Lars Lindauer ist Vorstandsmitglied des CSD-Vereins in Stuttgart und war früher Redakteur bei Krautreporter. Hier erzählt er, was er über den Anschlag auf den Berliner CSD denkt, wie der Angriff ihn als Mitglied der queeren Community trifft und welche Ängste er seither hat.
Ich war Samstag auf der CSD-Demo in Stuttgart. Es war gegen Ende der Veranstaltungen, da stand ich mit Freund:innen vor der Bühne, als ich auf Instagram einen Beitrag vom CSD Berlin gesehen habe, auf dem „Abbruch“ stand. Ein gelber Post mit großem Ausrufezeichen.
In den Kommentaren unter dem Post stand, dass es einen Hackerangriff gegeben hätte. Ich habe zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht gedacht, dass es ein Anschlag sein könnte. Wenn wir den CSD planen, gibt es immer ein Sicherheitskonzept. In der Theorie ist unser Team darauf vorbereitet, dass jemand die Veranstaltung angreift. Wir haben einen Plan für den Notfall und abzubrechen ist der Worst Case. Als Allererstes habe ich an die Kolleg:innen in Berlin gedacht, die das organisieren. Ich habe mir gedacht: „Oh je, die Armen, was geht da ab?“
Es wäre furchtbar, wenn Menschen beim CSD Angst haben⬆ nach oben
Ich war bei unserem CSD in Stuttgart gerade dabei, aufzuräumen, als ich erfahren habe, dass ein Transporter in Berlin in eine Menschenmenge beim CSD gerast ist. Ich selbst habe als Erstes viel Verbundenheit mit dem Team in Berlin gespürt.
Kurz nach Mitternacht hat Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner bestätigt, dass eine Frau gestorben ist. Ich war noch auf unserer Veranstaltung und wollte bald aufbrechen, um einige Freund:innen in einem Klub am Hauptbahnhof zu treffen. Als ich die Mitteilung gelesen habe, war ich traurig. Ich wollte dringend mit jemandem darüber reden.
Seit Samstag müssen wir bei CSDs von Toten sprechen. Und das ist neu in der Geschichte der CSD-Bewegung, die schon viel Gewalt erlebt hat. Gleich bei ihrem Ursprung, als die Polizei 1969 in New York gezielt Bars angegriffen hat, in denen sich queere Menschen aufhielten. Sie haben sie auf die Straße gezerrt und verprügelt. Danach kam es in New York tagelang zu Ausschreitungen, in denen queere Menschen aller Art sich gegen die Gewalt gewehrt haben.
Ich habe Angst, dass der CSD durch diesen Anschlag seine Leichtigkeit verliert. Diese Angst ist sehr präsent für mich und sehr roh. Ich befürchte, dass es für viele Menschen in Zukunft schwerer sein könnte, auf den CSD zu gehen und sich sicher zu fühlen. Das wäre furchtbar.
An dem Abend hatten wir im Vorstand nicht mehr viel Gelegenheit, über den Anschlag zu sprechen. Für Sonntag hatten wir den dritten Tag des CSD-Straßenfests geplant und wussten nicht, ob wir weitermachen sollten. Wir haben gesagt, dass wir uns Sonntagmorgen treffen und wir dann entscheiden. Wir wollten die Community daran beteiligen, doch die Entscheidung musste von uns kommen. Damit wir als Vorstand ein klares Signal setzen.
Den ganzen Sonntagmorgen war ich aufgewühlt und traurig. Als ich zur Veranstaltung gelaufen bin, habe ich immer wieder geweint. Das hat mich überrascht, als die Tränen kamen. Ich glaube, davor habe ich nicht geweint. Und dann war ich wieder auf dem Marktplatz. Daneben ist zum CSD immer eine Open-Air-Disco aufgebaut. DJs legen auf, Menschen tanzen und auf dem Marktplatz wehen Regenbogenfahnen. Und ich stand mit meinen Vorstandskolleg:innen vom CSD-Verein hinter der Bühne im Backstagebereich und wir mussten entscheiden, wie es weitergeht.
Queere Rechte sind Menschenrechte⬆ nach oben
Als queere Person zu leben oder aufzuwachsen, ist für viele nicht leicht. Das sage ich als weißer schwuler Cis-Mann. Meine Privilegien sind mir durchaus bewusst. Für viele andere queere Personen ist das Leben viel schwieriger als für mich.
Der CSD ist oder war bisher eine sehr positive Sache. Das ist der wichtigste Tag im Jahr für ganz viele queere Menschen und ein Lichtblick für viele. Weil sie einmal im Jahr so sein können, wie sie möchten. Das ist ein Tag, an dem queere Menschen mitten in ihrer Stadt sie selbst sein können, tanzen können und eine gute Zeit haben. In Stuttgart ist das mitten in der Stadt und es wehen die Pride-Flaggen. Das ist ein super wichtiges Symbol für mich, das gibt es dort sonst nicht zu sehen.
Menschen, die nicht queer sind, denken oft noch: „Na ja, wie schlimm kann es denn sein?“ Oder: „Meine Güte, andere haben auch Probleme.“ Einige nehmen uns nicht ernst, selbst wenn sie das gerne möchten.
Manche tendieren auch dazu, den CSD als bunt zu bezeichnen. Ich finde das furchtbar und versuche, das Wort zu vermeiden. Im Deutschen gibt es leider kein gutes Wort dafür. Divers oder colorful finde ich angemessener als bunt. Ich bin nicht bunt. Ich weiß zwar, dass es meistens positiv gemeint ist. Aber das schreiben mir Leute von außen zu.
Vielleicht können viele Menschen, die nicht queer sind, sich auch gar nicht richtig einfühlen, wie viel besser die CSD-Bewegung das Leben für queere Menschen machen kann. Durch diese Anerkennung. Dadurch, dass man man selbst sein kann. Ich höre auch oft, der CSD sei nur eine Party. Das stimmt nicht. Wir machen das nicht aus Spaß. Sondern weil wir etwas erreichen wollen für alle. Queere Rechte sind Menschenrechte.
Und wenn Leute mich fragen: „Wann ist der CSD?“, und das für ihre Stadt nicht wissen, kann ich das nicht nachvollziehen. Daran merke ich, dass sie das Thema und Menschenrechte nicht richtig ernst nehmen. Dabei brauchen wir auch heterosexuelle Menschen auf dem CSD. Diesen Kampf gewinnt man nicht alleine.
Der CSD ist größer, aber auch umkämpfter⬆ nach oben
In Baden-Württemberg wehte beim CSD dieses Jahr zum ersten Mal seit Langem keine Pride-Flagge auf dem Landtag. Dabei ist die Flagge wichtig für mich. Sie zu sehen, hat mir gezeigt, dass ich dort, wo ich sie sehe, sicherer sein kann, als ich das sonst bin. Wenn ich sie an einem Supermarkt sehe, sagt mir das: „Komm her, kauf deinen Pesto oder deinen Salat, hier gibt es nicht aufs Maul. Und wenn es aufs Maul gibt, tun wir etwas dagegen.“ Ob das dann so ist, weiß ich nicht.
Und wenn Friedrich Merz sagt, der Bundestag sehe mit einer Pride-Flagge aus wie ein Zirkuszelt, dann wird deutlich, was er über die queere Community denkt. Mit diesen paar Worten sagt er, dass ihm das einfach alles egal ist. Nicht nur der CSD, sondern alles: eine offene Gesellschaft, Gleichberechtigung für queere Menschen, und auch, dass wir sicher sind.
Natürlich gibt es schon seit vielen Jahren Angriffe gegen den CSD. Meistens sind es Gegendemos. Die Rechten greifen die Teilnehmenden der CSDs an oder uns Organisator:innen. Sie hetzen nicht nur. Sie werden gewalttätig. Das passiert in ganz Deutschland. 2025 wurden so viele Fälle erfasst wie noch nie. Wobei das natürlich auch daran liegen kann, dass immer mehr CSDs stattfinden und Menschen die Übergriffe öfter melden.
Der Hass und die Hetze im Internet bewegen mich sehr, weil der CSD an sich friedlich ist. Das ist für mich eine wahnsinnig positive und kraftvolle Veranstaltung. Und eine riesengroße mittlerweile, Gott sei Dank. Nur wird der CSD immer mehr bedroht.
Was ist, wenn uns jemand angreift?⬆ nach oben
Es wäre ein Einknicken gewesen, wenn wir in Stuttgart nach dem Angriff auf die Community in Berlin unser Straßenfest abgesagt hätten. Das wäre ein falsches Zeichen gewesen. Deshalb haben wir uns entschieden, unser Fest trotz des Anschlags zu machen. Oder gerade deswegen.
Ich habe gehofft, dass wir die richtige Entscheidung treffen, weil ich nicht zu 100 Prozent sicher war, ob das gut ist, wenn wir weitermachen. Auch aus Solidarität. Ich war mir nicht sicher, ob es richtig ist, zu feiern, wenn gerade jemand gestorben ist.
Ich war auch aus Angst nicht sicher: „Was ist, wenn uns jemand angreift?“ Am Sonntag hatte ich so eine diffuse Angst. Ich konnte in dem Moment nicht einschätzen, wie das wird. Ob Menschen kommen. Ob die gerne kommen oder ob sie Angst haben, wie ich.
Als die Feier anfing, waren nicht viele Leute da. Aber es war auch 13:30 Uhr an einem Sonntag. Wir sind als Vorstand auf die Bühne gegangen und haben eine Gedenkaktion gemacht. Meine Kollegin Betina hat eine Rede vorgelesen und das war ein total schöner, starker Moment.
Ich wollte eigentlich mitmachen, aber ich wusste, dass ich da weinen muss. Und das wollte ich nicht: als CSD-Vorstand öffentlich weinen. Weil die Leute bestimmt ihre Trauer selbst mitbringen.
Die Vorstandsmitglieder des Stuttgarter CSD-Vereins gedenken am Sonntag den Opfern des Anschlags auf den CSD in Berlin | Oleg Kauz
Trauer kann uns stärker machen⬆ nach oben
Im Laufe des Tages waren viele Acts auf der Bühne. Wir hatten Drag Queens – die längste Drag-Show ever, so war es angekündigt. Die haben so viel Spaß verbreitet und Freude. Diese Stärke zu sehen, die die Community haben kann, war schön. Das war genauso wichtig an diesem Tag wie die Trauer, der wir versucht haben, Raum zu geben.
Mir persönlich fiel der Tag trotzdem schwer. Manchmal habe ich mich ein bisschen mulmig gefühlt. Vor allem am Nachmittag war es hart. Ich musste organisieren und immer wieder mal auf die Bühne. Mit sehr vielen Menschen reden. Das hat mich viel Kraft gekostet und ich habe gemerkt, dass ich diese Kraft nicht so sehr hatte wie am Tag davor.
Aber ich habe auch gemerkt, wie resilient queere Menschen sind. Wir haben den ganzen Tag nicht vergessen, dass wir keine Opfer sind. Sondern dass wir uns da durcharbeiten werden.
Am Ende ist das Allerwichtigste, dass das nicht nur so eine Geschichte ist, die man sich über die queere Community erzählt: dass wir resilient und stark sind und dass wir Hindernisse überwinden. Unser Fest am Sonntag hat das gut gezeigt: dass wir da sind und dass wir weitermachen. Weil dieser Kampf bestimmt nicht leichter wird. Erst mal wird es vielleicht auch unangenehm. Aber dann geht es weiter, wie auch immer.
Protokoll: Tim Reinboth, Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Lea Schönborn, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger (danke an Nicolas für den technischen Support!)