Leider habe ich es noch nie zu einem Abitreffen geschafft, nicht einmal zum 20-Jährigen. Jede Einladung nehme ich jedoch zum Anlass, ehemalige Klassenkameraden und Klassenkameradinnen zu googeln. Vor allem bei Letzteren habe ich erstaunlich wenig Erfolg. Natürlich sind nicht alle wegen ihres Berufs so leicht auffindbar wie ich, und nicht jede ist mit Klarnamen auf Social Media. Ich schiebe meinen Misserfolg jedoch auch darauf, dass meine Mitschülerinnen nicht mehr so heißen wie früher.
Knapp drei Viertel der Frauen in Deutschland nehmen bei der Heirat den Namen des Mannes an. Wenn ich Freundinnen frage, warum sie das tun, bekomme ich immer dieselbe Antwort: Wir möchten als Familie gleich heißen. Genauso argumentieren Paare, die in Studien befragt wurden.
Das ist ein schöner Grund. Die Frage ist doch aber: welche Familie? Mindestens eine:r der Partner:innen muss sich entscheiden für den Namen seiner alten Herkunfts- oder seiner neuen Ehefamilie. Die meisten Frauen entscheiden sich für letztere. Ist die Familie, die man wird, wichtiger als die, die man ist?
Ich habe letztes Jahr geheiratet. Ein Grund dafür war, Bürokratie zu reduzieren. Ein Namenswechsel hätte neue geschaffen (neue Bankkarte, Personalausweis usw.), allein daher war diese Option wenig attraktiv. Außerdem konnte sich keiner von uns vorstellen, plötzlich anders zu heißen. Die Causa Nachname war entsprechend in einem sehr kurzen Ping-Pong (Willst du den Namen wechseln? Nee. Du? NEIN.) abgefrühstückt.
Mein Mann und meine Kinder heißen mit Nachnamen, sagen wir, Müller. Den echten verrate ich nicht. Denn ein Vorteil davon, dass ich anders heiße, ist, dass ich über meine Familie schreiben kann, ohne dass Google weiß, wer sie sind.
Das Ding ist doch aber: Sie sind ja nicht die Einzigen, die Müller heißen. Mit einem Namenswechsel hätte ich mich ja nicht nur meiner eigenen kleinen Zwei-Kind-Familie zugeordnet, sondern meiner gesamten Schwiegerfamilie. Und warum, so gern ich sie auch mag und schätze, sollte ich so heißen wollen wie die Geschwister oder Eltern meines Mannes und nicht wie meine eigenen?
Andersherum hätte ich es auch komisch gefunden, wenn mein Mann nun denselben Nachnamen hätte wie meine Schwestern. Bei unseren Schwestern-Abenden sind Partner schließlich nicht erlaubt. Sorry, harte Türpolitik.
Meine Kinder sollen mich als Teil der Roßmann-Schwestern wahrnehmen⬆ nach oben
Ich habe gleich zwei Freundinnen, die sich bei der Hochzeit dafür entschieden haben, ihren Namen zu behalten, nur um ihn einige Zeit später doch noch zu wechseln. Beide argumentierten: „Damit alle gleich heißen.“ Auch eine meiner zwei Schwestern hat ihren Namen nochmal geändert. Bei ihrer Scheidung nahm sie wieder ihren, unseren!, Mädchennamen an. Jetzt heißen wir alle drei wieder gleich.
Schon seit Jahren haben wir einen Schwestern-Chat, in dem wir unsere Schwestern-Abende in der Pizzeria oder Schwestern-Wochenenden organisieren. Dieser Chat heißt nun nicht mehr „Schwestern-Chat“, sondern „Die Roßmann-Schwestern“ und ich würde mich freuen, wenn sich dieses Branding weiter durchsetzt. Mein Ziel ist erreicht, wenn auch meine Kinder mich als Teil der Roßmann-Schwestern® wahrnehmen. Da hilft es sogar, dass ich anders heiße als sie.
Ich bin das Produkt meiner Erfahrungen und Prägungen und die teile ich nun mal mit meinen Geschwistern, nicht mit meinem Mann und auch nicht mit meinen Kindern.
