„Ich vertraue Menschen, keinen Medienmarken“

„Ich vertraue Menschen, keinen Medienmarken“

, etwa %minutes% Minuten Lesedauer

Morgens checke ich als erstes meine sozialen Netzwerke – also Facebook, Twitter, Instagram und Pinterest – und meine E-Mails. Die für mich wichtigsten Kanäle habe ich in spezielle Listen eingeteilt, per E-Mail abonniert und muss so nicht lange suchen – ich werde automatisch benachrichtigt. Das dauert circa eine halbe Stunde. Das gibt meinem Körper Zeit aufzuwachen und ich habe schon einmal gefühlt alles gecheckt, wenn ich in den Tag starte. Ich vertraue auf meine über Jahre zusammengestellte Filterbubble mit den für mich wichtigsten Informationsgebern (sei es Mensch oder Magazin) im Bereich Literatur und Digitales. Am Wochenende lese ich im Idealfall gern gleich nach dem Aufwachen noch im Bett ein komplettes Buch. Es ist ein wunderschönes Gefühl, wenn man dafür Zeit und Muße hat.

Gedruckt lese ich sämtliche kostenlosen Magazine, die in Literaturhäusern und Buchhandlungen zu finden sind, sowie die Federwelt und das Büchermagazin, brand eins und Business Punk. Digital lese ich mehr einzelne Artikel sowie täglich turi2, meedia, Etailment, Internet World sowie die Feuilletonseiten der SZ, FAZ, Welt und Spiegel Online. Bei Themen aus der Buchbranche halten mich der Buchreport, das Börsenblatt und Buchmarkt sowie einige internationale Publishingseiten wie Publishing Perspectives etc. auf dem Laufenden. Aktuelle Informationen über das allgemeine Geschehen sowie die Politik lasse ich mir über meine Nachrichtenfeeds bei Facebook einspielen.

Ich verstehe bei alldem die Probleme der Finanzierung der meisten Webseiten, egal ob Blogger oder professionelles Magazin. Ich würde gern für Inhalte zahlen. Allerdings will ich kein Abo abschließen und über mehrere Seiten sämtliche Newsletter abonnieren etc., und nach zehn Schritten habe ich längst vergessen, welchen Artikel ich eigentlich lesen wollte. Das ist unbequem, unpraktisch und nicht mehr zeitgemäß. Warum kann ich nicht über Facebook auf einen mir empfohlenen Artikel stoßen, da gibt es dann eine Paywall und mit ein bis zwei Schritten kann ich exakt diesen einzelnen Artikel für 29 bis 99 Cent kaufen? Oder fünf Artikel im Abo? Warum müssen es gleich Monats- oder Jahrespakete sein? Warum so umständlich? Das verdirbt mir jeglichen Spaß, und ich breche genervt ab. Da gibt es noch viel Optimierungsbedarf!

Blogs, die ich gerne lese sind Netzpolitik, Bildblog, Der Postillon und Zen Habits. Aus dem Literaturbereich mag ich Literaturen und Buzzaldrins Blog, den Hedoniker, Brasch & Buch und Fiftyfourbooks. Aber das wechselt immer mal wieder, und auf viele Artikel stoße ich auch nur zufällig, anstatt die Seite fest im Abo zu haben. Ich lasse mir die Neuigkeiten lieber von meinem Kontaktnetzwerk empfehlen, als starr bestimmten Webseiten zu folgen.

Einen Großteil meiner Lesezeit verbringe ich sowieso mit Büchern – rein berufsbedingt und für meine Buchtipp-Reihe in der ARD. Da ist vom Bildband über den Splatterthriller bis zum quietschigen Liebesroman alles dabei, und ich kann unabhängig vom Genre beurteilen, ob es ein gutes Buch ist. Ich persönlich habe ein Herz für Biografien, Kriminalromane und Gegenwartsliteratur. Es darf aber nach einer harten Arbeitswoche auch ruhig mal ganz albern oder kitschig werden. Mein Leben ist bunt, meine Launen auch – dem muss und darf sich die Literatur anpassen!

In letzter Zeit hat mich „Graben“ aus dem Liebeskind Verlag sehr beeindruckt. Lesen Sie das mal! Das zieht Ihnen auf wenigen Seiten innerlich alles aus. Auf wenigen Seiten schafft der Autor Cynan Jones eine zutiefst unbehagliche Atmosphäre und erzählt eine sehr spannende Geschichte über den in uns tobenden Kampf von Gut und Böse – man kann es bis zum Schluss nicht weglegen. Ebenfalls zwei tolle Krimis sind „Still“ von Thomas Raab und „Die Schuld der Anderen“ von Gila Lustiger – sehr gehobene Spannungsliteratur, die trotzdem gut unterhält.

