Eine Mutter hält ihr Kind im Arm, in ihrer Silhouette sieht man eine Hand die aus tiefem Wasser ragt.

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Geschlecht und Gerechtigkeit

Warum Menschen mit Kindern sich oft einsamer fühlen als andere

Den ganzen Tag ein Mensch um sich – und genau deswegen einsam. Aber es gibt Lösungen und sie haben Gott sei Dank nichts mit Selbstoptimierung zu tun.

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Was kommt in die Brotbox? Sollte ich die Sportsachen waschen? Was sage ich meinem Kind, wenn es traurig ist, weil es von seinem Freund geärgert wurde? Was machen wir am Wochenende? Soll ich mein Kind im Sportverein anmelden? Auf welche Schule soll es gehen? Was muss ich tun, damit es eine gute Kindheit hat?

Wer Kinder großzieht, muss viele Entscheidungen treffen. Jemand braucht immer etwas. Für Alleinerziehende gilt das rund um die Uhr – kein zweiter Erwachsener, der übernimmt, wenn es zu viel wird, der die Verantwortung teilt. Zeit für sich selbst gibt es nicht, schließlich ist man selten wirklich allein. Man könnte meinen, das sei vor allem erschöpfend. Dass Alleinerziehende gleichzeitig zu den Einsamsten der Gesellschaft gehören, klingt fast absurd. Und doch: Genau das zeigen Daten des Statistischen Bundesamts.

Mit 39 % fühlen sich die Mütter und Väter in Alleinerziehenden-Haushalten am häufigsten einsam. Von den 10- bis 17-Jährigen in diesem Haushaltstyp sagen 19 %, dass sie oft einsam sind. Bei den Alleinlebenden ist es jede vierte Person (26 %). In Paarhaushalten mit Kind fühlen sich 14 % der Elternteile oft einsam. Bei den 10- bis 17-Jährigen sind es 16 %. Und mit 9 % am seltensten einsam fühlen sich Personen in Paarhaushalten ohne Kind.

Der Haushaltskontext, in dem Personen leben, beeinflusst das Gefühl der Einsamkeit. | Statistisches Bundesamt (Destatis), 2026

Fast jede:r zweite Alleinerziehende fühlt sich oft einsam. „Gerade sonntags“, sagt Daniela Jaspers, „wenn viele Paarfamilien ihren Familientag haben, wird das vielen schmerzlich bewusst.“ Jaspers ist Vorsitzende des Bundesverbands alleinerziehender Mütter und Väter (VAMV). Sie kennt auch die Gründe. „Als Alleinerziehende trifft man viele einsame Entscheidungen“, erklärt sie.

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Wer den Familienalltag alleine wuppt, hat außerdem weniger Zeit für Freund:innen oder eine:n Partner:in. „Viele Alleinerziehende wünschen sich mehr Austausch mit anderen Erwachsenen“, so Jaspers. Aber warum eigentlich? Wer ständig umgeben ist von jemandem, der etwas braucht – wie kann der sich einsam fühlen?

„Man unterscheidet zwischen sozialer Isolation und Einsamkeit“, sagt Eva-Lotta Brakemeier, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. Soziale Isolation beschreibt einen objektiven Zustand, Einsamkeit dagegen ein subjektives Erleben. „Wir sind immer dann einsam, wenn wir uns mehr oder qualitativ bessere soziale Beziehungen wünschen, als wir sie aktuell haben.“ So wie bei den Alleinerziehenden. Laut den Zahlen des Statistischen Bundesamtes wünschen sich 57 Prozent von ihnen „Leute, bei denen sie sich wohlfühlen.“

Anders gesagt: Man kann den ganzen Tag mit Menschen zusammen sein. Und sich trotzdem nichts so sehr wünschen wie einen anderen Erwachsenen, der einfach zuhört.

Paare mit Kindern fühlen sich einsamer als Paare ohne Kinder⬆ nach oben

Ganz schnell kann bei Alleinerziehenden ein Teufelskreis entstehen, meint Brakemeier. Wer im Alltag kaum Zeit hat, Freundschaften zu pflegen, sendet, oft ungewollt, ein Signal des Rückzugs. Dann ziehen sich wiederum die Freund:innen zurück, rufen seltener an. Und bei der betroffenen Person bleibt das Gefühl: Alle haben sich abgewendet. Was die Einsamkeit zusätzlich verstärkt.

Dazu kommt: Carearbeit kann allein bereits ein Risikofaktor für Einsamkeit sein. Auch das zeigen die Daten des Statistischen Bundesamts. Paare mit Kindern fühlen sich einsamer als Paare ohne Kinder. „Die Geburt eines Kindes kann ein sehr isolierendes Ereignis sein“, sagt Brakemeier. Man zieht sich stärker ins Private zurück, konzentriert sich ganz auf das kleine Wesen und hat oft deutlich weniger Energie für soziale Kontakte.

Auch Armut und psychische Erkrankungen gelten als Risikofaktoren für Einsamkeit. Alleinerziehende Mütter leiden zum Beispiel zwei- bis dreimal so häufig unter Depressionen und Ängsten wie Mütter in Partnerschaften. 41 Prozent der Alleinerziehenden gelten als einkommensarm, obwohl die meisten von ihnen erwerbstätig sind. Alleinerziehende Mütter arbeiten sogar deutlich häufiger in Vollzeit als Mütter in Paarfamilien.

Wen Einsamkeit noch besonders betrifft⬆ nach oben

Alleinerziehende sind also besonders betroffen. Aber Einsamkeit ist kein Randphänomen. Wie das Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung zeigt, betrifft Einsamkeit ganz unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen. Neben Alleinerziehenden und pflegenden Angehörigen haben vor allem Arbeitslose, Menschen mit Migrations- oder Fluchterfahrung und LGBTQ* ein erhöhtes Einsamkeitsrisiko im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung.

Geht man nach dem Alter, sind laut den Zahlen des Einsamkeitsbarometers vor allem ältere Menschen ab 75 besonders belastet. Während des Pandemiejahres 2020 waren jedoch junge Menschen die am stärksten betroffene Gruppe. 2020 fühlte sich fast jede dritte Person zwischen 18 und 29 Jahren einsam. Die Zahlen fielen 2021 schon wieder deutlich ab, gingen aber noch nicht wieder aufs Vor-Pandemieniveau zurück.

Die sogenannte Male Loneliness Epidemic gibt es nicht⬆ nach oben

Teils wird behauptet, dass vor allem (junge) Männer einsam seien (dafür kursiert ein populärer Begriff, „Male Loneliness Epidemic“). Empirisch lässt sich das nicht belegen. Frauen fühlen sich sogar etwas häufiger einsam als Männer. Im Einsamkeitsbarometer der Bundesregierung findet man dazu Zahlen seit 1992, hier liegen Frauen konstant einige Prozentpunkte vorne, genauso wie in den Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2022. Eine Studie aus den USA und das „EU Loneliness Survey“ kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Die Bertelsmann-Stiftung kommt 2024 zu dem Schluss: Auch wenn man sich speziell junge Frauen und Männer anschaut, gibt es keine signifikanten Unterschiede (weder in Deutschland noch in anderen europäischen Ländern), teils waren die jungen Frauen geringfügig einsamer.

Einsamkeit ist ein Hunger⬆ nach oben

Sich einen Weg aus der Einsamkeit zu bahnen, das klingt nach etwas, das man selbst in die Hand nehmen muss. Und ja, der erste Schritt ist immer der eigene: sich eingestehen, dass man einsam ist. „Einsamkeit ist letztlich ein Hunger nach mehr Beziehung. Erst wenn wir dieses Gefühl bewusst wahrnehmen, können wir beginnen, diesen Hunger zu stillen“, sagt Brakemeier. Konkret heißt das: Auf wen in meinem sozialen Netz kann ich aktiv zugehen, wo kann ich neue Kontakte knüpfen? „Nicht allen gelingt das leicht. Ich habe Patient:innen behandelt, die soziale Kompetenzen nie ausreichend lernen konnten, etwa weil sie in der Kindheit Vernachlässigung erlebt haben.“

Psychotherapie könne hier sehr wirksam sein. „Soziale Kompetenzen lassen sich üben. Manchmal geht es aber auch darum, dysfunktionale Denkmuster zu verändern, zum Beispiel den Gedanken: Ich habe wenig Kontakte, also bin ich nicht interessant genug.“

Sie betont außerdem: „Die Enttabuisierung ist für die Betroffenen extrem wichtig. Einsamkeit geht häufig mit Scham- und Schuldgefühlen einher. Viele Betroffene sprechen nicht darüber, weil sie niemanden belasten wollen. Deshalb ist es so wichtig, sensibel nachzufragen, wenn man den Eindruck hat, dass sich jemand einsam fühlt!“

Nachfragen und Zuhören kann jede:r, und es kostet nichts. Aber Einsamkeit ist auch eine Frage des Geldes.

Was Einsamkeit mit Stadtplanung zu tun hat⬆ nach oben

Hier ist die Politik gefragt.

Denn Alleinerziehende müssten finanziell stärker entlastet werden. „Einen Babysitter muss ich mir erstmal leisten können“, sagt Jaspers. Gleichzeitig seien Treffpunkte wichtig, an denen Eltern und Kinder kostenlos und unkompliziert zusammenkommen: gemeinschaftliche Wohnprojekte, aber auch Spielplätze, bei schlechtem Wetter indoor – und kostenfrei.

Anders gesagt: Es braucht gar keine speziellen Angebote für Einsame, es braucht einfach ein Wohnumfeld, in dem Menschen zusammenkommen. „Wir als Verband empfehlen immer, Angebote nicht unter dem Label Einsamkeit laufen zu lassen. Erstens ist der Begriff stigmatisierend, und zweitens signalisiert dies, dass Einsamkeit ein persönliches Problem sei. Das ist es nicht. Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung“, sagt Jaspers.

Mit der Frage, wie man Einsamkeit mit städtebaulichen Maßnahmen entgegenwirken kann, befasst sich die sogenannte Neurourbanistik: ein interdisziplinäres Forschungsfeld aus Psychologie, Medizin, Stadtforschung, Architektur, Geographie, Sozialwissenschaften, Public Health und Philosophie.

Auch Eva-Lotta Brakemeier beschäftigt sich mit Neurourbanistik. Um soziale Kontakte zu fördern, brauchen wir sogenannte dritte Orte, erklärt sie. Das sind Orte, an denen man niedrigschwellig, barrierefrei und kostenlos mit anderen zusammenkommen kann, etwa Grünanlagen, Parks oder öffentliche Treffpunkte. „Menschen, die in der Nähe von Grünanlagen leben, sind im Durchschnitt weniger einsam. Eine höhere regionale Einsamkeit finden wir dagegen häufig dort, wo die Bevölkerung stark fluktuiert, also wo viele Leute zu- und wegziehen.“ Zwischen Stadt und Land gibt es dagegen keine eindeutigen Unterschiede.

Auch die Fußgängerfreundlichkeit spiele eine wichtige Rolle, erklärt Brakemeier. „Wie weit ist es bis zum nächsten Zentrum? Wie gut sind Parks sowie Sport- und Freizeiteinrichtungen erreichbar?“

Ein weiterer Pluspunkt des Zu-Fuß-Gehens: Man begegnet anderen Menschen regelmäßig und kennt sich irgendwann zumindest vom Sehen. „Hier spricht man von den sogenannten bekannten Unbekannten“, sagt Brakemeier. Und auch diese Begegnungen können das Gefühl von Verbundenheit stärken. „Selbst der kurze Smalltalk mit der Bäckerin oder dem Bäcker kann helfen, Einsamkeit zu verringern.“

In Bezug auf Alleinerziehende sagt Daniela Jaspers: „Die Wege müssen kurz sein. Wenn ich erst eine halbe Stunde durch die Stadt fahren muss, um ein Angebot anzunehmen, wird es schwierig.“


Redaktion: Theresa Bäuerlein, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey

Warum Menschen mit Kindern sich oft einsamer fühlen als andere

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