Meine Schwestern und ich sind tatsächlich gar nicht gemeinsam aufgewachsen, weil sie knapp zwanzig Jahre älter sind als ich. Dennoch haben wir als Kinder die gleichen Erfahrungen gemacht: Wir alle erinnern uns, wie unsere Oma roch, obwohl sie seit fast zwanzig Jahren tot ist, oder daran, wie es sich als Kind anfühlte, Krümel in den rauen Wohnzimmerteppich zu drücken, der in etwa so alt ist wie meine älteste Schwester. Unser Nachname, das sind wilde Campingurlaube, das Lachen unseres Vaters, die Geschichten unserer Mutter, der holzwurmzerfressene Wohnzimmerschrank, Tütenkartoffelbrei und ein Drehstuhl, der nicht nur Zeuge des Literatur-, sondern auch des Polstergeschmacks unserer Eltern ist, denn unsere Mutter hat ihn seit den Siebzigern mehrfach neu bezogen. „Selbst als ich anders hieß, hab ich mich als Roßmann empfunden“, begründet meine Schwester ihre Entscheidung, wieder unseren Namen angenommen zu haben.
Das ist die Prägung, die ich an meine Kinder weitergebe. Da ist es doch nur ehrlich, wenn draufsteht, was drin ist – also Roßmann, nicht Müller. So wie in der Hipp-Babygläschen-Werbung: „Dafür stehe ich mit meinem Namen“, sagt dort Stefan Hipp, wie früher schon sein Vater Claus.
Mein Vorschlag für das Nachnamens-Dilemma⬆ nach oben
Kinder sind das Produkt der Erziehung beider Eltern. Logisch wäre daher: Sie bekommen einen Doppelnamen, die Eltern behalten ihren. Dass wir uns bei den Kindern für einen Nachnamen entschieden haben, ist streng genommen Etikettenschwindel.
Um bei der Hipp-Analogie zu bleiben: Unsere Kinder sind kleine Babygläschen Apfel-Aprikose, bei denen aber nur Aprikose drauf steht. Sie heißen Müller, mein Einfluss ist auf dem Papier nicht sichtbar. Das ist unfair, andersherum wäre es aber genauso.
Seit 2025 darf die ganze Familie einen Doppelnamen tragen. Zuvor konnte das nur eine:r von beiden Ehepartner:innen, bei den Kindern musste sich das Paar für einen Namen entscheiden. Diese Option hatten wir gar nicht mitbekommen, erst die Standesbeamtin informierte uns darüber.
Aber selbst wenn wir vorher davon erfahren hätten: Ich finde Doppelnamen unglaublich mühsam. So viel Getippe in der E-Mail-Ansprache! Vor ein paar Jahren suchte ich für einen Text über Machtmissbrauch an Unis dringend eine Gleichstellungsbeauftragte. Ich habe noch nie so viele Doppelnamen getippt wie an diesem Tag. Doppelnamen waren ganz offensichtlich mal der heiße Scheiß unter Feministinnen.
Laut einer Studie des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung aus dem Jahr 2023 wurden Frauen, die ihren Namen behielten, als weniger liebevolle Ehefrauen und Mütter angesehen, ebenso wie Frauen mit Doppelnamen. Bei letzteren jedoch ist der Bruch mit den Geschlechternormen auf den ersten Blick sichtbar. Frauen (und bisher waren es überwiegend Frauen, die Doppelnamen tragen) nehmen Raum ein und muten sich anderen zu. Unerhört! Damals haben mich die doppelnamigen Gleichstellungsbeauftragten amüsiert, heute glaube ich: Sie hatten recht. Jedes Tippen in der Mail ist ein kleiner Tritt in den Hintern des Patriarchats.
Nach der Logik bin ich eine schlechte Feministin. Aber es muss ja nicht immer die Maximalvariante sein. Meine Kinder tragen zwar nicht meine Prägung im Namen. Dafür lernen sie etwas darüber, was es heißt, für sich zu stehen – und wie wichtig Geschwisterbeziehungen sind.
You go, sister(s)!
Redaktion: Astrid Probst, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey, Audioversion: Iris Hochberger