Meine Lieblingsschriftsteller sind Thomas Glavinic, Sibylle Berg (die ja auch eine wundervolle Spiegel-Online-Kolumne schreibt) und José Saramago. Aber da kämen bei längerem Nachdenken wahrscheinlich noch zwei bis drei Dutzend dazu. Ansonsten mag ich die inzwischen sehr reflektierte Schreibe von Sascha Lobo, der sich im Gegensatz zu vielen anderen Journalisten auch nicht zu schade ist, Fehler zuzugeben oder unattraktive Themen anzufassen. Wolfgang Blau ist für mich im Digitalen und Inhaltlichen ein Vorbild, von ihm würde ich jederzeit blind alles kaufen und in alles investieren. Ebenso aus dem journalistischen Bereich Anita Zielina, Elisabeth Rank, Kathrin Wessling, Stefan Niggemeier, Don Alphonso, Julian Heck, Sebastian Matthes, Daniel Wüllner, Stefan Mesch, Georg Diez, Moritz von Uslar, Jochen Wegner, Ulrike Klode, Richard Kämmerlings, Jan Drees, Günter Keil, Christoph Amend und das komplette Team der Edition F.

Die größte und für mich wichtigste Rolle in meinem Leseverhalten spielen jedoch inzwischen Soziale Netzwerke. Mein Netzwerk ist meine Zeitung, ich gebe diese weiter. Ich würde nie auf ein einzelnes Nachrichtenmagazin vertrauen, ich vertraue Menschen und keinen Medienmarken. Alle interessanten Links, die mir empfohlen werden, schicke ich mir sofort per E-Mail und arbeite das einmal am Tag ab, ebenso die gespeicherten Links auf Facebook – diese Funktion sollte jedes soziale Netzwerk einführen. Alle gespeicherten E-Mails und Links gehe ich einmal am Tag und noch einmal am Ende der Woche für meine Buchkolumne durch – danach lösche ich alles raus. Da wird man ja verrückt, wenn man sich auch noch Dinge in Archive sortiert und speichert. Wer soll denn das noch einmal lesen und warum?

Radio und Fernsehen spielen in meinem Leben keine Rolle. Podcasts auch nicht. Sämtliche Boulevardmagazine und -zeitungen inklusive BILD-Zeitung vermeide ich ebenso bewusst wie alles aus dem Kopp Verlag.

Wie wahrscheinlich viele andere Menschen hatte ich mit dem durch das Internet unendlich anwachsenden Zugang zu Informationen zu kämpfen. Mittlerweile ist es in Ordnung, dass ich nicht alles lesen kann und werde, und ich habe mir meine Neuigkeitenfilter so eingestellt, dass ich es zeitlich gut im Alltag lesen und verarbeiten kann. Das hat sich in den letzten zwei bis drei Jahren als sehr sinnvoll erwiesen – es gab eigentlich keine Neuigkeit, die ich erst später mitbekam und mir dachte: „Oh, verdammt, warum erst jetzt, und überhaupt bin ich ja schlecht informiert." Es ist für mich in Ordnung, Dinge nicht zu wissen, nicht mitzubekommen und auch zu einem Großteil aller Informationen und Nachrichten einfach keine Meinung zu haben.

Dafür hege und pflege ich eine unanständige Sucht nach internationalen Fernsehserien, bediene mich derer aber allein über Watchever, Amazon, iTunes oder auf DVD und inhaliere da gern mal an einem Wochenende ein bis drei Staffeln. Es ist mir unerklärlich, was da genau in und mit mir passiert, ich kippe am Freitagabend rein und kämpfe mich Montagmorgen wieder raus, habe dazwischen weder die Klamotte gewechselt noch mich anständig ernährt, und gebe dafür auch gern viel Geld aus. Und es macht mir einen wahnsinnigen Spaß, so einfach mal tagelang Zeit zu verplempern – das muss auch mal sein, oder?


Karla Paul ist seit über zehn Jahren literarisch im Netz aktiv und versucht, sowohl in den sozialen Netzwerken als auch in der ARD Menschen für Ihr Lieblingsmedium Buch zu begeistern. Hauptberuflich leitet sie den E-Book Verlag der Edel AG.


In der von Christoph Koch betreuten Rubrik „Medienmenü stellen alle zwei Wochen interessante Persönlichkeiten die Medien vor, die ihr Leben prägen. Krautreporter-Unterstützer können in der Kommentarspalte rechts oder per Mail an christoph@krautreporter.de vorschlagen, wen sie gerne in dieser Rubrik porträtiert sehen würden.

Illustration: Veronika Neubauer, Foto: Raimund Verspohl