dafür nur ein Mittel.

Als Gegner der liberalen Demokratie versuchen Rechtspopulisten alles, um diese als funktionsunfähig darzustellen: Je mehr Streit und je schlechter es im Land vorangeht, desto besser für die Rechtspopulisten. Denn desto einfacher lässt sich der Untergang des Landes heraufbeschwören, als dessen letzte Rettung man sich verkauft.

Daraus folgt ihr Drehbuch für die nächsten Wochen. Sie wird sich als Macher- und Aufbruchspartei präsentieren, die jetzt endlich den großen Wandel angehen will. Als Partei, die angetreten ist, etwas zu verändern. Die Geschichte schreiben will. Die konstruktiv und freundlich regiert und so die Warnungen ihrer Gegner entkräftet. Gleichzeitig legt sie sich mit allen an, die ihr im Weg stehen: Landtag, Bundesrat, Berlin.

Sollte sie an die Landesregierung kommen, wird sie keine kleine Diktatur errichten, sondern laut ihrem Programm demokratischen Projekten die Fördermittel entziehen, Schulhöfe mit der deutschen Nationalhymne beschallen, den Rundfunkstaatsvertrag aufkündigen, „weniger Hitler“ in die Lehrpläne schreiben und mehr „Patrioten“ auf Lebenszeit verbeamten.

Vor allem aber sucht sie den Streit mit Berlin. Jedes gebrochene Wahlversprechen hat dann einen Schuldigen: Friedrich Merz. Sie treibt die Union vor sich her. Und streckt ihr dabei die Hand hin: Wenn ihr konservative Politik wollt, kommt zu uns. Bis der erste führende Unionspolitiker einknickt, weil er sein eigenes politisches Überleben nur dann gesichert sieht, wenn er mit der AfD zusammenarbeitet. Die AfD schiebt die Union an den Abgrund. Und hält ihr die rettende Hand hin.

87 Prozent der AfD-Wähler halten die AfD für eine Partei der Mitte⬆ nach oben

Parteien, Medien, Arbeitgeber, Gewerkschaften, Kirchen, Vereine: Alle haben vor dem Extremismus der AfD und vor Ulrich Siegmund gewarnt. Es hat nicht geholfen.

Die AfD will „kulturfremde Fachkräfte“ in der Medizin loswerden, „Bürgerwachten“ unterstützen und die Lehrpläne umschreiben. Ein AfD-Politiker stellte eine Tasse der russischen Armee in sein Büro. Bei zwei Landtagskandidaten rückte die Polizei zur Razzia an. Der Landesschatzmeister schlug im Wahlkampf einen 14-Jährigen mit dem Baseballschläger. Der Junge hatte AfD-Plakate abgerissen. Trotzdem sagen 87 Prozent der AfD-Wählenden in Sachsen-Anhalt: „Es gibt zwar einzelne rechtsextreme Politiker, aber insgesamt steht die AfD eher in der Mitte.“

Das zeigt: Wer vor dem Faschismus warnt, erreicht diese Wähler nicht mehr. Im Gegenteil: AfD-Wähler wollen genau die Warner bestrafen. 59 Prozent der AfD-Wähler wollten der Bundesregierung einen Denkzettel verpassen. Bloß 20 Prozent trauen Schwarz-Rot zu, das Land „wirklich voranzubringen“.

Die anderen Parteien wissen selbst nicht mehr, wofür sie stehen. Manche ihrer Wähler wissen es auch nicht. 78 Prozent der SPD-Wähler und 68 Prozent der Grünen-Wähler sagten: „Ich wähle meine Partei in Sachsen-Anhalt vor allem, um einen AfD-Ministerpräsidenten zu verhindern.“ Und dennoch kommen beide gemeinsam bloß auf 16 Sitze im Landtag.

