Ankunft in Wien

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71 tote Menschen in einem Kühllastwagen. 2.500 Menschen, die noch immer in Zelten schlafen müssen, obwohl der Herbst kommt. Tausende Menschen, die jeden Tag neu ankommen. Und: Eine hoffnungslos überforderte Regierung.

Dominik Wurnig ist visueller Journalist aus Wien. Nach Jahren beim Reality-Fernsehen arbeitete er als Datenjournalist bei der Spätnachrichtensendung ZiB2 beim ORF. Angefeuert durch sein Journalismusstudium in New York, versucht Dominik visuelles Storytelling online umzusetzen.

Doch dann ist die österreichische Bevölkerung aufgewacht und hat zu handeln begonnen. Mehr Helfer, als gebraucht werden, strömen zu den Grenzübergängen und Bahnhöfen, die Caritas ruft zwischenzeitlich sogar schon dazu auf, keine Sachspenden mehr zu bringen, weil die Lager überquellen. Auffallend ist, wie viele “neue” Österreicher mithelfen.

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Eine Frau kommt vorbei. Lektorin, 61 Jahre alt, gerade pensioniert. Margaretha Bannert wirft 100 Euro in eine Spendenbox der improvisierten “Bahnhofsmission”. “Was mich sehr beeindruckt: Dass so viele junge Menschen, die in den 90ern hergekommen sind, sich des Themas annehmen”, sagt sie. Die New York Times beschreibt den Bahnhof in Wien als “madhouse of volunteerism”. Mehr Helfer als Flüchtlinge sind hier und versuchen, diese so gut es geht willkommen zu heißen. Auch die Stadtregierung heißt die Heimatvertriebenen mit einem offiziellen Plakat willkommen.

”Welcome. You are safe.” So begrüßt die Wiener Stadtregierung die Flüchtlinge.

Foto: Dominik Wurnig

Es wirkt fast so, als wolle Österreich etwas wieder gutmachen. Vielleicht, dass die strengen Grenzkontrollen die 71 Menschen das tödliche Risiko eingehen lies. Vielleicht die Kälte, mit der die ungarische Politik und Polizei den Schutzsuchenden entgegen tritt. Und vielleicht auch, dass man in den vergangenen Jahren den Hetzern und Ängstlichen das Feld überlassen hat. Angetrieben von den Wahlerfolgen der rechtsextremen FPÖ, haben auch die Regierungsparteien SPÖ und ÖVP immer rechtere Politik gemacht.

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Ein gerade angekommener Flüchtling bedankt sich für die warme Willkommenskultur. Gepostet vom österreichischen Journalist Florian Klenk von der Stadtzeitung Falter.

In diesen Tagen sieht Österreich aber anders aus: “Ich denke, es ist das erste wirklich europäische Land”, sagt der irakische Flüchtling Joody Al-Jobory (aus Angst, dass es seinen Asylantrag gefährdet, will er nicht fotografiert werden). “Ungarn, Serbien, das war nicht Europa. In Griechenland versuchten sie uns zu helfen, aber die Lage war schwierig.”

Ob sich Österreich tatsächlich gewandelt hat oder man hier gerade nur seine hübsche Seite zeigt, wird sich am 11. Oktober weisen. Dann wird in Wien wieder der Bürgermeister gewählt. Bisher gehen alle Umfragen von satten Zugewinnen für die FPÖ aus. Aber nach den positiven Berichten über Flüchtlinge könnte sich der Wind nach links drehen.