Eine Gruppe Jugendlicher blickt auf die Wahlergebnisse der letzten Landtagswahlen.

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Kinder und Bildung

Jung und links: Aber warum eigentlich?

In Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt wurde gewählt. Die Jungen wählen gar nicht so anders als die Gesamtbevölkerung – außer, wenn es um die Linke geht.

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Es gibt zwei Seiten, von denen man die aktuellen Wahlergebnisse in Berlin, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt betrachten kann. Auf der einen Seite hat die AfD massiv dazugewonnen. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt ist sie stärkste Kraft, in Berlin immerhin drittstärkste Partei. Die Jüngeren wählten nicht auffällig mehr oder weniger AfD als die Gesamtbevölkerung.

Auf der anderen Seite wählten die Jüngeren aber auffällig häufiger die Linke.

In Mecklenburg-Vorpommern haben 21 Prozent der 16- bis 24-Jährigen die Linke gewählt, in der Gesamtbevölkerung waren es nur 6,5 Prozent. Man könnte es auch so zusammenfassen: Je älter, desto eher wählten die Menschen in Mecklenburg-Vorpommern SPD, je jünger, desto eher wählten sie die Linke.

Wahlverhalten der 16- bis 24-Jährigen in Mecklenburg-Vorpommern

In Berlin ist das Wahlverhalten der jüngsten Wählergruppe besonders auffällig. Genau wie in Mecklenburg-Vorpommern durften hier zum ersten Mal auch 16-Jährige wählen. In der Hauptstadt hat fast die Hälfte der jüngsten Altersgruppe die Linke gewählt und damit doppelt so häufig wie die Gesamtwählergruppe.

Wahlverhalten der jungen Wählergruppe in Berlin

Das gleiche Muster zeigte sich schon in Sachsen-Anhalt: 18 Prozent der 18- bis 24-Jährigen wählten die Linke, aber nur 8,6 Prozent der Gesamtwählerschaft.

Wahlverhalten der jungen Wählergruppe in Sachsen-Anhalt

Warum ist diese Partei vor allem bei jungen Menschen so erfolgreich?⬆ nach oben

Hier sind vier mögliche Erklärungen:

1. Für junge Menschen ist die Linke nicht „die SED-Partei“.⬆ nach oben

Die AfD ist bei den über 70-Jährigen am schwächsten. Als Erklärung dafür wird häufig angenommen, dass sich die über 70-Jährigen am ehesten konkret an die Nazizeit erinnern und die AfD deswegen ein No-Go für sie ist.

Ohne das Hufeisen zu schwingen, kann man für die Linke ähnlich argumentieren. Bei den Jüngeren ist die SED-Vergangenheit der Partei eine Geschichte, die vor der eigenen Geburt passiert ist, etwas aus den Geschichtsbüchern, das nichts oder nur wenig mit dem eigenen Leben zu tun hat. Auch der Kalte Krieg oder die Angst vor dem Kommunismus sind etwas, das die jüngere Bevölkerung nur aus Erzählungen kennt. Zur Erinnerung: Wer heute 18 Jahre alt ist, wurde 2008 geboren, 19 Jahre nach dem Fall der Mauer.

2. Die AfD setzt auf Frust und die Linke auf Angebote.⬆ nach oben

Bei dieser Talkshow des RBB zehn Tage vor den Wahlen wurde deutlich: Die AfD setzt auf Dagegen-Sein und die Linke auf konkrete Angebote. Jugendliche durften Politiker:innen des BSW, der Linken, der Grünen, der SPD, der CDU und der AfD Fragen stellen, und die Politiker:innen mussten innerhalb von 30 Sekunden antworten.

Am Anfang der Sendung fragten die Moderatorinnen in die Runde, wer schon weiß, wen er wählen würde. Knapp die Hälfte meldet sich, die andere Hälfte war noch unentschlossen. Das heißt im Umkehrschluss: Die Politiker:innen dieser Show hatten einen großen Einfluss auf die Wahlentscheidung der Jugendlichen (und auch ein bisschen Druck, performen zu müssen).

Besonders konkret antworteten der Politiker der Linken und die Politikerin der Grünen. In weniger als 30 Sekunden ratterten sie jeweils runter, was sie umsetzen wollen, wenn sie regieren.

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Ein Jugendlicher mit blau gefärbtem Haar fragte, welche Maßnahmen konkret geplant seien, „um jungen Menschen trotz steigender Lebenshaltungskosten einen finanziell tragbaren Start ins Berufsleben zu ermöglichen.“ Die BSW-Politikerin Alina Lindemann antwortete, bei ihr wäre das damals auch ein Problem gewesen, als sie mit 16 Jahren eine Wohnung gesucht habe. Sie würden Entlastungen schaffen wollen. Der Linkenpolitiker Niklas Schenker sagte, sie wollen Mieten senken, Tickets für Bus und Bahn für Azubis kostenfrei gestalten und Clubbesuche für weniger als 25 Euro möglich machen. AfD-Politiker Alexander Bertram sagte, Nebenkosten seien ein großes Problem und die Energiewende sei ein „Irrweg“, das müsse rückgängig gemacht werden, damit der Strom wieder bezahlbar wäre.

Exemplarisch zeigte die Show: Die AfD ist vor allem dagegen, wie es gerade läuft, hat aber keine überzeugenden Angebote und Ideen. Vielleicht lassen sich jüngere Menschen eher von utopischen Ideen überzeugen, und für den Moment ist es nicht relevant, wie realistisch diese Ideen sind.

3. Die Linke erreicht die junge Generation dort, wo sie ist.⬆ nach oben

2025, nach der Bundestagswahl, habe ich in diesem Text analysiert, warum die Linke bei der Wahl überraschend bei neun Prozent gelandet ist. Die Gründe lassen sich natürlich teilweise auf die aktuellen Landtagswahlen übertragen. Einer davon: Die Partei ist in den sozialen Medien erfolgreicher als die meisten anderen Parteien (außer die AfD, die ist dort auch erfolgreich). Und sie hat es geschafft, diesen digitalen Erfolg auf die analoge Welt zu übertragen. Seit 2025 hat die Linke mehr als 100.000 Mitglieder und sich damit im Vergleich zu 2023 mehr als verdoppelt. In Berlin ist die Partei seit diesem Jahr sogar mitgliederstärkste Partei. Ähnlich wie vor der Bundestagswahl 2025 kamen viele neue junge und häufig weibliche Mitglieder dazu.

4. In Berlin kommt noch etwas hinzu: das Thema Wohnen als Generationenkonflikt.⬆ nach oben

Die Linke hat in Berlin das Thema Wohnen zum Wahlkampfthema Nummer Eins gemacht und damit einen Nerv getroffen. Das dringlichste Problem für die Wählerschaft ist der Wohnungsmarkt beziehungsweise das Thema Mieten.

In Berlin leben etwa 85 Prozent der Haushalte zur Miete. Das Thema ist also eh für viele Menschen relevant und damit auch belastend. Und bei den unter 25-Jährigen ist die Zahl der Eigentümer so klein, dass sie im Mikrozensus des Land Berlins von 2022 nicht mal dargestellt wird. Eigentum beginnt in Berlin erst ab 45 Jahren, und auch bei den über 65-Jährigen leben immer noch drei von vier Haushalten zur Miete.

Gleichzeitig ist die durchschnittliche Nettokaltmiete (der Mittelwert) in Berlin seit 2005 dramatisch gestiegen. 2005 hat man noch 4,49 Euro pro Quadratmeter gezahlt, heute bezahlt man mit 7,71 Euro gut 70 Prozent mehr. Und noch wichtiger ist vor allem für jüngere Menschen die Angebotsmiete. Die bewegt sich in einer komplett anderen Realität. Immobilienportale nennen für Berlin aktuell je nach Anbieter um die 15 Euro bei Bestandsmieten und 20 Euro bei Neubau pro Quadratmeter. Das ist mehr als das Doppelte des Mietspiegels, im Neubau fast das Dreifache. Wer eine alte Wohnung hat, zahlt also wenig. Wer neu sucht, zahlt das Zwei- bis Dreifache. Und das betrifft junge Menschen natürlich noch mehr als alteingesessene Berliner:innen.

Das Thema Mieten ist also vor allem für junge, neuzugezogene Berliner:innen relevant. Und tatsächlich trauen die Wähler:innen der Linken bei dem Thema die meisten Kompetenzen zu, wie Umfragen vom Wahltag der Forschungsgruppe Wahlen zeigen. Die Linke verspricht einerseits den Volksentscheid von 2021 umzusetzen, in dem dafür gestimmt wurde, Deutsche Wohnen und weitere große Immobilienkonzerne zu enteignen und dem Land Berlin zuzuführen. Und sie wollen ein kommunales Wohnungsbauprogramm umsetzen und einen Mietendeckel für landeseigene Wohnungen einführen.

Der Extrapunkt: Das Geschlecht⬆ nach oben

Natürlich spielt nicht nur das Alter eine Rolle dabei, wo das Kreuz gesetzt wird. Die Linke wird eher von Frauen gewählt und die AfD eher von Männern. Das wissen wir schon länger, aber die Zahlen schwarz auf weiß sind doch immer wieder beeindruckend: In Berlin haben 28 Prozent der Frauen und 24 Prozent der Männer die Linke gewählt, 14 Prozent der Frauen und 18 Prozent der Männer die AfD. In den Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern verhält es sich ähnlich.

Interessant ist hierbei, dass Sachsen-Anhalt in der Bevölkerungsgruppe der 18- bis 29-Jährigen den bundesweit höchsten Männerüberschuss hat. Der Frauenanteil liegt in dieser Altersgruppe bei nur 46 Prozent. Als Grund dafür wird die anhaltende Abwanderung junger, häufig höher gebildeter Frauen in westliche Bundesländer oder zumindest in größere Metropolen genannt.


Redaktion: Isolde Ruhdorfer, Schlussredaktion: Susan Mücke, Fotoredaktion: Sören Frey.

Jung und links: Aber warum eigentlich?

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