Zwei POC Frauen auf einem Motorrad mit trans-Flaggen

SOPA Images/Kontributor

Politik und Macht

Nach dem CSD-Anschlag: Queers of Colour passen in kein Lager

Die eine Seite sieht in jeder Gewalttat den Beweis, dass Muslime nicht hierhergehören. Die andere schweigt. Es gibt eine dritte Position: kritisieren, aber nicht aus Hass, sondern aus Liebe.

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Fremde, die einander nicht kannten, reichten sich Taschentücher. In den Gesichtern um mich herum sah ich Wut, Empörung und Trauer. Aber auch Menschen, die sich gegenseitig hielten und trösteten. Auf den Pariser Platz im Herzen Berlins passen fast 10.000 Personen. Mindestens so viele versammelten sich dort vergangenen Sonntag, um der Opfer des Anschlags auf den CSD einen Tag zuvor zu gedenken. Auch meine Freund:innen und ich standen dort und weinten.

Jedes Mal, wenn eine Person in Tränen ausbrach, lächelte, tröstete oder weinte eine fremde Person mit. Dort zu trauern fühlte sich befreiend an, weil die Emotionen von der Umgebung gehalten wurden. Die Schwere brach so ein wenig auf und machte Platz für Fürsorge und Solidarität.

Am Abend vorher gegen 22 Uhr fuhr ein weißer Kastenwagen in Menschen, die den CSD gefeiert hatten, und griff anschließend Passant:innen mit einer Stichwaffe an. Eine Frau starb, 31 Menschen wurden verletzt, einige schwer. Der Anschlag hat die queere Community erschüttert. Auch Friedrich Merz äußerte sich bestürzt. Aber bei ihm klingt das scheinheilig. Er sagte: „Lassen Sie sich, lassen wir uns nicht einschüchtern.“

Ausgerechnet Friedrich Merz, der 2020 noch meinte, dass Homosexualität okay ist – „solange es nicht Kinder betrifft“. Merz, der letztes Jahr noch dagegen war, die queere Fahne auf dem Bundestag zu hissen. „Der Bundestag ist doch kein Zirkuszelt“, sagte er. Und dessen Regierung dieses Jahr den Aktionsplan „Queer leben“ gestrichen und damit dem größten queeren Jugendnetzwerk Lambda eine zentrale Finanzquelle entzogen hat.

Ein Appell wiederholte sich in den Reden bei der Trauerveranstaltung am Sonntag: Bitte geht der rechten Propaganda nicht auf den Leim. Mehr Abschiebungen, der Entzug von Staatsbürgerschaften oder Fußfesseln für sogenannte Gefährder:innen werden queeres Leben in Deutschland nicht sicherer machen, das sagten die Redner:innen immer wieder.

Die meisten Angriffe kommen von rechts. Die Debatte dreht sich trotzdem um Muslime⬆ nach oben

2.048 Straftaten gegen queere Menschen registrierte das Bundeskriminalamt im Jahr 2025. Das sind im Schnitt fast sechs Taten pro Tag. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das einen Anstieg von 12,8 Prozent. Die meisten dieser Taten, liest man beim BKA, werden von Rechten und Rechtsextremen verübt.

Nach islamistischen Anschlägen wie dem am vergangenen Samstag geraten People of Colour und Muslim:innen trotzdem häufig pauschal unter Verdacht. Wieder wird darüber diskutiert, wie es eigentlich um queeres Leben in migrantischen und muslimischen Gemeinschaften steht.

Was dabei kaum vorkommt: die Stimmen derer, um die es angeblich geht. Und nicht nur die Rechten überhören sie.

Zwei Erzählstränge dominieren die Debatte. Der erste zeichnet ein Bild der muslimischen und migrantischen Community als per se queerfeindlich. Seinen Ausgang nahm dieses Bild vor über zwanzig Jahren in den sogenannten Kopftuchdebatten, die die Vorstellung der unterdrückten, hilflosen muslimischen Frau in den Medien etablierten. 2015 verstärkte sich dieses Bild durch die Kölner Silvesternacht, in der hunderte junge migrantische Männer Frauen sexuell belästigten. In der Folge kippte die Stimmung gegenüber Geflüchteten, und das Bild des „frauenfeindlichen muslimischen Mannes“ prägte die Titelseiten deutschsprachiger Medien.

Und jetzt dieser Anschlag auf den CSD: Statt queere Menschen zu schützen, sollen sicherheitspolitische Maßnahmen ergriffen werden, die vor allem von Rassismus betroffene Menschen treffen werden. In Momenten, in denen Merz und andere konservative Politiker:innen ihre „offene, freiheitliche und liberale Gesellschaft“ angegriffen sehen, sind Muslime und Migrant:innen willkommene Sündenböcke.

Wer „Kultur“ sagt, meint oft „Rasse“⬆ nach oben

Interessant dabei ist, dass in dieser Denkart gerne die muslimische „Kultur“ für die Queerfeindlichkeit verantwortlich gemacht wird. Gemeint sind damit aber nicht Feste oder Traditionen, sondern Kultur als Annahme einer festen, homogenen Gruppe, die es so nicht gibt. Die Journalistin Gilda Sahebi hat darauf hingewiesen, dass sich in dieser Denklogik das Wort „Kultur“ durch das Wort „Rasse“ ersetzen lässt. Tut man das, tritt der schlecht versteckte Rassismus offen zutage.

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AfD und Union halten diesen Erzählstrang am Leben. Tatkräftig unterstützt werden sie dabei von migrantischen Menschen, die dieses Bild durch ihre Biografien und Analysen über DEN Islam beispielhaft untermauern. Sie fungieren als Kronzeug:innen, weil sie dieses problematische Bild durch ihre eigene Identität stützen: als Menschen, die muslimisch erzogen wurden und sich später vom Islam abgewandt haben.

Zu ihnen zählen unter anderem der Autor Ahmad Mansour, der in einem Podcast der FAZ sagte: „Der Islam hat sich noch nie in eine andere Kultur integriert und wird es auch nicht in Europa.“ Oder die Soziologin Necla Kelek, die den Familiennachzug von Geflüchteten mit folgender Begründung stoppen will: „Der Familiennachzug fördert gerade Parallelgesellschaften und sendet zudem das falsche Signal an Menschen in ihren Heimatländern.“ Beide haben diese Positionen nicht nur einmal vertreten, sie sind häufige Gäste in Talkshows.

Aus Angst, den Rechten zu nützen, schweigen manche Linke über reale Gewalt⬆ nach oben

Der komplementäre, aber ebenso problematische Diskursstrang lässt sich in Talkshows und auf Social Media schlechter verkaufen. Der Grund: Der erste, antimuslimische Strang sitzt tiefer, weil er in einer rassistisch geprägten Gesellschaft auf mehr Resonanz stößt.

Der zweite Strang wird von vermeintlich Linken vertreten. Was sie machen, kann man als Kulturrelativismus beschreiben. In einfachen Worten heißt das: Was in einer anderen Kultur oder einer Gruppe passiert, die nicht der Mehrheitsgesellschaft angehört, darf man nicht kritisieren. Sie vertreten daher die Auffassung: Wer Queerfeindlichkeit, Misogynie oder Antisemitismus innerhalb von muslimischen oder migrantischen Communitys kritisiert, sei per se rassistisch. Man laufe damit immer Gefahr, den Rechten in die Karten zu spielen.

Damit leugnen sie aber die sehr reale Gewalt und Unterdrückung, die queere Menschen und Frauen in muslimischen oder migrantischen Communitys erleben. Wie zum Beispiel der Femizid an Lareeb K. im Jahr 2015. Ihre Eltern gehören der Ahmadiyya-Muslim-Jamaat an, einer islamischen Reformbewegung mit einem zutiefst reaktionären Rollenbild. Als sie erfuhren, dass ihre Tochter außerehelichen Sex hatte, brachten sie sie um.

Gehört werden wir nur, wenn wir ins Bild passen⬆ nach oben

Es gibt also zwei gegensätzliche Positionen. Die einen behaupten, ein gottgefälliges Leben sei mit Homosexualität nicht vereinbar. Die anderen bestreiten, dass es im Islam und in migrantischen Communitys überhaupt ein Problem mit Queerfeindlichkeit gibt – und wenn doch, dürfe man es nicht benennen. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich wie so oft die Realität. Um das zu verstehen, müsste man einer Gruppe zuhören, die bisher wenig gehört wurde: Queers of Colour.

Die Wissenschaftlerin und Mitbegründerin der postkolonialen Theorie Gayatri Spivak fragte 1988, ob Frauen aus dem globalen Süden sprechen „könnten“. Damit meinte sie: Sie können nicht über ihr Leben und ihre Probleme sprechen, ohne falsch verstanden oder bevormundet zu werden.

Und genau das erkenne ich auch jetzt wieder: Queere BIPoCs passen nicht in die einfachen Bilder, die wir uns als Gesellschaft gerne erzählen. Wir widersprechen den Zuschreibungen, die uns entweder als arme Unterdrückte einer furchtbaren Kultur darstellen oder unsere Existenz ganz leugnen. Gehört werden unsere Erfahrungen erst dann, wenn sie mit diesen verbreiteten Bildern übereinstimmen. Wenn zum Beispiel die Bestsellerautorin Sabatina James in ihren Büchern erzählt, dass sie Morddrohungen erhielt, weil sie vom Islam zum Christentum konvertierte, verkauft sich das gut.

Selin Gören verschwieg ihre Angreifer – aus Angst, dass ihre Geschichte missbraucht wird⬆ nach oben

Auf der anderen Seite stehen Fälle wie der von Selin Gören, die 2016 von migrantischen Jugendlichen in Mannheim attackiert wurde. Sie wollte zuerst nicht sagen, dass es migrantische Jungen waren, weil sie Angst hatte, der Vorfall könnte wieder für rassistische Zwecke missbraucht werden. Sie hatte die Debatte um die Kölner Silvesternacht und brennende Geflüchtetenunterkünfte vor Augen.

Spivak beantwortete ihre Frage damals polemisch mit „Nein!“: Frauen aus dem globalen Süden könnten nicht sprechen. Ich hoffe und glaube, dass es für queere Personen of Colour heute anders sein kann – dass wir in diesen Zwischenraum treten und ihn mit Nuancen füllen können.

Ich kritisiere die Gewalt in meiner Community – aber aus Liebe⬆ nach oben

Die dritte Position im Diskurs – meine Position – muss die Ausgrenzung und Gewalt gegen Queers ernst nehmen und kritisieren. Aber nicht aus rassistischen Motiven, sondern aus Liebe zur eigenen Community. So sorgen wir für ein gesünderes, fürsorglicheres Klima in migrantischen Communitys. Gleichzeitig muss die weiße Mehrheitsgesellschaft endlich verstehen: Wenn Queers of Colour von dieser Diskriminierung berichten, erlaubt das kein pauschales Urteil über eine vermeintlich rückschrittliche und gewaltvolle „Kultur“.

Ich würde mir wünschen, dass wir als Gesellschaft Queers of Colour zuhören – nicht um ein Bild zu bestätigen, sondern um ihrer Erfahrung Raum zu geben, ob positiv oder negativ. Wir sollten fragen: Was brauchst du? Was wünschst du dir? Wie kann ich dich unterstützen? Alles andere ist der problematische Versuch, eine extrem marginalisierte Gruppe für den eigenen Zweck zu instrumentalisieren. Das nützt am Ende nur Rechten, egal ob weiß-deutsch oder migrantisch.


Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Theresa Bäuerlein, Bildredaktion: Sören Frey

Nach dem CSD-Anschlag: Queers of Colour passen in kein Lager

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