„Das Filtern und Erschließen neuer Medienquellen ist niemals abgeschlossen“

„Das Filtern und Erschließen neuer Medienquellen ist niemals abgeschlossen“

Christoph Koch
Verfasst von
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Mein erster Blick am Morgen gilt Twitter. Hier sind es vor allem Tweets zu meinen Fachbereichen, die mich interessieren: wie die Digitalisierung die Ökonomie, die Arbeitswelten, den Bildungsbereich verändert. Aber auch die üblichen innen- und vor allem außenpolitischen Themen interessieren mich.

Wenn mich ein aktuelles Thema besonders interessiert, lege ich mit klassischen Medien online nach – im Jahr 2015 kann man so ein Medienverhalten wohl bereits als klassisch bezeichnen. Dann werfe ich einen Blick – der bis zu 20 Minuten dauern kann – auf die wichtigen Online-Meldungen zu diesem Thema. Hierzu verwende ich ganz unterschiedliche Quellen, vom Guardian bis zu Zeit Online. Aber auch Exoten wie Al Jazeera oder The Intercept.

Ich habe das Problem noch nicht gelöst, dass man sich mit dieser selbstgesteuerten und selektiven Medienzufuhr immer nur das aussucht, was einem ideologisch irgendwie in den Kram passt. Ich kann mich meistens einfach nicht dazu überwinden, Medien zu lesen, die ein ganz anderes Weltbild haben. Ich versuche mich seit einiger Zeit trotzdem für dieses „Fremdgehen“ zu motivieren, indem ich auch die Leserbriefe und Kommentare der „anderen“ Medien lese. Manchmal erkenne ich dann beruhigt, dass ich nicht der Einzige bin, der Probleme mit deren Inhalten hat. Man muss allerdings auch Zeit aufwenden, um die Position und die Interessen der einzelnen Provider zu erkennen. Diese Erkenntnisse müssen dann als „Korrektur“ bei der Nachrichtenverwertung quasi mitgedacht werden.

Print-Abonnements habe ich kein einziges mehr. Wozu auch? Ich reise viel und kaufe mir dann lieber am Kiosk nach Lust und Laune etwas. Sei es die taz oder gerne auch Magazine wie AD. Wenn ich es mir gut gehen lasse, kaufe ich mir Schnöselmagazine wie beispielsweise Monocle. Dort kann man sich der Illusion hingeben, dass es allen Menschen auf der Welt gutgeht und es nur darauf ankommt, mit Stil zu leben.

Online-Abos brauchte ich bisher auch nicht. Im Netz wird viel barrierefrei angeboten, und ich vermute auch, dass es so bleiben wird.

Auf Reisen lese ich immer auch die lokale Zeitung, so sie in Deutsch, Englisch, Spanisch oder Arabisch ist. Dazu kommen meine mitgebrachten Wissenschaftsbücher – ob gedruckt oder via meinem E-Reader Kindle ist mir inzwischen gleich.

Was mich in den Medien am meisten nervt, sind journalistische Kommentare, die nichts anderes leisten, als persönliche Meinung zu verkünden. Basierend auf zu wenig Fach- und Faktenwissen, plus dem selbstgerechten Anstrich, man wüsste es qua Profession am besten.

Wir leben ja in einer Phase, in der sich auch die Gesellschaften global und massiv verändern. Nehmen wir die internationale Politik. Anstatt festgefügter ideologischer Blöcke gibt es nun eher eine Neo-Bismarck’sche Politik, in der man Vorteile zu ergattern versucht und das Recht des Stärkeren zählt. Wenn man ein Handy abhören kann und dieses Abhören einem nutzt, dann tut man es eben. Das journalistische Narrativ zu einer alternativen Ideologie, welches die Rechte und Standpunkte unterschiedlicher Gruppen und deren Teilhabe am Weltsystem berücksichtigen würde, scheint mir noch nicht erfunden zu sein. Paradoxerweise kommt es trotzdem zu einer sehr starken Moralisierung von Standpunkten. Dazu kommt: Pausenlos muss man mit jemandem solidarisch sein. Wie die belgische Politiktheoretikerin Chantal Mouffe klug ausführte, scheint dieses Moralisieren aber nur ein Reflex zu sein, der auf das Fehlen klarer unterschiedlicher politischer Angebote reagiert. Wie dem auch sei, sind wir jetzt wohl alle notgedrungen Utopisten und müssen für neue Denkweisen und politische Ideen selbst sorgen, und das fängt dann mit einer eigenen mühsamen und niemals abgeschlossenen Meinungsbildung an, die auf ganz unterschiedlichen Medienquellen basiert.