Die AfD besetzt immer mehr Kernthemen der anderen Parteien. In Sachsen-Anhalt glauben 29 Prozent der Wählerschaft, dass die AfD sich am besten um soziale Gerechtigkeit kümmert. Und nur 14 Prozent sagen das über die einstige Arbeiterpartei SPD. Selbst in der Wirtschaftspolitik, eigentlich Kernthema der Union, gilt die AfD inzwischen als kompetenteste Partei.

Hardliner, Autoritäre, Moderate: Wer die AfD wirklich wählt⬆ nach oben

43,8 Prozent in Sachsen-Anhalt, 35 Prozent in den Umfragen in Mecklenburg-Vorpommern und 28 Prozent auf Bundesebene. Die AfD ist Volkspartei. Alte und Junge wählen sie, Männer und Frauen, Dorf und Stadt.

Eines verbindet sie alle: die Angst abzurutschen. Laut einer Untersuchung der Soziologin Céline Teney besteht die AfD-Wählerschaft aus drei zentralen Gruppen: konservativen Hardlinern, radikal-rechten Autoritären und moderaten Konservativen.

Den größten Anteil machen mit 67 Prozent die konservativen Hardliner aus: mittelalte Wählerinnen und Wähler aus Klein- und Mittelstädten, für die Migration das entscheidende Thema der Gegenwart ist. Rund 20 Prozent der AfD-Wähler sind radikal-rechte Autoritäre. Sie sind eher älter, haben eine niedrigere Bildung, leben häufiger auf dem Land, lehnen Zuwanderung kategorisch ab und wünschen sich eine autoritäre Führung. 13 Prozent der AfD-Anhängerschaft sind moderate Konservative. Ihnen geht es um Wirtschaft und Außenpolitik, weniger um Minderheiten.

Weniger Einreisen, weniger Asylanträge, mehr AfD⬆ nach oben

Friedrich Merz versprach 2018, die AfD zu halbieren und die Migrationspolitik zu verschärfen. Zumindest Letzteres hat er als Bundeskanzler erreicht.

Im ersten Halbjahr 2026 registrierte die Bundespolizei 24.329 unerlaubte Einreisen. Das sind 22 Prozent weniger als im ersten Halbjahr 2025. Zudem gab es von Januar bis Mai 2026 rund 20 Prozent weniger Asylanträge als im Vorjahr. In Sachsen-Anhalt leben wiederum rund 2,1 Millionen Menschen. 78.200 davon sind Schutzsuchende. 3.900 davon mit einem abgelehnten Asylgesuch. Das sind weniger als 0,2 Prozent aller Menschen in Sachsen-Anhalt.

Dass die AfD trotzdem gewinnt, hat zwei Gründe: Erstens war Migration nicht das entscheidende Thema der Wahl, sondern soziale Gerechtigkeit. Unter den AfD-Wählenden schätzten 65 Prozent ihre finanzielle Lage als schlecht ein. Sie wählen die Partei, obwohl zahlreiche Untersuchungen belegen, dass eine AfD-Politik vor allem der eigenen Wählergruppe schaden würde.

Die AfD hat Migration von einem Sachthema in ein Symbol verwandelt. Sie nutzt das Thema, um sämtliche Ängste ihrer Wählerschaft zu bündeln und zu kanalisieren: die Angst vor Statusverlust, vor schneller gesellschaftlicher Veränderung und das grundsätzliche Misstrauen in staatliche Institutionen.

Der zweite Grund wirkt banaler, ist aber wichtiger. Ulrich Siegmund hat einen Wahlkampf geführt, der einer Volkspartei entspricht. Er stand fast täglich auf Marktplätzen und Sommerfesten, machte Selfies, verteilte Freibier, lächelte, hörte zu. Kein anderer Kandidat war so nah dran und gab seiner Anhängerschaft etwas Wichtigeres als konkrete Versprechen: das Gefühl, politisch tatsächlich etwas verändern zu können.


Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger

Die radikale Rechte ist (wieder) Volkspartei

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