Pleite zu sein, beginnt schon vor der Null oder dem Minus auf dem Konto. Der Körper gibt einem Bescheid. Bei mir war es die Blase. Jedes Mal, wenn ich zum Briefkasten ging, musste ich plötzlich sehr dringend aufs Klo. Wenn ich im Briefkasten nur Werbung fand oder er leer war, verschwand auch der Druck auf die Blase. Wenn aber ein Schreiben von der Bank, einer Inkassofirma oder ein gelber Brief vom Amtsgericht darin lag, verstärkte sich der Druck noch einmal und ich riss das Kuvert hastig auf, während ich in Richtung Klo lief.
Wer kein Geld hat oder tief im Minus ist, lernt sehr schnell, dass in Briefkästen vor allem schlechte Nachrichten lauern. Die Bank droht mit der Kündigung des Kredits, die Inkassofirma mit einem Schufa-Eintrag oder einem gerichtlichen Mahnverfahren. Wird daraus ein Mahn- oder Vollstreckungsbescheid, kommt vom Gericht ein gelber Umschlag.
Es bleibt allerdings nicht bei Briefen. Damit die Schuldner nicht vergessen, dass es etwas Dringendes zu klären gibt, rufen Banken und Inkassofirmen an. Ein Callcenter im Auftrag meiner Bank rief mich jeden Morgen um 7.30 Uhr an.
Ich will nicht behaupten, sie hätten mich aus Schikane gleich am Morgen terrorisiert. Bei Banken und Inkassofirmen arbeiten schließlich keine Sadisten. Na ja, zumindest ist das nicht ihre primäre Aufgabe.
Ich sagte mir irgendwann: Das ist eben ihr Job. Du hast ein Geschäft mit ihnen abgeschlossen. Du musst deinen Teil des Vertrags erfüllen. Es ist nichts Persönliches.
Diese Einstellung half mir, die Sache nüchterner zu sehen. Ich sah mich als Kommandeur einer kleinen, schlecht ausgestatteten Armee, die einer weit überlegenen Truppe gegenüberstand. Mein Job war es, nicht vollkommen überrannt und zerrieben zu werden.
Als die Bank mich noch mochte⬆ nach oben
Dass die Bank nicht mein Freund war, ahnte ich schon, als ich ihre scheinbar großzügigen Angebote annahm. Nach Jahren des Durchwurschtelns als Selbständiger hatte ich bei einer Werbeagentur angeheuert und bezog zum ersten Mal in meinem Leben das Vollzeitgehalt eines Festangestellten. Ich musste nicht mehr zur Monatsmitte ausrechnen, ob das Geld bis zum Ende für das Nötigste reichen würde. Mehr als das: Ich war jetzt kreditwürdig.
Also ging ich zur XY-Bank, traf dort auf den sehr freundlichen, sehr verständnisvollen, mich unglaublich sympathisch findenden Bankberater, Herrn B. Der schlug mir nicht nur vor, das lästige Minus auf meinem Girokonto mit einem Kredit auszugleichen, sondern zur Sicherheit gleich nochmal 10.000 Euro draufzulegen. Damit wäre ich für all die Ausgaben gewappnet, die, erwartet oder unerwartet, noch kommen könnten.
Und wenn Geld übrigbliebe? Bestens! Dann könne ich den Kredit ja einfach vorzeitig tilgen. Die Raten seien bei meinem neuen Einkommen ja kein Problem.
Und so griff ich zu. Ich hielt mich natürlich für ziemlich klug. Praktisch hatte ich mich die längste Zeit meines Lebens ohne nennenswertes Vermögen durchgeschlagen. Theoretisch fühlte ich mich als gerissener Anleger, der die Gefahren des schnellen Geldes auf Pump kannte und glaubte, alles im Griff zu haben.
Irrtum. Kurzgefasst lief es so: Den ersten Kredit brauchte ich im ersten Jahr auf, um Teile der kostspieligen Kinderwunschbehandlung zu bezahlen, die meine Frau und ich durchliefen. Und um die Urlaube zu machen, in denen wir uns davon erholten. Als der Kredit aufgebraucht war, gab mir Herr B. von der XY-Bank gerne einen weiteren. Fortan lebte ich nicht wie im Rausch über meine Verhältnisse. Ich machte nur jeden Monat ein wenig Minus. Das summierte sich. Zum zweiten Kredit kam ein dritter, dann ein vierter. Die Raten machten etwa 25 Prozent meines Einkommens aus. Nicht dramatisch, fand ich.
Dann geschahen zwei Dinge, die alles veränderten.
Ich wurde Vater. Und ich wurde arbeitslos. Pünktlich am ersten Tag nach meiner Elternzeit wurde ich entlassen. Ich bekam ein Jahr Arbeitslosengeld und zahlte die Raten mit größter Mühe weiter. Als es auslief, schlug ich mich erneut als Freiberufler durch. Doch die Raten konnte ich davon nicht mehr bedienen. Zumindest nicht, wenn ich meinen Mietanteil und die Krankenversicherung zahlen wollte. Und so begann die Zeit der drückenden Blase am Briefkasten.
Für Menschen mit leerem oder tiefrotem Konto endet der Rat meist bei „Geh zur Schuldnerberatung“ und „Kündige Netflix“. Beides hat seine Berechtigung. Aber auf einen Termin bei der Schuldnerberatung muss man lange warten, und der Verzicht auf Netflix rettet keine Existenz.
Wer zuerst Geld bekommt⬆ nach oben
Also zurück zu meinem Armee-Bild. Wer nicht überrannt werden will, muss zuerst wissen, mit wem er es zu tun hat.
Grob gesagt gibt es drei Arten von Gläubigern.
Die, bei denen es um Wohnung, Wärme und Krankenversicherung geht.
Die, die pfänden und vollstrecken können.
Und die, die vor allem sehr viel Druck machen.
Das ist meine Notfallordnung, keine juristische Rangfolge.
Zur ersten Gruppe gehören Vermieter, Krankenkasse und Energieversorger. Bei ihnen geht es um Wohnung, Licht und Wärme. Beitragsschulden bei der Krankenkasse können außerdem den vollen Leistungsanspruch einschränken. Das klingt banal. Ist es aber nicht. Daher lautet die erste Regel für Pleitiers: Bezahle nicht das Inkassounternehmen, das gerade am lautesten schreit, sondern nach den Folgen, die eine Nichtzahlung hätte.
Zur zweiten Gruppe gehören vor allem das Finanzamt und alle Gläubiger mit einem vollstreckbaren Titel, etwa einem Urteil oder einem Vollstreckungsbescheid. Ein Urteil kann es geben, wenn ein Gläubiger seine Forderung einklagt und vor Gericht recht bekommt. Häufiger läuft es über das gerichtliche Mahnverfahren: Der Gläubiger beantragt einen Mahnbescheid. Widerspricht der Schuldner nicht binnen zwei Wochen, kann der Gläubiger anschließend einen Vollstreckungsbescheid beantragen. Damit kann er die Zwangsvollstreckung betreiben, zum Beispiel durch einen Gerichtsvollzieher. Diese Gläubiger müssen nicht morgens um halb acht anrufen, um uns Angst zu machen. Sie können pfänden und vollstrecken. Sie sind mächtig, aber berechenbar.
Und der Gerichtsvollzieher, vor dem man so viel Angst hat? Der erwies sich nach meiner Erfahrung als fairer und berechenbarer als Banken und Inkassounternehmen.
Wichtig ist nur – und das gilt ohne Einschränkung: Versuch nicht, diese Leute zu verarschen.
Wenn ein Gerichtsvollzieher schreibt, antwortet man. Gibt es einen Termin, geht man hin. Wird eine Vermögensauskunft verlangt, bringt man die geforderten Unterlagen mit und macht vollständige und wahrheitsgemäße Angaben. Und wenn man nicht alles bezahlen kann, sagt man genau das.
Ein möglicher Satz lautet: „Ich kann die Forderung nicht auf einmal bezahlen. Diese Rate kann ich zuverlässig leisten. Mehr kann ich nicht versprechen.“
Entscheidend ist das Wort „zuverlässig“. Es bringt nichts, eine eindrucksvolle Rate anzubieten, die man bereits im nächsten Monat nicht mehr aufbringen kann. Gerichtsvollzieher sollen auf eine gütliche Erledigung hinwirken. Wenn der Gläubiger einverstanden ist, kann der Gerichtsvollzieher einen Zahlungsaufschub oder eine Ratenzahlung vereinbaren.
Der Gerichtsvollzieher ist also weder ein Schuldnerberater noch der Sensenmann. Er hat einen Auftrag. Aber innerhalb dieses Auftrags lässt sich verhandeln.
Und dann gibt es Banken, Kreditkartenfirmen und Inkassounternehmen. Sie gehören zur dritten Gruppe: den Gläubigern, die vor allem Druck machen.
Harmlos sind sie deshalb natürlich nicht. Wer mit Raten in Rückstand gerät, riskiert, dass die Bank den Kredit unter den gesetzlichen Voraussetzungen kündigt und die Restschuld fällig stellt. Auch Kreditkartenverträge können gekündigt werden. Ein negativer Schufa-Eintrag folgt allerdings nicht automatisch. Kommt es dazu, kann es deutlich schwieriger werden, einen neuen Kredit oder eine Wohnung zu bekommen.
Das ist ernst. Aber es bedeutet noch lange nicht, dass der Gläubiger, der am lautesten ist, auch als Erster das letzte Geld auf dem Konto bekommen sollte.
Am Telefon gewinnt immer die Bank⬆ nach oben
Am schwierigsten sind die Verhandlungen mit den Druckmachern. Am Telefon sind sie einem meist überlegen. Während man selbst angespannt und beschämt ist, führen ihre Angestellten solche Gespräche jeden Tag. Eine unbedachte Aussage oder spontane Zusage kann die eigene Position verschlechtern.
Deswegen ist der Gedanke, die Sache mit den Schulden mal eben telefonisch von Mensch zu Mensch zu regeln, grundfalsch. Das bedeutet nicht, dass man Inkassofirmen einfach ignorieren sollte. Für das Telefon reicht ein Satz:
„Ich verhandle finanzielle Angelegenheiten nicht am Telefon. Bitte schicken Sie mir die Forderung und Ihr Angebot schriftlich.“
Danach beendet man das Gespräch. Keine ausführliche Lebensgeschichte. Keine spontane Zusage. Keine Rate, die man nur deshalb verspricht, weil man das Telefonat irgendwie beenden will.
Man lässt sich die verlangte Summe schriftlich aufschlüsseln: ursprüngliche Forderung, Zinsen und zusätzliche Kosten. Dann prüft man, ob die Forderung überhaupt berechtigt ist und ob auch die verlangten Inkassokosten stimmen.
Bleibt man dagegen am Telefon, wollen die Anrufer herausfinden, was zu holen ist. Ist man vollkommen blank, versuchen sie, einen wenigstens auf eine niedrige Rate festzulegen. Das klingt dann in etwa so:
„Na gut, Sie schulden uns 5.000 Euro, haben aber gerade kein ausreichendes Einkommen. Das verstehen wir. Wir sind doch auch Menschen. Dann machen wir es so: Sie zahlen uns ein Jahr lang nur 40 Euro im Monat, und danach reden wir weiter. Ist das eine Idee?“
Von den 40 Euro werden womöglich zunächst Zinsen und Kosten beglichen. Nur was danach übrig bleibt, verringert die eigentliche Schuld. Die eigentliche Forderung schrumpft also kaum. Schlimmer noch: Es können weitere Zinsen oder Kosten dazukommen.
Man kauft sich damit nur ein wenig Zeit. Und zwar teuer. Wenn man bis dahin keine neue Einkommensquelle aufgetan hat, geht das Spiel von vorne los.
Deshalb: zuschicken lassen, lesen und im Zweifel prüfen lassen. Eine kleine Rate ist kein Geschenk.
Die übrigen Alltagsfallen tragen ähnlich freundliche Namen: Zahlpause, später oder auf Raten bezahlen, Rahmenkredit, Dispo oder eine zweite Kreditkarte, mit der man die erste bedient. Das Prinzip ist immer dasselbe. Das Problem wird in die Zukunft verschoben, und die monatliche Belastung sieht viel kleiner aus, als sie insgesamt ist.
Meine Regel würde heute lauten: Keine neuen Schulden aufnehmen, um alte Schulden ruhigzustellen. Nichts auf Raten kaufen, was nicht unbedingt notwendig ist. Und vor jedem neuen Vertrag nachsehen, wie viele andere „kleine“ Beträge bereits jeden Monat vom Konto verschwinden.
Ich hatte Schuldscham⬆ nach oben
In meiner kleinbürgerlichen bayerischen Vorstadtfamilie waren Schulden etwas zutiefst Beschämendes. Die Banken waren mächtige, unerreichbare Autoritäten statt einfach nur Firmen, mit denen man ein Geschäft abschließt. Sich ihnen zu widersetzen oder ihren Forderungen nicht zu entsprechen, war ungehörig und gefährlich.
Geld war bei uns immer knapp. Deshalb lebten wir von heute auf morgen. Von der Hand in den Mund. War Geld da, verschwand es wie durch magische Kräfte. Also gab man es lieber aus, solange es noch da war.
Was ich nicht lernte: vorausschauend mit Geld umzugehen. Es planvoll einzusetzen und über den nächsten Tag oder die nächste Woche hinauszudenken. Wer immer nur das nächste Loch stopfen muss, entwickelt einen engen finanziellen Horizont. Dieser Blick prägt schließlich das ganze Leben. Man ist kein Handelnder, sondern ein Getriebener, der sich mit Mühe und manchmal auch mit List durchschlängelt.
Welche Geisteshaltung hilft also? Keine besonders heroische. Nüchternheit.
Eine Forderung ist kein Urteil über den eigenen Charakter, sondern zunächst ein Vorgang: ein Gläubiger, eine Summe, eine Frist und ein Aktenzeichen. Die Scham sagt: Lass den Umschlag noch einen Tag liegen. Die Panik sagt: Bezahle sofort denjenigen, der am lautesten droht. Die Nüchternheit sagt: Öffnen, aufschreiben, einordnen und dann entscheiden.
So wird man langsam wieder vom Getriebenen zum Handelnden. Allein bekam ich das allerdings nicht hin.
Die Kunst ist, nicht mürbe zu werden⬆ nach oben
Frau R. von der Schuldnerberatung hörte sich meine Geschichte mit einem traurigen oder auch wissenden Lächeln an. Wir erstellten in den folgenden Sitzungen eine peinlich genaue Aufstellung meiner Ausgaben, Einnahmen und Zahlungsverpflichtungen. Von nun an übernahm Frau R.
„Egal wie oft die Bank noch anruft oder was sie Ihnen schreibt, Sie reagieren nicht, es läuft alles über mich.“
Und so wurde ich zum Zaungast einer Verhandlung, die über ein halbes Jahr dauerte. Die Bank konnte warten: Die Schulden bestanden weiter, der psychologische Druck lag bei mir. Hätte ich selbst verhandelt, wäre ich wahrscheinlich irgendwann mürbe geworden und hätte einem Vorschlag zugestimmt, der mir erneut die Luft abgeschnürt hätte.
Zuerst errechnete Frau R., welche Rate ich tatsächlich tragen konnte. Genau diese bot sie der Bank an – nicht die Rate, die die Bank gerne gehabt hätte. Sie verhandelte schriftlich, reagierte auf Gegenvorschläge, wies Vorschläge mit Fallstricken ab und wartete notfalls wochenlang.
Sie zeigte nüchtern, was bei mir zu holen war und was nicht. Und sie machte deutlich, dass am Ende immer noch die Möglichkeit der Privatinsolvenz stand.
Dabei handelt es sich um eine, sagen wir, Waffe, die Gläubiger ernst nehmen. Denn am Ende kann eine „Restschuldbefreiung“ erteilt werden. Das heißt: Gläubiger bleiben auf einem Teil der Schulden sitzen. Dadurch bekommt der Schuldner plötzlich etwas, das er vorher nicht zu haben glaubte: eine Verhandlungsposition.
Wer Privatinsolvenz beantragen will, kann aber nicht einfach zum Gericht marschieren und sich für pleite erklären. Er muss in den sechs Monaten davor auf Grundlage eines Plans versucht haben, sich außergerichtlich mit den Gläubigern zu einigen.
Genau das tat Frau R. für mich.
Wer selbst mit einer Bank verhandeln muss, braucht im Grunde dieselben Dinge: einen vollständigen Überblick über seine Finanzen, ein dauerhaft tragbares Angebot, schriftliche Kommunikation – und die Nerven, nicht aus Angst jedem Gegenvorschlag zuzustimmen.
Irgendwann stimmte die Bank einem Vergleich zu. Das heißt: Die Hälfte meiner Schulden wurde mir erlassen. Den Rest tilge ich in Raten, die ich gerade noch tragen kann. Meine Sorgen sind nicht verschwunden. Aber ich habe ein rettendes Ufer erreicht.
Seitdem drückt meine Blase nicht mehr, wenn ich zum Briefkasten gehe. Und wenn morgens das Telefon klingelt, bekomme ich keine Angst mehr.
Redaktion: Rico Grimm, Schlussredaktion: Susan Mücke, Bildredaktion: Sören Frey