Es sah ein paar Wochen lang so aus, als laufe es schlecht für die AfD.
Fast täglich tauchten neue Fälle der sogenannten Verwandtenaffäre auf. Der niedersächsische Verfassungsschutz stufte den AfD-Landesverband als „extremistische Bestrebung“ ein. Die AfD-Europaabgeordnete Anja Arndt aus Niedersachsen schrieb in Briefen an den Bundesvorstand ihrer Partei, die Landespartei habe ein „System von Machtmissbrauch, Einschüchterung und mutmaßlich strafrechtlich relevanten Vorgängen“ aufgebaut.
„Wir können nur an uns selbst scheitern“, sagte der Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke dazu. „Aber dieses Scheitern gerät in den Bereich des Möglichen.“ Einer seiner Vertrauten sagte der Zeit: „Unsere Leute können die erste Strophe des Deutschlandlieds grunzen, das interessiert niemanden mehr. Aber bei dieser Art von Vetternwirtschaft ist die Gefahr groß, dass sich Wähler angewidert abwenden.“ AfD-Vordenker Götz Kubitschek schrieb in seinem Online-Magazin: „Besser ist, man geht gar nicht mehr wählen, wenn die Neuen nicht anders sind als die Apparatschiks aus den Altparteien.“
Ausgerechnet zu Beginn des Superwahljahrs 2026 kämpft die Partei also mit sich selbst. Im März finden Landtagswahlen in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz statt, im September in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin. Hinzu kommen Kommunalwahlen in Bayern, Hessen und Niedersachsen.
Aber trotz aller Skandale sehen die Wahlprognosen für die AfD hervorragend aus. Inhaltlich radikalisiert sie sich weiter. Gleichzeitig können sich immer mehr Menschen vorstellen, die AfD zu wählen. Und Ende Februar 2026 entschied das Verwaltungsgericht Köln, dass der Verfassungsschutz die Partei vorerst nicht als „gesichert rechtsextremistisch“ einstufen und behandeln darf.
Ich habe mit zwei Politikwissenschaftler:innen gesprochen und zahlreiche Interviews und Papiere der AfD durchgelesen, um zu verstehen, was die Partei in diesem Jahr vorhat. Sie könnte drei Zielen einen großen Schritt näher kommen, um sich für eine Regierungsbeteiligung im Jahr 2029 in Stellung zu bringen.
Die CDU ist der größte Feind – die AfD will sie vernichten⬆ nach oben
Eine erfolgreiche AfD braucht eine schwache Union. Deshalb sind nicht die linken Parteien, sondern die Christdemokraten der erklärte „Hauptgegner“ der Partei. In zwei internen Strategiepapieren aus dem Sommer 2025 erklärt die AfD, wie sie die Union bekämpfen und an die Macht kommen will: Erstens will die AfD Kulturkampf betreiben. Zum Beispiel, indem sie die Wählerschaft vor die konstruierte Wahl zwischen zwei Optionen stellt: „Familie versus Gender, Nation versus offene Grenzen, Freiheit versus Sozialismus.“ Zweitens will sie die „Gegensätze zwischen Union und SPD unüberbrückbar machen“. Drittens will die AfD den Druck auf die Union erhöhen. Zum Beispiel, indem sie der Union ihren „Markenkern“ der Wirtschaftspolitik streitig macht und in der Partei „die Angst vor Stimmverlusten an die AfD“ erhöht.
Das Kalkül: Wenn SPD, Linke und Grüne linkere Politik fordern, bringt das die Union in ein Dilemma. Entweder macht sie den linken Parteien Zugeständnisse. Mit der Gefahr, dass die konservative Wählerschaft sich enttäuscht von ihr abwendet und die AfD wählt. Oder die Union weigert sich, solche Zugeständnisse zu machen. Dann hat sie irgendwann keine andere Wahl mehr, als mit der AfD zusammenzuarbeiten, wenn sie konservative Politik machen will. Für beide Fälle muss die AfD den Keil zwischen Union und Mitte-Links-Parteien vertiefen.
Ein Beispiel, wo das hervorragend funktionierte, ist die gescheiterte Wahl von Frauke Brosius-Gersdorf ans Bundesverfassungsgericht. Kurz vor der Bundestagsabstimmung im Juli 2025 verbreiteten rechte Medienplattformen und AfD-Politiker:innen die Erzählung, Brosius-Gersdorf sei „eine radikale linke Lebensfeindin“. Eine rechte Kampagnenplattform rief dazu auf, Unions-Abgeordneten zu schreiben und die Wahl von Brosius-Gersdorf zu verhindern. Mit Erfolg. Die Abstimmung wurde abgesagt.
Es war die bis dahin größte Krise der Regierung – und ein Auftakt für weitere Streitigkeiten. Ob Wehrpflicht, Bürgergeld, Stadtbild- oder Lifestyle-Teilzeit-Debatte: „Da musste die AfD selbst nicht mehr viel machen“, sagt die Politikwissenschaftlerin Anna-Sophie Heinze, die an der Universität Trier zu Ideologie und Strategien von Rechtsaußen-Parteien wie der AfD forscht.
Solche Konflikte dürften im aktuellen Wahljahr zunehmen. Gerade weil auch die SPD mit niedrigen Umfragewerten kämpft, werden immer wieder Stimmen laut, die gern eine linkere SPD hätten. Zugleich steht die Union 2026 unter Druck, weil sie in vielen Umfragen gleichauf mit der AfD liegt. Einflussreiche Parteimitglieder wie Andreas Rödder fordern, die CDU müsse weiter nach rechts rücken und ihr Verhältnis zur AfD überdenken. Zudem arbeitet die Union in vielen Bundesländern mit Mitte-Links-Parteien zusammen. Je komplizierter – und linker – die Koalitionen, um die AfD von der Macht fernzuhalten, desto einfacher ist es für die AfD, sich selbst als einzige konservative Kraft zu präsentieren. Schon jetzt nutzt die Partei jede Gelegenheit, die Union als quasi linke Partei darzustellen. In den Worten von Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt: „Es gibt in diesem Land nur noch zwei Parteien. Das ist die Alternative für Deutschland und das sind alle anderen, die offenbar gegen dieses Land arbeiten.“
Die AfD will in Sachsen-Anhalt regieren – und so Einfluss auf Kultur- und Bildungspolitik nehmen⬆ nach oben
Die AfD war jahrelang weit von einflussreichen Ämtern entfernt. Jetzt könnte sie erstmals Teil einer Landesregierung werden. In Sachsen-Anhalt führt sie die Umfragen an. Bis zu 40 Prozent der Wähler:innen wollen im Herbst für die Partei stimmen. Wenn genug andere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheitern, könnte die AfD sogar eine absolute Mehrheit im Landtag erreichen. Hinter den Kulissen soll die Partei laut der Politikjournalistin Annika Leister deshalb Gespräche mit ehemaligen Beamten führen. Die AfD will ausloten, welche Handlungsmöglichkeiten sie in der Regierung hätte.
„Ein Blick in den Entwurf ihres Wahlprogramms zeigt, dass die AfD, wie alle Rechtsaußen-Parteien, auf Exklusion setzt“, sagt der Politikwissenschaftler Benjamin Höhne von der TU Chemnitz. „Aber sollte die AfD wirklich an die Macht kommen, hätte sie nur begrenzten Einfluss auf Migrations- und Wirtschaftspolitik – zumal in kleineren Bundesländern.“ Beide Bereiche sind eine Angelegenheit der Bundespolitik, auch wenn ein Bundesland sich um die Unterbringung und Abschiebung von Asylbewerbenden kümmert. Den größten Einfluss hätte eine Landesregierung auf die Kultur- und Bildungspolitik sowie die Innere Sicherheit.
So fordert die Partei in ihrem Programmentwurf, dass Schüler:innen gemeinsam die Nationalhymne singen und die deutsche Flagge hissen sollen. Sie will die Finanzierung des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks beenden und die Landeszentrale für politische Bildung schließen. Eine AfD-Landesregierung wäre auch im Bundesrat vertreten, wo sie über Bundesgesetze abstimmen dürfte. Und sie könnte direkten Einfluss auf den Landesverfassungsschutz nehmen.
Höhne, der selbst an seiner Uni Politikwissenschaft lehrt, warnt auch vor den Gefahren für die freie Wissenschaft: „Eine AfD-Landesregierung könnte Druck auf die Unis ausüben, bestimmten Studiengängen die Finanzierung streichen oder die Berufung von Professor:innen verhindern“, sagt er. Das sei besonders für kritische Wissenschaftler:innen und Studiengänge mit Genderthemen eine Gefahr. „Wir Wissenschaftler müssen wachsam sein, wenn die AfD Regierungsämter bekommt.“
Die Politikwissenschaftlerin Anna-Sophie Heinze betont, wie wichtig ein Regierungsamt für die Partei wäre: „Die AfD könnte hier jetzt keine kleine Diktatur in Sachsen-Anhalt ausrufen“, sagt sie. „Aber sie könnte viele kleine Schritte gehen, um illiberale Positionen voranzutreiben.“ Das sei genau der Weg, den Rechtsaußen-Parteien in anderen europäischen Ländern, etwa in Polen und Ungarn, in Regierungsverantwortung gegangen seien.
Die AfD will sich weiter normalisieren – durch Zusammenarbeit in der Kommunalpolitik⬆ nach oben
Dieses Jahr finden in Bayern, Hessen und Niedersachsen Kommunalwahlen statt. In den Stadt- und Landräten funktioniert Politik anders als in der Landes- und Bundespolitik. Es ist persönlicher, man kennt sich aus der Nachbarschaft, der Schule oder dem Sportverein. Partei-Ideologien spielen eine kleinere Rolle, wenn es um einen neuen Zebrastreifen oder einen Kinderspielplatz geht. „Da erachten es einige Politiker:innen als weniger problematisch, mit der AfD zusammenzuarbeiten“, sagt Anna-Sophie Heinze. Eine Untersuchung des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung zeigt, dass es zwischen 2019 und 2024 rund 500 Kooperationen zwischen der AfD und anderen Parteien in der Kommunalpolitik gab. Zuletzt beschloss das Stadtparlament von Hennigsdorf in Brandenburg mit den Stimmen von CDU und AfD, eine Art Bürgerpatrouille zu schaffen.
Deshalb sind die Kommunalwahlen so wichtig für die Partei. Die AfD kann sich dadurch Erfolge auf die Fahne schreiben. Sie kann sich als zuverlässiger Partner präsentieren und sagen: Man kann mit uns zusammenarbeiten. „Wir sehen in vielen europäischen Ländern, dass die Zusammenarbeit mit Rechtsaußen-Parteien auf der lokalen Ebene beginnt“, sagt Heinze. „In der Kommunalpolitik fällt das Stigma.“
Der Politikwissenschaftlerin zufolge ist nicht nur die Zusammenarbeit auf lokaler Ebene entscheidend für den Einfluss der AfD, sondern wie andere Parteien und Medien mit der Partei umgehen. Darüber haben wir bei Krautreporter schon wiederholt geschrieben, zum Beispiel hier. Die zentrale Frage sei, inwiefern andere Parteien AfD-Positionen übernehmen. Das passiere immer häufiger. Zum Beispiel in der Stadtbild-Debatte oder bei der gemeinsamen Abstimmung der Union mit der AfD im Bundestag im Januar 2025, als erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik eine rechtsradikale Partei gemeinsam mit demokratischen Parteien eine Parlamentsmehrheit erringen konnte. Gemeinsam stimmten AfD und Union dafür, sämtliche Menschen an den Grenzen zurückzuweisen und alle ausreisepflichtigen Asylbewerber:innen zu inhaftieren. Studien zeigen, dass solch ein Verhalten die Rechtsradikalen stärkt.
Daraus folgt: Sollten im Wahlkampf die anderen Parteien versuchen, AfD-Wähler:innen umzustimmen, indem sie ihre Positionen übernehmen, könnte das weiter zur Normalisierung der Partei beitragen.
Heinze weist dabei darauf hin, dass Deutschland ein Sonderfall ist. In Ländern wie Schweden oder Frankreich haben Rechtsaußen-Parteien sich gemäßigt, um sich als normal darzustellen. In Deutschland sei das anders. „Wir sehen keine Mäßigung, wir sehen nur eine Radikalisierung und gleichzeitige Normalisierung der AfD“, sagt Heinze. Der Skandal um die Vetternwirtschaft in der Partei stehe deshalb symbolisch für den Erfolg der Partei, so Heinze: „Wir reden über einzelne Skandale, aber kaum jemand redet noch über die inhaltlichen Positionen der AfD.“
Redaktion: Lea Schönborn, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert