im Vordergrund drei Aktivist:innen, hinten: Menschen einer Demo in Russland

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Politik und Macht

Was drei Aktivisten beim Kampf gegen die Autokratie gelernt haben

Sie kämpfen gegen ihre Regime in der Türkei, Ägypten und Russland. Und sagen: Irgendwann kommt der Moment, in dem du aufhörst, Angst zu haben.

Diktaturen entstehen nicht aus dem Nichts, sie kündigen sich an. Durch unscheinbare Gesetze, die zunächst kaum jemanden betreffen. Oder durch niedrige Geldstrafen für Proteste.

Enes Hocaoğulları, Basma Mostafa und Anastasiia Shevchenko haben das in ihren eigenen Ländern, in der Türkei, Ägypten und Russland, beobachtet. Die Aktivist:innen wissen, wie sich die autoritäre Machtübernahme anfühlt. Sie haben sie am eigenen Leib erfahren: Verhaftungen, Hausdurchsuchungen, Haftbefehle, Exil. Dennoch haben sie nie aufgehört, für Menschenrechte und Demokratie zu kämpfen.

Ich habe sie gefragt, was sie in den vergangenen Jahren gelernt haben und was sie gerne früher verstanden hätten. Denn die autoritäre Rechte ist weltweit auf dem Vormarsch, auch in Deutschland.

„Vertraut der Demokratie als Idee, aber überprüft immer die konkreten Demokratien“⬆ nach oben

Enes Hocaoğulları, Türkei

Ein Porträtfoto von Enes, wie er in ein Mikrofon spricht.

privat

Es war kein einzelner, dramatischer Einschnitt, als Enes Hocaoğulları begriff, dass die Türkei autoritär geworden war. Er beschreibt es als eine Anhäufung von Konsequenzlosigkeit. „Es war nicht der Moment, als die Polizei den Pride-Marsch angriff – sondern der Moment, als wir verstanden, dass die Polizisten, die den Marsch brutal attackierten, keinerlei Konsequenzen zu erwarten hatten.“

Das spiegele sich auch in Gerichtsurteilen wider, sagt er. Das türkische Verfassungsgericht oder der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilten immer wieder das Vorgehen des Regimes. Ohne Konsequenzen. Die Repression ging einfach weiter.

Hocaoğulları begann schon mit zwölf, sich in der Klimabewegung zu engagieren, so erzählt er es. Heute setzt er sich für Menschenrechte ein und ist in der queeren Szene der Türkei aktiv. 2025 hielt er vor dem Europarat in Straßburg eine Rede, in der er polizeiliche Repressionen in der Türkei anprangerte. Das Video erreichte im Internet Hunderttausende, wenn nicht sogar Millionen Menschen. Als er nach Ankara zurückkehrte, wurde er am Flughafen verhaftet. „Als ich die Rede hielt, dachte ich nicht, dass ich verhaftet werden würde“, sagt er. „Aber als sie mediale Aufmerksamkeit bekam, wusste ich es genau. So funktioniert das türkische Rechtssystem im Moment; nicht das Vergehen ist entscheidend, sondern die Sichtbarkeit.“

Was ihn am meisten beschäftigt, ist nicht die Repression an sich. Sondern die Isolation derjenigen, die sich widersetzen. Es gibt eine Lektion, die er gern früher verstanden hätte: „Ich bin nicht so stark, wie ich dachte, sondern nur so stark, wie meine Allianzen es sind“, sagt er. Autoritäre Regime teilen ihre Strategien und lernen voneinander, sagt er. Das Anti-LGBTQI-Gesetz, das derzeit in der Türkei diskutiert wird, sei quasi eine Kopie eines ähnlichen georgischen Gesetzes, das wiederum eine Kopie des russischen war.

„Sie bilden Allianzen, nutzen die Regelwerke des anderen und lernen voneinander“, sagt er. „Die Frage ist: Warum schaffen wir das nicht? Menschenrechtsverteidiger in der Türkei und in Georgien kämpfen gegen dieselben Gesetze und kennen sich kaum.“ Es sei wichtig, dass soziale Bewegungen weniger gegeneinander kämpfen und stattdessen ihre Energie gegen den gemeinsamen Feind des Autoritarismus lenken.

Hocaoğulları fordert auch, immer skeptisch zu sein. Kurz vor seiner Verhaftung befand er sich in Norwegen, doch sein Visumsantrag scheiterte. Damals seien viele seiner norwegischen Freund:innen überrascht gewesen. Sie hätten nicht geglaubt, dass so etwas möglich sei in einem Land, das sich Demokratie und Menschenrechte auf die Fahne schreibe. „Das war eine große Lektion“, sagt er. „Vertraut nicht blind auf eure Regierungen oder Politiker. Vertraut der Demokratie als Idee, aber überprüft immer die konkreten Demokratien, in denen ihr lebt.“

„Sie wollen, dass du vergessen wirst. Aber ich will nicht vergessen werden.“⬆ nach oben

Basma Mostafa, Ägypten

Basma steht in einem Park und lächelt mit verschränkten Armen in die Kamera.

privat

Im März 2011 verschwand Basma Mostafas Vater. Mostafa wuchs in einer Kleinstadt auf, vier Autostunden von Kairo entfernt. Als am 25. Januar 2011 die Massenproteste gegen das Regime von Husni Mubarak begannen, erfuhr sie aus dem Staatsfernsehen davon. Sie hatte kein Facebook-Konto, kein Twitter. Politik, sagt sie, war ihr damals fremd: „Ich verstand nicht, warum die ganzen Leute auf der Straße waren.“

Als ihr Vater verschwand, wusste die Familie zwei Wochen nicht, wo er war. Dann erfuhren sie, dass er von der Militärpolizei willkürlich verhaftet worden war. Erst nach einem Dreivierteljahr kam er frei. „In dieser Zeit habe ich angefangen zu verstehen, was in Ägypten wirklich vor sich geht“, sagt Mostafa. Je länger ihr Vater in Haft saß, desto mehr lernte sie über die Menschenrechtsverletzungen des Regimes: Unterdrückung, Entführungen, Folter, außergerichtliche Hinrichtungen. Der Redakteur eines unabhängigen Mediums bat sie, die Geschichte ihres Vaters aufzuschreiben. „Du hast eine Journalistin in dir“, sagte er. Monate später bot er ihr einen Job an. Basma Mostafa wurde Investigativ-Journalistin und berichtete fortan über schwere Menschenrechtsverletzungen, darunter Folter, außergerichtliche Tötungen und Verschleppungen.

In den folgenden Jahren wurde sie wegen ihrer Arbeit dreimal verhaftet. Im März 2020 war es besonders schlimm: Sie wurde auf der Straße geschlagen, aufs Revier der Sicherheitskräfte gebracht und gewaltsam verhört. Die Beamten durchsuchten ihre Mails und Fotos. Als sie glaubte, entlassen zu werden, verbanden ihr vier Sicherheitskräfte die Augen und brachten sie in ein Auto. „Ich wusste nicht, wo ich hingebracht wurde, ich wusste nicht, ob ich verschwinden würde“, sagt sie. Ein hochrangiger Offizier empfing sie. Seine Botschaft: Das nächste Mal würde es nicht nur sie treffen. Sondern auch ihren Mann und ihre Töchter. Im Oktober 2020 wurde sie erneut verhaftet und wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation und Verbreitung von Fake News angeklagt.

Mostafa verließ mit ihrer Familie das Land. Inzwischen lebt sie in Deutschland und hat eine NGO gegründet. Die „Law and Democracy Support Foundation“ arbeitet mit Exilant:innen und setzt sich gegen transnationale Repression ein. Denn auch im Exil ließ das Regime sie nicht in Ruhe. Mostafa berichtet von körperlichen Übergriffen, Einschüchterung, Cyberattacken und Schmutzkampagnen.

„Das Exil selbst ist ein Repressionsinstrument“, sagt Mostafa. „Sie schneiden dich von deiner Community, deiner Familie, deinem Land ab. Sie wollen, dass du vergessen wirst. Aber ich will nicht vergessen werden. Und ich will, dass meine Arbeit nicht vergessen wird.“ Das sei auch der Grund, warum sie weitermache. „Wenn ich aufhöre, haben sie ihr Ziel erreicht.“ Sich zu erinnern und weiterzumachen sei an sich schon eine Form des Widerstands.

Was sie sich früher gewünscht hätte zu wissen? „Dass der Weg zur Gerechtigkeit lang ist, viel länger, als man hofft.“ Sie habe gelernt, nicht nur auf das Ziel zu schauen, sondern auf den Weg dorthin. Denn das Ziel der ägyptischen Revolution sei bislang nicht erreicht worden. „Vielleicht wird das nie passieren.“ Trotzdem habe sie durch ihre Arbeit vielen Leuten helfen können. Und dazu beigetragen, dass das ägyptische Regime eines Tages möglicherweise zur Verantwortung gezogen werden kann.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass sie erschöpft ist. Sehr erschöpft. „Manchmal wünsche ich mir, ich wäre wieder das naive Mädchen vom Land, das keine Ahnung von den Menschenrechtsverletzungen in ihrem Umfeld hat“, sagt sie. Deshalb hätte sie gern früher verstanden, dass Pausen kein Versagen seien. „Die meisten Menschenrechtsaktivisten, die ich kenne, fühlen sich schuldig, wenn sie sich eine Auszeit nehmen. Dabei brauchen wir diese Auszeiten, damit wir weiterarbeiten können.“

„Wenn ihr Aktivisten kennt, sagt ihnen manchmal Danke“⬆ nach oben

Anastasiia Shevchenko, Russland

Anastasiia spricht in ein Mikrofon.

privat

Der Autoritarismus sei langsam in ihr Leben gekommen, sagt Anastasiia Shevchenko. Schritt für Schritt. Zuerst eine Geldstrafe wegen eines Protests. Dann eine zweite, wegen der Teilnahme an einem Seminar. Dann das Gesetz, das nach zwei solchen Strafen automatisch Verhaftung vorsah.

Shevchenko war die erste Person in Russland, die nach dem sogenannten Gesetz über „unerwünschte Organisationen“ verurteilt wurde. Das war 2021. Das Gesetz zielt darauf ab, aus dem Ausland finanzierte gemeinnützige Organisationen zu verbieten. Shevchenko bekam vier Jahre auf Bewährung, zuvor hatte sie zwei Jahre im Hausarrest verbracht. Heute lebt sie im Exil in Litauen.

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Shevchenko hatte sich schon lange in der Bewegung Offenes Russland engagiert. Einerseits forderte die Bewegung, Russland solle eine parlamentarische Republik ohne Präsident werden. Andererseits kümmerten sich die Mitglieder um die Sauberkeit von Parks, kritisierten die hohen Preise im öffentlichen Nahverkehr und organisierten Kulturveranstaltungen, um Menschen vor Ort politisch zu mobilisieren.

Am Morgen ihrer Verhaftung 2019 durchsuchten Polizeibeamte sechs Stunden lang ihre Wohnung, verhörten sie und brachten sie spät am Abend in Untersuchungshaft. „Ich war darauf vorbereitet, ich wusste, dass sie mich festnehmen würden“, sagt sie. Ihre Stimme und ihre Hände hätten gezittert, als sie die Anklage durchlas. Natürlich habe sie sich als Mutter Sorgen um ihre drei Kinder gemacht. „Aber irgendwann kommt der Moment, in dem man aufhört, Angst zu haben.“ Nur wenige Tage nach ihrer Verhaftung starb ihre 17-jährige Tochter an einer Krankheit. Shevchenko bekam erst kurz vor ihrem Tod die Erlaubnis, den Hausarrest zu verlassen.

Heute, in Litauen, betreibt sie ein Projekt zur Unterstützung ukrainischer Kriegsgefangener in Russland. Dafür braucht sie Netzwerke, Freiwillige, Ressourcen in Russland. Das wusste sie nicht, als sie nach Litauen floh. „Wenn ich heute das Land verlassen würde, würde ich sofort alle meine SIM-Karten, Bankkonten und Zugänge sichern“, sagt sie. „Damals wollte ich einfach den Albtraum vergessen und neu anfangen.“

Besonders wichtig ist ihr ein Ratschlag: nicht an sich selbst zweifeln. 2014 protestierte sie gegen die Annexion der Krim. Freund:innen, sogar solche aus der Ukraine, hätten sie damals für verrückt gehalten. Das ging so weit, dass sie sich selbst und ihre Überzeugung hinterfragte. „Jetzt bin ich sehr stolz darauf, dass ich das getan habe“, sagt sie. „Es gibt keinen Grund, Angst zu haben; was passieren wird, wird passieren; Angst hält uns nur davon ab, zu handeln.“

Zuletzt teilt sie noch eine Bitte: „Aktivistinnen und Aktivisten tun alles, was sie können; nicht für Geld, sondern für eine Idee“, sagt sie. „Und sie werden sehr oft kritisiert, kaum jemand lobt sie. Wenn ihr also Aktivisten kennt, sagt ihnen manchmal Danke.“


Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Theresa Bäuerlein, Fotoredaktion: Sören Frey

Was drei Aktivisten beim Kampf gegen die Autokratie gelernt haben

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