Staunen tut nachweislich gut: Es hebt unser Wohlbefinden und lässt uns wachsen.
Anders ist es beim bedrohlichen Staunen, etwa wenn um mich herum ein Waldbrand tobt. Dann fühle ich mich klein und machtlos.
Auch Bücher lösen beides aus. Im besten Fall beeindruckt uns eine Geschichte: „Woah! Wie packend diese Autorin schreibt!“ Im schlimmsten Fall schockiert sie uns, macht uns Angst und raubt uns die Ruhe: „Woah! Ich will fast nicht weiterlesen.“
Als lebenslanger Science-Fiction-Fan und regelmäßiger Autor von Sci-Fi-Leselisten empfehle ich dir deswegen fünf etwas andere Sci-Fi-Bücher, die dich mit viel mehr mitreißen als nur mit Technik.
Her Smoke Rose Up Forever von James Tiptree Jr.⬆ nach oben
Quelle: Tachyon Publications
James Tiptree Jr. ist das Pseudonym von Alice Bradley Sheldon (1915–1987). Ihre Eltern waren Abenteurer: Mit sechs Jahren reiste Alice mit ihnen durch den Kongo, auf der Suche nach Berggorillas. Ihre Mutter, eine Schriftstellerin, machte die Tochter zur Heldin zweier Kinderbücher: „Alice in Jungleland“ und „Alice in Elephantland“.
Als Erwachsene lehnte sich Sheldon gegen Normen auf, auch gegen die ihrer Kindheit. Im Zweiten Weltkrieg ging sie zur Armee, arbeitete in der Luftbildaufklärung der US Army Air Forces und brachte es bis zum Major. Dort fühlte sie sich zum ersten Mal unter freien Frauen. 1952 trat sie in die CIA ein. Die Arbeit als Geheimdienstlerin gefiel ihr nicht. Nach drei Jahren kündigte sie, studierte Psychologie und promovierte. Danach begann sie zu schreiben, zum Glück!
Am stärksten hat mich „The Screwfly Solution“ getroffen, eine Geschichte aus der Sammlung „Her Smoke Rose Up Forever“. Darin macht eine Seuche Männer zu Monstern. In losen Banden jagen sie Frauen und Kinder durch eine apokalyptische Landschaft. Als ich das um 2016 las, war der Begriff „Incel“ noch kaum verbreitet. Trotzdem wusste ich nach der Lektüre glasklar, wie gefährlich dieses Weltbild ist. Unfassbar treffend geschrieben. Ich empfehle, die Geschichte im englischen Original zu lesen.
Quantum von Hannu Rajaniemi⬆ nach oben
Quelle: Piper Taschenbuch
Der Meisterdieb Jean le Flambeur schlüpft wie ein Aal durch jede Verschlüsselung, die als unknackbar gilt. Zu Beginn sitzt er in einem Gefängnis, in dem Kopien von ihm endlos gegeneinander das Gefangenendilemma spielen müssen, bis er lernt zu kooperieren. Eine Kriegerin befreit ihn, allerdings nicht umsonst. Auf dem Mars soll er seine eigenen Erinnerungen zurückstehlen und damit einer posthumanen Supermacht dienen.
Falls das abgedreht klingt: Ich verspreche, dass ich Rajaniemis Fantasie damit nicht annähernd gerecht werde. Im inneren Sonnensystem herrscht das Sobornost, ein Kollektiv hochgeladener Geister. Seine Diener heißen Gogols, kopierte Gehirne, die millionenfach für ihre Herren arbeiten. Ihr Ziel: die Philosophie des russischen Denkers Nikolai Fjodorow verwirklichen.
Der sogenannte Sokrates von Moskau träumte im 19. Jahrhundert davon, den Tod mit wissenschaftlichen Mitteln zu besiegen und alle Toten wieder zum Leben zu erwecken. Bei Rajaniemi arbeitet eine gottgleiche Maschinerie genau daran. Mich hat an dieser transhumanistischen Version des russischen Kosmismus schlicht der Ideenreichtum umgehauen. Ein Buch zum Eintauchen und Versinken, in dem die Welt sich ständig neu erfindet.
Blindflug von Peter Watts⬆ nach oben
Quelle: Heyne
Natürlich gibt es manchmal auch hervorragend beschriebene Technik. Das wäre dann Hard-Science-Fiction: ein Subgenre, dessen Geschichten wissenschaftlich plausibel sein sollen. Die Autor:innen breiten oft Details aus, die früher oder später die Handlung tragen.
In „Blindflug“ führt das zu tiefgründigen Diskussionen und Experimenten. Die Besatzung eines Raumschiffs versucht, eine fremde Spezies zu verstehen. Wie testet man ihre Intelligenz? Wie findet man heraus, ob sie Sprache beherrscht und wie ihre Gesellschaft funktioniert? Und woran erkennt man, was sie eigentlich will?
Watts ist promovierter Biologe, und er beschreibt wunderbar, wie die Crew Methode um Methode ausprobiert und sich langsam an die Aliens herantastet. Ich habe ständig mitgerätselt. Als ich endlich verstand, machte mein Gehirn „Woah!“. Denn am Ende zeigt sich: Nichts hat die Forschenden darauf vorbereitet, wie es wirklich ist, fremdem Leben zu begegnen. Watts lässt uns diesen Schock selbst erleben.
Binti 1: Allein von Nnedi Okorafor⬆ nach oben
Quelle: Cross Cult
Die besten Bücher schaffen Welten, die eindrucksvoll sind, wie echte Länder und Kulturen. Nnedi Okorafor lässt mich besonders staunen, weil sie mir die Welt ganz anders zeigt, als ich sie mir je gedacht hätte. Sie ist die Meisterin des neuen afrikanischen Futurismus.
„Binti“ beginnt im Land der Himba, eines indigenen Volks aus dem Norden Namibias und dem Süden Angolas. In diesem zukünftigen Afrika verschwimmt die Grenze zwischen Technik und Magie. Und Zauberei ist hier nicht zahm und beherrschbar wie bei Gandalf oder Dumbledore, sondern widerspenstig und gefährlich, wie die Wüste und ihre Wesen.
Die Geschichte nimmt ihren Lauf, als eine junge Himba aus ihrem konservativen Zuhause flieht, um als Erste ihres Volkes eine Alien-Universität im Weltraum zu besuchen. Was dann passiert, wurde 2016 von zwei der drei größten internationalen SF-Preise als „beste Novelle“ ausgezeichnet. Teil der Magie ist, dass Okorafor ihr zukünftiges Afrika nicht erklärt, wie David Attenborough das täte. Sie wirft dich hinein und du musst darin zurechtkommen. Genau das macht das Lesen so eindrucksvoll wie eine echte Reise.
Der Traummeister von Angela und Karlheinz Steinmüller⬆ nach oben
Quelle: Memoranda
Zum Abschluss noch eine Empfehlung aus der deutschen Science-Fiction. Deren feinste Handwerksleute sind nun mal Steinmüllers.
Perry Rhodan ist zwar größer: mit über 1,5 Milliarden Exemplaren die umfangreichste Science-Fiction-Serie der Welt. „Metropolis“ war teurer: 1927 mit rund fünf Millionen Reichsmark der teuerste deutsche Film seiner Zeit. Und Kurd Laßwitz war früher: Er schrieb 1897 mit „Auf zwei Planeten“ den ersten bedeutenden deutschen Science-Fiction-Roman.
Doch Steinmüllers sind immer noch die Krönung, finde ich. Selbst wenn ich nicht zu ostalgisch sein möchte. „Der Traummeister“ ist ihr erstes Werk nach der Wende. 1990 erschienen und im Trubel nach dem Mauerfall etwas untergegangen. Dabei ist es ein wunderbar relevantes Buch darüber, von Hoffnung und Utopie enttäuscht zu werden. Aber auch darüber, irgendwie doch einen guten Weg zu finden.
Die Geschichte spielt in Miscara, einer Stadt jenseits der Wüste auf einer fernen Welt. Einst blühte sie, weil ihre Traummeister für alle träumten und die Gesellschaft so zusammenhielten. Doch die Bewohner:innen haben das Träumen verlernt, die Stadt erstarrt. Da taucht ein Fremder auf, Kilean, der noch träumen kann. Der Stadtrat macht ihn sofort zum Traummeister und schreibt ihm vor, wovon er träumen soll: von fleißigen Arbeitern, tapferen Soldaten, prächtigen Festen. Bis Kilean beginnt, eigene Träume zu träumen…
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Astrid Probst, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Christian Melchert und Iris Hochberger