Ein Buckelwal fliegt über einem dunklen Meer.

Hans/Oliver Tsappis/Unsplash+

Leben und Lieben

Dieses Buch hat mir gezeigt, dass Tiere den Tod verstehen

Schimpansen schweigen plötzlich und Walmütter tragen ihre toten Kinder durchs Meer. Wie Tiere mit dem Tod umgehen, hat mich mit meiner eigenen Sterblichkeit versöhnt.

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Als im Frühjahr ein Buckelwal in der Ostsee strandete, hatten viele Menschen Mitleid mit dem Tier. Als ich die Berichte und Social-Media-Posts dazu las, hatte ich den Eindruck: Sie unterstellen dem Wal, dass er Angst vor dem Tod hat und um sein Leben kämpft, dass er eine Form von Bewusstsein hat, die dem menschlichen Bewusstsein ähnelt. Das steht jedoch im Widerspruch zu einer Überzeugung, die in unserer Kultur fest verankert ist.

So sagt zum Beispiel die Philosophie, dass Menschen die einzigen Lebewesen sind, die wissen können, dass sie sterblich sind. Nur wir seien in der Lage, über uns und die Welt in einer Weise nachzudenken, dass wir unseren eigenen Tod voraussehen können. Nur bei uns löse der Gedanke an den Tod Gefühle aus. Zum Beispiel Angst.

Viele Menschen glaubten, der gestrandete Wal wolle weiterleben, zum Beispiel der damalige Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus. Er fand, ein Rettungsversuch sei auch im Sinne des Tieres.

Ich hielt das damals für absolut abwegig. Meiner Meinung nach vermenschlichten alle, die so dachten, dieses wilde Tier. Ich fand das unreif und übergriffig und war überzeugt: Diese Sichtweise schadet dem Wal, weil ein wildes Tier andere Bedürfnisse hat als ein Mensch. Leider ging die Geschichte nicht gut aus. Der Wal starb nach einem unwürdigen Transport durch die Ostsee und viele Expert:innen sagen, das Tierschutzgesetz wurde bei der Rettungsaktion gebrochen.

Heute glaube ich, dass die selbsternannten Walretter in einer Sache Recht hatten: Dem Tier könnte bewusst gewesen sein, dass ihm sein Tod bevorstand. Das habe ich aus dem mehrfach ausgezeichneten Buch „Was Tiere über den Tod verstehen“ gelernt. Darin schreibt die Philosophin Susana Monsó, dass viele Tiere ein Konzept vom Tod haben. Vor allem diejenigen, die in Gruppen leben und soziale Kontakte pflegen, so wie Wale, Affen und Elefanten.

Wann schweigen Schimpansen?⬆ nach oben

Susana Monsó unterrichtet Logik, Geschichte und Wissenschaftsphilosophie in Madrid und forscht schon länger zu den kognitiven Fähigkeiten von Tieren. Sie zeigt in ihrem Buch, dass Tiere einiges vom Tod verstehen.

Es ist allerdings gar nicht so leicht, mit Gewissheit zu sagen, was ein Tier weiß, erlebt oder fühlt. Wir können zwar das Verhalten von einzelnen Tieren beobachten, aber daraus lässt sich nur schwer ableiten, was für Tiere insgesamt gilt. Die Philosophin erklärt, was dafür spricht, dass Tiere ein Konzept vom Tod haben und was dagegen. Und sie hat jede Menge überraschende und faszinierende Beispiele, die mein Weltbild auf den Kopf stellten.

Wer schon mal eine Gruppe Schimpansen beobachtet hat, weiß: Die Tiere hüpfen wild herum, kreischen, jagen sich gegenseitig, spielen Hangelspiele oder streiten sich um Futter. Es passiert sehr viel gleichzeitig. Nur eins passiert eigentlich nie: dass Schimpansen still sind.

Deshalb war die Situation, die die Fotografin Monica Szczupider 2008 in einer Schimpansen-Auffangstation in Kamerun festhielt und die Monsó in ihrem Buch beschreibt, so enorm außergewöhnlich. Auf dem Bild sind 16 Schimpansen zu sehen. Sie stehen regungslos hinter einem Drahtzaun. Ihr Blick folgt einer Schubkarre, darin liegt zugedeckt der Leichnam von Affendame Dorothy. Dorothy ist auf dem Weg zu ihrer Beerdigung und ihre Gefährten scheinen sich von ihr verabschieden zu wollen. Schweigend.

Nach der Veröffentlichung des Fotos berichteten einige Wissenschaftler:innen von ähnlichen Situationen, die sie bei Tieren beobachtet hatten und begannen, sich auszutauschen. Ein neuer Forschungszweig war geboren, die vergleichende Thanatologie, also die Sterbeforschung bei Tieren. Diese Wissenschaft widmet sich der Frage, wie Tiere mit dem Tod umgehen und was sich dabei von Menschen unterscheidet. Das folgt einem Trend.

Seit einigen Jahren steigt das Interesse daran, herauszufinden, welche Fähigkeiten Tiere haben könnten, die man traditionell nur dem Menschen zuschreibt. Haben sie moralische Vorstellungen? Können sie rational sein? Haben sie eine Sprache? Gibt es eine spezifische Kultur, die die Tiere weitergeben?

Solche Fragen erregen ziemlich viel Aufmerksamkeit, auch außerhalb der Wissenschaft. So sammelt zum Beispiel ein Projekt, das die Sprache von Pottwalen erforschen will, gerade sehr viel Geld ein, um mit Hilfe von KI herauszufinden, was die Klicklaute bedeuten und wie sie sich zwischen den Walfamilien unterscheiden. Das Ziel: Walsprache entschlüsseln, um die Tiere besser schützen zu können – und vielleicht später direkt mit ihnen zu kommunizieren.

Viele Tiere haben ein Minimalkonzept vom Tod⬆ nach oben

Solche Projekte zeigen, dass sich unser Verhältnis zu Tieren offenbar verändert. Manche Wissenschaftler sprechen inzwischen von menschlichen Tieren (und meinen damit uns Menschen) und nichtmenschlichen Tieren, um deutlich zu machen, dass sich unsere Biologie sehr ähnelt und es viele Gründe gibt, Tieren auf Augenhöhe zu begegnen. Einer davon ist, dass auch Tiere den Tod verstehen, allerdings anders als wir Menschen.

Viele Tiere können sehr zuverlässig schlafende Artgenossen von toten unterscheiden. Sie wissen, dass sich der Körper eines lebenden Tieres bewegt (es atmet), dass er warm ist und dass er auf Reize reagieren kann, zum Beispiel auf eine Drohgebärde. Sobald sich ein Tier nicht bewegt, kalt ist und nicht auf Reize reagiert, verhalten sich seine Gefährten gegenüber diesem Körper anders.

Susana Monsó schreibt, dass dieses veränderte Verhalten zeigt, dass Tiere zwei wichtige Dinge über den Tod wissen. Erstens: Er macht bewegungslos. Und zweitens: Dieser Zustand ist unumkehrbar. Das bezeichnet die Philosophin als Minimalkonzept vom Tod.

Um ein Minimalkonzept vom Tod entwickeln zu können, müssen drei Faktoren zusammenkommen: Tiere müssen erstens kognitive Fähigkeiten haben, also zum Beispiel erkennen können, dass der Körper eines Artgenossen tot ist. Zweitens müssen sie bereits Erfahrungen mit dem Tod gemacht haben, sie müssen also gelernt haben, dass andere Tiere bewegungsunfähig waren und sich das auch nicht mehr geändert hat. Und drittens müssen sie ein Gefühl entwickeln, das sie mit dem Tod verbinden, denn Gefühle sind im Tierreich das, was die Aufmerksamkeit steuert.

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Susana Monsó schreibt, dass derzeit offen sei, welches Gefühl zu einem Todeskonzept gehören könnte: „Es könnte Trauer, aber auch Neugier, Verwirrung, Aufregung, Hunger, Angst et cetera“ sein. Sie sagt: „Kognition, Erfahrung und Emotion müssen zwingend vorliegen, damit ein Tier ein Konzept vom Tod entwickeln kann.“

Tiere, die in Gruppen leben, brauchen dieses Konzept vom Tod. Denn wenn ein Tier aus der Gruppe stirbt, ist das für sie bedeutsam. Es verändert die Gruppendynamik und verändert womöglich ihre eigene Stellung innerhalb der Gruppe.

Warum tragen Walmütter ihre toten Babys durchs Meer?⬆ nach oben

Wenn eine Orca-Walmutter ihr totes Kind tagelang und Tausende Kilometer weit durchs Meer trägt, was sagt uns das über ihr Verständnis vom Tod? Empfindet sie Trauer? Dieser Frage geht Monsó in ihrem Buch nach. Wir wissen nicht, ob das alle Orcas mit ihren toten Babys so machen, gibt sie zu bedenken, geschweige denn alle Wale. Schon öfter wurde dieses Verhalten bei Zahnwalen und Delfinen beobachtet, zuletzt etwas Ähnliches auch bei Buckelwalen. Viele Berichte beschreiben es als einen Ausdruck von Trauer.

https://www.youtube.com/shorts/QcqwviXHkws

Doch Forscher:innen betonen immer wieder, dass man nicht sicher sein kann, dass die Mütter wirklich trauern. Es könnte auch sein, dass sie einem Instinkt folgen, der biologische Ursachen hat. Und selbst wenn sie wirklich trauern, heißt das noch nicht, dass sie auch verstehen, was Tod ist und dass sie selbst sterben können.

Der Unterschied zwischen Trauern und einem biologischen Instinkt lässt sich besser verstehen, wenn wir das Verhalten der Wale mit dem von Ameisen vergleichen. In ihrem Buch beschreibt Monsó, dass Ameisen ihre toten Artgenossen aus dem Bau tragen. Den Startschuss dafür gibt ein Geruch, den die gestorbenen Ameisen aussenden. Ihr Leichnam produziert Ölsäure und Ameisen tragen alles, was nach Ölsäure riecht, raus – auch lebende Ameisen, die mit Ölsäure beträufelt wurden, oder kleine Plastikteilchen. Ihr Verhalten ist also ein biologisches Muster, das durch eine chemische Substanz ausgelöst wird.

Bei Walen ist es anders – das hat die Forschung herausgefunden. Sie reagieren auf den Tod nicht allein deshalb, weil ihre Artgenossen anders riechen. Sie leben in Gemeinschaften, in denen die Beziehung zu den anderen eine große Rolle spielt. Ihre Überlebenschancen hängen direkt davon ab, wie gut sie miteinander verbunden sind. Jede Wal-Gruppe folgt sozialen Regeln, die sich von denen anderer Walgruppen unterscheiden können. Sie kommunizieren in unterschiedlichen Dialekten, je nach Region, in der sie leben. Das hat man für Buckelwale und Pottwale nachgewiesen. Wale bekommen nur ein Kind und sie säugen es. Sie kümmern sich aber nicht nur um ihre Kinder, die Hilfe brauchen, sondern auch um geschwächte Mitglieder ihrer Gruppe. All das hat Ähnlichkeit mit dem menschlichen Zusammenleben.

Nicht nur Walmütter tragen ihre toten Kinder herum, auch bei einigen Affenarten ist dieses Verhalten verbreitet. Allerdings gibt es Unterschiede: Nicht alle Mütter von toten Wal- und Affenkindern verhalten sich gleich. Und genau das ist laut Susana Monsó ein Indiz dafür, dass bei den Tieren kognitive Reaktionen auf den Tod im Spiel sind. Sie reagieren individuell, das heißt, abhängig davon, welche Erfahrungen sie bisher gemacht haben und was sie daraus lernten. Das ist ein Hinweis darauf, dass viele Tiere womöglich mehr vom Tod verstehen, als wir denken.

Susana Monsó weist aber auf eine Falle hin: Wenn wir das, was die Walmütter tun, Trauer nennen, könnte es dann sein, dass wir die Wale vermenschlichen? Denn wer trauert, liebt auch. Können Tiere Liebe empfinden, so wie wir Menschen?

Ich dachte bei der Geschichte des Ostsee-Wals, dass die Menschen etwas in den Wal hineinprojizieren, etwas, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hat. Das ist ja nicht neu. Wir vermenschlichen Tiere andauernd. Ein Beispiel dafür sind extra für diesen Zweck gezüchtete Schoßhunde, denen ihre Besitzer:innen Schleifen ins Haar binden, sie ständig auf dem Arm herumtragen oder im Kinderwagen herumfahren – wie ein Kind. Dabei schreiben wir den Tieren nicht nur menschliche Eigenschaften zu, sondern vor allem Eigenschaften, die das Tier gar nicht hat, sagt Susana Monsó.

Was wir von Tieren über den Tod lernen können⬆ nach oben

Nach dem Lesen ihres Buches „Wie Tiere den Tod verstehen“ konnte ich besser verstehen, warum mich der Rettungsversuch des Buckelwals in der Ostsee so aufregte. Er beruhte nicht nur auf einer schädlichen Vermenschlichung des Tieres („der Wal hat Angst vor dem Tod wie ein Mensch“), sondern auch auf einem problematischen Verhältnis, das wir Menschen zum Tod oft haben.

Susana Monsó sagt: „Die Art, wie wir mit dem Tod umgehen, ist in vielerlei Hinsicht einzigartig, das wird niemand bestreiten.“ Sie betont zudem, dass wir uns alle Mühe geben, zu betonen, das einzige Tier zu sein, das eine Vorstellung davon hat, dass der Tod unvorhersehbar und unvermeidlich ist. „Weil wir wissen, dass es jeden Tag soweit sein könnte, tun wir auch lieber so, als ob der Tod etwas ist, das nur anderen passiert. Es fällt uns so schwer, unsere Sterblichkeit zu akzeptieren, dass wir den Tod zu einem Tabu gemacht haben“, schreibt sie.

Seit der Lektüre von Monsós Buch frage ich mich: Ist meine Angst vor dem Tod wirklich nötig oder kann ich darauf vertrauen, dass das Sterben ein Ausdruck dessen ist, was Leben ausmacht? Und dass ich nur leben kann, wenn ich zu sterben lerne.

Susana Monsó schreibt: „Wir sind Körper, die bis zu einem gewissen Punkt funktionieren, aber am Ende unwiderruflich zusammenbrechen. Schaffen wir es, uns mit unserem Tiersein zu versöhnen, versöhnen wir uns vielleicht auch mit unserer eigenen Sterblichkeit.“


Redaktion: Nina Roßmann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger

Dieses Buch hat mir gezeigt, dass Tiere den Tod verstehen

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