Der Ascheplatz des Itzehoer Stadions staubte uns ins Gesicht. Schatten hatten wir schon seit einer Stunde nicht mehr gesehen. Aktuelle Disziplin: Weitwurf. Vor uns wartete die vierte Klasse darauf, dass die letzten Schüler:innen ihren Schlagball, so weit sie konnten, über den Ascheplatz warfen, um anschließend mitgeteilt zu bekommen, ob sie weit genug geworfen hätten.
Als Nächstes war Desiré an der Reihe. Desiré war die beste Sportlerin unserer Grundschule, in allen Disziplinen sahnte sie ab, was es abzusahnen gab. Sie nahm Anlauf, schlitterte über die Asche, holte aus und warf den Ball genau zwei Meter vor sich auf den roten Boden. Offenbar hatten alle Schüler:innen ihren Wurf verfolgt, denn sofort brach lautes Gelächter aus. Desiré verschränkte ihre Hände vor den Augen. Gott, wie peinlich.
Wenn ich an die Bundesjugendspiele denke, denke ich immer zuerst an Desiré. Direkt danach an Marco, meinen besten Freund, der beim Staffellauf in der elften Klasse direkt vor der Haupttribüne, auf der die halbe Schule Platz genommen hatte, aus vollem Lauf stürzte und sich die Knie aufschürfte. Dass sich auf der Tribüne niemand zusammenreißen konnte, muss ich nicht sagen. Kinder können schonungslos sein.
Eine jahrelange Dauerdebatte über angebliche Verweichlichung⬆ nach oben
Was beide Erinnerungen gemeinsam haben: Scham, Gelächter, mit dem Finger auf jemanden zeigen. Ich habe die Bundesjugendspiele geliebt. Trotzdem erinnere ich mich vor allem an die Situationen, in denen Kinder beschämt das Stadion verlassen haben.
Die Bundesjugendspiele werden seit dem Schuljahr 2023/2024 an Grundschulen nicht mehr als klassischer Wettkampf, sondern nur noch als Wettbewerb ausgetragen. Bei Sprung und Wurf gibt es beispielsweise eine Zoneneinteilung. Der Ball landet in einer Zone, nicht bei „14,30 Meter“. Die Leistung wird nicht mehr exakt mit der Stoppuhr oder dem Meterband gemessen. Nicht allen gefällt diese Neuerung. Der damalige Kanzlerkandidat Friedrich Merz brachte das neue Format sogar mit dem vermeintlich schlechten Abschneiden bei den Olympischen Spielen in Paris in Verbindung.
Als Konsequenz der Dauerdebatte über die angebliche Verweichlichung der Jugend hat die Kultusministerkonferenz jetzt eine Reform der Reform beschlossen: Vom kommenden Schuljahr an dürfen die dritten und vierten Klassen wieder im klassischen Wettkampfmodus antreten, sofern die Schule das so will.
Die weniger Sportlichen fühlen sich miserabel⬆ nach oben
Wieso spitzt sich eine harmlose Diskussion über einen Tag im Schuljahr regelmäßig emotional zu? Einerseits, weil zu viele Erwachsene der Jugend immer noch unterstellen, sie könne nichts mehr ab. Dabei treffen die Politiker:innen die Entscheidungen und nicht die Kinder selbst (soweit kommt es noch). Andererseits aber auch, weil die Bundesjugendspiele eine kollektive Erinnerung sind, die wir alle gemacht haben.
Deshalb habe ich die Krautreporter-Leser:innen gefragt, ob sie gerne zu den Bundesjugendspielen gegangen sind. Fast 900 Menschen haben geantwortet. 64 Prozent gingen nicht gern hin. Das war abzusehen, denn wer nicht gern gegangen ist, hat wahrscheinlich das größere Bedürfnis, von seinen Erfahrungen in einer Umfrage zu berichten.
