Frau Sheff, wann kamen Sie das erste Mal mit Polyamorie in Berührung?
Beim ersten Date mit meinem Ex-Mann. Das war 1991. Er sagte mir geradeheraus: Ich will nie heiraten und ich will nie monogam leben. Damals hielt ich Monogamie für das einzig mögliche Beziehungsformat, das Wort Polyamorie kannte ich nicht. Ich dachte: „Das kann nur Ärger bedeuten.“ Die Beziehung mit ihm war allerdings erst einmal nichts Ernstes für mich. Ich sah mich eher mit einer Frau als mit einem Mann, daher ging ich davon aus, dass wir sowieso nicht lange daten würden. Doch dann verliebte ich mich.
Elisabeth Sheff
Elisabeth (Eli) Sheff ist promovierte Soziologin und Autorin mehrerer Bücher zum Thema Polyamorie. Für ihre Promotion begann sie 1996, Menschen in polyamoren Beziehungen zu interviewen. Seither hat sie sie immer wieder befragt. 2014 erschienen die Ergebnisse in ihrem Buch „The Polyamorists Next Door“, 2020 veröffentlichte sie ihren Forschungsbericht „Children in Polyamorous Families“. Insgesamt nahmen 206 Menschen an ihren Befragungen teil, darunter 37 Kinder.
Wie sind Sie damit umgegangen, dass Sie beim Thema Monogamie so völlig unterschiedliche Vorstellungen hatten?
Er brachte das Thema immer wieder auf – mehrmals pro Woche. Zehn Jahre lang. Für mich war das schmerzhaft. Er schien nicht zu verstehen, wie sehr mich das belastete. Im Rückblick war ich aber auch nicht klar genug. Statt zu sagen „Ich will das nicht, für mich ist das nichts“, sagte ich immer wieder Dinge wie „Ich weiß nicht“ oder „Ich habe Angst davor.“ Ich war jung und das erste Mal richtig verliebt. Ich dachte: Wenn ich nicht mit ihm sein könnte, würde ich sterben.
Wir haben zwei Kinder zusammen bekommen und lebten im Mittleren Westen der USA. Als die Kinder noch klein waren, war ich in San Francisco, um Daten für meine Forschung zu sammeln. Dort hätte ich mit verschiedenen Leuten etwas haben können, aber ich wollte gar nicht. Das war ein Schlüsselmoment für mich zu sehen: Ich habe gar kein Interesse an anderen Leuten. Ich rief meinen Partner von San Francisco aus an und sagte ihm: „Weißt du was, ich will das nicht. Aber wenn du daten willst, dann suche dir jemanden.“
Wie ging es weiter?
Er schlief mit einer anderen, fand aber keine Frau, die sich längerfristig für ihn interessierte. Doch als die Leute hörten, dass wir unsere Beziehung geöffnet hatten, kontaktierte mich ein alter Bekannter. Er fragte: „Heißt das, dass du jetzt auch daten kannst?“ Ich antwortete: „Dates interessieren mich nicht, aber ich bin offen dafür, mich freundschaftlich mit dir zu treffen.“
Blieb es bei Freundschaft?
Nein. Und mein Partner war damals sowas von eifersüchtig! Er wollte, dass ich die andere Beziehung beende und dass wir stattdessen heiraten und monogam leben. Er dachte, er würde mich damit glücklich machen. Aber ich war so wütend! Wir waren zu dem Zeitpunkt seit zwölf Jahren zusammen und er kannte mich so wenig. Es fühlte sich wie ein extremer Verrat an. Er hatte so lange versucht, mich in die Polyamorie zu drängen, dass er mich verloren hatte. Ich hatte mich in jemand anderen verliebt. Und in meinem Herzen ist nur Platz für eine Person, ich bin einfach monogam. Aber wir hatten kleine Kinder, er war ein guter Vater, in gewisser Weise auch ein guter Partner. Also versuchte ich, mich wieder in ihn zu verlieben: mit Coaching, Paarberatung, Aromatherapie, Antidepressiva, Yoga, Meditation. Fünf lange Jahre lang probierte ich wirklich alles aus, sogar ihn zu heiraten. Aber natürlich änderte das auch nichts. Wir trennten uns.
Mit all dem Wissen, das Sie heute über Polyamorie haben: Was hätten Sie ihm gleich zu Beginn Ihrer Partnerschaft gesagt?
Dass er weder zu mir noch zu sich selbst ehrlich war. Für ihn war Polyamorie ein intellektuelles Projekt. Er mochte die Vorstellung einer großen Familie, der Verbundenheit mit mehreren Personen, allerdings sollte er dabei der einzige Mann bleiben. Was er wollte, war nicht Polygamie, sondern Polygynie.
Also Beziehungen mit mehreren Frauen. Auf Männer war er eifersüchtig?
Genau. Er wollte nicht, dass ich einen anderen Mann habe. Er hätte sich gewünscht, dass wir Frauen daten, die uns beide attraktiv finden. Wir haben aber einen völlig unterschiedlichen Geschmack, was Frauen angeht. Es ist auch extrem selten, dass das funktioniert, dass man eine bisexuelle Person findet, die sich zu beiden hingezogen fühlt. So selten, dass man von „Unicorn hunting“ spricht, also der Jagd nach dem Einhorn.
Wie ist das denn mit der Eifersucht?
Es gibt eine Studie, nach der Menschen in Poly-Beziehungen sogar weniger eifersüchtig sind als in monogamen. Ich erkläre mir das so: In einer monogamen Beziehung soll man sich nicht zu anderen hingezogen fühlen. Wenn es doch passiert, muss man es für sich behalten, weil es ja nicht sein darf. Das führt zu einem Gefühl der Unsicherheit. In Poly-Beziehungen spricht man offen darüber. Es gibt Techniken, die man lernen kann. Man kann zum Beispiel sagen: „Ich fühle mich unsicher.“ Und dein Partner nimmt dich in den Arm und sagt: „Lass mich dir etwas Sicherheit geben.“
Ich glaube aber auch: Menschen, die sehr schnell eifersüchtig werden, entscheiden sich nicht für Polyamorie. In meiner Forschung kommen mir sogar immer wieder Menschen unter, die sagen, sie wären noch nie eifersüchtig gewesen. Am Anfang konnte ich das gar nicht glauben. Drei von ihnen mussten in meiner dritten Befragungsrunde 2013 zugeben: Jetzt war ich plötzlich doch eifersüchtig und es war schrecklich! Einer hatte gerade seine Mutter verloren, litt unter Haarausfall und hatte viel zugenommen. Er fühlte sich nicht attraktiv und trauerte. Eine andere Person war recht frisch Mutter geworden, bekam kaum Schlaf und fühlte sich nicht wohl in ihrem Körper. Eifersucht hängt auch damit zusammen, wie sicher oder unsicher man sich gerade in seinem Leben fühlt.
Mit kleinen Kindern zuhause stelle ich es mir auch wirklich sehr schwer vor, mehrere Beziehungen aufrechtzuerhalten, vor allem für Frauen, die ja meistens mehr Carearbeit übernehmen. Ich sehe da die Gefahr: Er hat eine gute Zeit mit anderen Partner:innen, sie geht auf dem Zahnfleisch. Wäre es da nicht sinnvoll zu sagen: Wir pausieren die Polyamorie eine Weile?
Solche Ungleichgewichte sind Gift, da haben Sie schon recht. Man könnte eine Pause machen oder die Dates des einen Partners in Freizeit für den anderen aufwiegen: Wer datet, muss der anderen Person, die dafür vielleicht gerade keine Energie hat, mehr freie Zeit ermöglichen. Auch die monetäre Seite sollte nicht vergessen werden: Dates sind teurer als ein Spaziergang im Park, auch das muss ausgeglichen werden.
Sie sagten, das Thema Polyamorie war ein ständiger Streitpunkt in Ihrer Partnerschaft. Trotzdem begannen Sie, sich wissenschaftlich damit zu beschäftigen: Wie kam es dazu?
Ich hatte gerade die Graduate School begonnen (Anm. d. Red.: ein Studienprogramm, das auf die Promotion vorbereitet), als ich ein Interview im Autoradio hörte. Es ging um Polyamorie und ein Event, das bald stattfinden sollte. Mein Partner und ich gingen hin und ich dachte mir: „Was für coole Leute.“ Ich wollte selbst nicht polyamor sein und mit keinem von ihnen schlafen, aber der Vibe, die Energie dieser Leute hauten mich einfach um.
Ist Polyamorie ein Lifestyle, also eine Entscheidung? Oder eine sexuelle Identität, die man nicht ändern kann?
Es kann beides sein, je nachdem, auf welchem Ende des Spektrums sich jemand befindet. Für manche Leute ist es eine Identität, die sie nicht ändern können: Sie wollen unbedingt völlige Exklusivität oder können nur mit verschiedenen Partnern glücklich werden. Für alle, die sich in der Mitte des Spektrums befinden, ist es eine Wahl, die sie treffen, je nachdem, wo in ihrem Leben sie sich gerade befinden.
Es kann also auch eine Phase sein?
Absolut. Arbeite ich gerade 80 Stunden in der Woche? Dann habe ich wahrscheinlich gerade keine Kapazitäten für mehrere Partner.
Könnte es sein, dass hinter dem Wunsch, mehrere Partner:innen zu haben, die Angst vor Bindung steckt?
Für manche trifft das zu: Sie vermeiden echte Bindung, indem sie von einem zum nächsten springen. Das ist bei serieller Monogamie aber genau dasselbe. Andere polyamore Menschen wiederum sind wahre Bindungsmeister, weil sie so viel Zeit, Mühe und Energie dafür aufwenden, über Beziehungen nachzudenken, an ihren Kommunikationsfähigkeiten zu arbeiten, Beziehungen zu pflegen und aufrechtzuerhalten. Genau wie bei der Monogamie kann man hier keine pauschalen Aussagen fällen.
In der Vorbereitung auf dieses Interview habe ich immer wieder von „primären“ und „sekundären“ Beziehungspartnern gelesen. Was heißt das?
Es gibt nicht wahnsinnig viel Forschung zu dem Thema, aber ein paar Studien haben untersucht, wie Menschen in Poly-Beziehungen ihre Zeit und ihr Geld aufwenden. Und da zeigte sich, dass die meisten mit einer Person zusammen sind, für die sie mehr ihrer Ressourcen, also Zeit oder Geld, aufwenden. Das ist dann die primäre Beziehungsperson, mit der man sich zum Beispiel die Finanzen teilt, zusammenlebt oder Kinder hat.
Gibt es denn zwangsläufig immer diese Hierarchie oder auch Poly-Beziehungen, wo alle gleich sind?
Das ist eine etwas heikle Frage. Viele in der Poly-Community würden sagen: Bei uns herrscht völlige Gleichheit. Meiner Meinung nach ist das Poly-Propaganda. Es ist ja ganz normal, dass es Hierarchien gibt. Wir Menschen sind Rudeltiere und die lieben nun mal Hierarchien. Schon kleine Kinder haben eine Rangordnung, wer der oder die Coolste ist. Das Geschäftsleben ist voll von Hierarchien, selbst unsere Freundschaften gewichten wir unterschiedlich. In Beziehungen macht es einen Unterschied, ob ich jemanden 40 Jahre oder vier Wochen kenne. Statt so zu tun, als gäbe es diese Rangordnung nicht, sollte man sie lieber transparent machen. Dann kann man viel besser dafür sorgen, dass es allen in ihrer Position gut geht. Das soll nicht heißen, dass es keine völlig gleichrangigen Beziehungen gibt, ich glaube nur, dass sie nicht der Regelfall sind.
„Sekundäre Partnerin“ klingt nach Trostpreis. Die Rolle will doch keiner haben, oder?
Oh doch, viele Menschen nehmen gerne diese Rolle ein. Oft sind das Menschen, die selbst schon einen primären Beziehungspartner haben. Andere wollen nicht die Erwartungen erfüllen, die eine primäre Beziehung mit sich bringt. Sie wollen niemand, der sie fragt, wann sie denn heute nach Hause kommen oder ob sie am Sonntag mit zum Kaffeetrinken bei der Tante gehen.
Aber Hierarchien sind Machtstrukturen. Da kann es doch zu Ausbeutung kommen?
Das stimmt. Beim „Unicorn Hunting“, die Konstellation, die sich mein Mann vorgestellt hat, also ein Mann und eine Frau suchen sich eine bisexuelle Frau, kommt das leider häufig vor. Auch das kann funktionieren, aber die Frage ist: Warum sucht ein Paar dieses Einhorn? Betrachten sie die Person wirklich als echten Menschen oder suchen sie ein Abenteuer, das sie als Paar teilen wollen? Dann nutzen sie die andere Person als Mittel zum Zweck für ihre Beziehung. Wenn das der Fall ist, sollten sie sich eine professionelle Sexarbeiterin suchen. Wenn sie es ernst mit der Person meinen, wäre mein Rat: Schenkt ihr alle Aufmerksamkeit, schaut zu, dass sie wirklich eine gute Zeit hat. Erwartet nicht, dass sie zu euch kommt. Geht zu ihr oder mietet ein Hotelzimmer.
Was sind denn die Grundregeln, damit keiner ausgebeutet wird?
Die wichtigste Regel ist: ALLE reden von Anfang an miteinander und kommunizieren ihre Erwartungen und Grenzen. Oft ist es so: Ein Paar beschließt, seine Beziehung öffnen zu wollen. Sie überlegen sich, was sie sich davon erhoffen und gehen davon aus, dass die anderen Partner:innen das dann schon mitmachen. Nein! Alle müssen von Anfang an mit an den Verhandlungstisch.
Welche Regeln sollte man in einer Poly-Beziehung aufstellen?
Safer Sex ist natürlich eine Grenze, die kommuniziert werden sollte. Ein anderes Thema, das nicht unterschätzt werden sollte, ist das Verhältnis von Privatsphäre und Transparenz: Wie viel soll und darf meine eine Beziehungspartnerin aus meiner Beziehung zu meinem anderen Partner erfahren? Die Frage „Habt ihr Kondome benutzt?“ ist legitim, „Wie sah sein Gesicht aus, als er einen Orgasmus hatte?“ dagegen einfach nur übergriffig.
Sie sprechen nicht von Regeln, sondern von Grenzen. Warum?
Eine Regel ist etwas, das man anderen auferlegt. In manchen Fällen sind Regeln angebracht. Einem fünfjährigen Kind zu sagen: „Nein, du darfst die stark befahrene Straße nicht ohne einen Erwachsenen überqueren“, ist vernünftig. Einem anderen Erwachsenen Regeln aufzuerlegen, dagegen impliziert eine Autorität, die ich nicht habe. Vielmehr sollte man die eigenen Grenzen formulieren, zum Beispiel: „Ich möchte auf keinen Fall eine sexuell übertragbare Infektion bekommen. Wenn du mit anderen Menschen Sex ohne Kondom hast, werde ich mit dir Kondome benutzen.“
Bei den Kondomen ist klar, wo die Grenze ist. Bei anderen Dingen muss man es erst herausfinden, oder?
Tatsächlich ist Polyamorie eine Beziehungsform, bei der man gut darin sein muss, die eigenen Grenzen zu erforschen. Daran bin ich immer wieder gescheitert: Ich habe Dingen zugestimmt, die ich eigentlich nicht wollte. Irgendwann wurde es zu viel und ich bin explodiert.
Sie sind also nach Ihrem Ex-Mann nochmal eine polyamore Beziehung eingegangen?
Schon als wir uns kennenlernten, sagte meine künftige Frau, jetzt Ex-Frau, mir, dass sie bisher in jeder Partnerschaft fremdgegangen ist. Und ich erwiderte: „Na gut, dann lass es uns einfach so einrichten, dass du nicht fremdgehen musst.“ Tatsächlich lief es zu Beginn ganz gut: Sie versuchte nicht, mich zu kontrollieren. Sie hatte ein paar Partnerinnen, die aber weit weg lebten. Das hat ganz gut geklappt. Problematisch wurde es bei einer Beziehung vor Ort. Wenn es gut lief, war sie kaum zu greifen, fuhr mit ihrer anderen Partnerin einfach übers Wochenende weg, ohne das vorher mit mir abzusprechen.
Waren Sie eifersüchtig?
Es ging nicht um Eifersucht, sondern um Respekt, um fehlende Wertschätzung. Sie behandelte mich nicht mehr wie ihre Partnerin, sondern wie eine Mitbewohnerin, die sich um ihren alten Hund kümmert. Sie wollte auch keinen Sex mehr mit mir, all ihre Energie floss in die neue Beziehung. Ihre Vorstellung von Polyamorie war eine sehr unabhängige, sie wollte kein echtes Polykül. Dabei hätte ich mich mit ihrer Freundin sehr gut verstanden – sie war charismatisch, interessant, witzig, gutaussehend –, aber sie wollte sie komplett für sich haben.
Was wäre denn ein „echtes“ Polykül?
In polyamoren Beziehungen können sich Verbindungen zwischen den verschiedenen Partner:innen ergeben, sexuelle, aber auch freundschaftliche. Letztere sind der wichtigste Faktor in polyamoren Beziehungen. Wenn die nicht-sexuellen Partner, auch „Metamours“ genannt, eine positive Beziehung zueinander haben, verläuft das polyamore Familienleben wesentlich harmonischer. Wenn sich die nicht-sexuellen Partner nicht mögen, führt dies zu zahlreichen Konflikten. Mir fällt da folgende Familie ein, die ich für meine Forschung interviewt hatte: Eine Frau hatte einen Ehemann, mit ihm ein Kind, und einen weiteren Partner. Das ging rund 15 Jahre lang gut, dann trennte sie sich von dem Partner. Der traf sich aber weiterhin mit dem Ehemann und dem Sohn der beiden. Er hatte das Kind auch sein ganzes Leben lang gekannt, denn die Frau war gerade schwanger gewesen, als sie zusammenkamen. Oft bleiben diese nicht-sexuellen, polyaffektiven Bindungen erhalten, nachdem sich die romantischen Beziehungspartner:innen getrennt haben.
Was taten Sie, wenn Ihre Frau mal wieder ein Wochenende mit der Freundin unterwegs war?
Es war purer Stress, ich hatte Angst, sie zu verlieren. Und damals wusste ich noch nicht, dass Menschen auf Stress nicht nur mit Kampf, Flucht oder Erstarrung reagieren können, sondern dass es auch noch eine vierte Reaktion gibt: Anpassung, Unterwerfung oder Gefälligkeit, auch „Bambi-Reflex“ (Fawning) genannt. Genau das war bei mir der Fall. Ich wollte ihr zeigen, was für eine tolle Partnerin ich war. Sie war Veganerin, ihre andere romantische Partnerin war glutenintolerant. Also bestellte ich online ein Snack-Paket mit veganen, glutenfreien Snacks für die beiden für ihren Trip. Ich verleugnete meine Grenzen, bis es zum Streit kam: „Willst du, dass ich meine Freundin verlasse?“, wollte sie wissen. „Nein, deine Freundin ist nicht das Problem. Das Problem ist, wie du mich behandelst“, entgegnete ich. Heute ist sie meine Ex-Frau und ich vermisse sie schrecklich.
Haben Sie während der Beziehung mit ihr eigentlich auch gedated?
Zu Beginn unserer Beziehung war ich an einer anderen Frau interessiert, aber die lebte in einem anderen Staat und ich war dann doch stärker auf meine spätere Frau fokussiert. Ich hatte kein Bedürfnis nach anderen Partner:innen.
Was sagt Ihre berufliche Erfahrung dazu: Können Beziehungen, in denen nur ein Partner monogam ist, also Poly-Mono-Beziehungen überhaupt funktionieren?
Sie sind tatsächlich die schwierigste Form der Polyamorie. Am besten ist es, wenn der monogame Partner andere Dinge in seinem Leben hat, die ihm sehr wichtig sind, damit er nicht zuhause sitzt und Däumchen dreht, bis der andere vom Date zurückkommt. Und er muss vom polyamoren Partner alles bekommen, was er braucht: genug Sex, Aufmerksamkeit, eine gute Partnerschaft. Vielleicht hilft es, dass der andere nur Menschen in anderen Städten daten darf. Oder man sagt: Fünf Jahre leben wir monogam, dann wieder fünf offen.
Was braucht es denn neben einer hohen Eifersuchtstoleranz noch, damit Poly-Beziehungen funktionieren?
Aus der Forschung über Beziehungszufriedenheit wissen wir: Oft profitieren Menschen von Polyamorie, die gern Neues suchen, die oft umziehen, den Job wechseln, viel ausprobieren. Leute, die Angst vor Keimen haben, werden sich dagegen schwertun. So viele Körperflüssigkeiten, die ausgetauscht werden – das ist einfach zu viel für jemanden, der Angst hat, sich zu infizieren.
Sie haben auch Kinder aus polyamoren Beziehungen befragt. Was sind die Vor- und Nachteile?
Mehr Menschen im Leben eines Kindes heißt auch: Mehr Menschen, die sich kümmern, die mit kleinen Kindern spielen oder größere zu ihren Freunden oder zum Sport fahren können. Das ist dasselbe wie bei Patchwork-Familien. Und wie bei Patchwork-Konstellationen auch treffen mehr verschiedene Erziehungsstile aufeinander als bei nur zwei Menschen. Das kann ein Nachteil sein. Kinder aus Poly-Familien können stigmatisiert werden. Da geht es ihnen ähnlich wie denen aus queeren Beziehungen. Es gibt also keinen Nachteil, den speziell Kinder aus Polyfamilien erfahren. Es gibt aber einen Vorteil: Wenn sich Eltern in monogamen Beziehungen trennen, zieht einer aus. Wer offen für poly ist, bleibt eher zusammen, man muss sich nicht trennen, weil einer sich in jemand anderen verliebt. Ich habe aber keine Studien durchgeführt, bei denen das Wohlbefinden von Kindern aus Poly-Familien mit denen aus monogamen verglichen wurde. Das würde ich gerne, habe aber noch keine Finanzierung gefunden.
Wie können Eltern mit ihren Kindern darüber sprechen, dass sie von nun an polygam leben wollen?
Das kommt auf das Alter der Kinder an. Kleinkinder können mit dieser Information nichts anfangen. Aber schon Vorschulkinder bekommen das mit und man kann es ihnen altersgerecht erklären. Eine der Personen, die ich für meine Studien interviewt habe, nutzte dafür das Wort „Kissing Friends“: Mama und Papa wollen Freund:innen haben, die sie auch küssen. Wichtig ist, dass sich die Eltern auf eine gemeinsame Haltung einigen und für das Gespräch eine Atmosphäre schaffen, die sicher, ruhig und friedlich ist. Es soll leicht und nicht wie eine schwerwiegende Angelegenheit rüberkommen. Kinder müssen vor allem wissen, dass sich für sie nichts ändert, dass sie geliebt werden und beide Eltern weiter für sie da sind. Das Wichtigste ist: ansprechbar bleiben. Die Kinder müssen das Gefühl haben, dass sie jederzeit ihre Fragen zu der neuen Situation stellen dürfen und dass die Erwachsenen ehrlich zu ihnen sind.
Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger und Christian Melchert