Neulich fragte mein Sohn (9): „Warum sind Politiker eigentlich immer so alt?“
Wir hatten bis dato eine am Küchentisch geführte Diskussion über Politik. Wir redeten über den Ölpreisschock, ICE, den Einfluss von Krisen auf die Weltmarktpreise von Süßigkeiten. Dann dieser Satz.
„Die sind doch alle älter als Opa!“
Wir gingen die Namen durch:
Donald Trump (79)
Wladimir Putin (73)
Friedrich Merz (70)
Xi Jinping (72)
Ursula von der Leyen (67)
Selbst Emmanuel Macron wirkt mit 48 fast jugendlich. Und Wolodymyr Selenskyj (auch 48) erscheint vielen noch immer wie ein politischer Seiteneinsteiger, obwohl er längst im Zentrum eines Krieges steht.
Zukunft aus dem Altenheim ⬆ nach oben
Mein Sohn dachte kurz nach und sagte dann: „Unsere Zukunft wird also im Altenheim entschieden.“
Ich lachte. Dann wurde mir klar, dass seine Beobachtung weniger frech als präzise war. Es geht dabei nicht um Altersdiskriminierung und auch nicht um Fitness. Es geht um strukturelle Asymmetrie.
Ich möchte keinesfalls ungerecht sein, aber die Leute, die über mich und die Zukunft meiner Söhne entscheiden, sind, mit Verlaub gesagt, schon rein statistisch gar nicht mehr in der Lage, die Konsequenzen ihres Handelns überhaupt noch mitzuerleben. Das ist kein Vorwurf.
Alter ist in diesem Fall auch kein moralischer Vorwurf. Es ist eine nüchterne Feststellung. Demokratien organisieren Macht über Mehrheiten. Und in alternden Gesellschaften verschieben sich diese Mehrheiten zwangsläufig. Ältere Generationen stellen einen wachsenden Teil der Wählerschaft, sie gehen zuverlässiger zur Wahl und prägen damit politische Anreize. Parteien reagieren darauf rational. Sie orientieren sich an den Gruppen, die wählen. So entsteht ein System, das Erfahrung belohnt, aber die Zukunft nicht automatisch priorisiert.
Wessen Interessen?⬆ nach oben
Das Problem ist die fehlende institutionelle Garantie, dass die Interessen derjenigen ausreichend Gewicht bekommen, die mit den langfristigen Folgen leben müssen. Die Stimme meiner Söhne, die noch sehr lange in den engen Grenzen des Systems aushalten müssen, hat viel weniger Gewicht als meine Stimme, die die Hälfte ihrer Existenz erfolgreich aufgebraucht hat. Und die wiederum hat weniger Gewicht als die Stimme der ganz alten Generation. Ich halte das für ein demokratisches Problem. Und ich meine das wirklich nicht böse.
Nicht umsonst gibt es für viele gesellschaftlich relevante Ämter eine Altersgrenze. Das Bundesverfassungsgericht hat die strengste Altersregelung im politischen System: Mit 68 Jahren ist dort Schluss. Überhaupt müssen Richterinnen und Richter in Deutschland mit 67 zwingend in den Ruhestand, Notare mit 70, um die Altersstruktur im Beruf zu sichern und Platz für jüngere zu schaffen.
Dafür gibt es viele Untergrenzen: Wählen und Wählenlassen mit 18 Jahren, Bundespräsident:in werden geht erst ab 40. Markus Söder beerben auch (Obergrenze: keine). Für Bundestagsabgeordnete, Bundesminister:innen und die Kanzlerin sowie für viele Bürgermeister:innen gelten dagegen keine Obergrenzen.
Das ist doch eine auffällige systematische Schieflage, weil: Die kontrollierenden Institutionen (Justiz, Notariat) haben klare Alterslimits. Die politischen Entscheidungsämter fast nie.
Lang lebe das deutsche Beamtentum – oder nicht?⬆ nach oben
Beamte und Beamtinnen, Professorinnen und Professoren, Polizeibedienstete, Feuerwehr und Strafvollzug: Überall liegt die Grenze bei 60 bis 67 Jahren. Deutschland hat allein über 40 gesetzliche Altersgrenzen im öffentlichen Dienst, aber praktisch keine für politische Macht.
Auch bei Chirurg:innen und Pilot:innen gibt es klare Altersgrenzen, weil hier einfach recht viel auf dem Spiel steht. Hier greift der Staat oder der Arbeitgeber stark mit Gesetzen ein. Es gehe um verlangsamte Reaktionsfähigkeiten, Haftungsfragen, Risikominimierung oder internationale Sicherheitsstandards. Aber, mit Verlaub, darum geht es doch bei unseren Politiker:innen auch?
Fast alle Tätigkeiten mit hoher Verantwortung und unmittelbaren Folgen haben Altersregeln. Nur die politischen Ämter, die über Krieg, Schulden, Infrastruktur oder Klimapolitik entscheiden, haben keine Altersgrenze.
Nun sollte man fair bleiben: Es gab auch den SPD-Politiker Helmut Schmidt. Der wurde 96 Jahre alt und war noch geistig klar. Trotzdem ist er mit 55 Bundeskanzler geworden und nicht mit 69 wie Friedrich Merz.
In der Psychologie unterscheidet man fluide und kristalline Intelligenz. Während die fluide Intelligenz (schnelles Problemlösen, Auffassungsgabe) meist ab Mitte 20 sinkt, nimmt die kristalline Intelligenz im Alter oft zu. Ältere Politiker verfügen über ein enormes Wissen, Urteilskraft und Erfahrung. Oft zeichnet ältere Menschen auch eine größere Ruhe aus, eine emotionale Regulation. Sie lassen sich weniger von kurzfristigen Impulsen oder Panik leiten.
Werden radikale Veränderungen so verschleppt?⬆ nach oben
Leider glaube ich, darin liegt eher ein weiteres Argument für die These als für ihre Entkräftung: Vielleicht hilft kristalline Intelligenz, bestehende Systeme zu verwalten. Um aber neue Krisen (KI, Klimawandel, neue Arbeitswelten, Digitalisierung) zu bewältigen, braucht es oft eher die fluide Intelligenz der Jüngeren. Oder nicht?
Und Ruhe ist gut, kann aber auch in politischer Trägheit münden. Was, wenn die „Ruhe“ dazu führt, dass notwendige radikale Veränderungen verschleppt werden? Wird sie dann nicht zu einem Risiko für die Zukunft? Ich meine, der frühere US-Präsident Bill Clinton rühmt sich damit, nur zwei E-Mails in seiner gesamten Laufbahn geschrieben zu haben. Klar, das Internet brauchte für die Einwahl zu seiner Zeit als Präsident noch 40 Minuten, aber noch mal: zwei!?
Er hätte jederzeit damit anfangen können? Warum hat er es nicht getan? War er zu oldschool? Wenn meine 70-jährige Mutter nur zwei digitale Nachrichten in ihrem Leben geschrieben hätte, wüsste sie vermutlich bis heute nicht, dass sie Enkel hat.
Politik besteht zu 90 Prozent aus Handwerk: Netzwerke schmieden, Kompromisse finden, wissen, wie man einen Gesetzestext durch drei Ausschüsse bringt. Ein 30-jähriger Minister mag tolle Visionen haben, scheitert aber vielleicht am Apparat. Ein 70-jähriger weiß, wen er anrufen muss, damit es läuft. Erfahrung ist hier politisches Kapital.
Nur ist das ein Zirkelschluss. Sollte nicht jedes System so gebaut sein, dass man nicht erst 40 Jahre darin verbringen muss, um es zu verstehen und dann zu durchdringen?
Was ist also die Lösung?
Vielleicht ist das Alter egal⬆ nach oben
Man kann sehr viel machen: Das Wahlrecht ab 16 Jahren, eine eigene Kinder- und Jugendpartei, die sich für Belange wie Schule, Zukunft und Kinderrechte einsetzt. Man könnte genauso einwenden, dass das der Job aller Parteien ist. Nur weil sie klein sind, sollte man Kinder nicht als Minderheit behandeln. Man könnte die 18 Jahre, die es braucht, bis man sich zur Wahl stellen lassen kann, hinten wieder abziehen: Lebenserwartung – 18 = Altershöchstgrenze.
Man könnte auch sagen, Kinder bekommen ein Stimmrecht über ihre Eltern. Wie Kindergeld. Vier Kinder, vier zusätzliche Stimmen. Es könnte einen Zukunftsrat geben, der eine verlässliche Stimme hat bei Themen, die die nächste Generation stärker betreffen als die jetzige.
Oder aber, und diese Idee kam mir ganz am Ende, es ist alles viel leichter.
„Papa“, sagte mein Sohn. „Du bist fast genauso viel älter als ich, wie Friedrich Merz älter als du bist.“
Und da kam mir eine Idee.
„Stimmt“, sagte ich. „Schrecklicher Gedanke, aber ja.“
„Dann ist es doch eigentlich gut. Ein Papa muss ja auch älter sein als das Kind, um ihm das Leben zu zeigen.“
„Ja“, sagte ich. „Und wo ist der Unterschied zwischen Papa und Friedrich Merz?“
„Friedrich Merz ist von der CDU und du nicht“, sagte mein Sohn. „Und du entscheidest zwar auch für mich, aber für mich eben. Also damit ich es mal gut habe. Oder nicht?“
„Das hoffe ich“, sagte ich dann. „Und vielleicht ist es am Ende egal, wie alt ein Politiker ist, wenn er nur daran denkt, dass es da noch kleine Menschen gibt, denen die Zukunft gehört. Und für die er liebevoll mitentscheiden muss. Damit sie es gut haben.“
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert