Drei Männer in weißen Hemden schauen, von einem Balkon zu, wie die Landschaft vor ihnen brennt.

Fotógrafo Samuel Cruz/João Alves/Unsplash

Politik und Macht

Interview: Autokratien brauchen karrieregeile Menschen, keine Sadisten

Warum beteiligen sich Menschen in Autokratien an Repressionen? Der Politikwissenschaftler Christian Gläßel sagt: weil sie unter Karrieredruck stehen.

Seit Monaten patrouillieren Einsatzkräfte der US-Einwanderungsbehörde ICE durch die Straßen und nehmen Migrant:innen gefangen. Dabei gehen sie zunehmend brutal vor, nehmen sogar Kinder fest und erschossen im Januar zwei US-Bürger:innen.

Ihre Gewalt wirft eine größere Frage auf: Warum beteiligen sich Menschen in Autokratien an Repressionen? Die Politikwissenschaftler Christian Gläßel und Adam Scharpf haben die Karrierewege von Tausenden Offizieren der Geheimpolizei und der Armee der argentinischen Militärdiktatur erforscht. In ihrem neuen Buch „Making a Career in a Dictatorship“ liefern sie eine ungewöhnliche Erklärung, wieso Sicherheitskräfte in Autokratien so brutal sind.


Einwanderungsbehörden in den USA entführen Kinder, Sicherheitskräfte in El Salvador foltern Gefangene, libysche Soldaten versklaven Migrant:innen. Warum machen Menschen in Autokratien so etwas?

Christian Georg Gläßel: Die herkömmliche Sichtweise auf Autokratien ist eine Top-Down-Perspektive. Der Herrscher entscheidet irgendetwas und dann wird es einfach so ausgeführt. Das ist eine sehr vereinfachte Sichtweise. Sie wird der Realität nicht gerecht.

Unsere Forschung schaut sich an, wer sich in Diktaturen an staatlicher Repression oder an Putschversuchen beteiligt, und aus welcher Motivation heraus. Dahinter stecken meist nicht, wie häufig angenommen, Sadismus, eine psychische Störung oder ideologischer Extremismus, sondern Karriereanreize beziehungsweise Karrieredruck.

Karrieredruck bringt Menschen dazu, Gewalt gegen Zivilist:innen auszuüben?

Karrieredruck kann tatsächlich ein sehr starkes Motiv sein. Angehörige autokratischer Sicherheitsbehörden haben einen sehr großen Anreiz, im Apparat zu bleiben und immer weiter aufzusteigen. Diejenigen, die bei Beförderungen leer ausgehen oder gar vor dem Rauswurf stehen, überlegen sich Strategien, wie sie ihre Karriere doch noch retten können.

Dafür haben sie zwei Möglichkeiten. Entweder bieten sie sich der aktuellen autokratischen Regierung an und erklären sich dazu bereit, die Drecksarbeit für dieses Regime zu erledigen. Oder sie beteiligen sich an Putschversuchen, in der Hoffnung, dass sich ein potenzielles Nachfolgeregime erkenntlich zeigt.

Generell gilt: Leute, deren berufliche Zukunft in einem regulären Sicherheitsapparat gesichert ist, zum Beispiel, weil sie besonders leistungsfähig sind oder zu einer besonders privilegierten Gruppe gehören, haben geringe Anreize, sich selbst der Belastung auszusetzen, Mitmenschen zu foltern, zu entführen oder gar zu töten. Anders sieht es bei Leuten aus, die mit dem Rücken zur Wand stehen und in diesen Tätigkeiten eine Möglichkeit sehen, ihre Loyalität zu beweisen.

Ihre Forschung basiert auf Daten aus der Militärdiktatur Argentiniens. Von 1967 bis 1983 wurde das Land von einer Militärjunta regiert. Wie verallgemeinerbar ist Ihre Forschung überhaupt?

Erschreckend verallgemeinerbar. Wir haben unsere Forschung auf der ganzen Welt präsentiert, in unterschiedlichen Kontexten. Und die Leute haben immer gesagt: Moment mal, das ist ja das gleiche System wie bei Rebellenorganisationen. Oder beim Islamischen Staat. Der Kontext ist unterschiedlich, aber es gibt drei Merkmale solcher Systeme oder Gruppen, die immer eine ähnliche Dynamik in Gang setzen.

Erstens eine vertikale Ungleichheit: Das heißt, du hast einen starken Anreiz, innerhalb dieser Organisation aufzusteigen. Zweitens eine Pyramidenform: Das bedeutet, dass es ganz viele Positionen am unteren Ende dieser Organisation gibt und immer weniger, je weiter es nach oben geht. Das führt zu einer großen Konkurrenzsituation zwischen Leuten auf dem gleichen Rang. Drittens gibt es immer Beförderungskriterien, die bestimmen, wer die Nase vorn und wer die schlechteren Karten hat.

Deswegen lässt sich das auf viele Bereiche ausweiten. Auf die organisierte Kriminalität, Rebellengruppen, aber auch auf Investmentbanken und Beratungsfirmen. Dort gibt es einen extremen Flaschenhals, es konkurrieren also viele Menschen um wenige Jobs auf der nächsthöheren Stufe. Da steigt die Bereitschaft, hohe Risiken einzugehen und vielleicht auch illegale Dinge zu tun.

Wie genau entsteht dieser Leistungsdruck in Sicherheitsbehörden?

Der Grundstein für späteren Karrieredruck wird in Militärorganisationen oft überraschend früh gelegt. Als Absolvent der Militärakademie wirst du innerhalb deines Jahrgangs gerankt, und deine Position bestimmt, welche Posten und Trainings dir offenstehen. Diese wiederum entscheiden darüber, ob einflussreiche Vorgesetzte auf dich aufmerksam werden und du befördert wirst oder deine Kollegin. Du kannst also relativ gut vorhersagen, wann sich deine Karriere gefährlich dem Ende zuneigt. Das setzt dich stark unter Druck.

Aber reicht das, um jemanden so unter Druck zu setzen, dass er sich an Verbrechen beteiligt?

Fast alle Militärorganisationen der Welt funktionieren nach einem Prinzip, das sich Up-or-Out-System nennt. Das besagt, dass du auf einer bestimmten Position oder Rangstufe nur eine begrenzte Zeit verweilen darfst. Dann musst du entweder aufsteigen oder du wirst rausgeworfen. Investmentbanken nutzen dieses Prinzip ebenfalls.

Sich einfach nur zurückzulehnen und zu sagen, „mir reicht es, Major zu bleiben“, das ist keine Option. Du musst immer schauen, dass du die nächste Karrierestufe erklimmst. Sonst bist du draußen.

In Diktaturen kommt hinzu, dass es oft Extra-Anreize gibt, Teil des Sicherheitsapparats zu sein. Wir sprechen von Opportunitätskosten. Man bekommt Prämien oder Privilegien, die der Zivilbevölkerung nicht zustehen. Das machen Diktatoren natürlich aus einem gewissen Kalkül. Sie erhoffen sich, dass Soldaten und Offiziere im Zweifel an ihrer Seite bleiben und auch sehr repressive Befehle ausführen, weil sonst der Verlust dieser Privilegien droht.

Seit seinem Amtsantritt hat US-Präsident Trump Tausende neue Jobs bei der Einwanderungsbehörde ICE geschaffen. Die Ausbildungszeit wurde verkürzt, Anforderungen heruntergesetzt und ein Einstiegsbonus von 50.000 Dollar versprochen. Zieht das massenhaft unqualifizierte Leute an, die einfach Karriere machen wollen oder Ideologen, die Lust auf den Job und auf die Jagd auf Migrant:innen haben?

Um das zu beurteilen, fehlen uns die Daten. Interessant ist aber, welche Signale die Trump-Regierung im vergangenen Jahr an den eigenen Staatsapparat gesendet hat. Nämlich die Bereitschaft, komplette Institutionen oder Organisationen von einem Tag auf den anderen dicht zu machen. In den USA bedeutet das dann auch, dass du potentiell auf der Straße landest. Das ist eine reale Gefahr, der sich alle bewusst sind.

Es gibt also einen wahnsinnigen Anpassungsdruck. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Leute, die in anderen Sicherheitsorganen, wie zum Beispiel der US-Armee, unter Leistungsdruck stehen und davon bedroht sind rauszufliegen, diese Gelegenheit ergreifen. ICE bietet ihnen die Möglichkeit, ihre Karriere bei den Sicherheitsbehörden fortzusetzen. Mit dem Preis, dass man Aufträge oder Befehle ausführt, von denen die wenigsten im Vorhinein sagen würden: Das mache ich gern, das kann ich mir sehr gut für meine berufliche Zukunft vorstellen. Aber es ist eine Möglichkeit, ein ganz mächtiges Signal der unbedingten Loyalität dem Regime gegenüber zu senden.

Es gibt in den meisten Autokratien nicht nur Karrieredruck in den Behörden, sondern auch eine Konkurrenz zwischen unterschiedlichen Sicherheitsbehörden selbst. Warum schaffen Autokraten verschiedene Sicherheitsorgane, die miteinander konkurrieren?

Das ist Selbstschutz. Diktatoren sind sich der Gefahr bewusst, die von ihrem eigenen Sicherheitsapparat ausgeht. Ihnen ist daran gelegen, keine einzelne Sicherheitsbehörde zu haben, auf die sie alternativlos angewiesen sind. Das würde diese Behörde sehr mächtig machen. Also schaffen sie parallele Strukturen, in denen sich verschiedene Sicherheitsbehörden gegenseitig ausspionieren, um zum Beispiel mögliche Putschpläne frühzeitig zu erkennen. Diese künstliche Konkurrenzsituation wird ganz bewusst geschaffen.

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Gleichzeitig schaffen Diktatoren auch immer wieder neue Feindbilder, gegen die ihre Sicherheitsbehörden dann vorgehen. Folgt man Ihrer Forschung, wirft das die Frage auf: Machen sie das, um ihre Anhängerschaft bei Laune zu halten oder um mehr Arbeit für ihren Repressionsapparat zu schaffen?

Dahinter steht oft eine Ideologie, aber aus unserer Sicht gibt es eine weitere Erklärung. Für Menschen in Sicherheitsbehörden, die unter Karrieredruck stehen, gibt es zwei Optionen. Entweder, sie beteiligen sich an Repressionen, um ihren Job zu sichern und aufzusteigen. Oder sie beteiligen sich an Putschversuchen. Das Ziel ist dasselbe, sie wollen ihren Job sichern. Die Beteiligung an Folter und Gewalt ist aus Perspektive des Regimes natürlich immer die bessere Option. Autokraten haben also Anreize, immer mehr Möglichkeiten der Repression für Sicherheitsbehörden zu schaffen. Also schaffen sie neue Feindbilder oder Zielprofile, die die Behörden dann in den Fokus ihrer Repression stellen.

Der Autokrat braucht die Sicherheitsbehörden, um Gegner:innen und die eigene Bevölkerung zu unterdrücken. Die Leute in den Sicherheitsbehörden wiederum wollen ihren Job behalten und beteiligen sich an Repressionen. Das löst normalerweise Proteste und Kritik aus. Um diese zu unterdrücken, braucht der Autokrat dann wiederum mehr Repression. Setzt diese ganze Dynamik nicht eine enorme Radikalisierungsspirale in Gang?

Aus der Forschung wissen wir, dass sich der Sicherheitsapparat einer Diktatur umso fürstlicher entlohnen lässt, je mehr Repression er für das Regime begeht. Klar ist auch, dass mit steigender Gewalt die Unzufriedenheit in der Bevölkerung steigt, was dazu führen kann, dass es mehr Repression braucht. Das ist ein potenzieller Teufelskreis, in dem das Regime den Sicherheitsapparat immer besser für seine Repression bezahlen muss und dadurch immer weniger Geld für die Bevölkerung zur Verfügung steht, für notwendige Investitionen, Armutsbekämpfung und so weiter. Dadurch entsteht eine Spirale der Radikalisierung. Es gibt einen perversen Anreiz für Diktaturen, immer repressiver und repressiver zu werden

Die Realität ist aber auch, dass extreme Gewaltbereitschaft von Diktaturen diesen Teufelskreis unterbricht. Ganz einfach, weil die Bevölkerung zu viel Angst davor hat, sich öffentlich zu wehren und auf die Straße zu gehen. Das Ergebnis ist, dass es oft eine scheinbare Ruhe und Stabilität in vielen Regimen gibt, die sich dann von heute auf morgen entlädt. So, wie wir es kürzlich zum Beispiel im Iran gesehen haben.

In Ihrer Forschung haben Sie gesehen, dass Sicherheitskräfte unter Karrieredruck immer auch eine zweite Option haben: die Beteiligung an Putschversuchen. Was bringt jemanden dazu, sich eher gegen das Regime aufzulehnen, als sich an der Unterdrückung zu beteiligen?

Das ist wahnsinnig schwer zu beantworten. Diktatorische Regime sind sich dieser Gefahr bewusst. Deshalb versuchen sie, mehr repressive Jobs zu schaffen. Wenn das nicht in ausreichendem Maße geschieht, dann steigt eigentlich automatisch die Putschgefahr durch Leute, die sich im jetzigen System benachteiligt fühlen.

Wenn jemand tatsächlich einen Putsch plant, dann gilt: Die Beteiligten müssen sich ganz genau überlegen, wen sie als Mitstreiter dafür gewinnen. Der sicherste Indikator für eine mögliche Beteiligung ist, nach Leuten zu suchen, die unter den Regimen keine große berufliche Zukunft für sich sehen.


Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Gabriel Schäfer, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

Autokratien brauchen karrieregeile Menschen, keine Sadisten

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