Dass auch das Filtern und Erschließen neuer Medienquellen ebenfalls niemals abgeschlossen ist, merke ich an Dingen wie Blogs und Youtube. Da muss ich noch tiefer eintauchen und bin im Vergleich zu meiner 13-jährigen Tochter noch ein Novize. Deren mediale Referenzpunkte sind jedenfalls nahezu zu 100 Prozent Blogger und Youtuber. Ich wusste bis vor kurzem ja noch nicht einmal, wer Bibi und Dagi Bee sind …

Mein Beruf bringt es mit sich, dass ich mich mit allen Themen befasse, die etwas mit Digitalisierung zu tun haben. Ich musste allerdings bald feststellen, dass dieses Thema oft außerhalb der traditionellen Sach- und Fachbücher abgehandelt wird. Die Wissenschaft hinkt hinter der Entwicklung in Politik und Wirtschaft hinterher, deshalb ist es ungleich spannender, gleich auf Digitale Medienplattformen zu schwenken, auf denen solche Themen sozusagen außerhalb des traditionellen Mainstreams abgehandelt werden. Etwa die „Peer-To-Peer Foundation“ oder auch die Netzpiloten in Deutschland.

In Sachen Bücher mag ich fast schon klischeemäßig Science-Fiction-Literatur, etwa von Isaac Asimov, Philip José Farmer und Jack McDevitt. Auch weil man jetzt viele Visionen real vor sich findet - beziehungsweise sich diese besser vorstellen kann: Zukunftsvorhersagen über Algorithmen, Künstliche Intelligenz, Robotik und so weiter. In meinem neuen Buch über Digitale Wirtschaft und Politik wird Jack McDevitt einen Beitrag über das Verhältnis zwischen Mensch und Künstlicher Intelligenz schreiben. In seinen Büchern ist Künstliche Intelligenz so etwas wie unser treuer Hausgeist. Das wirkt inzwischen gar nicht mehr so weit hergeholt.

Was ich aktiv meide sind Talkshows – dort findet sich in der Regel einfach ein Übermaß an vorgestanzten Sätzen und Positionen, wo Themen vor allem als Mittel zur Selbstprofilierung missbraucht werden und die ewig selben Gäste die ewigen selben Aussagen tätigen – aktuell zu beobachten bei Themen wie Grexit & Co.

Insgesamt habe ich den Eindruck, dass sich meine Mediengewohnheiten nicht allzu dramatisch verändert haben. Sicher lese ich heute mehr online als früher. Aber Talkshows fand ich beispielsweise auch schon vor 15 Jahren meist verzichtbar. Andererseits ist manches auch Gott sei Dank immer und unverändert toll: Die Muppets. Stan & Ollie. Aber auch Egon Friedell, Karl Polanyi und Thomas Bernhard. (Mein privater Wohnsitz ist Wien.)


Prof. Dr. Dr. Ayad Al-Ani forscht am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft in Berlin und ist Lehrbeauftragter an der Universität Potsdam. Sein Buch „Widerstand in Organisationen. Organisationen im Widerstand“ erschien 2013 bei Springer VS. Er ist Geschäftsführer der digitalen Beratungsagentur tebble und hat unter anderem als Executive Partner bei Accenture gearbeitet. Zuletzt war er Rektor und Professor an der ESCP sowie Professor an der Hertie School of Governance.

In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.