Ich habe auch gefragt, welche Erinnerungen sie heute noch an die Spiele haben. Meistens fühlten sich die Sportlichen bei einer solchen Veranstaltung super, die weniger Sportlichen dagegen miserabel. Dem Ziel der Bewegungsförderung wird damit ein Bärendienst erwiesen. Denn meine Umfrage zeigte auch: Fast alle, die eine Teilnehmerurkunde bekommen hatten, sagen heute, dass die Spiele ihre Bewegungslust eher geschwächt haben.
Doch nicht alle weniger sportlichen Teilnehmenden haben die Bundesjugendspiele in schlechter Erinnerung. Ihr Beispiel zeigt: In der Debatte um die Bundesjugendspiele wird ein ganz wesentlicher Punkt übersehen. Ja, Wettkampfdruck rausnehmen ist wichtig. Aber mindestens ebenso zentral ist die Frage: Wie kann man verhindern, dass schwächere Kinder und Jugendliche eine beschissene Zeit haben? Schafft man das, empfinden diese die Bundesjugendspiele nämlich nicht mehr als demütigend, sondern als ermutigend.
So haben diejenigen die Spiele erlebt, die nicht gerne hingegangen sind⬆ nach oben
Die gleichen Bundesjugendspiele lösen bei Schüler:innen komplett unterschiedliche Emotionen aus. Ihre Erfahrungen unterscheiden sich, je nachdem, ob sie gut in den Disziplinen sind oder nicht. Das zumindest ist das Ergebnis meiner Umfrage. Sie ist nicht repräsentativ, es handelt sich um eine journalistische Umfrage, die mir als Reporter Erfahrungsberichte liefert, die ich analysieren kann.
Meine Analyse zeigt: Bei denjenigen, die nicht gern zu den Spielen gegangen sind, tauchen immer wieder dieselben Wörter auf: „vorgeführt“, „bloßgestellt“, „an den Pranger gestellt“, „Scham“, „Blamage“, „Zurschaustellung“, „vor aller Augen“, „alle haben geguckt“. Das ist die Sprache der öffentlichen Bestrafung, nicht des Sports. Und bevor jemand reflexhaft über die weiche Jugend schimpft: Das Durchschnittsalter der Umfrage-Teilnehmenden liegt bei über 50 Jahren.
Christina (46) schreibt: „Jede Minute war peinlich, weil ich so schlecht war. Ich erinnere mich daran, wie ich in der Nacht vorher schlaflos im Bett lag und mir vor Nervosität kotzübel war. An die Spiele selber habe ich nur noch verschwommene Erinnerungen.“
Das ist antizipatorische Angst, eine Stressreaktion auf eine Schulveranstaltung. Diese Symptome treten aber nicht nur bei den sportlich Schwächeren auf. Mehrere, die immer Ehrenurkunden bekamen, beschreiben den gleichen Wettkampfstress. Der Druck entsteht nicht primär aus dem Schlechtsein, sondern aus dem Bewertetwerden. Sobald so öffentlich eine Zahl an deinem Körper festgemacht wird, reagiert ein Teil der Kinder mit Angst, egal wie gut sie sind. Es kann also durchaus helfen, den Wettkampfdruck rauszunehmen, aber das ist nicht alles.
Oder wie Line (24) sagt: „Es sollte eher Bundesmobbingspiele heißen. Für mich ist das nicht mehr als eine Veranstaltung, um sportlich Schwächere an den Pranger zu stellen.“
Nicht nur die Unsportlicheren sind ungern hingegangen⬆ nach oben
Die häufigste Erklärung derjenigen, die nicht gerne zu den Bundesjugendspielen gegangen sind, ist die Selbst-Zuschreibung: „Ich war schlecht.“ Aber der Schmerz entsteht fast nie aus dem Nicht-Können selbst, sondern aus seiner öffentlichen Vorführung. Aki (47) fasst das so zusammen: „Ein ganzer Schultag, um dir zu zeigen, wie schlecht du bist.“
Dabei waren nicht nur diejenigen gegen die Bundesjugendspiele, die sich sportlich für zu schlecht hielten. Ein kleinerer Teil, 89 der fast 900 Teilnehmenden, ging nicht gerne hin, obwohl sie eine Sieger- oder Ehrenurkunde absahnten. Das ist gut ein Drittel aller gut Ausgezeichneten. Diese Leute waren also sportlich erfolgreich und lehnten die Spiele trotzdem ab.
Es geht hier also nicht nur um schlechte Verlierer. Ulrich (67) zum Beispiel schreibt: „Ich empfand die Atmosphäre unter den Mitschülern als unangenehm, das Gieren nach Punkten. Obwohl es für mich meistens für eine Siegerurkunde gereicht hat.“
Die Urkunde ist zumindest nach meiner Umfrage tatsächlich der Teil, wo die Bundesjugendspiele eine erstaunliche Wirkung entfalten. Von den Ehrenurkunden-Teilnehmer:innen sagen 87 Prozent, die Spiele hätten ihre Bewegungslust eher gestärkt, von den denjenigen mit Teilnehmerurkunden nur 10 Prozent. 90 Prozent geben an, die Spiele hätten ihre Bewegungslust eher geschwächt. Das Belohnungssystem der Urkunden misst nicht Leistung, es sortiert Kinder in „Sport macht Spaß“ und „Sport ist Demütigung“.
Die Teilnehmerurkunde, eigentlich als Inklusionsgeste gedacht, kippt ins Gegenteil. Sie wird als „Hohn“, „Trostpreis“, „Bescheinigung des Verkackens“ erlebt, wie Teilnehmende meiner Umfrage es beschreiben. Die Urkunde, die alle einbeziehen sollte, dokumentiert in Wahrheit das Scheitern.
Wenn die Teilnehmerurkunden solche Auswirkungen haben können und so einen Ruf, wie viele Schüler:innen betrifft das? Die beste Messung dazu liefert das Statistische Landesamt Baden-Württemberg für 2024: Von 501.633 teilnehmenden Kindern und Jugendlichen erhielten 25,8 Prozent eine Siegerurkunde und 11,8 Prozent eine Ehrenurkunde. Rechnerisch heißt das: rund 62 Prozent bekamen nur eine Teilnehmerurkunde.
„Die Lehrerin hat die ganze Klasse gefragt, wer wohl als einzige keine Urkunde erhält“⬆ nach oben
Dabei ist klar: Sehr viele dieser Menschen waren gar nicht unsportlich. Sie waren schlecht in genau drei Disziplinen (Werfen, Springen, Sprinten) und oft hervorragend in allen anderen. In den Antworten tauchen sie reihenweise auf: gut im Schwimmen, im Tanzen, im Turnen oder im Ballsport. Die Bundesjugendspiele messen einen schmalen Ausschnitt von Bewegung und machen daraus ein Urteil über das ganze Kind. Denn Urkunden, sogar unterschrieben vom Bundespräsidenten (!), gibt es in der Schule nur hier.
Waltraud (44) erinnert sich: „Beim 50-Meter-Lauf hat sich die Lehrerin mit der Stoppuhr weggedreht, bevor ich im Ziel war. Die anderen waren ja schon da. Beim Werfen wurde mein Ball gar nicht mehr gemessen. War zu schlecht. Und als es an die Vergabe der Urkunden ging, hat die Lehrerin die ganze Klasse gefragt, wer wohl als einzige keine Urkunde erhält.“
Ein Tag voller Hitze und Warten⬆ nach oben
Dazu kommt, dass die Spiele, die Bewegungsfreude wecken sollen, die denkbar schlechteste Struktur haben: „Den ganzen Tag auf einem Sportplatz rumsitzen. Dann drei- oder viermal etwas tun, wo man schon vorher weiß, dass man es nicht kann. Dann wieder rumsitzen.“ Dazu Hitze ohne Schatten, weite Wege, Warteschlangen an den Stationen.
Lange Phasen des Nichtstuns, unterbrochen von kurzen Momenten maximaler Anspannung. Warten, bangen, kurz bewegen. Selbst ohne Scham und Wettkampf wäre der Tag schlicht unangenehm und ineffizient.
Allerdings, entziehen konnte man sich dem Vorgeführtwerden, dem Gemessenwerden und der Langeweile nicht. Mehrere Teilnehmende berichten, dass sogar ärztliche Atteste ignoriert wurden und sie trotz gesundheitlicher Gründe mitmachen mussten.
Wie kommen die unterschiedlichen Erfahrungen zustande?⬆ nach oben
Zur Umfragen-Wahrheit gehört aber auch, dass 36 Prozent der Teilnehmer:innen gerne zu den Bundesjugendspielen gegangen sind. Fast immer sind es die, die ohnehin sportlich waren. Ihre Begründungen lauten: sich messen, gesehen werden, gewinnen. Leo (24) schreibt: „Ich war sehr ehrgeizig und es war ein Egobooster für mich, gegen andere zu gewinnen oder schneller zu sein und am Ende eine Ehrenurkunde abzusahnen.“ Und Johannes (44) begründet: „Messen mit Klassenkameraden. Bestätigung, dass man ‚sportlich‘ ist. Dem älteren Bruder zeigen, dass man auch eine Ehrenurkunde schafft.“
Für manche war der Tag der Bundesjugendspiele der eine Tag im Jahr, an dem sie mal glänzen konnten, weil sie sich in den anderen Fächern schwertaten.
Aber wie kommen diese unterschiedlichen Erfahrungen zustande? Die Bundesjugendspiele müssen kein Fest für die Sportlichen sein. Auch die weniger Sportlichen können Spaß daran haben. Ein Faktor, wie sich herausstellt, sind die Lehrkräfte: In fast 100 Schilderungen meiner Umfrage spielen sie eine entscheidende Rolle.
Anna, 28, verbot ihre Lehrerin die Teilnahme, „weil ich es ja eh nicht kann“, woraufhin „meine Motivation für Sport dahin“ war. Eva, 54, hatte eine asthmatische, übergewichtige Freundin, die „vor den Augen aller weinend mitmachen musste.“ Und der Extremfall bei Cordula, 41: An einer Schule mussten bei den Bundesjugendspielen „mehrfach Krankenwagen kommen“, weil „vorher gar nicht das Laufen trainiert“ worden war.
Die Erwachsenen entscheiden, ob der Tag eine Feier oder ein Tribunal wird⬆ nach oben
Dabei können Lehrkräfte auch bei den Bundesjugendspielen unterstützen. Gerade weil das Setting die weniger Sportlichen verletzbar macht. Anton, 41, „der Unsportliche“ (schreibt er), wurde „kurz vor dem Ziel vom Lehrer angefeuert“ und überholte tatsächlich noch jemanden. Miriam, 58, die sonst krankfeierte, lief „eine sehr gute Zeit“, weil eine Lehrerin „mich so angefeuert“ hat. Mehrere erwähnen den „coolen Sportlehrer“, der sie motivierte.
Ulli, 60 Jahre alt, hat es gehasst, sich bei den Bundesjugendspielen einen Tag anstrengen zu müssen. Beim Hochsprung, den sie „noch nie gemacht“ hatten, zeigte ein Lehrer ihm, wie es geht: „Wir durften dreimal üben und dann wurde gewertet. Und ich war darin tatsächlich gut!“
Das Format der Bundesjugendspiele ist überall gleich, aber die Erwachsenen entscheiden, ob der Tag eine Feier oder ein Tribunal wird. Ob Wettkampf oder Wettbewerb ist eine Frage der Politik. Ob ein Kind den Tag als Demütigung oder als Ermutigung erlebt, entscheidet sich an der Lehrkraft. Die Kultusministerkonferenz kann den Modus umstellen, so oft sie will: Solange dieselbe Person mit der Stoppuhr „So wird das nix“ sagt oder sich wegdreht, bevor das Kind im Ziel ist, ändert sich für die Kinder nichts.
Redaktion: Nina Roßmann, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey